[Jena] Demo und Unibesetzung

Bildungsstreik 17.11.2009 23:47 Themen: Bildung Freiräume
Heute, am 17.11.09, demonstrierten in Jena 1500 Menschen für ein besseres Bildungssystem. Anlass war der Bildungsstreik, in dessen Rahmen in ganz Deutschland zu Demonstrationen aufgerufen wurde.
Zwar blieb die Zahl der Teilnehmer hinter der Demo im Juni zurück, dennoch konnte ein kraftvolles Zeichen gesetzt werden.
Den Auftakt bildete eine Kundgebung an der FH, von wo aus danach 250 Leute zum Uni Campus zogen. Nachdem sich die Demo dort formiert hatte, ging es in die Stadt. Die Auflage der Polizei, nur eine Fahrbahnseite zu benutzen, wurde bereits kurz nach Beginn ignoriert. Nach mehreren Zwischenkundgebungen, auf denen unter anderem die Forderungen verlesen wurden, erreichte die Demo das UHG (Universitätshauptgebäude). Dort hinderte die Polizei, unter Einsatz von Pfefferspray, die Demonstranten am Betreten des Gebäudes. Die Leute, die bereits im UHG waren, wurden gekesselt und abgefilmt, obwohl keinerlei Aggression von ihnen ausging.
Nachdem die Leute frei waren, wurde die Demo zum Campus fortgesetzt. Dort angekommen, besetzten mehrere hundert Studenten spontan den Hörsaal 1 der Uni. Die Abschlussrede wurde dort gehalten und danach begann eine Diskussion um die Forderungen des Bildungsstreiks.
Inzwischen wird die Besetzung in den Hörsälen 4 und 5 fortgesetzt. In einem ersten Gespräch mit Univertretern wurde seitens der Uni vorerst von einer Räumung abgesehen.
Momentan befinden sich noch etwa 70 Leute in den besetzten Sälen und würden sich sehr über weitere Besetzer freuen.

One Struggle, One Fight – Free Education Worldwide!!!
Für eine, zwei, viele besetzte Unis
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Titel der Ergänzung

Dein Name 18.11.2009 - 21:28
besetzung / abschlußrede hs 1:

alles klar... ein paar mann stellen sich während einer veranstaltung in den hs, keiner redet.
man geht wieder.
nachdem man mitbekommen hat, dass der prof sich lustig gemacht hat, kommt man wieder. ´
vom prof zum vortrag aufgefordert (!!!!!!!!!) kommt lediglich ein bisschen gestammel zusammen.
danach überlegt man sich das der hs1 zu groß ist und man besetzt den hs4 und 5.
hörsaal?
alles klar...
-kleine räume- spiegelt es wohl besser wieder.

und dann sitzen da 15 hanseln bei kaffee, bier uns suppe.
zitat: "umforderungen zu diskutieren, filme zu schauen und zu schlafen"

revolution now ;-)

Redebeitrag FH Erfurt auf Demo

Redner_in 22.11.2009 - 22:14
Redebeitrag der Studierenden der FH Erfurt
zum Bildungsstreik 2009

4.500 Studierende – 150 Professor_innen – 56 Mitarbeiter_innen in der Lehre
keine Stimme im Hochschulrat
nur 3 Stimmen im Senat
nur je 3 Stimmen in den Fakultätsräten

Das ist die Demokratie die sich die Bildungsindustrie in der wir zugerichtet werden vorstellt.

Eine Demokratie und Mitsprache, die von Studierenden in den 68ern erkämpft wurde. Sie wollten keinen „Muff aus 1000 Jahren unter den Talaren“, so ein Ausspruch auf einem Transparent aus dieser Zeit. Damals wurden nach den Protesten die Entscheidungsgremien an den Hochschulen paritätisch, also zu gleichen Anteilen aus Studierenden, Professor_innen und Mitarbeiter_innen, besetzt. Wir Studierenden sahen uns an unserem Ziel - endlich ernst genommen werden. Dies bezog sich nicht nur auf die Mitsprache bezüglich struktureller und finanzieller Entscheidungen, sondern die Lehre begann zunehmends in einer anderen Form stattzufinden. Das Modell des „Nürnberger Trichters“, mit dem Lehrende ihren Schüler_innen Wissen implantierten, wurde abgelöst von einer kooperativen Lehre, diskutierenden Seminargruppen und offenen kritischen Gesprächskreisen, in denen sich Lehrende und Lernende auf einer Augenhöhe begegnen.

