Gentechnik-Potestaktion brutal unterbunden

Berlin_entfilzen 11.09.2009 20:48 Themen: Biopolitik Repression Ökologie
Kletter_innen haben am Donnerstag Morgen in Berlin-Dahlem versucht, vor der Niederlassung des Julius-Kühn-Institutes (JKI) ein Transparent zwischen zwei Fahnenmasten aufzuhängen. Sie wollten damit auf die in ihren Augen skandalösen Verflechtungen zwischen Gentechnikindustrie und Kontrollbehörden aufmerksam machen, wurden aber von einem Security daran gehindert. Die Aktivist_innen wurden mitsamt ihren Unterstützer_innen am Boden in Gewahrsam genommen und erkennungsdienstlich behandelt. „Mir wurde brutal in den Bauch geschlagen. Meine Fingerabdrücke sollten genommen werden – dabei ist der Vorwurf Hausfriedensbruch, also eine Tat, wo weder zur Verhinderung noch Aufklärung Fingerabdrücke helfen.“ „Die Beamten sagten zu mir: >Die Abnahme der Fingerabdrücke wird schmerzhaft werden, also machen wir mal die Tür zu<“, berichtet eine weitere Aktivistin, die mit Gewalt zu dieser Maßnahme gezwungen wurde.
„Obwohl in Deutschland fast 80% der Menschen Gentechnik in der Landwirtschaft ablehnen, wächst sie auf den Feldern“, so Frederik Vath, einer der Aktivisten vor Ort. „Das ist nur möglich, weil ein enges personelles Geflecht zwischen Gentechnikfirmen und vermeintlichen Kontrollbehörden besteht“, so der Molekularbiologe weiter. „Erst heute wurde bekannt, dass im großen Maßstab gentechnisch manipulierte Leinsamen in Lebensmitteln im deutschen Handel aufgetreten sind. Statt Protest zuzulassen werden die Interessen der Gentechnik-Lobby einseitig geschützt.“

Das JKI ist eigentlich eine Bundesbehörde, führt aber auch eigene Gentechnikversuche durch. Gleichzeitig ist das JKI sogenannte Benehmensbehörde in Genehmigungsverfahren, d.h. heißt, sie ist in alle Genehmigungsverfahren eingebunden – von Firmen und von sich selbst. Beraten wird das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), jene Bundesoberbehörde, die eigentlich Verbraucher schützen soll, deren entscheidungsbefugte Beamte aber in Werbefilmen für Konzerne auftreten und Pro-Gentechnik-Messen veranstalten. Da wäre Unabhängigkeit dementsprechend besonders wichtig, aber das Gegenteil ist der Fall: In den Gremien des Julius-Kühn-Instituts sitzen Industrie und gentechnikfreundliche Medien gleich mit drin, so sind BASF und die KWS Saat, also zwei Gentechnikkonzerne, sowie die FAZ im Wissenschaftlichen Beirat vertreten. Umgekehrt ist es ebenso: Im Gentechnik-Lobbyverband InnoPlanta e.V. sitzen die GentechnikbefürworterInnen aller Richtungen zusammen, so auch Vertreter_innen des JKI.

Das Ergebnis ist wenig überraschend: In seinen Stellungnahmen bei gentechnischen Genehmigungsverfahren stimmten die ehemalige BBA und das jetzige JKI den Anträgen meist vorbehaltlos zu. Die dabei benutzte Sprache demaskiert die GentechnikerInnen als einseitige BefürworterInnen – die schon vorher wissen, was eigentlich erst erforscht werden soll. So findet sich in der Stellungnahme der damals noch BBA heißenden Behörde zum Gießener Gengersteversuch die Behauptung: „Die unbeabsichtigte und unkontrollierte Verbreitung von Samen in geringen Mengen aus Feldversuchen ist nicht ganz auszuschließen. Die gentechnisch veränderten Pflanzen stellen jedoch für Mensch, Tier und Umwelt kein Risiko dar.“

Zur Zeit findet eine bundesweite Aktionswoche gegen die Seilschaften der deutschen Gentechnik statt. An mehreren Standorten machen unabhängige Aktivist_innen auf das Vorgehen der Gentechnikbefürworter_innen aufmerksam. „Überall bietet sich uns das gleiche Bild: Die Versuchsdurchführenden kontrollieren sich wohlwollend gegenseitig, genehmigen sich große Summen Fördergeld und in den Kontrollbehörden sitzen nur überzeugte Gentechnikbefürworter_innen“, so die Aktivistin Hanna Poddig. Weitere Aktionen und Veranstaltungen in Berlin, in der Magdeburger Börde und in Groß Lüsewitz am AgroBioTechnikum werden folgen. „Wir wollen aufzeigen, warum es nicht reicht, still gegen Gentechnik zu sein und am Einkaufsregal möglichst gentechnikfrei zu konsumieren. Es gibt faktisch keine Kontrolle – deswegen muss Widerstand auf der Straße und auf den Feldern sichtbar werden“.

weitere Informationen zu den Aktinostagen gegen Gentechnik unter  http://gentechfilz.blogsport.de
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Ergänzungen

inhaltliche Kritik an den Aussagen vom Vath

BioFreak 12.09.2009 - 09:48
>Obwohl in Deutschland fast 80% der Menschen Gentechnik in der Landwirtschaft ablehnen, wächst sie >auf den Feldern“, so Frederik Vath, einer der Aktivisten vor Ort. „Das ist nur möglich, weil ein
>enges personelles Geflecht zwischen Gentechnikfirmen und vermeintlichen Kontrollbehörden >besteht“, so der Molekularbiologe weiter. „Erst heute wurde bekannt, dass im großen Maßstab >gentechnisch manipulierte Leinsamen in Lebensmitteln im deutschen Handel aufgetreten sind. Statt >Protest zuzulassen werden die Interessen der Gentechnik-Lobby einseitig geschützt.“

Der Staat ist zwar für den Menschen da, aber das heißt nicht, dass sie in vorauseilendem Gehorsam alles verbieten müssen was der Bürger irgendwelchen tendenziösen Umfragen zufolge nicht will. Es wollen auch viele nicht, dass Leute sich für linke Projekte engagieren, und das ist trotzdem zu einem gewissen Grad erlaubt, weil unser Grundgesetz das so vorsieht.

Wenn jetzt die Atomlobby eine Umfrage präsentieren würde, in der die Mehrheit der Verbraucher Atomstrom "gar nicht so schlecht" findet, dann würden alle los schreien, dass das ja unseriös sei. Wenn aber das einschlägige Öko-Bündnis "Vielfalt ernährt die Welt" eine entsprechende Anti-Gen Umfrage vorstellt, dann erkennt keiner ein Problem.
 http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,648198,00.html

Und zum Thema Proteste: Natürlich sind Proteste zugelassen, aber eben nicht in Verbindung mit Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Inwiefern solche Aktionen dann damit zu tun haben die Öffentlichkeit zu erreichen ist auch sehr fraglich. Ich denke, dass viele Gentechnik-Gegner einfach frustriert sind, dass sie mit Sit-Ins in Fußgängerzonen nichts erreichen und beharrlich ignorieren, dass den meisten Menschen das Thema dann doch relativ egal ist. (Sieht Spiegel-Link oben)

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Wieso... — k.A.