15.11.2009: Nazi-»Volkstrauertag« in Wurzen

Rollmops 18.11.2009 09:44 Themen: Antifa
15.11.2009: Nazi-Kundgebung mit »Heldengedenken« zum »Volkstrauertag« in Wurzen / keine Gegenaktivitäten / »Zivilgesellschaft« wie immer
Am Sonntag, dem 15.11.2009, veranstalteten etwa 150 Neonazis eine Kundgebung im sächsischen Wurzen. Anlässlich des »Volkstrauertages« sammelten sich die Nazis ab 16:30 Uhr gegenüber des Bahnhofes, wobei auffallend viele (wie in einer nach wie vor national befreiten Zone zu erwarten) zu Fuß kamen. Der 17:36 ankommende Zug aus Leipzig komplettierte den Nazimob mit Leipziger Kadern wie Istvan Repaczki, Tommy Naumann oder Patrick Fischer. Ohne jegliche Außenwirkung bewegte sich die schwarze Menge gegen 18 Uhr in Viererreihen vom Sammlungspunkt zum etwa 50 Meter entfernten Soldatendenkmal, wo in abendlicher Dunkelheit und dem Schein einer einzigen Laterne die übliche braune Soße (Großväter waren Helden, Volkstod) durch ein leises Megaphon vom Stapel gelassen wurde. Nur die geschätzten zwei Hundertschaften Polizei, die in der ganzen Stadt unterwegs waren, sowie bereit stehende Wasserwerfer und ein Hubschrauber ließen ahnen, was in Wurzen gerade mal wieder vor sich ging. Gegen 18:45 verließen die Faschisten den Kundgebungsort, um sich kurz darauf in Kleingruppen auf den Heimweg zu machen. Nur ein halbes Dutzend bleib nach 19:20 Uhr noch am Denkmal zurück, um den niedergelegten Kranz zu bewachen.

Antifaschistische Gegenaktivitäten waren nicht geplant, was nach den Wurzner Reaktionen auf die Demo am 22.03.2009 auch nicht zu erwarten war. Die Wurzner »Zivilgesellschaft« hingegen enttäuschte nicht: Stadt, Kirche und »Standortinitiative« stellten eine Konkurrenzveranstaltung auf die Beine, in der sie den (getöteten) deutschen Soldaten, die zwei Weltkriege begannen, als »Opfer von Krieg und Gewalt« hinterhertrauerten und – noch dümmer – unter den »Opfern« offenbar nur die Deutschen verstanden. Im Gegensatz zu den sechs (!) Menschen, die diesem deutschen Trauerritual im vergangenen Jahr beiwohnten, waren es dieses Jahr 60 – darunter zunächst auch die NPD-Stadträte Schroth und Marcus Müller. Anstatt die bürgerliche Veranstaltung, die dem Vernehmen nach sogar früher angemeldet wurde, parallel zur Nazi-Kundgebung anzuberaumen und damit einen wirksamen Verbotsgrund letzter zu liefern, gedachten die Wurzner lieber von 14 bis 16 Uhr, »um Zwischenfälle zu vermeiden«, so Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos).

Angemeldet hatte die Nazikundgebung der sächsische JN-Vorsitzende Tommy Naumann im Namen der JN, mobilisiert wurde u.a. über die Naziseite »Aktionsbüro Nordsachsen«, einen früheren Bestandteil des »Freien Netzes«. Es beteiligten sich größtenteils »Nationale Sozialisten« aus Nordsachsen, dem Muldental und Leipzig, während die Naziszene des Leipziger Landes in Geithain aufmarschierte. Auch Bernd-Uwe Hubmann aus Bad Lausick, ehemaliger Republikaner-Funktionär und mittlerweile Verleger der verschwörungstheoretischen »Satire«-Zeitschrift »Der Buchheimer«, ließ sich auf der Nazi-Kundgebung blicken. Erstaunlich ist, dass Naumanns Anmeldung genehmigt wurde, obwohl die ebenfalls von ihm angemeldete Demonstration am 17.10.2009 in Leipzig sowie seine Beteiligung an den Vorfällen des 24.10.2009 in Brandis genügend Verbotsgründe geliefert hätten.

