Warum habt Ihr nichts getan?

Kritischer_Kreuzberger 11.11.2009 20:08 Themen: Blogwire Indymedia
Ein verschusselter Weltkrieg, ein langweiliger Genozid und die
geräuschlose Indymedia-Gemeinde.
Warum habt ihr nichts getan?

Indymedia ist eine linke Plattform, welche wesentlich von selbstidentifiziert Revolutionären Linken gebraucht wird. Es erscheint daher plausibel, Indymedia heranzuziehen, um die Priorisierung von Themen innerhalb der Revolutionären Linken abzuschätzen: Was die Leute kalt lässt, wird selten Gegenstand engagierter Beiträge.
Vorab ein Wort zum Holocaust. Der Holocaust besitzt eine Reihe hervorstechender Eigenschaften. Beispielsweise war der Holocaust an den Juden besonders brutal und extrem zynisch. Auch war er gekennzeichnet durch einen für Genozide atypisch hohen Organisationsgrad. Vor allem aber war er eines, nämlich groß. Die Anzahl der Opfer war gewaltig, derart gewaltig, dass die retrospektive Behauptung, man habe davon nicht gewusst, als beißende Lüge sich darstellt. Dass „man sowieso nichts habe tun können“ ist durch mutige Antifaschisten widerlegt worden, der Satz scheint peinliche Feigheit zu bezeigen. Oder Trägheit?
Nun habe ich Indymedia nach verschiedenen Wörtern durchsucht. Heute, am 11.11.2009, erhielt ich bei folgenden Suchbegriffen die nachstehenden Treffer-Zahlen:

Suchbegriff: Treffer:

Israel.............3512
Gaza................696
Juden..............2469
Mumia...............301
Vietnamkrieg........129
Vietnam-Krieg........46
Kongo...............286
Kongokrieg............0 (sic!)
Kongo-Krieg...........6
Kivu..................6
Sudan...............310
Darfur...............57

Dieser Befund ist gut verträglich mit einem Eindruck, den ich in den letzten Jahren von der „linken Szene“ gewonnen habe. Plakativ: Falls nicht an einem Greul Amis oder Juden maßgeblich beteiligt sind, interessiert es die Revolutionäre Linke nicht.
Am krassesten ist das Suchergebnis bezüglich des Kongos. Gemessen an den Opferzahlen wird der Kongo-Krieg zu Recht als der „Afrikanische Weltkrieg“ bezeichnet; mit ungefähr 5.4 Mio.Todesopfern war er der tödlichste Krieg seit Ende des zweiten Weltkrieges.
Wer denkt jetzt „das habe ich gar nicht gewusst“?
Bei Indymedia jedenfalls wird dem Kongo-Krieg viel weniger Aufmerksamkeit zuteil als Mumia Abu-Jamal. Offensichtlich ist das Thema nicht emotional aufgeladen, es erregt nicht die Gemüter. Wenigstens sind die Kämpfe inzwischen fast vollständig eingestellt. (Allerdings wird weiterhin an den mittelbaren Kriegsfolgen gestorben, das IRC schätzt die mittlere Opferrate für das Jahr 2008 auf entsetzliche 45.000 pro Monat.)
Verglichen mit dem Kongo widmet die Indymedia-Autorenschaft dem Sudan mehr Aufmerksamkeit, mehr sogar, als für „Mumia“ reserviert ist. Über die sudanesische Provinz Darfur aber, in welcher derzeit ein Völkermord (oder etwas sehr Völkermord-Ähnliches) betrieben wird, wird gut fünf mal weniger berichtet als über Herrn Abu-Jamal. Zwar sind die Hauptkampfhandlungen mittlerweile ausgesetzt, dennoch wurden bisher gut 2.5 Mio. Menschen vertrieben, vielfach bis in den Tschad, wo sie, stetig bedroht von Infektionskrankheiten und Hunger, unter unwirtlichsten Bedingungen überleben – oder eben nicht überleben. Wer kämpft für deren Rückkehrrecht? Und wer beklagt die 300.000 Todesopfer von der Hand Al-Bashirs mörderischer Milizen? Die Indymedia-Autorenschaft muss sich diese Fragen gefallen lassen: Weshalb habt ihr nichts gewusst? Weshalb habt ihr nichts getan? Weshalb ist euch Israel 585-mal (sic!) mehr Beiträge wert als 5.4 Millionen getötete Afrikaner? Warum ist euch Gaza 12-mal wichtiger als Darfur? Die vorletzte Frage richtet sich auch an Antideutsche, deren obsessive Verteidigung des Staates Israel vor allem eines ist: ziemlich überflüssig. Deutsche Glattrohrkanonen auf Merkava-Kampfpanzern und geräuscharme deutsche U-Boote sind der Sicherheit Israels gewiss dienlicher als antideutsche Solidarität.
Zur Beantwortung der beklemmenden Fragen mag ich eine Hypothese aufstellen. Mir scheint die gesamte Revolutionäre Linke nichts anderes zu sein, als ein hartnäckiger Fall sublimierten abendländischen Christentums. Die Revolutionäre Linke wäre demnach Anhängerschaft apokalyptischer Heilslehren. Nun operieren wir alle vor dem Hintergrund unserer Sozialisierung, da ist kein Kraut gewachsen! Zur Veranschaulichung dienen folgende augenfällige Parallelelen, welche zufällig seien können, an deren Zufälligkeit ich aber nicht glaube:

- Fromme Christen und Revolutionäre Linke wähnen sich im Alleinbesitz der Wahrheit. Diskussionen mit Außenstehenden dienen der Missionierung oder der Konsolidierung von Paradigmen, nicht jedoch dem Erkenntnisgewinn.
- Schuldgefühle. Erbsünde der Revolutionären Linken ist die geburtsweise Zugehörigkeit zum westlichen Kulturkreis (Ausbeuter! Kolonialisten!). Bittere Ausnahme sind die Antideutschen, die an ihrer Geburt besonders schwer zu tragen haben.
- Neigung zu Reliquien und Pilgerfahrt. Der Katholik pilgert zum Kölner Dom, um den vermeintlichen Überbleibseln der Heiligen Drei Könige zu huldigen. Die Analogie zur Liebknecht-Luxemburg-Demonstration ist evident.
- Freude an Devotionalien. Che-Guevara-T-Shirts, Poster, Sticker und Anhänger ersetzen Kruzifix und Heiligenbildchen.
- Bekenntnisjunkies! Im Beichtstuhl, beim Kirchgang, im Plenum und auf der Demo: Ständig wird sich bekannt und die Gruppenzugehörigkeit festgeklopft. Exkommunikation und „Ausschluss aus linken Zusammenhängen“ rangieren als Höchststrafen.
- Messianische Komponente. Jesus erlöste die Juden, für die Arbeiterklasse ist Karl Marx zuständig. Revolutionäre Apostel und Engel sind Legion, allerdings in der Gestalt ruhmreicher Kommunisten, Anarchosyndikalisten, Antifaschisten und Philosophen.
- Es sind Buchreligionen. Marx‘ Kapital ist dem kommunistischen Revolutionär ebenso sakrosankt wie dem Christen die Bibel. Es haben nicht alle, vielleicht sogar die wenigsten, ihre heiligen Bücher mit Fleiß studiert.
- Sektierertum. Katholiken, Orthodoxe, Charismatiker und Baptisten widerspiegeln sich in Trotzkisten, Maoisten, Leninisten, Spartakisten etc.. Und selbstverständlich werfen sich alle gegenseitig vor, die reine Lehre zu verfälschen.
- Dichotomie, es wird getrennt in Gut und Böse, oder –raffinierter- in Freund und Feind. Der Zeitpunkt, sich zu bekennen, wird kommen. Die Rolle des Teufels spielt das Kapital, „die Kapitalisten“ sind seine Handlanger und böse Geister, welche mit viel Krawall auszutreiben versucht wird. Der Kommunismus ist das Gottesreich.
- Hervorragend: Christen und Revolutionäre Linke sind Apokalyptiker. „Die Revolution“ ersetzt das Jüngste Gericht und wird zum wirklich-wahren Ende der Geschichte! Der Christ überwindet das irdische Mühsal und erfährt ewig währende göttliche Gnade, derweil’s dem Teufel und dem ungläubigen Pack an den Kragen geht. Der Kommunist überwindet die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, übersteht den Sozialismus (Fegefeuer!) und geht schließlich ein in den Kommunismus . Counterrevolutionäre lässt er nicht von Gott grillen sondern stellt sie ganz pragmatisch an die Wand oder „erzieht sie um“ (Läuterung!).
- Der Christ bittet vermittels Gottesdienst und Gebet um eine flotte Apokalypse, darauf bezieht sich der Satz „Dein Reich komme“ im Vaterunser. Äquivalentes Mittel der Revolutionären Linken sind ritualisierte Demonstrationen mit immer gleichen Sprechchören und routiniertem Vandalismus.
- Es herrscht bei guten Christen und Revolutionären Linken gleichsam das Gefühl vor, dass nach der Apokalypse sich gekümmert würde, dass alles selbsttätig zum Guten, Richtigen und Wahren sich wenden werde. Dementsprechend wenig wird das Danach geplant. Exemplarisch sei das Kanalarbeiter-Problem benannt: Auch nach der Revolution werden Kanalarbeiter gebraucht werden, doch die wenigsten Revolutionäre sehen sich in dieser Funktion – sie sehen sich vielmehr als Avantgarde, weil sie besonders „fromm“ waren. Irgendwie wird man aber eine hinreichende Anzahl von Menschen vom Kanalarbeiterdasein überzeugen müssen, ansonsten erstickt die Revolution in ihrer eigenen Scheiße!

