Nur ein Traum...
Was wäre, wenn du morgen erwachen würdest und dich inmitten einer anderen Welt wiederfindest?
Ach- und Sachgeschichten,
FSK ab 12 Jahre
Ach- und Sachgeschichten,
FSK ab 12 Jahre
Ich erwachte aus einem Traum, schaute um mich und konnte nicht erkennen, wo es mich nur hin verschlagen hätte. So stand ich nun inmitten einer grünen Wiese und vor mir ein Haus so groß, dass die Spitze des Daches in die Wolkendecke ragte. Anscheinend war ich nicht allein auf dieser Wiese, um mich herum war emsiges Treiben zu beobachten. Hinterm Haus wurde Gras gemäht,während sich andere um den Farbanstrich des Hauses kümmerten. An einer Seite des Hauses stand ein riesiges Baugerüst, von dem aus selbst die Löcher im Dach geflickt wurden. Es musste wohl ein ganz besonderes Haus sein, dass alle Anwesenden an der Reparatur mitwirkten.
Jeder tat etwas, aber dies schien auch teilweise irgendwie unkoordiniert zu verlaufen. Ich betrachtete die Malerbrigaden. Eine Gruppe viel mir auf, die hatte einen Schriftzug auf dem Rücken. Ich blickte genauer hin, der etwas kryptische Schriftzug schien „Antifa“ zu heißen. Sie schienen bemüht, die braunen Flecken, welche aus dem Mauerwerk an verschiedenen Stellen zu Tage traten, wahlweise mit roter und schwarzer Farbe zu übertünchen. Eine andere Malerbrigade , die wohl selbst in dem Haus wohnte, übermalte diese Anstriche ständig mit grauer Farbe. Offensichtlich war die zweite Gruppe hauptamtlich damit beschäftigt, dass Haus von allen Seiten im gleichen Farbton zu halten.
Ich atmete tief durch und fühlte wie der Sauerstoff meine Lungenflügel füllte. Der Duft frisch gemähten Grases stieg mir in die Nase. Ich wandte mich also zuerst den Gartenpflegern zu. Sie schienen aber damit befasst, Drainagerohre zu legen, um das Haus trocken zu halten und hatten offenbar keine Zeit für mich. Ich ging näher an das Haus heran und klopfte etwas am Putz herum, tatsächlich bröselte etwas Putz von der Wand. Offenbar musste das Gemäuer schon lange unter Wasser gestanden haben. Ich klopfte noch weiter am Putz herum und entdeckte, dass sich Risse in der Wand gebildet hatten. Ich schreckte auf, als hinter mir ein zähnefletschender Schäferhund stand, dem mein Treiben wohl nicht entgangen war. Offenbar hatte dieser wohl schon öfters zugebissen, da kurze Zeit darauf ein eiliger Erste-Hilfe-Trupp eintraf. Auf dessen Wagen konnte ich den Schriftzug „Zensur“ erkennen. Sie klärten mich darüber auf, wie wichtig ihr Engagement ist und dass sie die einzige wirkliche Macht sind, die die vielschichtigen Äußerungen der vielen Bewohner in geordnete Bahnen lenken würden, ohne sie könnte sich ja niemand einen Überblick über das Ganze verschaffen. Ich verstand und lief vorsichtshalber weiter, inne hielt ich erst, als ich das Baugerüst erreicht hatte.
