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Grafitti gegen Schreibtischtäter

Lemor 01.07.2009 20:26
In Mecklenburg Vorpommern soll noch dieses Jahr Europas größte Ferkelfabrik gebaut werden. Doch es regt sich Widerstand: Feldbesetzungen in Südamerika, wo Tierfutter auf einer Fläche von ganz Deutschland und den Niederlanden zusammen mit fatalen Folgen für die Landbevölkerung angebaut wird; Widerstand von Umweltgruppen und KlimaaktivistInnen; Widerstand von aus der Tierrechtsbewegung; Widerstand von Bürgerinitiativen gegen die Auswirkungen auf AnwohnerInnen; Und jetzt auch: Farbanschläge gegen die Bar des Bürgermeisters von Alt Tellin (MV), der als Wegbereiter für Europas größte Ferkelzuchtanlage gilt.
Es gibt viele Gründe, Widerstand gegen den Bau von Europas größter Ferkelzuchtanlage durch den niederländischen Investor Straathof zu leisten. Denn hier zeigen sich die Mechanismen von Demokratie und Kapitalismus:
Hier werden Mensch, Tier, und Umwelt global Ausgebeutet, um Profit für wenige zu erzielen. Diejenigen, die direkt von solchen Massentierhaltungsanlagen, dem Tierfutteranbau, der Gülleverseuchung und der Klimakatastrophe betroffen sind, werden übergangen.
Diese Ausbeutung ist global. Es ist an der Zeit, solidarisch und international einen radikalen Widerstand gegen solche Anlagen aufzubauen. Denn geplant ist nicht nur diese Anlage, sondern ein ganzes Konzept von Massentierhaltungsanlagen in Ostdeutschland und darüber hinaus.

In der Nacht von Freitag auf Samstag sollen nun Unbekannte die Storchenbar des Alt Telliner Bürgermeisters mit dem Schriftzug: "Verschwinde Straathof! Kommt die Anlage, kommt Krieg!" verziert haben. Das Grafitti hat medial einige Aufmerksamkeit erzielt.
Dieser Artikel erschien am 30. Juni im Nordkurier:


Schweine-Streit: Lokal des Bürgermeisters beschmiert

Mit Graffiti beschmierten Unbekannte das Haus des Alt Telliner Bürgermeisters. Foto: Stefan Hoeft

Graffiti-Attacke. Die Auseinandersetzung um die in der Gemeinde Alt Tellin geplante Schweinezuchtanlage eines aus den Niederlanden stammenden Agrarindustriellen hat am Wochenende eine neue Form angenommen: Bisher unbekannte Täter „verzierten“ die Fassade der örtlichen Gaststätte „Storchenbar“ sowie Teile des Gehweg- und Straßenpflasters mit Schriftzügen gegen das Vorhaben und diesbezüglichen Drohungen.

Von Stefan Hoeft

Alt Tellin. Die Täter kamen nachts und hinterließen mitten im Dorf unübersehbare Zeichen: „Stoppt die Sauerei“ und „Verschwinde Straathof“ prangte in dicken schwarzen Buchstaben an der Straßenseite sowie dem öffentlich zugänglichen Giebel der Gaststätte „Storchenbar“. Scheiben waren zugesprayt und das Betonsteinpflaster des Gehweges sowie der Straße „verzierten“ die Worte: „Kommt die Anlage kommt Krieg“.

Unverkennbarer Hintergrund scheint die Auseinandersetzung um die in der Alt Telliner Gemarkung geplante große Schweinezuchtanlage des aus den Niederlanden stammenden Agrarinvestors Straathof zu sein. Denn der „Storchenbar“-Gastwirt und Bürgermeister Frank Karstädt gilt bei vielen Gegnern als ein Wegbereiter dieses Projektes.

Die teils scharfe Kritik an ihm scheint das gerade erst vor einer Woche bei einer Stichwahl im Amt bestätigte Dorfoberhaupt schon gewohnt. Mit der jetzigen Aktion sieht Karstädt die Grenze des Vertretbaren allerdings klar überschritten. Ebenso wie Pastorin Katrin Krüger, die den Musikabend der Kirchgemeinde im Nachbarort Broock nutzte, um sich klar gegen solche Schmierereien zu positionieren. Weil er das weder von der Tat an sich noch von den Formulierungen her als Lappalie ansieht, hat Karstädt die Polizei eingeschaltet.