Fazit: Weniger krass als 2008, als die Nazis mit Fackeln und Trommeln unbeaufsichtigt durch Wurzen zogen. Die Polizei verhielt sich relativ freundlich und korrekt, die Wurzner Stadtgesellschaft wie immer.

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Ergänzungen

LVZ 14.11.2009

Rollmops 18.11.2009 - 10:02
Volkstrauertag
Stadt vermeidet Konfrontation
Wurzen (db). Die Stadt lädt Sonntag, anlässlich des Volkstrauertages, am
Denkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges am Alten Friedhof, zu einer
Gedenkstunde ein. Zur Veranstaltung (14 bis 16 Uhr) sind alle
demokratischen Kräfte willkommen, so Rathauschef Jörg Röglin, der die
Bürger zudem auffordert, weiße Kerzen in die Fenster zu stellen. Um den
Toten ein "Gesicht zu geben" werden Museum und Standortinitiative Wurzen
(SiW) vor Ort Fotos und Dokumente gefallener Wurzener Soldaten
präsentieren, die von Angehörigen zur Verfügung gestellt wurden.
Kreisverwaltung und Polizei bestätigten eine von Vertretern der
NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten angemeldete und
genehmigte Aktion am Denkmal ab 18 Uhr (die LVZ berichtete). Die Stadt
habe sich bewusst für die Veranstaltungszeit zwischen 14 und 16 Uhr
entschieden und auf die Gleichzeitigkeit ihrer Aktion mit der der
Rechtsextremen verzichtet, um Zwischenfälle zu vermeiden. Man habe vorab
lange mit Kreis und Polizei über das Vorgehen diskutiert, sich dann
gemeinsam so entschieden, so Röglin. Das erste Pflänzchen der
bürgerlich-demokratischen Gedenkveranstaltung, die es seit Jahren wieder
organisiert gebe, müsse in den nächsten Jahren weiter wachsen. Röglin
rechnet künftig mit steigenden Teilnehmerzahlen und auch einer
Erweiterung der Foto-Präsentation.
Hätte die Stadt ihre Veranstaltung zur gleichen Zeit wie die NPD
anberaumt, wäre ein Verbot der NPD-Aktion denkbar und juristisch
möglicherweise durchsetzbar gewesen, hieß es aus der Kreisverwaltung.

