Weder Steckbrief noch Denkmal

lesender arbeiter 21.10.2009 16:13 Themen: Blogwire Kultur Repression
Noch bis zum 23.10.09 ist von 12–19 Uhr in der Knesebeckstr. 13 in Berlin-Charlottenburg eine ungewöhliche Ausstellung zu sehen. Es sind Mosaiken von 8 politischen Gefangenen, die das deutsche Gefängnis nicht überlebt haben.
Als Begleitprogramm gibt es am Donnerstag und Freitag eine Veranstaltung.
In dem jungen Mann, der so konzentriert in die Kamera blickt, hätte wohl kaum jemand das Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF) Holger Meins erkannt. Von ihm hat sich ein Bild eingeprägt, wie er total abgemagert nach einem langen Hungerstreik gestorben war. Auch Paoli Neri hat dieses Bild als Jugendlicher gesehen, und es hat ihn bis heute nicht losgelassen. Neri hat die 8 aus Marmor hergestellten Mosaiken geschaffen, die noch bis zum 23.Oktober in der Ladengalerie des Roten Antiquariats in Charlottenburg ausgestellt sind.
Auf ihnen sind Menschen aus Deutschland zu sehen, die wegen politischer Delikte im Gefängnis waren und es nicht mehr lebend verlassen haben. Neben Holger Meins sind es die RAF-Mitglieder Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Siegfried Hausner und Ingrid Schubert sowie Sigurd Debus, der als maoistischer Aktivist im Gefängnis war und während eines Hungerstreiks starb.
Neri will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass die Geschichte dieser Menschen nicht vergessen wird. Dabei legt er großen Wert darauf, die einzelnen Personen in den politischen Kontext zu stellen, in dem sie agierten. „Ich wollte ihnen in meinen Arbeiten ihre Individualität zurück geben“, betont Neri, der selber als linker Aktivist in Italien im Gefängnis war.
Genau diese Individualität ist dem Künstler gelungen.
So sind auf dem Mosaik von Holger Meins die Titel mehrerer Filme genannt, an denen er als Student an der Berliner Filmhochschule mitarbeitet hat. Bei Ulrike Meinhof wird an ihre Zeit als Mitglied der KPD und Kolumnistin für die Monatszeitung Konkret erinnert, bei Siegfried Hausner an sein Engagement im Sozialistischen Patientenkollektiv, einer psychiatriekritischen Gruppe (SPK).

Kein Politkitsch
Im Rahmen der Ausstellung fanden und finden zahlreiche Veranstaltungen statt. Am Dienstag wurde Paolo Neri und dem Schriftsteller Peter O. Chotjewitz über die Kunst als politische Ausdrucksform diskutiert. Chotjewitz berichtete über eine Diskussion über die Mosaiken, die mit einem ehemaligen RAF-Gefangenen hatte. Beide befürchteten zunächst, dass die Mosaiken zu Denkmälern und damit zum Politkitsch werden könnte. Nachdem sie beide die Ausstellung besucht hatten, stellten sie fest, dass ihre Befürchtung gegenstandslos ist.
Die individuelle Note die Mosaiken bewahrt die Werke vor dem Polit-Kitsch.
Der Betrachter, der die Personen bisher vielleicht nur von den Steckbriefen der Polizei kannte, könnte nachdenklich werden und vielleicht zu einem Buch greifen, in dem der politische Kontext, in dem die Personen agierten, beleuchtet wird. Es muss ja nicht gerade von Stefan Aust sein.

Am 22.Oktober wird im Rahmen der Veranstaltungsreihe in der Ladengalerie ab 19 Uhr der Film „Dalle Alpi Aquane“ über die antifaschistische Widerstandsgeschichte in Norditalien zu sehen sein. Er ist in Deutsch mit italienischen Untertiteln. Am Freitag findet ab 20 Uhr die Finassage unter Beteiligung des Künstlers statt.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Mosaiken ansehen

pjotr 21.10.2009 - 17:20
hier könnt ihr einen Blick auf die Mosaiken werfen.
 http://dl.getdropbox.com/u/819445/Kunst%2BKultur/8%20tote%20Gefangene.swf

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 2 Kommentare an

startseite — hans