Die ermittelt erstmal wegen Sachbeschädigung, so Verena Splettstößer, Pressesprecherin der Polizeidirektion Neubrandenburg. Ob ihre Kollegen von der Kripo Demmin bei dem Ganzen obendrein den Tatbestand der Bedrohung erfüllt sehen, müsse noch geklärt werden. Klar scheint das Zeitfenster, in dem die Schmierereien passiert sein müssen. „Gestern Abend, als wir gegangen sind, war noch alles in Ordnung, das war so 23 Uhr“, berichtete Samstagmittag der Bürgermeister, der etwas abseits vom Dorfzentrum wohnt. Nachts hätten zwar Leute ein anhaltendes Auto und Türengeklapper vernommen, doch die Tat sei erst am Morgen von einem Nachbarn entdeckt und dann ihm gemeldet worden.

„Es ist eindeutig, aus welcher Richtung das kommt“, meinte Karstädt. Er halte die Täter für Sympathisanten der Bürgerinitiative, die sich als Reaktion gegen die Schweinezucht-Pläne gegründet hatte, und sieht bei den Akteuren dort eine Mitverantwortung: „Wenn man Feindbilder so laut propagiert, zieht das dann auch so was nach sich, läuft es manchmal aus der Bahn.“ Mit friedlichem Zusammenleben, wie es die BI proklamiere, habe das jedenfalls nichts zu tun.

Günter Hegewald von der BI „Leben am Tollensetal“, der auch in die neue Gemeindevertretung gewählt wurde, weist solche Hinweise zurück und distanzierte sich auf Nachfrage unserer Zeitung von den Schmierereien. „Das entspricht nicht unserer Lebensart und ist nicht unsere Vorgehensweise.“ Das Thema werde sicher auch bei der nächsten Zusammenkunft in dieser Woche eine Rolle spielen.

Quelle: Nordkurier, 30. Juni 2009
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Ergänzungen

Wahnsinn!

Thadeus 02.07.2009 - 01:32
Es ist still auf dem Feld in Medow nahe Anklam. Man hört nur die Ventilatoren der Lüftungsschächte rauschen. Aus ihnen dringt ein Gestank, der einem den Atem nimmt. Die riesige Anlage sieht aus wie eine Fabrik, sie ist mit Stacheldraht, einem Erdwall und einem Wassergraben gesichert wie ein Gefängnis. Hier werden Schweine gemästet. 14 000 Schweine. Der stechende Geruch der Gülle liegt über dem Land.

"Es gibt Tage, da können Sie zu Hause kein Fenster aufmachen, sonst wird Ihnen schlecht", sagt Christiane Becker. Sie ist Ärztin und wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern nur zwei Kilometer von der Anlage entfernt. Die Beckers sind vor zwanzig Jahren aus Greifswald ins Peenetal gezogen, weil sie auf dem Land leben wollten. Sie haben lange gegen die Schweinefabrik gekämpft, am Schluss haben sie verloren. Zwar ist noch eine Klage anhängig. "Aber wir überlegen schon, wegzuziehen", sagt die 45-jährige Frau.

Bürgerversammlung in Alt-Tellin, dreißig Kilometer entfernt von Medow, eine Gemeinde im Tal der Tollense bei Demmin. Hier soll demnächst die größte Ferkelzuchtanlage Europas entstehen. 10 000 Sauen sollen pro Jahr 250 000 Ferkel werfen, die nach Westdeutschland gefahren, dort gemästet und geschlachtet werden. Ständig sollen etwa 65 000 Tiere in den Ställen stehen und mit der Jauche vier Biogasanlagen speisen. So sieht es der Plan des Investors vor. Es ist der gleiche Mann, der auch die Mastanlage in Medow betreibt. Der Mann, gegen den die Familie Becker gekämpft hat: Er heißt Adriaan Straathof, ist 51 Jahre alt und Niederländer.

In Alt-Tellin haben sich rund fünfzig Leute im Saal der Dorfkneipe eingefunden, die dem Bürgermeister Frank Karlstädt gehört. Karlstädt leitet die Sitzung. Es gibt Tumult. Brüllerei. In Alt-Tellin eskaliert derzeit ein Konflikt zwischen denen, die schon länger hier wohnen, und den anderen, die der Bürgermeister nur "die Zugereisten" nennt. Leute, die sich in den vergangenen Jahren im Tollensetal angesiedelt haben. Aussteiger, Naturliebhaber, Künstler und Touristiker, die die maroden Schlösser der Region restaurieren - und die den Investor Straathof für eine existenzielle Bedrohung halten.