Die Stangen des Baugerüstes leuchteten in unterschiedlichen Farben. Auf einer stand „SPD“, auf einer anderen „die.Linke“ und wieder andere trugen den Schriftzug „CDU“. Ich fragte einen Gerüstarbeiter, was es mit den Farben und Schriftzügen auf sich hätte. Dieser meinte nur, die sind dafür da, damit wir wissen welche nach links und welche nach rechts gehören. Weiter fragte ich, ob es denn einen Grund für die Anordnung gäbe, ob die Stangen beispielsweise aus unterschiedlichem Material wären. Der Arbeiter zuckte nur mit den Schultern, „Das ist nun mal so.“ war dann seine viel sagende Antwort. Auch die Bauarbeiter auf dem Gerüst trugen teilweise die gleichen Aufschriften wie die Gerüststangen und arbeiteten auch nur dort, wo die Stangen ihrer Farbe montiert waren. Ich konnte erkennen, dass die Arbeiter im Erdgeschoss meist graue und schwarze T-Shirts trugen, während die Dachdecker hauptsächlich rote Arbeitskleidung an hatten. Grinsend bemerkte ich, dass viele der Fenstermonteure wohl in ein gelbes Farbfass gefallen waren. Sie waren selbst in den Gesichtern gelb. Aber ich war schon überrascht, wie sie alle in trauter Gemeinsamkeit fleißig am Haus flickschusterten, obwohl sie sich, wie mir ein weiterer Bauarbeiter verriet, untereinander wohl sehr uneinig waren, wie denn nun das Haus aussehen solle, wenn es mal fertig repariert sein würde.
Grübelnd ging ich weiter, bis ich vor einem goldenen Eingangsportal stand, drüber befand sich eine Reklametafel mit überdimensionierten Lettern. Ich trat einige Meter zurück, um den Schriftzug als Ganzes erkennen zu können und las dann „Systemhaus“ und als Untertitel „Alle Macht dem Volke“. Euphorisch in der Annahme, dass hier ja wohl dann alle gleichberechtigt waren und alle gleich viel zu sagen hätten, presste ich die gusseiserne Türklinke hinunter und öffnete die schwere Eichentür. Überwältigt von dem Glanze eines prunkvollen Marmorsaales, lenkte ich meine Schritte zur Mitte der Empfangshalle. Dort stand ein alter rustikaler Tisch, um den herum viele Männer und einige Frauen saßen. Ich fragte, was sie denn hier so tun würden, während draußen die Leute fleißig am Haus werkelten. Darauf erhoben jene wie im Chor ihre Stimme und riefen plötzlich alle wild durcheinander und jeder rief zudem auch noch was anderes. Verwirrt blickte ich auf die illustre Gesellschaft. Jeder von ihnen schien wichtiger zu sein als der Andere. Ich konnte aber einige Wortfetzen aus dem Gebrüll herauslösen, so dass mir klar wurde, ich hatte die Anführer und Wächter vor mir. Auch wenn ich mich wunderte, wie das mit der Reklametafel am Eingang zusammenpasste, bemühte ich mich doch weitere Einzelheiten heraus zu hören. So viel wie ich verstehen konnte, hatten sie sich selbst zur Regierung ernannt.Weiter verstand ich dann bzw. versuchte zu verstehen, dass sie auch die Regeln selbst aufstellten, wie sich jeder andere zu verhalten habe. Ich fragte mich zwar, wo sie denn überhaupt die Berechtigung dazu hernehmen würden, wo doch alle Macht vom Volke ausginge, doch darauf konnte ich leider keine Antwort hören. Ich hörte nur immer wieder, dass sie durch die Wahlen legitimiert wären.
'Achso' dachte ich und wollte nun wissen wer denn diese Wahlen sind, ob dies eine Religion oder ob es die Götter dieser Welt wären, weil wer sollte sonst das Recht haben, einige Menschen über andere regieren zu lassen, wenn alle Macht vom Volk ausgeht. Die Antwort darauf lieferten mir die Anführer frei Haus, sie hätten eben ein Gesetz beschlossen, nach dem jeder entscheiden kann, wen er für den besten Anführer hält und deshalb seien sie legitimiert über die Sachen zu entscheiden, die das Volk betreffen. Entscheiden darüber, ob sie den Tisch (der sogar einen Namen hatte und Verfassung hieß) mit den ganzen Wächtern und Anführern überhaupt haben wollten, durften die Arbeiter aber anscheinend nicht.
