Zynische Vorschläge für mehr Hartz4-Schikane

Verena Nadorst 25.10.2009 18:35 Themen: Soziale Kämpfe
Die angebliche (oder selbsternannte) Bürgerrechtlerin und Datenschützerin Bettina Winsemann zeigt sich als begeisterte FDP-Anhängerin und provoziert ausgerechnet mit der Forderung, ALG-II-BezieherInnen ihren VermieterInnen gegenüber zu offenbaren.
Dass die FDP am liebsten das im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch relativ MieterInnen-freundliche bundesdeutsche Mietrecht kippen würde, ist sicherlich kein Geheimnis. Den Marktradikalen geht es viel zu weit, dass VermieterInnen nicht beliebig kündigen oder die Miete erhöhen können.

Beim letzten Wahlkampf hat die FDP allerdings sehr geschickt taktiert und ihre neoliberalen Kernthesen in soziale Watte gepackt verkauft. So z.B. trat sie dafür ein, dass die Job-Center die Miete für ALG-II-BezieherInnen direkt an die Vermieter überweisen sollten. Und zwar angeblich zum Schutz der MieterInnen. Denn diese wären immer wieder versucht, die zur Zeit (noch?) an sie ausgezahlten Kosten der Unterkunft aufzuknuspern und könnten dann ihre Miete nicht zahlen.

Freilich sieht auch die bisherige Rechtslage vor, dass in solchen Fällen das Amt die Direktbezahlung einleiten kann, um einem Verlust der Wohnung wegen säumiger Mietzahlung vorzubeugen.

Den zynischen Gipfel in der Diskussion um die Hartz4-Miete markiert nun aber mit Bettina Winsemann ausgerechnet eine Telepolis- und taz-Blog-Autorin, die sich selbst als Bürgerechtlerin und Datenschützerin bezeichnet. Sie führt die verlogenen Begründungen der FDP weiter und behauptet ganz unverschämt, es diene der Selbstorganisierung der ALG-II-BezieherInnen, wenn sie sich nicht länger verheimlichten.

Telepolis 19.10.09: "Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von der Miete"
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31329/1.html

Nicht genug, dass die Autorin sich rundweg begeistert vom Liebling der Immobilienbranche, der FDP, zeigt. (Laut einer Studie der Immobilienzeitung wählen - wen wundert's? - 42% der Beschäftigten der Immobilienbranche die FDP.) Winsemann erdreistet sich zu der bescheuerten These, es diene dem Coming-Out von ALG-II-BezieherInnen und demzufolge ihrer Selbstorganisierung, wenn ihre VermieterInnen von ihrem sozialen Status erführen.

Die vollkommen verblödete Annahme mal weitergedacht: Wie soll das denn nun funktionieren - es werden ja wohl kaum die VermieterInnen selbst sein, denen gegenüber der Hartz4-Status offenbart werden soll, mit denen die ALG-II-abhängigen MieterInnen sich verbünden sollen? Logisch schlussgefolgert müsste Winsemann doch fordern, der ALG-II-Bezug müsse durch einen von den VermieterInnen anzubringenden deutlichen Hinweis am Klingelsschild gekennzeichnet werden. Denn wie sonst sollen die Betroffenen sich nun gegenseitig erkennen und zueinander finden? Und: Kommt als nächstes der Vorschlag eines bunten Stofffetzens mit der Aufschrift "Hartz4", den ALG-II-BezieherInnen deutlich sichtbar außen an ihrer Kleidung anbringen müssen? Also, voll und ganz im Interesse der Selbstorganisierung natürlich, wie historische Beispiele ja gezeigt haben?

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Betroffenen endlich mal gegen AntreiberInnen des Sozialabbaus und ApologentInnen der Job-Center-Schikanen, wie Winsemann, organisieren - und ernstzunehmende DatenschützerInnen diese Trojanerin aus ihren Reihen verbannen.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Bettina Winsemann - Eintrag bei Wikipedia

Whois Who 25.10.2009 - 18:59
 http://de.wikipedia.org/wiki/Bettina_Winsemann

Den taz-blog macht sie allerdings schon seit zwei Jahren nicht mehr.

Lust und Last der Lesarten

Whois Who 25.10.2009 - 19:42
Ja, stimmt, der Text lässt sich auch als Satire lesen. Allerdings nur für eingweihte, ist mein Eindruck. Wer die Autorin kennt und ihr eine affirmative Haltung zu der FDP-Forderung nicht zutraut, wird diese Lesart haben. Bei anderen Leuten kann ich mir das aber sehr schwer vorstellen, denn die Erklärungsmuster sind schließlich die ganz normalen, die jeden Tag standardmäßig in den gängigen Medien abgespult werden.

Okay, das Beispiel mit der umgepackten Billigwurst könnte schon aufmerksam machen. Ich denke dennoch, dass es ein gutes Beispiel für ein Fake ist, das nach hinten losgeht: Nur diejenigen, die schon von der angestrebten Message überzeugt sind, können diese überhaupt darin lesen. Es gelingt der Ironie nicht, die Wirklichkeit zu überzeichnen, da die Wirklichkeit längst weiter und wie selbstverständlich krasser ist.

Über die Motivationen der FDP

Whois Who 25.10.2009 - 19:54
Der "Gegenstrom"-Blog mutmaßt über die Motivationen der Immobilienwirtschaft-Partei FDP, eine solhe Regelung einführen zu wollen, das folgende: Hartz4'ler würden häufiger als andere Mieter die Miete wegen miesen Zustands der Wohnung kürzen. Dies ärgert die Hausbesitzer. Und die Kürzungen wären aufwändiger, wenn sie über das Amt organisiert werden müssten. Daher fordere die FDP ein, die Hausbesitzer zum Schutz vor Mietkürzungen direkt zu bezahlen.
 http://www.gegenstrom.net/wordpress/2009/10/22/ein-hartz-fur-vermieter/

Ironieerkennung

fx 25.10.2009 - 21:24
Sorry, aber nach nochmaligem Durchlesen muss ich sagen, dass mir wirklich völlig unbegreiflich ist, wie mensch die Ironie in Bettina Winsemanns Artikel übersehen kann? Schon in der Einleitung wird das doch durch den Satz "Der ALG-II-Regelsatz ist, trotz der erst unlängst erfolgten, *immensen* Erhöhung von einst 345 auf zunächst 351 und nun 359 Euro..." mehr als deutlich gemacht. Und dass Telepolis und/oder Bettina Winsemann jetzt auf einmal eine 100%ige Kehrtwende vollführen und zu Westerwelle-Fans und Sarrazin-Apologeten werden ist doch wirklich ziemlich unwahrscheinlich, oder?

ist doch schon gang und gebe

egal 25.10.2009 - 21:36
wenn du als harz4 empfänger umziehen willst brauchst du einen schriftliches mietangebot vom vermieter,der weiß dann automatisch das du harz4 empfänger oder verschuldet bist.

ey ihr vollpansen

know your enemy 25.10.2009 - 23:32
so offensichtlich satire. wer das nicht schnallt darf niemals titanic lesen, dreht sonst durch...

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 6 Kommentare an

ironie — is ne schwierige sache

Ubdo OB das ne gelungene Satire ist... — Let`s twist again...

war doch klar — godwin

Ich bin besser als du — Antifaklischeekind

GLOSSE — Maja