Keine Stimme für "Wir wollen lernen"

FSR Erzwiss. 26.10.2009 13:13 Themen: Bildung Soziale Kämpfe
Mit der Kampagne "Wir wollen lernen" wird per „Volksbegehren“ versucht, die von der schwarz-grünen Landesregierung initiierte Reform der Hamburger Schulstruktur aufzuhalten. Jegliche Tendenz zum längeren gemeinsamen Lernen oder gar der Überwindung des mehrgliedrigen Schulsystems soll schon im Keim erstickt werden.
Initiator der elitären Kampagne ist Hobby-Pädagoge Dr. Walter Scheuerl, seines Zeichens Rechtsanwalt bei der Großkanzlei Graf von Westphalen aus Blankenese und Elternsprecher an einem Hamburger Gymnasium. An die Stelle einer fundierten kritischen Auseinandersetzung bspw. mit dem Für und Wider der Sortierung von Kindern auf verschiedene Schulformen, setzen die wohlbetuchten Macher Geld. Extra für die Kampagne wurde die Firma "Frank Solms Nebelung Consulting" engagiert, ihres Zeichens „Gesellschaft für Krisen- und Veränderungskommunikation“, und ein Kampagnenbüro in bester Innenstadtlage eröffnet. Mit einem Volksbegehren als demokratisches Engagement der Bevölkerung hat das nur wenig zu tun.

Mit einer kalkulierten Mischung aus Panikmache und völlig haltlosen Behauptungen betreiben Scheuerl & Konsorten billige Propaganda um ihr soziales Bildungsprivileg in Form des Heiligtums Gymnasium zu retten.
So wird z.B. in einer ekelhaften Verdrehung von Tatsachen propagiert, dass die Einführung von Stadtteilschulen die soziale Spaltung in der Stadt verschärfen würde. Das mehrgliedrige Schulsystem wird zugleich als Ausdruck erhaltenswerter "Bildungsvielfalt" dargestellt. Dabei ist in einer Vielzahl von Studien nachgewiesen worden, dass das deutsche Schulsystem eben wegen seiner Mehrgliedrigkeit weltweit eines der sozial selektivsten ist. Bereits die PISA-Studien hatten belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasiumbesuchs für ein Akademikerkind in Deutschland etwa siebenmal so hoch wie jene eines Facharbeiterkindes ist. (Selbst bei gleicher individueller Lese- und Mathematikkompetenz betrug dieses Verhältnis noch 4 zu 1.) In seinem Bericht als UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, stellte Vernor Muñoz 2007 fest, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem sowieso schon benachteiligte Kinder zu doppelt benachteiligten macht. Kinder aus sozial schlechter gestellten Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderungen werden systematisch benachteiligt und diskriminiert. Diese massive Ungleichheit als Bildungsvielfalt zu rechtfertigen, ist schlicht zynisch!

Hier scheint die High Society angesichts einer Zusammenlegung der Schülerinnen und Schüler verschiedener Lernstufen und sozialer Herkunft geradezu angewidert zu sein. Aber diese Reaktion hat Tradition: Schon 1920 war die Einführung der gemeinsamen Grundschule an Stelle der von vornherein geteilten Vorstufen der Volksschule und des Gymnasiums mit viel Widerstand aus der elitären Schicht verbunden.
Die Überwindung des bestehenden Schulsystems hin zu einem inklusiven Schulsystems, in dem sich SchülerInnen in solidarischen Lernformen gegenseitig in der Entwicklung unterstützen und nicht aufgrund von scheinobjektiven Leistungsunterschieden selektiert werden, ist dringend erforderlich. Der Schritt, der mit der aktuellen Schulreform in Hamburg getan wird, ist zwar letztlich ein halbherziger Kompromiss zwischen CDU und GAL, bleibt aber ein – wenn auch unzureichender – Schritt in eine pädagogisch sinnvolle Richtung. Die Forderung der Initiative „Wir wollen lernen“ nach Konservierung des Status Quo gilt es daher entschieden zurückzuweisen.
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Ergänzungen

hihi

haha 26.10.2009 - 18:03
"Die Überwindung des bestehenden Schulsystems hin zu einem inklusiven Schulsystems, in dem sich SchülerInnen in solidarischen Lernformen gegenseitig in der Entwicklung unterstützen [...]"