Mich wunderte es nur, dass niemand auf die Idee kam, dass doch eigentlich nur etwas eine Legitimation liefern kann, was nicht Resultat eben jenes Prozesses selbst ist. Dass ihre Idee von Wahlen dies offenbar nicht konnte, weil diese Idee ja per Gesetz von ihnen selbst beschlossen wurde, darauf kamen die Anführer anscheinend nicht.
Aber vielleicht gab es in dieser Welt auch ein Perpetuum Mobile, was aus sich selbst heraus Energie erzeugen könnte. Vorsichtig versuchte ich eine Frage in diese Richtung zu stellen und bekam auch tatsächlich eine Antwort von der rechten Seite des Tisches „Ja wir haben Atomkraftwerke.“. Ich dankte den Anführern, dass sie mir soviel ihrer kostbaren Zeit geopfert hatten und begab mich nun auf die Suche nach dem mysteriösen Atomkraftwerk, welches ein Perpetuum Mobile sein solle.
Dieses fand ich auch nach einigem Suchen hinter einer überdimensionalen Eisentür. Ich schaute mir die Behälter an, an denen nichts Besonderes zu entdecken war, fand dann aber bald einen Ingenieur, der bereit war, mir einige Fragen zu beantworten. Zuerst einmal fragte ich, was dieses Ding tue und bekam die Antwort, dass es Strom also Energie liefere. Dann fragte ich, wozu denn dieser Strom gebraucht werden würde? Er antwortete: Damit wir die Einzelteile dieses Mechanismus herstellen können. 'Aha' dachte ich, dann scheint es ja doch ein Perpetuum Mobile zu sein. Die Energie entsteht also aus der Apparatur? Nein, dazu benötigen wir Uran, welches wir mit der Energie aus dieser Apparatur erst veredeln müssen. Und was geschieht dann mit dem Uran? Dieses werfen wir wieder dort hin, wo wir es her holen... in den Keller des Hauses. Ich fragte, ob er mir denn den Keller mal zeigen könne, worauf er mit einer etwas gereizten Gegenfrage antwortete, ob ich verrückt sei, das weggeworfene Uran ist ein anderes Uran, als jenes welches wir fördern, dieses strahlt 10.000 Jahre und zerstört alles in der seiner Nähe. Auf meine Frage, ob dies dann nicht unverantwortlich sei, meinte er zwar ja, aber die Anführer hätten dies so beschlossen. Ich hatte genug gehört, es war also doch kein Perpetuum Mobile und damit dies keiner merkt, wird also alles im Keller versteckt. Ich verabschiedete mich noch von dem Mitarbeiter dort und lief dann unschlüssig durch das Haus.
Im hinteren Teil des Hauses fand ich eine alte morsche Treppe, die ich hinauf stieg. Auf der nächsten Etage angelangt, traf auf eine ältere Frau, die den Boden schrubbte. Interessiert fragte ich sie, warum sie dies denn tue, da es doch hier relativ sauber wäre und ob sie denn nicht viel lieber was anderes tun würde oder ob ihr diese Tätigkeit Spaß machen würde. Sie erzählte mir, dass dies hier ihre Arbeit wäre und sie dafür Lohn in Form von Geld bekäme. Weiter erzählte sie mir, dass sie zwar viel lieber zeichnen oder sich im Garten um ihr Gemüse kümmern würde, aber damit könne sie leider kein Geld verdienen, weil die Anführer dies nicht bezahlen würden. Auch hätte sie gerne zwei Kinder, nur wisse sie nicht, wie sie diese ernähren solle, da das Geld was sie verdient, kaum für sie selbst reicht. Als ich sie fragte, wozu denn dieses Geld gut wäre, schaute sie mich ganz verwirrt an. Ich muss mir doch was zum Essen kaufen und brauche Kleidung, die ich tragen kann, entgegnete sie. Verwundert fragte ich zurück, warum sie denn nicht das Gemüse aus ihrem Garten essen würde und warum das Kollektiv, welches sich um die Produktion von Kleidern kümmert, denn von ihr einen Gegenwert haben wolle, wo doch hier offenbar vielmehr produziert wird, als die Menschen jemals brauchen würden. Und wieder bekam ich die Antwort, die ich schon kannte „Das ist eben so.“.