Was kann es schöneres geben als kritische Wissenschaft ohne Zeitdruck mit anderen Menschen zu diskutieren und Denkhorizonte zu erweitern? Warum denken wir dann eigentlich, dass diese Demokratie des Bildungssystems uns zurichtet?

Seit den 68ern gab es eine Entwicklung, die auf Abbau von Mitbestimmungs-rechten setzt. Der Zustand der erkämpft wurde konnte nicht gehalten werden. Die Gremien der Hochschulen in denen Entscheidungen getroffen werden sind längst nicht mehr paritätisch besetzt, sondern die Professor_innen haben eine im Hochschulgesetz verankerte Stimmen-Mehrheit zugesprochen bekommen.

Und die Neuausrichtung auf ein Bachelor- und Mastersystem, welches uns Studierenden mit dem Modulsystem mehr Flexibilität bringen sollte, war mit der Forderung nach einer Selbstverantwortung eng verknüpft. Wenn wir jetzt nicht in der Regelstudienzeit bleiben, unser Studium finanziert bekommen oder eine vielzahl von Prüfungen bestehen, sind wir selbst dafür verantwortlich. Diese Struktur soll für uns das Bestmögliche erreichen, alle Eventualitäten absichern und Ressourcen die wir haben eröffnen.
Doch genau das tut dieses demokratische Bildungssystem nicht. Sondern es verlangt von uns eine Unterwerfung unter eine neoliberale Selbstvermark-tungslogik. Nur wer sich Selbst am besten verkauft, am besten anpreist und die Erfordernisse einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft umsetzt kann im Bildungssystem durchkommen. All das wurde erst möglich, indem der Staat die Hochschulen, mit der Begründung des neoliberalen Credos der Selbstver-antwortlichkeit, der marktwirtschaftlichen Logik preisgegeben und sich aus der Verantwortung für Bildung zurückgezogen hat. In dieser von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Welt hat studentische Mitbestimmung und die ehemals erkämpfte demokratische Hochschule keinen Platz.

Wenn die Demokratie die sie jetzt meinen ist, dass von 4.500 Studierende eine Handvoll Menschen ein Stimmrecht haben, dann wollen wir keine! An dieser Stelle sind wir uns einig – KEINE Demokratie! Sie machen keine und wir wollen keine!
Um aus dieser Falle herauszukommen, bleibt uns als einziger Weg die Erkämpfung von freien Räumen. Deshalb fordern wir freie, selbstbestimmte und emanzipatorische Räume an den Hochschulen, Schulen und überall zur Gestaltung des Lernens, Lehrens und Lebens. Des Weiteren fordern wir eine kritische Wissenschaft, die nicht von der Wirtschaft gelenkt und bestimmt ist und eine Bildung, in der sich jede und jeder selbst verwirklichen kann. Eine Bildung, die zur Autonomie führt und nicht für irgendwen oder für irgendwas konstruiert wird, um in dieser Gesellschaft zu funktionieren. An dieser Stelle senden wir solidarische Grüße an alle Menschen, die sich gegen diese herrschenden Verhältnisse auflehnen, konkret vor Ort an die Menschen des ehemals Besetzten Hauses, ihr sollt wissen, ihr seid nicht allein, wir bleiben immer noch ALLE!
An alle, die sich bundesweit am Bildungsstreik beteiligen, lasst uns gemeinsam für ein besseres Bildungssystem kämpfen, für Solidarität und eine Bildung die in unserer Hand liegt!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 3 Kommentare an

Ganz toll — Purucker

alter schwede — A.

Fatbot — and the Fatix