Die Revolutionäre Linke ist also dem Wesen nach religiös, ihre Lehren gefärbt von christlichen Theologien. Und es färbt durch: Unverbrüchlich ist die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Der Zeuge Jehovas verweigert nötigenfalls seinem Kind die lebensrettende Bluttransfusion. Die Indymedia-Autoren ignorieren einen Krieg mit 5.4 Millionen Toten nahezu vollständig. Und nicht grundlos! Was hätten man den tun können? Plausibelste Lösung zur Beendung der Katastrophe wäre eine konzertierte militärische Operation unter westlicher Beteiligung gewesen. Dies zu fordern kann sich aber kein linker Revolutionär leisten, es widerspricht dem Dogma! Wer Soldaten schicken will, Soldaten westlicher Länder gar, befleckt sich mit dokumentenechtem Makel. Es schließt sich der Kreis. Es hat ja keiner gewusst, man konnte nichts tun, die Kräfte waren bereits gebunden im vergnüglichen Kampf gegen das Kapital, bundesdeutschen Bullenterror, für ein freies Gaza, für eine befreiungsunwillige Arbeiterklasse und einen sympathisch dreinblickenden afroamerikanischen Ex-Journalisten, von dem man sicher weiß, sogar glaubt, dass er den Cop nicht erschossen hat.
Zum Autor: Ich bin längst kein Linker mehr, dafür durch-und-durch liberal, bin Naturwissenschaftler und habe eine kleine Firma, welche mich zunehmend besser ernährt. In der Marktwirtschaft fühle ich mich sehr wohl, weil sie mir eine selbstständige Existenz ermöglicht. Niemand kümmert sich um mich, naja, außer der elende Fiskus. Zwar hat mir die Selbstständigkeit ein wiederkehrendes Ekzem beschert, dafür habe ich keinen Chef.
Ich schreib’s nur, damit ihr mich umgehend als Beelzebub, als System-Schergen und Finsterling qualifizieren könnt. Es möge einer Auseinandersetzung mit der Frage, wie zum Teufel die Linke sowohl 5.4 MILLIONEN TOTE AFRIKANER sowie einen GENOZID glatt übersehen konnte, vorbeugen.
Man ist ja kein Unmensch.
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Ergänzungen

zum Thema Sudan

Kalle 12.11.2009 - 08:52
Auf Telepolis gibt es eine gute Berichterstattung über den Sudan. Da ist 2007 auch eine Artikelreihe erschienen, die ein bißchen in das komplexe Thema einführen sollte. Aber auch sonst wird regelmäßig über den Sudan berichtet. Einfach mal Sudan in der Suche bei Telepolis eingeben.

Teil 1: Ethnische Identitäten und ethnogenetische Prozesse
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25482/1.html

Teil 2: Grenzkrieger, Razzien und die koloniale Ausnahme
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25489/1.html

Teil 3: Die Rückkehr der Waffen
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25497/1.html

Teil 4: Die Eskalation
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25505/1.html

Teil 5: Lösungen und Konsequenzen
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25510/1.html

Kanne & Achim

Kritischer_Kreuzberger 12.11.2009 - 18:50
Kanne, habe vielen Dank für Deinen sehr informativen Beitrag. :-)

Achim! Auch Dir vielen Dank für die beispielgebende Demonstration dessen,
worauf ich mit meinem Beitrag hinauswollte. Du schreibst:

>Der vom Autor behauptete Völkermord in Sudan ist ein Mythos:

> http://www.steinbergrecherche.com/sudan.htm

>Vielleicht erst einmal gründlich informieren, bevor man hier die Moral-Keule gegen die >Indy-UserInnen schwingt!
>Steinbergrecherche.com

Selbstgewiss negierst Du die Existenz eines Völkermordes und fühlst Dich
gleichsam von einer "Keule" bedroht. Das ist weder ungewöhnlich, noch ist es
in der Bundesrepublik verboten (noch sollte es verboten sein), Völkermorde
zu leugnen. Ausgenommen ein spezieller Völkermord, dessen Leugnung
strafrechtliche Sonderbehandlung erfährt. Dessen Leugner fühlen sich
fortgesetzt von der "Auschwitzkeule" terrorisiert.

Meine Zahlen sind UNO-Zahlen, ähnliche Zahlen findest Du bei Hilfs- und
Menschenrechtsorganisationen vom amnesty bis hrw. Diese sprechen, im
Gegensatz zum US-amerikanischen Kongress, nicht von einem Genozid, sondern
"nur" von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (eigentlich: Vebrechen
gegen die Menschheit). Deshalb schrob ich "oder etwas sehr Völkermord-Ähnliches".
Dass kein Genozid festgestellt wurde, liegt nicht am zu geringen Ausmaß des
mörderischen Geschehens, sondern vielmehr an der Legaldefinition von Völkermord:
Der sudanesischen Regierung müsste der Tatvorsatz zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Von den UN war auch nicht zu erwarten, dass dieser Nachweis erfolgreich geführt
werden würde, da die Feststellung des Völkermordes den Unterzeichnern
der "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" unangenehm
aufgestoßen wäre.

Nun, jedenfalls betrachtest Du die zugehörigen Veröffentlichungen der UN und
aller im Sudan engagierten größeren humanitären Organisationen als sicher widerlegt,
weil Du auf einer dubiosen Website einen kurzen Text von einem "Menschenrechtler"
gefunden hast, der ansonsten auf verschwörungstheorie-affinen Websites veröffentlicht.
Deine Ausrede hat es vor 60 Jahren noch nicht gegeben:"Ich hatte was anderes
auf einer Website gelesen".

Im Übrigen träfe der zentrale Vorwurf meines Artikels nicht minder zu, hätte
ich den Sudan herausgelassen und nur den Kongokrieg als Beispiel angeführt.
Doch schon wieder sind Dir 5.4 MILLIONEN GETÖTETE AFRIKANER durch die Lappen
gegangen. Dein Gewissen ist rein: Im Sudan war nix, da klopfen sie glücklich
auf Buschtrommeln ein. Das hast Du auf einer Website gelesen.









irreführende Recherche

Viktor 13.11.2009 - 11:41
Die angewendete Suchmethode auf indymedia ist nicht schlüssig in Bezug auf die großen "Erkenntnisse", die KRITISCHER KREUZBGERGER hier ausgemacht haben will.

Es gibt die "Indymedia AutorInnenschaft" gar nicht. Sie besteht überwiegend aus einzelnen AutorInnen oder auch Gruppen, die kontinuierlich an Themen dran bleiben, deren Beispiele hier als Suchbegriffe verwendet werden. Warum schreiben sie nicht über andere Themen? Das hat mit der typischen Ausrichtung eines jeden Indymedias zu tun: Indymedia ist das Forum für "Berichterstattung aus erster Hand" oder auch "embedded Bewegungsjournalismus". Zum Glück scheint es bei dieser unbezahlten Berichterstattung nicht Bestandteil zu sein, per Jetset durch Afrika zu rasen. Afrikanische Indymedias wie z.B. aus Kenia schreiben hauptsächlich über sehr lokale Themen. Ihnen zu unterstellen, sie interessierten sich nicht für den Kongo oder Sudan, käme mir genauso überflüssig vor, wie in diesem Artikel.

Hätte der Autor z.B. mal angeschaut, wer zum Thema "Freiräume", "Antifa" oder "Anti-AKW" schreibt, wäre etwas anders herausgekommen. Dort schreiben sehr viele unterschiedliche AutorInnen, da es eben lokale Themen sind. Klar, Statistiken sind immer in jede Richtung interpretierbar. Aber der "Radikalen Linken" hier Versagen vorzuwerfen ist lediglich moralinsauer. Vielmehr sollte sich der KRITISCHE KREUZBGERGER fragen, warum er selbst denn nichts zum Kongo Krieg oder der Situation im Sudan schreibt?

