Kiel: Nazis in der Wik #2

Antifas vom Westufer 22.10.2009 19:25 Themen: Antifa Blogwire
Nach wie vor ist eine personell überschaubare, aber äußerst gewalttätige Gruppe von Neonazis aktiv in Kiel. Sichtbar macht sie sich vor allem im Kieler Norden mit Schmierereien, Anschlägen und Übergriffen. Wohnhaft sind einige sich selbst als „autonome NationalistInnen“ bezeichnende AktivistInnen der („Aktionsgruppe Kiel“) „AG Kiel“ im Stadtteil Wik.

Hier eine Einschätzung der Nazi-Gruppe und der Situation in der Wik.
Politisch stellt die Kieler Naziszene unserer Meinung nach derzeit keine ernsthafte Gefahr dar: Es ist offensichtlich, dass es derzeit keinen einzigen „Kameraden“ in der Stadt gibt, der fähig wäre, ernsthaft politisch zu arbeiten.


Die NPD

Der seit der Kommunalwahl 2007 im Kieler Rathaus sitzende NPD-Ratsherr Hermann Gutsche taugt nun wirklich nicht als Identifikationsfigur: Er läuft ungepflegt bis verwahrlost herum. Seine sporadischen, dümmlichen Anträge und Petitionen zu „linker Gewalt“, angeblichen „Wahlfälschungen“ etc. werden in der Öffentlichkeit, wenn überhaupt, dann mit Befremden wahrgenommen.

Der Neonazi Peter von der Born ist eine fast schon tragische Figur. Symptomatisch für seine extreme Dummheit ist ein „Interview“, das der Radiosender NDR-Info im Wahlkampf zur Schleswig-Holsteinischen Landtagswahl 2005 sendete (von der Born war damals NPD-Kandidat):
NDR-Info: „Herr von der Born, wieso ist die NPD gegen die Globalisierung?“
Von der Born: „Ääääähm, Glo.., Gl..Globali...., äh, ................ äääääääähhh .........“ (eine Minute lang Gestammel)
NDR-Info: „Danke Herr von der Born!“

Kurze Zeit später bekam von der Born in einem Gerichtsverfahren wegen schwerer Körperverletzung die Bewährungsauflagen, ein Anti-Aggressions-Training zu besuchen und einen Alkohol-Entzug zu machen. Erfolgreich waren beide Maßnahmen offensichtlich nicht.

Heute ist er nach eigenen Angaben in der offen neonazistischen „AG Kiel“ organisiert, die im Übrigen personell auch fast identisch mit Kieler NPD-Strukturen ist.


Die „AG Kiel“

Die „AG Kiel“ wurde im Jahr 2006 von dem ehemaligen NPD-Funktionär und Gewalttäter Peter Borchert gegründet. Nach dessen Inhaftierung und späterem Wegzug aus Kiel wird sie vermutlich von Peter von der Born (siehe oben) und dem als gewalttätig und dumm bekannten Nachwuchsnazi Daniel Z. geführt. Der harte Kern der „AG“ dürfte heute aus ca. 10 Neonazis bestehen.
Die „Öffentlichkeitsarbeit“ der Gruppe beschränkte sich hauptsächlich auf Herausforderungen des politischen Gegners (vor allem der Antifa), bzw. Reaktionen auf Antifa-Aktionen. So führte die „AG“ mehrere Infostände an Orten durch, an denen zuvor Antifa-Aktionen stattgefunden hatten (z.B. in Mettenhof und in der Wik nach Antifa-Kundgebungen).
Andere Aktionen können als gezielte Provokationen des politischen Gegners gewertet werden. Es gab beispielsweise Flugblatt-Aktionen im links- und migrantisch geprägten Stadtteil Gaarden. Auch ihre politisch sinnentleerten Aktivitäten in der Innenstadt hatten für die „AG“ lediglich den Zweck, sich „zu zeigen“, bzw. der Antifa zu beweisen, dass es (manchmal) möglich ist, in der Kieler Innenstadt faschistische Flugblätter zu verteilen.
Von der Bevölkerung wurden die Aktionen entweder nicht wahrgenommen oder mit Befremden bis offener Feindseeligkeit aufgenommen. Auch bei Info-Ständen ohne Antifa-Präsenz konnten sich die„Kameraden“ keine neuen Freunde machen. – Wer sollte sich auch für veraltete, aus dem Internet ausgedruckte Nazi-Flugblätter interessieren, die auf einem Tisch liegen, hinter dem grimmig dreinschauende Männer mit verschränkten Armen stehen?