LVZ 13.11.2009

Rollmops 18.11.2009 - 10:03
Erst die Demokraten, dann die Rechten

Wurzen. Im Schatten des Kriegerdenkmals am Alten Friedhof wurde in den
vergangenen Jahren am Volkstrauertag regelmäßig der Opfer von
Gewaltherrschaft und Kriegstoter gedacht. Abordnungen von Parteien,
Vereinen und Privatleute legten am Denkmal Blumen und Kränze nieder. Das
geschah meist unorganisiert. Immer wieder nutzten auch rechte Kräfte den
Volkstrauertag, um am Wurzener Gedenk-Ensemble unter anderem extreme
Botschaften zu transportieren. Das ist am kommenden Sonntag wieder zu
befürchten.
Diesmal jedoch wolle die Stadt Ort und Tag organisiert "besetzen",
kündigt Oberbürgermeister Jörg Röglin an. Es soll zwischen 14 und 16 Uhr
eine zentrale Gedenkveranstaltung vor Ort geben. "Wir rufen alle
demokratischen Parteien, Kirchgemeinden, Vereine, Verbände, Bürgerinnen
und Bürger zur Teilnahme auf", so der Rathauschef. Es gehe darum,
Präsenz zu zeigen und nicht mehrheitlich Extremisten das Feld zu
überlassen.
Man wolle den Opfern der Kriege "ein Gesicht geben". Wie berichtet, wird
im Wurzener Museum eine Ausstellung vorbereitet, die am Volkstrauertag
an der Gedenkstätte gezeigt werden soll. Zu sehen sein werden Fotos und
weitere Dokumente der Wurzener Weltkriegs-Opfer. Dutzende Namen sind an
den Gedenktafeln des Memorials auf dem Alten Friedhof verewigt. Wie Uta
Moltrecht, vom Wurzener Museum erklärte, haben in den vergangenen Tagen
zahlreiche Angehörige der Opfer Materialien für die Schau
bereitgestellt, die vom Museumsteam aufgearbeitet und zur Präsentation
vorbereitet werden.
Jörg Röglin bittet all jene Wurzener, die nicht an der
Gedenkveranstaltung teilnehmen können, "weiße Kerzen in die Fenster zu
stellen". So könne man ein Zeichen des Gedenkens an die Opfer von Gewalt
setzen und seine Trauer zeigen.
Am Sonntag werden aber nicht nur demokratische Kräfte das Denkmal
aufsuchen. Diverse Plattformen (rechte und linke) im Internet legen das
nahe. Wie Klaus-Thomas Kirstenpfad vom Ordnungsamt des Kreises auf
Anfrage sagte, habe die NPD-Nachwuchsorganisation Junge
Nationaldemokraten, Landesverband Sachsen, eine Versammlung unter dem
Motto "Gegen Krieg und Vertreibung -- zum Gedenken an die Opfer der
Weltkriege" für die Zeit von 17 bis 20 Uhr auf dem Alten Friedhof
angemeldet. Der Landkreis als genehmigende Versammlungsbehörde werde
Auflagen erteilen. So werde die Zusammenkunft der Rechten nur zwischen
18 und 20 Uhr genehmigt. Marschformationen, Fackeln und Trommeln seien
untersagt, verfassungskonforme Fahnen erlaubt.
Ein Verbot der Veranstaltung sei nach Prüfung der Anmeldung nicht
möglich, so Kirstenpfad. Unter anderem deshalb, weil es keine Anzeichen
für Verfassungsfeindlichkeit gebe, Vorbestrafte nicht zu den Anmeldern
gehörten und keine unmittelbare Gegenveranstaltung zu erwarten sei. "Es
überwiegt bei unsrer Entscheidung die Versammlungs- und
Meinungsfreiheit, die das Grundgesetz garantiert", so Kirstenpfad. Am
Mittwoch habe es mit Blick auf die Anmeldung des NPD-Veranstaltung
Abstimmungsgespräche zwischen Kreis, der Polizei und der Stadt Wurzen
gegeben, so Kirstenpfad.

LVZ 16.11.2009

Rollmops 18.11.2009 - 10:04
Rechtsextreme treffen sich zu Kundgebung
Massive Polizeipräsenz am Volkstrauertag in Wurzen

Wurzen (sp). Ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften begleitete
gestern die angekündigte Veranstaltung von Rechtsextremen in Wurzen.
Laut Polizeiangaben beteiligten sich rund 140 dem rechten Spektrum
zuzuordnende Teilnehmer an der von der NPD-Nachwuchsorganisation Junge
Nationaldemokraten angemeldeten Veranstaltung. Andere Augenzeugen
sprachen von etwa 200 Teilnehmern. Die Wurzener Bevölkerung nahm so gut
wie keinerlei Notiz von dem Geschehen.
Das Landratsamt hatte unter Auflagen eine Kranzniederlegung am
Kriegerdenkmal auf dem Alten Friedhof genehmigt. Im Gegensatz zum
Vorjahr, wo rechte Marschierer unangekündigt mit Fackeln und
Trommelwirbel durch Wurzen gezogen waren, hatten die Behörden in diesem
Jahr ähnliches untersagt. "Gegen die Auflagen wurden auch keine Verstöße
festgestellt. Es kam zu keinerlei Vorkommnissen", wie Polizeisprecherin
Ilka Peter am Abend erklärte.
Die Rechten, vorwiegend junge Männer, hatten sich mit Grablichtern in
der Hand in der Nähe des Bahnhofs versammelt. In Reden wurden die
gefallenen Soldaten als Helden glorifiziert.
Am Nachmittag hatte an gleicher Stelle eine offizielle
Gedenkveranstaltung von Stadt, Kirche und Standortinitiative mit etwa 60
Teilnehmern stattgefunden.