Das im Artikel angedeutete Mumia-Bashing ist temporär immer mal in Mode gewesen, verkennt aber dabei das wesentliche Moment dieser Kampagne: Mumia Abu-Jamal ist der weltweit bekannteste Todesstrafengefangene und gleichzeitig vermutlich einer der engagiertesten Aktivisten dagegen. Gerade die von KRITISCHER KREUZBGERGER angeführten Amnesty International bezeichnen Mumias Fall als den wichtigsten im Kampf gegen die Todesstrafe. Er ist der einzigste Gefangene weltweit, für den sie sich als Einzelperson seit fast 10 Jahren immer wieder einsetzen. In seinem Fall bündelt sich alles, was an der Todesstrafe falsch ist.
Und: es gibt innerhalb der USA eine starke und ausdauernde FREE MUMIA Bewegung, die direkte Kontakte in verschiedene europäische Länder aufgebaut hat. Also gibt es auch hier Berichte aus "erster Hand".

Das ist bestimmt auch ein Grund, warum wir hier viel über Mumia Abu-Jamal, die Todesstrafe oder den gefängnisindustriellen Komplex zu lesen bekommen.

Der Vorwurf des Anti-Amerikanismus wird von GegnerInnen zwar immer wieder mal entmottet, aber gerade in dieser Kampagne ist er absolut unzutreffend. Im Gegenteil: durch die Mumia-Kampagne wird eine andere USA sichtbar, von der wir sonst in den bürgerlichen Medien überhaupt nichts lesen können.

@Viktor

Kritischer_Kreuzberger 13.11.2009 - 17:59
> Warum schreiben sie [die Indymedia-Autoren] nicht über andere Themen? Das hat mit der typischen
> Ausrichtung eines jeden Indymedias zu tun: Indymedia ist das Forum für "Berichterstattung aus erster > Hand" oder auch "embedded Bewegungsjournalismus". Zum Glück scheint es bei dieser unbezahlten
> Berichterstattung nicht Bestandteil zu sein, per Jetset durch Afrika zu rasen. Afrikanische
> Indymedias wie z.B. aus Kenia schreiben hauptsächlich über sehr lokale Themen. Ihnen zu unterstellen,
> sie interessierten sich nicht für den Kongo oder Sudan, käme mir genauso überflüssig vor, wie in
> diesem Artikel.

> Hätte der Autor z.B. mal angeschaut, wer zum Thema "Freiräume", "Antifa" oder "Anti-AKW" schreibt,
> wäre etwas anders herausgekommen.

Das kann nur das Experiment beweisen. Treffer am 13.11.2009:

Freiräume............1290
Anti-AKW..............227
AKW..................1042
ANTIFA...............7583

Israel(11.11.2009)...3512
Kongo-Krieg.............6

In summa scheint den Indymedia-Autoren Israel näher zu sein, als der nächste "Freiraum"
oder das nächstgelegene AKW. Offenkundig geht es nicht um geographische oder raumzeitliche
Nähe, sondern um emotionale. Falls meine Stichproben nicht ein höchst unwahrscheinlicher
Missgriff waren, entstammt die große Mehrzahl der auf Israel sich beziehenden Texte auch
keineswegs aus erster Hand; die Geschichte vom "eingebetteten Bewegungsjournalismus"
ist demnach als Selbstsuggestion abzuschreiben. Israel juckt die Revolutionäre Linke wie
ein cortison-pflichtiges Ekzem. Der Begriff "Antifa" ist schwierig, weil er einerseits
selbst-referenziell gebraucht wird und andererseits kein Faschismus in Sicht ist, sich
also an einem fiktiven Feind abgearbeitet wird: Schattenboxen.
Was in der Bundesrepublik an neofaschistischen Hohlbirnen existiert, muss vor deren
Strafverfolgungsbehörden (und dem Fiskus) weitaus mehr Angst haben, als vor der selbsterklärten
"Antifa". Im Erntsfall versagt die sowieso. Anfang des Jahres zog eine "kraftvolle", rund
10.000 Köpfe zählende Versammlung am Roten Rathaus vorbei, angemeldet von der Palästinensischen
Gemeinde. Die Gemeinde hatte zuvor das Recht erstritten, bei der Versammlung die Flagge der
Hamas tragen zu dürfen. Dabei macht die Hamas aus Ihrer Agenda gar keinen Hehl:
Primärziel ist ein judenfreies Palästina, Sekundärziel die Ausrottung der Juden.
Und was hat die Antifa getan? Teilweise hat sie sich der Versammlung angeschlossen (sic!).
Dass die übrige Linke dem Anlass angemessen entsetzt gewesen wäre, war mir nicht ersichtlich.
Es hat ja auch Tradition. Man bedenke die Entebbe-Entführung, in welcher 1976 deutsche
"Autonome" der Revolutionären Zellen an der Selektion jüdischer Geiseln sich beteiligt
haben. Wirksam antifaschistisch hat sich dagegen Ernst Benda (CDU) betätigt, nämlich
mit seinem Beitrag zur Verjährungsdebatte.