Seltsam dachte ich, die Menschen erledigen hier Arbeiten, die sie nicht machen wollen, die auch nicht wirklich benötigt werden, nur um etwas zu bekommen, was sie dann gegen sinnvolle Sachen eintauschen können, obwohl sie diese sich auch einfach nehmen könnten. Warum sie nicht einfach die Sachen selbst herstellen, die sie brauchen, war mir bis jetzt noch nicht klar.
Ich stieg also die Treppe weiter hinauf und kam in eine Halle, wo seltsame alte Sachen in Vitrinen herum standen. Gleich am Eingang wurde ich mit „Psst... das ist hier ein Museum.“ begrüßt. Ein Museum also, dachte ich, und entdeckte in einer Vitrine eine alte Staffelei. Sofort musste ich an die alte Frau denken, die sich auf dem Boden quälte, obwohl sie viel lieber malen würde. Ich beschloss der alten Frau eine Freude zu machen und öffnete die Vitrine um die Staffelei zu entnehmen. Auf einmal hörte ich Sirenen und vor mir stand eine Truppe von Leuten, die mit Gewehren auf mich zielten. Dies ist Eigentum des „Vereins für Privatinvestment“. Vor Schreck ließ ich das Teil fallen und schaute mich nur verdutzt um. Ich wurde gezwungen den Männern zu folgen, wobei ich die Hände dabei über dem Kopf verschränken musste. Die Wächter führten mich in einen Raum, in dem ein Tisch und auf jeder Seite des Tisches jeweils ein Stuhl standen. Immer wieder wurde ich gefragt, was ich vor gehabt hätte und in wessen Auftrag ich arbeiten würde. Ich schwieg, da ich nicht wusste, was diese Gewalttäter von mir wollten. Es stellte sich heraus, dass sich um eine Privatpolizei handeln würde, die spezialisiert wäre auf Einkommensdelikte. Meine Frage was denn Eigentum eigentlich sei, konnten sie mir leider nicht beantworten, statt dessen wurde ich in einen kleinen Raum gesperrt, den sie Zelle nannten. Außer einer Matratze war dieser komplett aus Beton, selbst die Toilette war nur ein Loch, welches in den Beton gelassen ward. Ich legte mich auf die Matratze und versuchte etwas zur Ruhe zu kommen und das Erlebte zu verarbeiten. Etwas Licht konnte durch die Türschlitze in den Raum eindringen und ermöglichte mir, den in die Wand eingeritzten Spruch „Eigentum ist Diebstahl“ zu lesen. Jetzt war ich zwar etwas schlauer, nur müsste mir nur noch jemand erklären was Diebstahl ist. Es hatte wohl etwas mit dem zu tun, was man mir offenbar vorwarf.