Adriaan Straathof stammt aus dem Osten der Niederlande, wo er zwei große Schweinehöfe betreibt. Er ist umstritten. Die holländische Gemeinde Buren kämpft schon seit fast zehn Jahren gerichtlich gegen ihn, weil aus seinem Hof mit 14 000 Schweinen unerträglicher Gestank entwich, der massiv gegen die Verordnungen verstieß. Vor sechs Jahren wurde Straathof die Genehmigung für zwei Drittel seiner Schweine entzogen, aber er dachte nicht daran, die Bestände zu reduzieren. Er verlor alle Prozesse, bis er im Juli der letztinstanzlichen Verurteilung durch einen Vergleich entging. Jetzt muss er 300 000 Euro zahlen und muss seinen Schweinebestand in Buren drastisch verkleinern.

Der Standort Alt-Tellin wurde Adriaan Straathof von der Schweriner Landesregierung vermittelt. Ihre Entwicklungsgesellschaft brachte den Holländer mit dem Chef einer Agrarfirma und dem Bürgermeister zusammen. Straathof sicherte sich die Ruine des alten volkseigenen Guts, dazu jene Felder, die er zum Ausbringen der Restgülle braucht. Im Mai hießen der Bürgermeister und der Gemeinderat den Investor offiziell willkommen. Jetzt läuft die Umweltverträglichkeitsprüfung.

"Wir haben hier dreißig Prozent Arbeitslosigkeit. Wir brauchen Arbeit", sagt der Bürgermeister. Und der Gestank? "Da gibt's modernste Filter. Ist alles fest zugesagt." Karstädt sagt, nichts gegen sanften Tourismus, aber nur davon könne man nicht leben. "Auf mich macht Straathof einen guten Eindruck." Der Holländer hat 25 Millionen Euro Investitionen und 25 Arbeitsplätze versprochen.

Dagegen ist schwer zu argumentieren im vorpommerschen Hinterland, wo fast alle früher in der LPG waren und heute kaum jemand noch in der Landwirtschaft beschäftigt ist. Aber die Dinge sind in Bewegung geraten. Während überall die Dörfer schrumpfen, hat das Tollensetal Zulauf. Der 52-jährige Maschinenschlosser Jörg Kröger kam aus Lübeck, verliebte sich in die Landschaft und hat mit seiner Frau, einer Ärztin, das alte Schloss im nahen Wietzow gemietet. Kröger sagt: "Hier gibt es touristisches Potenzial. Wir haben zusammen schon mehr als zwanzig Arbeitsplätze im Tourismus geschaffen. Das geht kaputt, wenn diese Anlage gebaut wird. Wer will sich denn hier erholen, wenn es stinkt und dauernd Lastwagen fahren?"

Es geht aber nicht nur um den Gestank oder die Zunahme des Verkehrs. Es geht auch nicht nur um die Überdüngung der Böden durch das Nitrat aus der Gülle, das das Wasserschutzgebiet der Tollense gefährdet. Es geht um einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Längst ernährt der Tourismus sechsmal so viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wie die Landwirtschaft. Und Massentierhaltung ist mit Feriengebieten kaum vereinbar.

"Wer die Arbeitsplätze im Tourismus sichern will, darf keine Tierfabriken bauen", sagt Jörg Kröger. Er hat sein Schloss aufwändig renoviert, Ferienapartments eingerichtet. Mit anderen Hoteliers, Kanuverleihern, Wandertourenveranstaltern hat er den Tourismusverband Tollensetal gegründet. Und nun eine Bürgerinitiative gegen die Schweinemast. Kröger sitzt in der Küche seines Schlosses und sagt, die Gemeindevertreter ließen sich ihren Schatz, die Natur, "für Glasperlen" abhandeln. "Für ein paar Arbeitsplätze werden Boden, Wasser und Luft gefährdet. Das ließe sich keine Gemeinde im Westen bieten."

Die grüne Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn, frühere Landwirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, hat im August die Straathof-Anlage in Medow mit ihren 14 000 Schweinen besichtigt. "Die wäre bei uns in Nordrhein-Westfalen nicht genehmigungsfähig", sagt sie. Entsprechende Verordnungen sind oft Ländersache. Auch in Holland werden solche Agrarfabriken wegen der anfallenden Gülle nicht mehr zugelassen.