> Vielmehr sollte sich der KRITISCHE KREUZBGERGER fragen, warum er selbst denn nichts zum Kongo Krieg
> oder der Situation im Sudan schreibt?

Weil ich kein Linker bin, sondern l i b e r a l. Weder besitze ich ein persistierendes reines Gewissen,
noch verfolgen mich Schuldgefühle. Ich bin keiner von den Guten und maße mir nicht an, dass
meine Seite die "richtige" sei. Es ist aber m e i n e S e i t e.
Immerhin dürften durch meinen Artikel einige den tödlichsten Krieg, der sich Zeit
ihres Lebens ereignet hat, als solchen registriert haben.
Ein weiteres Wort, das man leider nicht findet auf Indymedia, lautet
A U S F U H R E R S T A T T U N G .
In viele afrikanischen Staaten ist, bei ausgezeichneten Licht- und Bodenverhältnissen, saisonaler
Regenfeldbau möglich - regional, und zwar in den Feuchtsavannen, sogar ganzjähriger.
Und das ohne kalte Jahreszeit! Wahre Kornkammern könnten das sein, doch leider ist der homogenisierte
und ultrahoch-erhitzte Liter Milch (im Tetrapak) aus Schleswig-Holstein billiger als der
Liter aus der örtlichen Kuh. Vermittels Ausfuhrerstattung, einer Wettbewerbs-Verzerrung, löscht die EU
afrikanische Existenzen aus, indem sie afrikanische Bauern an der Marktwirtschaft einfach nicht
teilhaben lässt. Weshalb wird das nicht thematisiert, auch nicht unter dem englischen Ausdruck
"export refunds"? Meine Vermutung: Die Forderung nach der Abschaffung der Ausfuhrerstattung
liefe darauf hinaus, die Marktwirtschaft in Länder tragen zu wollen, in welchen die Menschen bisher
überwiegend in seliger Subsistenzwirtschaft darben. Das bisse sich mit dem ideologischen
Fernziel von der Abschaffung der Marktwirtschaft. Naja, oder die Afrikaner gehen nicht nur
den Rechten am Arsch vorbei (Kongo-Krieg.............6).


> Der Vorwurf des Anti-Amerikanismus wird von GegnerInnen zwar immer wieder mal entmottet, aber gerade
> in dieser Kampagne ist er absolut unzutreffend. Im Gegenteil: durch die Mumia-Kampagne wird eine
> andere USA sichtbar, von der wir sonst in den bürgerlichen Medien überhaupt nichts lesen können.

Das glaubst Du doch wohl selber nicht. Im Übrigen ging es mir nicht um Mumia-Bashing, sondern
um die sehr viel Aufmerksamkeit beanspruchende Mumia-Heiligenverehrung.

Warum habt Ihr nichts getan?

