Interview über Indymedia Kenya

John Bwakali 26.10.2009 17:19 Themen: Indymedia Medien
In dem Interview für die Nord-Süd-Zeitschrift iz3w (315) berichtet John Bwakali über die Ziele und den gesellschaftlichen Kontext von Indymedia Kenya. Der gesamte Themenschwerpunkt "Digitale Welten - SoftWares und das Internet" findet sich unter www.iz3w.org .
Digitale Welten

»Das Internet wird überbewertet«
Interview mit John Bwakali über Indymedia Kenya

Das Mediennetzwerk Indymedia wird in vielen Ländern betrieben. Sein Ziel ist die nicht kommerzielle, unabhängige und weltweit vernetzte Berichterstattung über Aktivitäten sozialer Bewegungen. Für John Bwakali, Gründungsaktivist von Indymedia Kenya (www.kenya.indymedia.org), ist es eine Plattform für Stimmen von der Basis.

iz3w: Wann kam die Idee auf, in Kenia ein Indymedia-Projekt zu starten?
John Bwakali: Ich habe von Indymedia während eines Aufenthaltes in Hamburg erfahren. Auf einem Treffen mit Flüchtlingen erzählte mir ein Aktivist aus Kamerun davon. Ich war von der Idee, Grassroot-Medien global zu verlinken, völlig angetan. Die Motivation war, die Stimmen der Basis in Kenia miteinander zu verlinken und sichtbar zu machen. Das Grundmotiv war klar und zeigte den AktivistInnen, dass wir ein Verstärker ihrer Stimmen waren. Wir gestalteten Indymedia eher als Plattform. Und wir erklärten den Leuten oft, dass wir alle ‘change-makers’ sind und die ganze Bandbreite des Handwerks anwenden können, um zu kommunizieren und etwas zu bewirken. Die Website war da nur ein Medium. Weitere sind Theater, Lieder und Tanzperformance.

Wie verlief dann die technische Realisierung von Indymedia Kenya?
Das Antragsverfahren dauerte fast zwei Jahre, bis das globale Indymedia Kollektiv unsere Mitgliedschaft schließlich bestätigte. Dieser Prozess war ziemlich ermüdend, aber wir wissen ja, dass Entscheidungen in nicht hierarchischen Strukturen nicht auf kurzem Wege getroffen werden können.

Woher kommen die NutzerInnen, und tauschen sie sich direkt untereinander aus?
Was die Website betrifft, so sind die AutorInnen oft irgendwelche Leute, die etwas zu sagen haben. Die Seite produziert sich selber, und jeder kann seine Geschichten oder Bilder dort veröffentlichen. Dennoch ist eine Website kein besonders beliebtes Kommunikationsmittel unter den Medien. Wir sind gerade damit beschäftigt, ein freies Campus Radio aufzubauen. Equator FM ist jetzt soweit, dass wir im kommenden Januar starten.

Hatte das Mediengesetz in Kenia Einfluss auf euer Projekt?
Da wir nicht als Mainstream-Medium operieren, wurden wir auch nicht von den Engpässen betroffen, die bei einem legalen Antragsprozess auftreten. Es gibt kein Büro, das gestürmt und besetzt und keinen Vorstand, der festgenommen werden könnte. Wir wollten nicht nur eine alternative Form von Mainstream-Medium sein, wir wollten eine Strömung von Stimmen werden, die sich erheben, die richtig stellen und zurechtweisen, die ermutigen und loben. Eine solche Strömung von Stimmen kann nicht zum Schweigen gebracht oder kontrolliert werden.

Was sind die Prioritäten eurer Arbeit?
Wir haben keine inhaltlichen Schwerpunkte. Die einzige Priorität ist, dass Leute die Möglichkeit haben sollten, Medien zu nutzen, die für sie am besten geeignet sind. Zur Zeit der Gewalteskalationen in Kenia nach den Wahlen im Januar 2008 konnten wir Zeitzeugenberichte aus verschiedenen Teilen Kenias auf der Website veröffentlichen. Wir haben Interviews geführt und mit den Leuten, die direkt von der Gewalt betroffen waren, zusammen Fotos gemacht. Einige Tonbeiträge wurden direkt auf die Website geladen, andere wurden in offenen Foren eingespielt. Und wir verschickten Telefonkredite via Handy an Leute, die dann wiederum die Möglichkeit hatten, andere Leute anzurufen, um herauszufinden, was gerade passiert und um Infos untereinander auszutauschen. In dieser Zeit gab es Prepaid-Guthaben offiziell kaum mehr zu kaufen, also war die Verschickung von Telefonguthaben über Handys für den Informationsfluss sehr wichtig. Auch für eine Mobilisierung sind Handys viel wichtiger als Websites. Das Handyinternet wird ebenfalls bald eine größere Rolle spielen, weil ein großer Anteil der Kenianer eben ein Handy besitzt.
Das Radio ist derzeit ein effizienteres Kommunikationsmittel als das Internet. Zum Radio haben einfach viel mehr Leute Zugang. Und es ist auch eine sehr persönliche Form von Medienträger. Ein Bauer hört Radio, während er seinen Mais erntet, eine Frau hört Radio, während sie die Sorghumernte einfährt, ein junger Mann hört Radio, während er auf einem Sportplatz in einem verarmten Wohngebiet trainiert. Auch wenn sie alle das gleiche hören, so tun sie das auf sehr individuelle Weise, während sie ihren eigenen Tätigkeit nachgehen.

Die digitale Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Süd und Nord ist nicht zu leugnen. Wie stellt sich dir als Journalist diese Kluft dar?
Ich sehe, dass diese digitale Kluft die Weltsicht der Leute im Norden wie im Süden beeinflusst hat. Diejenigen mit einer maßgeblichen digitalen Präsenz fangen an, sie als eine Vorbedingung für Entwicklung und Fortschritt zu begreifen. So ein Szenario führt dann zu einer Überbewertung von Medien wie dem Internet auf Kosten anderer Medien, die vielleicht an einem bestimmten Platz oder zu einer bestimmten Zeit viel effektiver wären. Das Internet in Kenia hilft zwar, die Zirkulation von gesellschaftskritischen Informationen zu beschleunigen, aber es generiert diese Informationen nicht von selber.
Indymedia Kenya funktioniert wie ein Dorf, das einen Brunnen teilt. Von diesem Brunnen profitieren alle, es gibt keine bevorzugten Wege, die die Leute gehen müssen, um an das Wasser des Brunnens zu gelangen. Wichtig ist, dass es einen Wasservorrat gibt, aus dem geschöpft werden kann. Im Fall von Indymedia sind das die Stimmen, die artikuliert und die eingefangen werden. Dabei haben die Leute die Freiheit, jedes beliebige kreative Medium zu benutzen, das sie selber bevorzugen, um ihr Vorhaben zu realisieren. Wir motivieren Leute, ihre Botschaft zu singen oder schauspielerisch darzustellen, sie über das freie Radio zu transportieren oder auf der Website zu veröffentlichen oder als Tonbeitrag auf Datenträger zu brennen. Wichtig ist, dass die Botschaft auf einfachem, aber wirkungsvollem und kreativem Weg in die Öffentlichkeit gelangt.


John Bwakali lebt in Nairobi und ist Filmemacher und Autor. Das Interview führte Martina Backes, Mitarbeiterin im iz3w.
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Ergänzungen

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Diet Simon 26.10.2009 - 22:39
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