Lustig auch der letzte Internet-Text der „AG“ (wie üblich voller Pathos und Satzbaufehler): Dort feierten die Neonazis es allen Ernstes als politischen Erfolg, sich zu dritt unerkannt auf die Wahlparty der CDU geschlichen zu haben. Anschließend ließ sich Ministerpräsident Carstensen (CDU) mit den drei Deppen fotografieren. Ob es den Nazis auch gelungen ist, unerkannt SPD zu wählen, ist nicht bekannt...

Das Einzige, was die AG politisch bis heute halbwegs seriös hinbekam, war das (sporadische) Aufhängen von Wahlplakaten der NPD und – man höre und staune – von Wahlplakaten der desolaten rechten Spießer-Partei DVU. Was ein Unglück für die armen, frustrierten „Kameraden“: Bei der letzten Wahl reichte es für die Nazis nicht einmal für die Rückerstattung der Wahlkampfkosten. Außer Spesen nix gewesen!


Nazigewalt

Tatsächlich scheinen politische Erwägungen eine untergeordnete Rolle für die „AG Kiel“ zu spielen, wichtiger ist der Erlebnisfaktor: Die Möglichkeit für geistig eher unterbelichtete Leute, ihrem Leben über ein „soldatisches Lebensgefühl“ einen Sinn zu geben. Eben dies macht diese Gruppe so gefährlich. So begingen Mitglieder der „AG“ in den letzten zwei Jahren eine Vielzahl gezielter und ungezielter Gewalttaten. Zuweilen traf es vollkommen Unbeteiligte (bekanntestes Beispiel ist der schwer verletzte Tänzer des Kieler Opernhauses), bei anderen Gelegenheiten Menschen mit Migrationshintergrund, Bewohner_innen oder Gäste von alternativen Wohnprojekten, und manchmal wurden politische Gegner verletzt.
Außerdem bemüht sich die Gruppe, sich mit Schmierereien und Verkleben von (im Internet bestellter) Nazi-Propaganda im Stadtbild sichtbar zu machen. Dieses geschah in den letzten Wochen vor allem im Kieler Norden, in den Stadtteilen Projensdorf und Wik bis hin zur Kieler Universität. Das Beschmieren der Kieler Uni kann als gezielte Provokation gewertet werden, die Schmierereien und Klebe-Aktionen vor allem in der Wik dienen einem anderen Zweck: Die Nazis beanspruchen diese Gegend als ihr „Revier“, vor allem manche Straßenzüge nördlich von Belvedere werden regelmäßig von ihnen verschandelt.


Nazi-„Homezone“ Wik?

Tatsächlich existiert nur eine kleine Szene von einer handvoll Neonazis in der Wik. Ihr Umfeld ist ebenfalls überschaubar. Diese Leute sind trotzdem durchgeknallt genug, um zu glauben, sie hätten im Viertel etwas zu melden. Dies bekamen in den letzten Monaten vor allem eher unpolitische Oi-Skins und -Punks im Viertel zu spüren (den Nazis bekam dies körperlich aber auch nicht immer gut).
Außerdem wurde ein eher unpolitisches Wohnprojekt mehrmals heimgesucht, Besucher_innen wurden bedroht und nachts mehrfach Scheiben eingeworfen. Hier schreckten die Nazis nicht einmal davor zurück, Steine in Kinderzimmer zu schmeißen. Dies brachte den Nazis sehr negative Schlagzeilen in den Landeszeitungen und verstärkte Observationen durch die Polizei ein (siehe hierzu auch  http://de.indymedia.org/2009/05/251990.shtml).
Im Sommer verloren auch mehrere Wiker Nazis nach Beschwerden empörter Nachbar_innen ihre Miet-Wohnungen: Die „tapferen Soldaten“ (O-Ton der „AG Kiel“) hatten nachts herumgegrölt, laute Nazi-Musik gehört und ihre eigene Garage voll geschmiert (nicht sehr schlau, wenn man zur Miete wohnt).