Anno Nym 13.11.2009 - 19:26
Wer ist ihr und stimmt das so? Einspruch euer Ehren. Wir! haben was getan. Wir? Tia, das waren die Maoisten, Traditionskommunisten und viele längst vergessene Kleingruppen. Afrika war in den Siebziger Jahren durchaus ein Thema für die Linke. Der Kampf gegen den portugiesischen Kolonialismus war lange Thema von Soliaktionen. Die K - Gruppen machten dies zum Thema und der KBW sammelte sogar für Kfz Ausrüstung. War eben nicht alles schlecht? :-)))) Die Namenskürzel der einzelnen Kampforganisationen zählten zum linken Allgemeinwissen und tatsächlich führte der koloniale Befreiungskampf zum Sturz der Diktatur in Portugal und zu einen linken Besucheransturm. Revolution live dabei. Ok, das ist etwas her und wie das so läuft, die Sieger dachten nicht daran, linke Träume zu erfüllen bzw. mutierten irgendwann selbst zu neuen Unterdrückern, siehe Zimbabwe. Portugal selbst beruhigte sich auch irgendwann und mehr als sozialdemokratische Politik war auch da nicht mehr drin. Dazu wäre noch zu sagen, es war nicht die Arbeiterklasse, die in Portugal eher eine Randerscheinung war, welche die Diktatur stürzte, es war das Militär. Nicht gerade nach linkem Lehrbuch.
Etwas ernüchtert war Afrika irgendwann nicht mehr der große Hoffnungsträger der Revolution, von der im eigenen Land weit und breit nichts zu sehen war. Nachdem sich das antiimperialistische Weltbild in Ernüchterung aufgelöst hatte, war bei den Junkies grade El Salvador oder Nicaragua angesagt und dann folgte Palästina, ein Thema mit dem man alt werden kann. Was Antiimp angeht, klar gab es einige, die aus Angst vor den Entzugserscheinungen weiter ihre tägliche Dosis kämpfende Völker und USA Völkermordzentrale brauchten. Nachschub kam von Jugendlichen, die jetzt auch endlich die Parolen mitbrüllen konnten und sich in dem Antiimp Weltbild gut aufgehoben fühlten. Da weiß man wo gut und böse ist, wo die Front verläuft (natürlich nicht zwischen den Völkern, erst recht nicht zwischen Hutus und Tutzis) und natürlich weiß man sich auf der Seite der Guten. Wo die Fronten so klar sind, muß man nicht viel Denken. Ist doch bequem zu wissen, wer schuld ist.

Siehe auch:
 http://jungle-world.com/artikel/2009/37/
Ressentiment fressen Seele auf

was soll diese Pseudophilosophie?

überflüssig 13.11.2009 - 23:20
Ein "kritischer Kreuzberger", der "den Liberalismus" hochhält, schreibt ungereimtes Zeug und beschuldigt einen von ihm nicht näher definierten Personenkreis, gesellschaftlich irgendwie zu versagen.

Einspruch: es sind nicht Linksradikale, die bei Kriegsausbrüchen ihre "Pflicht" verschlafen hätten. Es sind Machthabende, die meist unter sorgfältigem Abwägen der Interessenslagen Kriege zur eigenen Machterhaltung vom Zaun brechen. Wer davon ökonomisch profitieren kann, zieht halt mit. Die entpolitisierte Haltung von einigen (nur noch) selbstpostulierten Linken wie z.B. Anti-Ds behauptet, dass der ideologische Faktor eine große Rolle spiele, aber da verwechseln sie Zweck und Mittel. Und das die "konservativ-sozialdemokartisch-grün-liberale" Einheitspartei mit ihren 4 rechten Flügeln kein Interesse hat, Kriege zu stoppen, dürfte auch dem kritischen Kreuzberger aufgefallen sein.

Alle, die hier in dieser pseudophilsosophischen Blogwire Debatte Begriffe wie Selbstorganisierung oder Solidarität unter denen, die noch kämpfen wollen thematisieren, werden vom Autor wohl weiter dafür angegriffen werden. Das ist vielleicht gut zur Verschärfung der eigenen Analyse. Aber dafür braucht eigentlich niemand einen sich selbst als Kleinunternehmer bezeichnenden, der ausser der Selbstauflösung der radikalen Linken vermutlich sowieso nichts aktzeptieren wird.

Hier noch einige abschliessende Tipps, bevor ich nie wieder auf diesen Blog klicken werde:

An den Autor: frag doch mal bei der Naumannstiftung nach, ob sie einen Putsch á la Honduras für deinen ruhigen Schlaf im Sudan organisieren können?

An die geneigte LeserInnenschaft:

- bereitet euch auf den Klima Gipfel in Cobenhagen vor. Globale Solidarität von unten. No Climate Change but System Change!
Falls der Autor es sich doch noch mal überlegen möchte, könnte er sogar in seiner Stadt was lernen:  http://stressfaktor.squat.net/termine.php?loc=4347

- Antifaschistische Demonstration zum Tod von Conny Wessmann morgen  http://conny2009.blogsport.de und von Silvio Meyer am 21.11.09  http://www.silviomeier.de.vu/

- bereitet euch auf die Mumia Notfallprotetste im Fall des Todesurteils vor:
 http://rote-hilfe.de/news/Mumia-Abu-Jamal-Notfalproteste

L I B E R A L E Unterstützung für Mumia

nur mal so bemerkt 17.11.2009 - 16:32
Gerhard Baum (FDP) setzt sich für Mumia Abu-Jamal ein und betont die allgemeine Wichtigkeit dieser Kampagne für die Menschenrechte überall:
 http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/1gYA72y-Rede-Gerhard-Baum-1

