»ndh-art« ..ein Text, eine Auseinandersetzung

»ndh-art« 18.10.2009 15:30 Themen: Antifa Freiräume Kultur
In Provinz-Regionen, wie Nord-Thüringen, ist meist der (Selbst-)Schutz vor gewalttätigen Angriffen und rassistisch und antisemitisch motivierten Übergriffen Anlass, sich in einer antifaschistischen Gruppe bzw. einem antifaschistischen Zusammenhang zu organisieren. Eine organisierte politische Arbeit spielt dabei meist eine untergeordnete bzw. gar keine Rolle. Es geht vor allem zuallererst um die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit gewaltbereiten extrem Rechten, ...

... aus dem Spektrum der »freien Kameradschaften«, den sich selbst bezeichnenden »Autonomen Nationalisten« und den lose bis gar nicht organisierten (sich selbst bezeichnenden) »Nationalen Sozialisten«, rechten Fußball-Hools und denen, die einer rechten, rassistischen und antisemitischen Ideologie anhängen. Daran wird sich orientiert und politisiert.

Bleibt eine Gruppe/ein Zusammenhang über längere Zeit bestehen, so widmen sie sich auch anderen Politikfeldern. Ein Schwerpunkt liegt dabei meist auf selbst-bestimmten und -verwalteten Freiräumen. -bzw. sollte er darauf liegen.- Da wo Freiräume bestehen, entwickelt sich allmählich eine dazugehörige Infrastruktur von Infoläden, Kneipen und Treffpunkten. Die Existenz solcher Freiräume war und ist für die politische Arbeit von antifaschistischen und linken bis hin zu linksradikalen Menschen von großer Bedeutung. Dort, wo Freiräume und Treffpunkte fehlen, haben es antifaschistische Gruppen/Zusammenhänge/Menschen erheblich schwerer sich zu organisieren, zu agieren und sich zu bewegen. Zwar stellen solche Freiräume und Treffpunkte ein beliebtes Angriffsziel für die extrem Rechten dar, doch schweißen Angriffe die Betroffenen zusammen und stärken ihren Organisierungsgrad und dessen Agieren. Mitunter, und gewünschter Effekt, gelingt es aus der Defensivposition herauszukommen und durch entschlossenes Auftreten den gewaltbereiten und extrem Rechten die Plätze und Räume zu nehmen, sie zu bekämpfen.

Werden aber, wie im Fall der »Destille« Nordhausen, Freiräume, in denen bisher extrem Rechte keinen Zutritt hatten bzw. bekamen, durch ihre Besitzer »entpolitisiert« setzt ein Effekt ein, der nicht geduldet und nicht hingenommen werden kann. Seit Wochen häufen sich die Beobachtungen und Berichte, dass extrem Rechten Einlass gewährt wird und sie ungehindert, durch Aussagen des Personals und der Betreiber/Besitzer, ihre Getränke zu sich nehmen können. Sollte es dann dazu kommen, dass die Betreiber/Besitzer bzw. das Personal auf die Personen angesprochen werden, dann wird beschwichtigend abgewunken: »Wir haben mit Politik nichts im Sinn.« oder »Die wollen auch nur ihr Bier trinken und wenn dir/euch das nicht passt kannst du/könnt ihr ja gehen!« oder »Ihr Linken könnt ja auch hier trinken.«. Mitunter geht es sogar soweit, dass wenn engagierte AntifaschistInnen die extrem Rechten am Zutritt hindern wollen, sie gar nach draußen befördern wollen, sie Hausverbot ausgesprochen bekommen oder ihnen mit Polizei gedroht wird. Sicher, die Besitzer bzw. Betreiber der »Destille« sind in keinerlei politischen - gar antifaschistischen Zusammenhängen engagiert. Doch der Club stellte seit Jahren einen Ort dar, wo eben extrem Rechte keinen Zugang bekamen, wo Hardcore-/Punkkonzerte stattfinden konnte, wo es Reggae-/Drum&Bass-Parties gab, wo antifaschistische, alternative und linke Menschen feiern konnten. Die »Destille« lebte unter anderem von selbstorganisierten Konzerten und Parties und außerhalb solcher Events von dem dazugehörigen Publikum. Freiräume sind in Provinz-Regionen, wie Nord-Thüringen, eine Seltenheit. Wenn dann Gespräche mit Betreibern/Besitzern an deren Ignoranz und Arroganz scheitern, dann wird es Zeit für ein Umdenken und Zeit für ein entsprechendes Handeln.

