Steht uns ein Klimasprung bevor?

Tomasz Konicz 12.08.2009 11:58 Themen: Ökologie
Verstärkte Sonnenaktivität und El-Nino-Effekt könnten den Klimawandel in den nächsten Jahren beschleunigen.
Seit ihrer Entdeckung durch den deutschen Astronomen Samuel Heinrich Schwabe im Jahre 1843 werden die sogenannten Sonnenflecken aufmerksam von der Wissenschaft studiert. Die durch lokale Störungen im gewaltigen Magnetfeld der Sonne hervorgerufenen dunklen Regionen, deren Aufkommen und Verschwinden auf der Sonnenoberfläche sich in einen rund 11-jährigen Zyklus vollzieht, gelten als zuverlässigste Indikator der Sonnenaktivität. In Perioden mit wenigen oder überhaupt keinen Sonnenflecken sinkt auch die Sonnenstrahlung um circa 0,1 Prozent. Der Wissenschaft sind allerdings starke Abweichungen von diesem Sonnenfleckenzyklus bekannt, wie beispielsweise das nach dessen Entdecker, dem englischen Astronom Edward Walter Maunder benannte „Maunderminimum". Diese Nachhinein entdeckte Periode äußerst geringer Sonnenfleckenaktivität zwischen 1645 und 1715 fiel mit der so genannten kleinen Eiszeit zusammen, die durch lange Winter und kühle Sommer in Europa gekennzeichnet war.
Der Einfluss der Sonnenaktivität auf den Klimawandel ist innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft durchaus umstritten, wobei die verschiedenen Modelle von 4 bis 70 Prozent ausgehen. Am breitesten sind hingegen Annahmen verbreitert, den zufolge die Fluktuation der Sonneneinstrahlung um die 20 bis 30 Prozent zur Dynamik des Klimawandels beiträgt. Eine kürzlich publizierte wissenschaftliche Studie beleuchtet gerade den Zusammenhang zwischen Sonnenzyklus und jüngster Klimaentwicklung. Die von Judith Lean vom US Naval Research Laboratory und David Rind vom Nasa's Goddard Institute for Space Studies in der kommenden Ausgabe der Geophysical Research Letters veröffentlichte Untersuchung konzentriert sich auf vier Faktoren, die den Klimawandel befördern: Den anthropogenen Klimawandel, den Sonnenfleckenzyklus, vulkanische Aktivitäten und den El-Nino-Effekt. Beim Letzteren handelt es sich um – alle drei bis acht Jahre auftretende - Änderungen der Oberflächentemperatur und der Strömungsverhältnisse im südlichen Pazifik, die bei ihrem Auftreten enorme klimatische Anomalien auslösen.
Die Wissenschaftler führten die relative Stabilität der weltweiten Durchschnittstemperatur nach dem extremen Temperaturanstieg von 1998 auf den Rückgang der Sonnenflecken – und somit die verringere Sonnenaktivität – innerhalb einer besonders langen „Ruhephase“ des Sonnenzyklus zurück. Es sei die „längste fleckenlose Zeit seit gut hundert Jahren“, erklärte beispielsweise der Leiter der Forschungsgruppe Sonne am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Sami Solanki, noch Anfang Juli. Diese verringerte Sonnenaktivität habe aber laut Judith Lean und David Rind die Klimaerwärmung verlangsamt, die ja aufgrund permanent steigender CO2-Konzentration in der Atmosphäre eigentlich weitaus schneller hätte voranschreiten müssen. Diese weitere Erderwärmung wurde als durch den gegenläufigen Trend der nachlassenden Sonnenaktivität, wie auch sehr schwach ausgeprägte El-Niño-Ereignisse, abgebremst.
Sollten sich die ersten Indizien für eine zunehmende Sonnenaktivität verdichten, droht laut der Studie dem globalen Klimasystem in den nächsten fünf Jahren ein regelrechter Temperatursprung. Lean und Rind gehen davon aus, dass der reale Temperaturanstieg in dieser Periode um 150 Prozent über denen Prognosen des Weltklimarates (IPCC) liegen könnte. Zudem mehren sich die Hinweise auf ein starkes El-Niño-Phänomen in diesem Jahr. 1998, das global wärmste Jahr im vergangenen Jahrtausend, ging mit einem sehr stark ausgeprägten El-Niño-Effekt einher. Den Ausgangspunkt dieses komplexen Klimaphänomens, dass massive klimatische Fernwirkungen in Form von katastrophalen Überschwemmungen oder lang anhaltenden Dürrein in Südamerika, Afrika, Australien und Südostasien auslöst, bildet ein Anstieg der Temperatur im äquatorialen Pazifik, unweit der Küste Südamerikas.
Genau dies ist nun der Fall. „El-Niño startet. Dies wird signifikante Auswirkungen auf das globale Wetter, den Zustand der Ozeane und die Fischerei haben,“ warnte bereits Mitte Juli die Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA) der Vereinigten Staaten. Die Oberflächentemperaturen in einem Bereich des Pazifik vom Umfang Europas befinden sich demnach seit sechs Monaten im steigen. „Die Temperaturen im Pazifik sind bereits 1 °C über den Durchschnittswert gestiegen, und die unter Wassertemperaturen stiegen um 4 °C über normal,“ erklärte ein Sprecher des australischen meteorologischen Büros gegenüber der englischen Zeitung Guardian. Die Untersuchung von Lean und Rind stellt einen Zusammenhang mit dem starken El-Niño von 1998 und der extremen Temperatur jenes Jahres her. Dieser Temperaturrekord könnte nun Übertroffen werden, da aufgrund der in der Zwischenzeit stark angestiegenen CO2-Konzentration - und der zunehmenden Sonnenaktivität – das globale Erwärmungspotential ungleich höher ist als vor elf Jahren. Es scheint, als ob günstige Faktoren eine Art „Schonzeit“ bei der Klimaerwärmung in den letzten Jahren mit sich gebracht haben – diese ist nun wohl vorbei.
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Ergänzungen

Weiteres zu "Klimasprüngen":

konicz 12.08.2009 - 12:04

ja

tagmata 12.08.2009 - 12:50
so sieht's halt aus. zynisch formuliert, im sommer 2013 könnte sich das rentenproblem auf "natürliche" weise lösen.

die sache ist übrigens auch für die atomdiskussion relevant und verdient es, aufgegriffen zu werdne.

ein populäres argument bei "ausstieg aus dem ausstieg"-groupies ist ja das mit der grundlast. aber exakt die grundlast können atomkraftwerke in einem heißen sommer nicht mehr liefern, weil sie wegen erwärmung des kühlwassers heruntergefahren werden müssen. und die veränderung der leistung eines atomkraftwerks, die dauert.

in frankreich mußten sie zb im sommer 2003 fleischtransporter requirieren, damit ihnen die an hitzschlag und dehydrierung krepierten rentnerInnen nicht die leichenhallen vollstanken, denn wegen der nicht mehr volllast fahrenden atomkraftwerke waren die kühlanlagen dort runtergefahren.

literatur zb:
 http://www.cgd.ucar.edu/ccr/publications/heatwaves.pdf
 http://www.nidi.knaw.nl/en/output/2005/eurosur-10-07-garssen.pdf
 http://www.unige.ch/climate/Publications/Beniston/GRL.Beniston.2004.pdf

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