So sind seit etwa fünf Jahren die östlichen Bundesländer das Ziel von Agrarindustriellen, vor allem aus den Niederlanden. Ihnen geht es wie Straathof nicht um Höfe mit 3000 Tieren wie in der deutschen Massentierhaltung üblich, nicht einmal um 15 000 Tiere wie in den größten Ställen, die es in Holland gibt. Sondern es geht um Pläne für 60 000 und mehr Schweine. Als hätte es das Machtwort von Gerhard Schröder nie gegeben, der 2001 angesichts der Fleischskandale die "Agrarwende" ausgerufen und kleinere Höfe gefordert hatte.

Schon Ende der neunziger Jahre hatte es viele holländische Schweinemäster nach Deutschland gezogen. "Doch in den westlichen Bundesländern wollte sie keiner haben. Länder und Gemeinden wussten sie gemeinsam schon im Vorfeld zu verhindern," sagt Bärbel Höhn.

Straathof ging zunächst nach Sachsen-Anhalt. Er kaufte Land und Ställe und stellte tausende Schweine ein, in Gladau bei Genthin und in Binde bei Salzwedel. In Sachsen-Anhalt gibt es inzwischen Widerstand gegen den Großagrarier. Deshalb ließ Straathof ein riesiges Projekt in Bertkow bei Stendal, wo er im letzten Jahr eine Anlage für 48 000 Mastschweine errichten wollte, fallen und wandte sich verstärkt Mecklenburg-Vorpommern zu.

Was Straathof nun in Mecklenburg-Vorpommern plant, übertrifft seine holländischen Anlagen bei weitem. In Deutschland tritt er mit einer Gruppe holländischer Schweinemäster auf, die ebenfalls zahlreiche Schweinefabriken in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg betreiben. Wie es dort zugeht, kann ein Mann berichten, der vor kurzem noch in mehreren der Anlagen gearbeitet hat. Der Gestank sei überall extrem gewesen, sagt der Mann, der anonym bleiben will. In den Ställen verliefen Kanäle, in denen die Gülle stehe, oft tagelang, bis sie abgepumpt werde. Fenster gebe es nicht. "Um Strom zu sparen, wurde nur selten gelüftet. Es war extrem stickig. Ich hatte dauernd Kopfschmerzen." Mehr als einmal seien Mitarbeiter wegen der Gase ohnmächtig geworden.

Am schlimmsten sei der ständige Stress gewesen. "Immer waren wir unter Druck. Schweine impfen, Ferkel kastrieren, Sauen besamen. Es sind viel zu wenig Leute da, und die sind völlig überlastet." Trotzdem hätten die Mitarbeiter nur etwas mehr als 800 Euro im Monat verdient, Überstunden wurden nicht bezahlt. "Oft haben wir zehn, manchmal zwölf Stunden gearbeitet." Adriaan Straathof sagt dazu nichts, er wollte sich auch nach mehrfachen Anfragen zu den Vorwürfen nicht äußern.

In Medow arbeiten zur Zeit zehn Menschen für Straathof, im sachsen-anhaltinischen Binde etwa zwölf. In den Ställen stehen die Schweine dicht an dicht. Das Fleisch solcher Tiere ist oft wässrig, aber es ist billig. Es kann aber nur so billig sein, weil die Abläufe in den Tierfabriken stark automatisiert wurden: Fütterung und Entmistung, alles läuft computergesteuert. Ein Mensch ist für etwa 1500 Schweine zuständig. So kommt es, dass selbst größte Fabriken nicht all zu viele Arbeitsplätze schaffen.

Der Schweriner Landwirtschaftsminister, der Sozialdemokrat Till Backhaus sagt, er selbst sei für mittlere Betriebsgrößen. Aber wenn ein Antrag für eine größere Anlage gestellt werde, müsse er auch nach den "geltenden Rechtsvorschriften" bearbeitet werden.

Nach den Gesetzen in Mecklenburg-Vorpommern ist Straathofs Anlage in Medow rechtens. Und ein weiteres Engagement der Massenzüchter wohl willkommen. Gerade hat die rot-schwarze Koalition in Schwerin beschlossen, die Genehmigungsverfahren für solche Agrarfabriken weiter zu vereinfachen.

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