Durch welche sozialpädagogische Brille guckst du denn hier? Es handelt sich um Kinder, und da habe ich ernste Zweifel ob sie die nötige Reife mitbringen effektives Lernen in "solidarischen Lernformen" zu praktizieren, so wie es im akademischen Bereich der Fall sein sollte. Die Entwicklungsstadien von Kindern zeigen nunmal deutlich auf, das diese in einem bestimmten Alter einen Erwachsenen Vormund (den/die LehrerIn) brauchen auf deren Wort sie sich verlassen können, soziologisches Geseier von Lernformen hilft da nicht.

Immer wieder beeindruckend was für falsche Messlatten hier angelegt werden.

Und ganz ehrlich: Anstatt wie wild auf Gymnasien einzuhacken sollte man sich mal lieber gegen Privatschulen richten, denn hier findet die wahre Elitenbildung statt, nicht an irgendwelchen normalen, staatlichen Sek I. Stufen...

jetzt im ernst?

schokoladenkekswillanonymbleiben 26.10.2009 - 23:31
Vorweg: Ich bin auch für gleiche Bildungschancen. Und die Beweggründe einiger Reform-Verhindern-Woller halte ich ebenfalls für zweifelhaft.
ABER: Die Schulreform ist trotzdem Mist so wie sie durchgeführt weden soll, meines Erachtens nach.
Denn Menschen sind nunmal unterschiedlich, und wie "begabt" bzw. lernwillig oder wie man es nennen will, kann man nicht in der ersten Klasse erkennen. Und durch die Kooperation von jeweils einer Grund- und Stadtteilschule/Gymnasium müssen die Eltern in der Ersten Klasse bestimmen, was ihr Kind denn mal fürn Abschluss machen soll, was pädagogisch irgendwie sinnfrei ist.
Und die Profiloberstufe (ich gehöre zum "Testlauf") ist auch nicht so das Wahre, der Satz der uns am häufigsten gesagt wurde war "Keine Ahnung", sobald Fragen aufkamen, wie denn das eigentlich funktionieren soll. Ausserdem ist es doch eine starke Einschränkung der Wahlmöglichkeiten von Kursen.
Die sechs Jahre Grundschule sind an sich keine schlechte Idee - aber wo sind die Räumlichkeiten für die 5./6. Klasse? Solln die jetzt alle pendeln oder ausgelagert werden an die Stadtteilschulen oder bauen wir die Vorhandenen Grundschulen einfach um?? Das kostet Geld.
Und, btw., Lehrer haben wir auch zu wenig um auch die "benachteiligten" unter uns mitziehen zu können...
Ja, eine Veränderung ist notwendig, aber bitte ein bisschen geplant und nicht so durchgeprügelt!
lg

It's about choice

me 27.10.2009 - 04:47
Bei aller berechtigten Kritik an der geplanten Reform, eine Illustration zur Grundproblematik:

Keine Entmündigung der Eltern

KlausHH 05.11.2009 - 13:36

Zunächst möchte ich daraufhinweisen, das das Sicherheitszertifikat für die Seite fehlt. Als Vater eines Sohnes möchte ich gemeinsam mit meiner Frau und nach Rücksparche mit den Lehrer entscheiden auf welche Schule mein geht kommt. Knder sind bereits eigenständige Persönlichkeiten, die sich auf verschiedenen Stufen befinden, unabhängig vom Alter, warum sollte ein Kind das wissbegierig ist und Spaß am lernen hat nicht auch anders gefördert werden - Ich wünsche der Initiative Wir wollen lernen ganz viel Erfolg, den Sie beweist auch das Demokratie funktioniert.

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Diffamierender Artikel — Irene Riedel