"Helden waren es nicht" – Mit zentraler Gedenkveranstaltung in Wurzen sollen Zeichen gesetzt werden

Wurzen (ch). Es sollten mehr Wurzener als in den vergangenen Jahren
sein, die den Volkstrauertag zum Anlass nehmen, öffentlich der Opfer von
Krieg und Gewalt zu gedenken. Es waren mehr Wurzener als sonst, die sich
gestern Nachmittag am Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof trafen.
Mit dieser Aktion setzten diese Einwohner und Gäste ein deutliches
Zeichen dafür, dass sie nicht gewillt sind, dieses Mahnmal zur Stätte
der Heldenverehrung werden zu lassen.
"Helden waren es mit Sicherheit nicht", sagte Stefan Winkelmann,
Gemeindepädagoge der evangelischen Kirchgemeinde der Stadt. Es seien
meist junge Männer gewesen, denen nicht bewusst war, wofür sie ihr Leben
ließen. Hier setzte Winkelmann an, um NPD-Stadtrat Schroth, der mit
einigen Parteifreunden an der Veranstaltung teilnahm, des Zeltes zu
verweisen. Die NPD missbrauche den Volkstrauertag und das Denkmal zur
Heldenverehrung, daher mache er von seinem Hausrecht Gebrauch. Gehen
wollten die Nationaldemokraten nicht sofort. Sie seien Wurzener, die
Veranstaltung sei öffentlich. Sie dürften hier sein, sagte. Als darauf
alle übrigen Anwesenden demonstrativ das Zelt räumten und die
Nationaldemokraten minutenlang auf eine leere Kinoleinwand starrten --
Auszüge aus "Im Westen nichts Neues" sollten gezeigt werden -- brach ihr
Widerstand. In diesem Zelt bekamen schließlich auch die ersten vier von
700 Gefallenen ein Gesicht, deren Namen in die Pfeiler des Wurzener
Denkmals gemeißelt wurden. Mit einem Aufruf waren Wurzener in den
vergangenen Wochen aufgefordert worden, nach Unterlagen oder Fotos ihrer
Vorfahren zu suchen. Einer derjenigen, die fündig wurden, war
SPD-Stadtrat Peter Konheiser. Der Name seines Großonkels Johann ist am
Denkmal zu lesen. Dessen letzte Zeilen nach Hause und ein Bild hatte
Konheiser dabei. "Seit September 1915 ist er vermisst", erzählte der
Wurzener und wertete die neue Art, am Volkstrauertag der Gewaltopfer zu
gedenken, als erstes und hoffnungsvolles Zeichen. "Vielleicht müssen wir
das nächstes Jahr noch anders machen", meinte der Stadtrat mit Blick auf
die Nationaldemokraten in der Runde. Denn verhindern konnte niemand,
dass die NPD die von Stadt, Kirche und Standortinitiative initiierte
Veranstaltung nutzte, um ebenfalls einen Kranz niederzulegen. Allenfalls
war es möglich, sich abzuwenden und damit die Missbilligung
auszudrücken. "Wir haben die Wahl, Zeichen zu setzen und uns zu
artikulieren oder denen das Feld zu überlassen. Im vergangenen Jahr
waren wir sechs Leute, die am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und
Gewalt gedachten. Mein Ziel war, dass es heute 60 sind. Das scheint
erreicht. Vielleicht sind es im nächsten Jahr 600 Wurzener, die Gesicht
zeigen und diesem Spuk ein Ende machen", sagte Oberbürgermeister Jörg
Röglin.

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