Doch leider ist es so, dass dort, wo antifaschistische Arbeit und Politik wichtig ist (überwiegend in den Provinz-Regionen) und Kontinuität erzielt werden muss, immer wieder personelle Wechsel stattfinden und beschriebene Freiräume/Treffpunkte wegfallen. Das Fehlen der personellen und strukturellen Kontinuität erschwert die antifaschistische Arbeit und Politik ungemein und macht sie mitunter (fast) unmöglich.

Hinzu kommt das nahezu Fehlen einer aufgeklärten und sensibilisierten, sowie kritischen Öffentlichkeit. Wenn es kaum mehr gelingt, durch das Öffentlichmachen (extrem) rechter Aktivitäten und (Neu-)Rechter Ideologien bei großen Teilen der jeweiligen Bürgerinnen und Bürger der Region/des Ortes zumindest Betroffenheit auszulösen und stattdessen antifaschistische Menschen als Unruhestifter und als »Standortproblem« wahrgenommen und angesehen werden, dann ist ein Umdenken unumgänglich.

Sicherlich ist das mit ein Grund dafür, dass die Bündnisarbeit mit zivilgesellschaftlich engagierten Kräften für viele Antifas ein Bestandteil der politischen Arbeit darstellt. Zeitweise ist dadurch, bei allen bestehenden Schwierigkeiten, die Möglichkeit gegeben, außerhalb von (autonomer) organisierter antifaschistischer Arbeit und Politik, Menschen für antifaschistische Inhalte zu interessieren und zu mobilisieren. Allerdings ist zu beobachten, dass, bei den »potentiellen« BündnispartnerInnen, Antifaschismus nicht als Teil eines politischen Konzeptes verstanden wird bzw. es Teil des politischen Konzeptes ist. Sie handeln lediglich oft aus dem Bauch heraus und unter dem Motto: »Der 2.Weltkrieg, die NS-Zeit und der Faschismus war(en) schrecklich!«, ab und an wird die Shoah noch mit benannt. Leider geschieht das nicht aus der Fragestellung heraus: »warum war so etwas möglich und wie konnte es sich durchsetzen?« und »was gibt es heute davon immer noch oder wieder?«. Wenn doch, dann müsste heftige Selbstkritik geübt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass Antifas es mit einer anti-extremistischen Öffentlichkeit zu tun haben, die eher liberal (regional unterschiedlich, mehr rechts als liberal) als links ist und antifaschistische Arbeit und Politik, aufgrund der Gleichsetzung von Rechts-Links, de facto entmündigt. So wird Antifaschismus auf eine, wenn überhaupt, ehrenwerte moralische Haltung reduziert. Wo eine Auseinandersetzung über die NS-Zeit und den bestehenden und aktuellen (extrem rechten) Zuständen, in der Gesellschaft fehlt - genauso wie das Bewusstsein um die politische Dimension, die damit einhergeht. So wird Antifaschismus als eine Bedrohung für andere gesehen, im besonderen durch engagierte Antifas.

Darin besteht sicher eine mögliche Bedeutung und Chance von Bündnissen, es kann nachgefragt werden und es besteht die Möglichkeit, eigene Positionen zu erklären und zu festigen, gar zum Bestandteil der Bündnisarbeit werden zu lassen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren gezeigt, das Themen wie z.B. der neue deutsche Antisemitismus (vor allem der in der »Mitte der Gesellschaft«) oder das Aufkommen eines erstarkten Nationalstolzes (das »Wir«-Gefühl) es über die Bündnisarbeit hinaus nicht in die Gesellschaft geschafft haben und es auch sonst schwer bis unmöglich scheint Inhalte zu thematisieren. Anhand allein dieses Umstandes muss doch klar die Frage lauten: »Sind Bündnisse ein allgemein gutes Podium für die Themen, oder sind sie doch einfach nur ein taktisches Mittel in bestimmten Situationen?«

Anmerkung:

Dieser Text entstand aus den Beobachtungen und Erfahrungen der letzten Jahre heraus. Er soll ein wenig die bestehenden (derzeitigen) Probleme wiedergeben und die Schwierigkeit antifaschistischer Arbeit und Politik in provinziellen Regionen beleuchten. Der Text ist eine subjektive Wiedergabe und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, aber auf wahren Inhalt. Ebenso ist er, wie die Beobachtungen, nicht abgeschlossen. Zu den angeschnittenen Punkten ließe sich seitenweise und ausführlicher schreiben. Allein schon, das die extremen Rechten in Nordhausen feste Stammkneipen/Treffpunkte haben, doch das kann und wird folgen. Der Text kann gerne kopiert und weitergegeben werden! Ergänzungen, Diskussionen sind erwünscht!