Sogar die eher konservativen "Journalisten ohne Grenzen" setzen sich für Mumia ein, auch hier aus grundsätzlichen Bedenken gegen die Todesstrafe:
 http://www.rsf.org/spip.php?page=article&id_article=34689
und hier:
 http://www.rsf.org/Journalism-in-Hell-Mumia-Abu-Jamal.html


Langes Leid, später Zugriff

Kritischer_Kreuzberger 17.11.2009 - 19:39

spassportal indymedia

wolf 10.12.2009 - 00:45
KRITISCHER KREUZBERGER stellt zum teil durchaus richtige fragen, weshalb einige themen auf der welt weniger interesse hervorrufen als andere. leider verdreht sich das ganze dann in eine pauschale verunglimpfung einer angeblich klar erkannten und in ihrer sterotypischen verhaltensweisen gefangenen linken. wie falsch diese argumentation von anfang ist, zeigt das folgende beispiel anhand der von KK angewandten methode:

suchbegriff: treffer
geld 5521
armut 1867
essen 3074
hunger 1231
wetter 1061

das muss dann wohl bedeuten, dass die menschen sich hier mehr für geld als für armut interessieren, mehr für essen als für hunger und sich dann auch noch relativ viel über das wetter austauschen...

ja, so sieht die satte linke heutzutage aus.... wenn man sie sich so hindichten möchte und dass dann auch noch unterlegt mit einigen herbeigehinkten vergleichen, bitteschön. viel spass dabei. mir ist im grunde ein beitrag mit substanz zu einem thema lieber, als tausende ohne. aber wenn man sich an die quotengesellschaft gewöhnt hat, ist quantität und qualität für einige wohl nicht mehr unterscheidbar.

es muss schon sehr frustrierend sein, um den hoffnungslosen versuch zu starten „die linke“ in ein selbstgestricktes schemata pressen zu müssen um sie damit dann zu verurteilen.

kongo? sehr bedauerlich, insbesondere wenn man sich vor augen hält, dass die ursache in der kolonialisierung und der gewaltsamen unterdrückung eines demokratischen volkswillen im kongo durch die europäisch – us-amerikansiche achse liegt. mit der folgenden instrumentalisierung zu eigenen zwecken. ob nun waffen oder überfällige lebensmittel nach afrika verkauft werden, ressourcen ausgekauft oder giftmüll dort kostengünstig entsorgt wird, die profiteure dieses konflikts sind relativ leicht nachvollziehbar. und eigentlich sollte klar sein, dass man zur eindämmung eines wasserrohrbruchs das wasser nicht noch weiter aufdrehen sollte. an dieser tatsache muss aber etwas nicht stimmen, wenn man den aufruf nach „konzertierte militärische Operation unter westlicher Beteiligung“ zur befriedung ernst nehmen sollte. wer sollte denn interesse am frieden in afrika haben, außer ein paar uneinsichtiger konsumverweigerer?

und was ist schon der kongo? weltweit sterben jährlich zwischen mindestens 8 mio. und max 35 mio. menschen an hunger und mindesten 0,7 mio bis maximal 2,7 mio menschen an malaria, 75% davon in afrika. es gäbe fast nichts einfachers als dieses sterben zu beenden, lediglich etwas aufgabe der eigenen lebensqualität und des eigenen profits. aber hey, da kommen wir ja zum eigenverzicht und den rückständigen und uneinsichtigen linken, die tatsächlich meinen das verzicht an materiellen nicht verzicht an lebensqualität bedeuten muss und sinnlos ihre kräfte im kampf gegen das kapital vertun.

nee, nee, bevor man in solche richtungen denkt, widme man sich doch lieber den lust-(1189 treffer) und spaß-(524 treffer) geschichten auf indymedia.

@wolf

Kritischer_Kreuzberger 10.12.2009 - 15:46
Deine Antwort ist recht eloquent aber berückend naiv,
wenn ich die auseinander nehme, fällt sie Dir auf den Fuß.
Soll ich mal? Ich tu's nur, wenn Du ergebnissoffen zu diskutieren
bereit bist. Andernfalls ist mir meine Zeit zu schade:
Die kapitalistische Selbstausbeutung ist nämlich
zeitintensiv. Und? Wie sieht's aus?


Gruß,

Kritischer_Kreuzberger

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