Neu ist, dass auch die türkische Community im Viertel ins Visier der Nazis geraten ist (mal sehen, wie den „Kameraden“ dies auf Dauer bekommen wird): Nachdem im Sommer bereits Hakenkreuz-Schmierereien an einem von Türk_innen bewohnten Haus im Elendsredder aufgetaucht waren, wurden in der Nacht zum 11.10.2009 bei einem Döner-Imbiss in der Holtenauer-Str. (nähe Elendsredder) die Scheiben eingeschmissen. In derselben Nacht wurden Nazi-Parolen an die Wand eines Hauses gegenüber geschmiert. Bei dem Täter handelt es sich Gerüchten im Viertel zufolge um einen Neonazi, der regelmäßig in einer Nazi-WG in unmittelbarer Nähe verkehrt. Wäre spannend, wenn das stimmt: Die „Kameraden“ aus dieser WG gehen sonst nämlich gerne mal einen Döner bei den „Kanaken mit ihren schmierigen Öl-Augen, die unnötig Luft in unserem Land verbrauchen“ (O-Ton der „AG Kiel“) essen, auch bei dem betroffenen Imbiss. Aber logisches Denken war noch nie die Stärke dieser Leute.

Ein weiteres Ereignis muss noch genauer recherchiert werden: Im Juli diesen Jahres fanden offensichtlich zwei illegale Nazi-„Partys“ auf dem leer stehende Anscharpark-Gelände in der Wik statt (ehemaliges Krankenhaus im Besitz der Stadt). Die Polizei wurde informiert, schritt aber nicht ein, als besoffene (großteils angereiste) Boneheads randalierten, Nazi-Lieder grölten und ein Feuer aus herausgerissenen Türen im Innenhof des Geländes entfachten. Nach Beschwerden empörter Anwohner_innen und Intervention des Wiker Ortsbeirates wird die Gegend aber von der Polizei nun öfter bestreift. Es scheint unwahrscheinlich, dass die Nazis sich derartige Ausfälle in Zukunft noch einmal erlauben können.
Zum Glück für die Kieler Polizei griff die Landespresse den Vorfall nicht auf, die Intervention des Ortsbeirates dürfte aber dennoch eine weitere Peinlichkeit für die Beamten sein. Zuletzt hatten die Medien im Juni 2009 überregional berichtet, dass die Kieler Polizei über eine Stunde brauchte, um am Ort des Geschehens zu erscheinen als bewaffnete Neonazis in unmittelbarer Nähe einer Party in der Wik provozierten (siehe verlinkter Artikel am Schluss).
Einen Effekt haben die Aktivitäten der Nazis in der Wik in jedem Fall: eine zunehmende Sensibilisierung der Menschen im Viertel für das Problem! So muss etwa den Anwohner_innen des Anschar-Parks niemand mehr erzählen, dass Nazis scheiße sind. Das haben diese selbst eindrucksvoll unter Beweis gestellt.


Fazit

Dass es in Kiel keine „Homezone“ für Neonazis gibt, wird schon daran deutlich, dass selbst in der Einfamilienhaus-Gegend Projensdorf Nazi-Plakate selten länger als einen Tag lang hängen. Trotzdem existiert im Kieler Norden eine durchgeknallte Nazi-Gruppe, die politisch ungefährlich ist, aber aufgrund ihrer Gewalttätigkeit und Unberechenbarkeit ernst genommen werden muss. Nicht zuletzt die Razzien wegen illegalen Waffenbesitzes unter anderem in der schleswig-holsteinischen Naziszene vom 13.10.2009 sollten nicht nur der Antifa zu denken geben.

Es gilt weiterhin, die Häuserwände (nicht nur) der Wik frei von Nazi-Dreck zu halten und aktive Solidarität mit den Betroffenen der Nazi-Gewalt zu üben. Auch die Aufklärung der Wiker_innen über ihre unangenehmen Nachbar_innen muss natürlich weitergehen.
Es gilt aber auch, im Blick zu behalten: Es handelt sich bei den Kieler Neonazis um eine kleine, isolierte Gruppe geistig unterbelichteter Deppen, die nirgendwo wirklich etwas zu melden hat - auch in der Wik nicht!

Daran können auch ein paar Schmierereien und Aufkleber nichts ändern.



Antifas vom Westufer, 20.10.2009




Hier unser erster längerer Artikel zum Thema Nazis in der Wik, geschrieben unmittelbar nach den Angriffen auf das Wohnprojekt „Dampfziegelei“ im Viertel:
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Ergänzungen

Film zu den Nazi-Anschlägen

antifas vom westufer 22.10.2009 - 19:38
Hier noch ein Link zu einem (nicht ganz aktuellen) Film von Kieler Studies zu den Anschlägen in Kiel. War unserer Meinung nach noch nicht auf Indy verlinkt?