»Stay Rude, Stay Rebel And Don't Be Paranoid!«

bisher veröffentlicht bei:

Radium11 - www.radium11.wordpress.com

AANDH // PuR AANDH - www.afanordhausen.wordpress.com

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Ergänzungen

nordhausen sucks!

mona 20.10.2009 - 09:09
Ok, es ist definitiv nicht lustig oder hinnehmbar, mit Nasen in einer Kneipe Bier zu trinken.

Aber: Soweit ich es Euerm Text entnehmen konnte, der Besitzer betreibt seinen Laden dort mit Interesse am Gewinn (ist ja auch Standart) und eben nicht mit dem Interesse in Nordhausen eine linke Jugendkultur zu supporten.

Wenn ihr schreibt, dass die meisten Veranstaltungen dort selbst organisiert werden und dies bisher aus einer linken Richtung kam, warum lasst ihr das mit den Veranstaltungen dort dann nicht?
Dann wird der Besitzer weniger Einnahmen haben und evtl. seine Ansicht überdenken?
Außerdem braucht ihr ja ebensowenig dort euer Bier trinken gehn, wenn solches volk dort abhängt...

Eine Lösung für Nordhausen wurde schon vor Urzeiten mit dem Anstreben eines Autonomen Jugendzentrums diskutiert... Was ist daraus geworden?
Vielleicht solltet ihr wieder in dieser Richtung kämpfen, als Euch auf einen solch aussichtlosen Zirkus mit Privatbetreibern einlassen?
Dieser Besitzer hat dort sein Hausrecht inne und wenn ihm Nazis im Laden egal sind, dann könnt ihr euch auf den Kopf stellen und strampeln...

Warum macht ihr nicht nen eigenen Laden auf? Gründet nen Verein, kassiert ein paar Fördergelder für Jugendarbeit ect., sucht euch ein bezahlbares Objekt und los gehts...
braucht ein paar angagierte Leutz, Ideen und Durchhaltevermögen und ndh wäre etwas erträglicher...

Viel Glück und Kraft...

Umsatz ...und Freiräume

»ndh-art« 20.10.2009 - 12:18
Hallo

Die »Destille« war und ist kein selbst erkämpfter Freiraum. Aber er war in der Hinsicht einer, dass eben dort keine extremen Rechten rein konnten bzw. das wenn sie es versuchten, mit Beulen und blutenden Nasen rechnen mussten. Die alte Betreiberin hat viel an selbstorganisierten Dingen mitgemacht und mitgetragen, ja, sie hat auch Geld damit verdient. Aber vergessen wir dabei nicht, dass sie zu Leuten gehalten hat, die damals wie heute von der Gesellschaft ausgegrenzt werden und ihnen einen »Schutzraum« gegeben. Die heutigen Betreiber/Besitzer wollten die Schiene übernehmen und haben sich eben an der politischen Dimension verrechnet. -Einer der Betreiber bewegte sich, was für eine Schande, lange Jahre in linken und antifaschistischen Strukturen bzw. war/ist mit vielen aus der Szene (noch) befreundet.- Das es Ihnen um das Geld mit trinkenden extrem Rechten geht mag in Zweifel gezogen werden. Verdienen sie doch an und mit den Studi-Parties gut bis sehr gut. Das Niveau (das musikalische lassen wir dabie mal aussen vor) liegt dabei ganz klar am »abfüllen« der Studis. Somit sind sie auf die Kröten der extrem Rechten nicht wirklich angewiesen. Was traurigerweise noch hinzu kommt, die Studis sind (schätzungsweise) zu 95% so was von unpolitisch, die interessiert es einfach nicht. Reaktionen gibt es aus dem Umfeld zumindest bisher keine.

