Die Berliner Uniklinik Charité und der Krieg

WM 16.11.2009 18:55 Themen: Militarismus
Daß medizinisches Handeln einer Kriegsbegeisterung kaum je im Wege stand und daß es eine an sich friedfertige Medizin nicht gibt, zeigte am Freitag die Berliner Charité. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Charité 300« hatten das Uniklinikum und die Bundeswehr gemeinsam zur Konferenz »300 Jahre Charité und Militärmedizin« ins Bundeswehrkrankenhaus eingeladen. Anlaß der Veranstaltung war der »Roll Out« des »mobPhysioLab«, eines »mobilen physiologischen Labors, das prinzipiell an jedem Ort der Welt eingesetzt werden kann« und deshalb von hoher praktischer Bedeutung für militärische Einsätze ist.
Der politische Wille zum Krieg wird gern als Sachzwang präsentiert. So begrüßte Manfred Gross, Prodekan der Charité, die etwa 100 Zuhörer aus Medizin, Wissenschaft, Militär und Bundestag mit der Feststellung, daß glücklicherweise die »Einsicht in die Notwendigkeit militärischer Präsenz« in Berlin gestiegen sei. Vom Medizinhistoriker Volker Hess wurde die lange Tradition der Militärmedizin an der Charité als »Segen und Fluch« zugleich gewürdigt. Als »Klassiker« auf dem Gebiet der Erforschung menschlicher Leistungsfähigkeit in extremen Umwelten stellte der Charité-Professor Hanns-Christian Gunga den Physiologen Nathan Zuntz (1847–1920) vor. Dieser Pionier der Feldforschung stellte ab 1914 seine gesamte Kraft in den Dienst des Krieges. Zum Beispiel versuchte er herauszufinden, wie lange ein Soldat marschieren kann, bevor er dehydriert, d.h. austrocknet bzw. an Wassermangel stirbt.

Ein Vertreter des Instituts für Arbeits- und Umweltmedizin der Bundeswehr nannte als einen Ursprung für die Gründung dieser Forschungseinrichtung die Erfahrungen mit panzerbrechender Munition, die abgereichertes Uran enthält, im Krieg gegen Jugoslawien. Das Institut sehe sich der »Entwicklung der Bundeswehr zu einer Einsatzarmee« verpflichtet. Da in »zunehmend robuster werdenden Einsätzen« die Gesundheit der Soldaten gefährdet werden könnte, solle die beste Strategie zu deren Gesunderhaltung gefunden werden. Das entsprechende medizinisch-psychologische Konzept sei »multidisziplinär und einsatzorientiert« und solle vor allem die »resi­lience«, also die Widerstandsfähigkeit in Auslandseinsätzen stärken.

Das auf der Veranstaltung vorgeführte mobile physiologische Labor entpuppte sich als tarngrüner Container, der die Soldaten überallhin begleiten kann. Auf der Tür steht »Schockbekämpfung«. Besonderer Wert wird auf die nicht-invasive und kontinuierliche Messung der Körperfunktionen gelegt, da man ja »nicht mit einem Verweilkatheder ins Arbeitsfeld« gehen könne, wie Oberfeldarzt Werner bei der Präsentation des Labors launig bemerkte. Die Versuchsperson könne sich vom Container weg ins »Einsatzfeld« bewegen, da über eine Funkverbindung die »situative Analyse« der Herzfrequenz und anderer Daten möglich ist. Sie soll dem Einsatzleiter ein frühzeitiges Erkennen von Überlastungen möglich machen. Er soll stets wissen: »Wo ist mein Mann, wie geht es ihm, muß ich ihn zurückziehen«, so Werner.

Anfangs hatte ein Redner betont, daß die Verwendung des Versuchslabors in Kriegsgebieten nicht geplant sei. Am Ende der Veranstaltung – bei zünftiger Erbsensuppe – hatte diese Beschwichtigung noch die Überzeugungskraft eines Fisches auf dem Trockenen, der behauptet, er wolle nicht ins Wasser.

Offensichtlich ist die Charité bereits gut im Geschäft, wenn es darum geht, das Töten und Sterben im Auftrag des deutschen Staates wissenschaftlich zu begleiten – Kooperationsveranstaltungen wie diese sprechen dafür.
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Die Charité — war schon immer

Soldaten — sind