Guter Artikel!

antifa 22.10.2009 - 19:46
Endlich mal ein Artikel zum Thema, der nicht nur die existente Gefährlichkeit der Kieler Naziszene betont, sondern auch deren Lächerlichkeit beschreibt.
Leute, die Transparenten mit Rechtschreibfehlern hinterher laufen und sich im Zuge von Gerichtsprozessen von ihrer "rechten Einstellung" distanzieren (wie in den letzten Monaten zwei Mal in Kiel geschehen) sind tatsächlich politisch jämmerliche Gestalten.

Ob wir der „Titanic“ mal ein wenig Material zuspielen sollten?

Bullenpresse zu Razzien gegen Nazis

leser 22.10.2009 - 21:22
LKA-SH: Gemeinsame Presseerklärung der STA Flensburg und des LKA
Schleswig-Holstein: Durchsuchungen u. a. gegen Personen des rechten
Spektrums wegen Verdachts des Handels mit Schusswaffen

Kiel (ots) - Am 06.10.2009 und am 13.10.2009 durchsuchte das
Landeskriminalamt Schleswig-Holstein mit insgesamt 100 eingesetzten
Beamten gemeinsam mit Spezialkräften, Spürhunden und technischer
Unterstützung 10 Objekte im Bereich Flensburg, Nortorf, Niebüll und
Tönning. In den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und
Baden-Württemberg wurde parallel jeweils ein Objekt durch die dort
zuständigen Stellen durchsucht.

Die Staatsschutz-Abteilung des Landeskriminalamtes
Schleswig-Holstein ermittelt seit November 2008 gegen 8
Hauptbeschuldigte im Alter zwischen 22 und 68 Jahren, die in der
Mehrzahl bereits wiederholt polizeilich in Erscheinung getreten sind.
Ihnen werden illegaler Handel mit Schusswaffen, unerlaubter Waffenbesitz
und das Verändern von Schusswaffen vorgeworfen. Die Polizei geht davon
aus, dass die Beschuldigten in erheblichem Maße ihren Lebensunterhalt
durch die Begehung dieser und weiterer Straftaten bestritten haben. Die
Schusswaffen sind nach den bisherigen Ermittlungen nicht in größeren
Chargen sondern in Einzelverkäufen weitergegeben worden, und zwar an
Personen aus dem rechten Milieu, dem allgemeinkriminellen Milieu, der
Türsteher- und der Rockerszene. Schwerpunkte der Täteraktivitäten liegen
in Schleswig-Holstein in den Bereichen Flensburg, Nortorf und Westküste.
Einer der aus Flensburg stammenden Haupttäter ist über die Landesgrenzen
hinaus als Mitglied der rechten Szene bekannt und in diesem Zusammenhang
bereits wiederholt polizeilich aufgefallen. Weitere Beschuldigte stehen
der rechten Szene nahe.

Die Durchsuchungen haben zur Sicherstellung einer Vielzahl von
Waffen, Munition und weiteren Tatmitteln geführt. Konkret wurden

6 Maschinenpistolen, davon zwei mit Schalldämpfer, 7 Pistolen, davon
eine mit Schalldämpfer, 5 Revolver, 1 sogen. Pumpgun, 12 Langwaffen
(Jagdgewehre), Waffenteile, diverse Schreckschusswaffen und verbotene
Messer, Bolzenschussgeräte sowie etwa 2000 Schuss Munition
verschiedenen Kalibers

gefunden.

Daneben konnten größere Mengen an Schmuck sowie Tatwerkzeugen
sichergestellt werden, deren Zuordnung aktuell andauert. Hier vermuten
die Ermittler eine Herkunft aus Einbruchstaten und sonstigen Diebstählen.

Die Ermittlungen werden durch das Landeskriminalamt weitergeführt,
Schwerpunkte bilden hier insbesondere die Herkunft der Waffen und die
Verkäufe.


Rückfragen bitte an:

Landeskriminalamt Schleswig-Holstein
Stefan Jung

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Anschlag auf Imbiss?!? — besorgter Beobachter

Antifaschistischer Widerstand? — antifa vom ostufer

wik antifa zone — wiker