Was einen anderen/neuen Freiraum betrifft. Nordhausen bzw. die Region ist Provinz. Es gibt, wie oben geschrieben, wenig Menschen, die sich engagieren, die Antifaschismus eben nicht nur als »Lifestyle« verstehen. Und, wo anders hingehen ist nicht gerade einfach, wenn es in Nordhausen mind. 3 weitere Kneipen gibt, wo die extrem Rechten verkehren und wo es immer wieder zu Angriffen kommt. Und dann fängt es schon an dünn zu werden, denn so viele Kneipen bzw. Clubs hat Nordhausen nicht zu bieten. -Provinzleben eben und absoluter Normalzustand.- Überlegungen für einen selbsterkämpften und verwalteten Freiraum geistern immer mal wieder durch die Köpfe. Allerdings fehlt es dazu in solchen Regionen an personaler Unterstützung. Was bringt es, wenn sich 10 Leute ein Haus suchen und nehmen, aber dann im Kampf darum allein da stehen? Sie sind schneller abgeräumt als sie über Öffentlichkeitsarbeit etc. nachdenken können. Sicher, ein Verein stellt eine Möglichkeit dar. Doch was, wenn der Vereine geschaffen? Häuser/Räume kosten Miete, ein Verein ist registriert und somit für jedEn eine abrufbare und einsehbare Institution (auch für NPD'ler im Stadtrat/Kreistag) ...und somit sind die Vorstandsmitglieder die ersten, die mit Repression und Angriffen der extrem Rechten zu tun haben werden. Die Kette ist nachvollziehbar, oder? ...Es gibt viel, was für eigene Räume spricht, doch leider auch etliches dagegen. Der Kopf wird aber nicht in den Sang gesteckt: »Alles ist ein Anfang von irgendwas!"«

...Zustimmung und Teil der Unterstützung

InfoCafé E.g.a.L.!? 20.10.2009 - 14:27
Hallo

nach jetzt doch längerer Abwesenheit melden wir uns zurück. Wir basteln zur Zeit an einem kleinen und feinen Veranstaltungskalender, mit Vorträgen, Filmen, Diskussionen und Parties. Wenn Ihr/Du Ideen und Vorstellungen habt, dann schreibt uns doch ne Mail und wir versuchen das Thema mit aufzunehmen, natürlich mit Euch/Dir zusammen :) …die ersten Termine werdet Ihr hier also bald finden …zu allererst veröffentlichen wir einen Text von »ndh-art«. In dem Text geht es um antifaschistisches Engagement und Freiräume. Da wir das »InfoCafé E.g.a.L.!?« als eben einen solchen begreifen, finden wir den Anstoss zu der Diskussion und einen Umgang mit der angesprochenen Problematik mehr als erforderlich.

 http://egalndh.wordpress.com/

Opfer der eigenen Engstirnigkeit

doveChild 07.11.2009 - 10:56
Die Provokation wurde nicht erkannt/bzw. verkannt! Sicherlich sind/waren die Nasen niemals willkommene Gäste. Die Art der Herangehensweise der Betreiber hat sich diesbezüglich auch grundlegend geändert....durch die verstärkte Vorarbeit der letzten Besitzerin
wurde vieles gegen das Erscheinen der Nasen getan, so dass sie sich "von alleine" zurück gezogen haben...neuer Besitzer - neuer Versuch! leider hats ein paar kleine Lücken im System gegeben, durch welche sie (kurzweilig) eindringen konnten! Wuhaaaa...sie denken, sie haben das feindliche Land erobert!? Viel mehr....durch die im o.g. Text stehenden Verhaltensweisen der linksextremen sehen sich die Nasen noch viel mehr in der Rolle der Gewinner....da "ihr" mit eurem Verhalten/Aussagen das zuvor freigekämpfte Gebiet mit Abneigung straft anstatt nach wirklichen Lösungen zu suchen. Durch die (feige) Kritik wird der gasamte Haufen scheiße immer größer....letzendlich sind es die Nasen, die diesen Berg erklimmen, wenn nicht ein grundlegendes Umdenken in der Herangehensweise stattfindet. Das kann nicht Sinn des Handels sein...Nicht gegen die wenigen noch übrig gebliebenen Freiräume kämpfen, sondern den rechten Haufen Berg Scheiße in die Mäuler der Übeltäter stopfen!!!

Wer die Dummköpfe gegen sich hat verdient Vertrauen (Jean Paul Sartre)

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Leider ... — Phantomphoto

nachgehakt — mona