Am nächsten Morgen wurde ich in den ominösen Keller geführt, vor dem ich ja bereits gewarnt worden war, da hier das abgebrannte Uran lagerte. Man ließ mich laufen und rief mir hinterher, „Lass dich nie wieder bei uns oben blicken.“ Etwas verängstigt tappte ich durch den finsteren Keller. Als ich endlich die Außenmauer erreicht hatte, hörte ich schweres Atmen. Offensichtlich war ich nicht allein hier unten. Als ich meinen Leidensgefährten endlich entdeckte und wir kurze Zeit später dann ins Gespräch kamen, erzählte er mir, dass er sich vor Angst hier verstecke. Er habe kritische Schriften gegen die Anführer verbreitet und wäre jetzt als Terrorist eingestuft. Er könne nicht mehr nach oben, da dort überall Bewegungsmelder und Kameras installiert wurden und man ihn sofort nach der Entdeckung gefangen nehmen und in eine Zelle sperren würde. Er wies mich auf die Risse im Mauerwerk hin, die ich schon kurz nach meiner Ankunft bemerkt hatte und meinte, dass die Wächter nur darauf aufpassen, dass die Fassade schön aussieht, während die Mauern langsam zerfallen. Stell dir vor, so meinte er, die Ziegelsteine sind das Eigentum also das Anrecht auf etwas, über das kein anderer Verfügungsgewalt besitzt und der Mörtel welcher die Ziegel zusammenhält ist das Kapital, also das Vermögen, welches durch den kapitalistischen Prozess ständig vermehrt wird. Dadurch dass sich alle in das System einfügen, weil sie glauben Werte schaffen zu müssen, die sie tauschen können, sorgen sie dafür, dass immer wieder neuer Mörtel zur Verfügen steht, nur reicht er schon nicht mehr um das Fundament hier zu sichern. Die Arbeiter können den Verfallsprozess des Mauerwerkes zwar verlangsamen, aufhalten können sie ihn nicht und desto mehr Menschen dies begreifen, um so schneller bricht diese Haus zusammen.
In diesem Moment umgab mich eine Staubwolke und ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper. Offenbar stürzte das Haus gerade über mir zusammen.
In diesem Augenblick wachte ich auf, stand senkrecht in meinem Bett und freute mich als mir bewusst wurde, dass ich wieder zu Hause war und dies alles nur ein Traum gewesen ist. Leider blieb mir keine Zeit mehr über diesen Albtraum nachzudenken, weil unser Kollektiv heute über die Produktionsumstellung in unserer freien Genossenschaft entscheiden wollte und sie sicher schon auf mich warteten.
Jeder tat etwas, aber dies schien auch teilweise irgendwie unkoordiniert zu verlaufen. Ich betrachtete die Malerbrigaden. Eine Gruppe viel mir auf, die hatte einen Schriftzug auf dem Rücken. Ich blickte genauer hin, der etwas kryptische Schriftzug schien „Antifa“ zu heißen. Sie schienen bemüht, die braunen Flecken, welche aus dem Mauerwerk an verschiedenen Stellen zu Tage traten, wahlweise mit roter und schwarzer Farbe zu übertünchen. Eine andere Malerbrigade , die wohl selbst in dem Haus wohnte, übermalte diese Anstriche ständig mit grauer Farbe. Offensichtlich war die zweite Gruppe hauptamtlich damit beschäftigt, dass Haus von allen Seiten im gleichen Farbton zu halten.
Ich atmete tief durch und fühlte wie der Sauerstoff meine Lungenflügel füllte. Der Duft frisch gemähten Grases stieg mir in die Nase. Ich wandte mich also zuerst den Gartenpflegern zu. Sie schienen aber damit befasst, Drainagerohre zu legen, um das Haus trocken zu halten und hatten offenbar keine Zeit für mich. Ich ging näher an das Haus heran und klopfte etwas am Putz herum, tatsächlich bröselte etwas Putz von der Wand. Offenbar musste das Gemäuer schon lange unter Wasser gestanden haben. Ich klopfte noch weiter am Putz herum und entdeckte, dass sich Risse in der Wand gebildet hatten. Ich schreckte auf, als hinter mir ein zähnefletschender Schäferhund stand, dem mein Treiben wohl nicht entgangen war. Offenbar hatte dieser wohl schon öfters zugebissen, da kurze Zeit darauf ein eiliger Erste-Hilfe-Trupp eintraf. Auf dessen Wagen konnte ich den Schriftzug „Zensur“ erkennen. Sie klärten mich darüber auf, wie wichtig ihr Engagement ist und dass sie die einzige wirkliche Macht sind, die die vielschichtigen Äußerungen der vielen Bewohner in geordnete Bahnen lenken würden, ohne sie könnte sich ja niemand einen Überblick über das Ganze verschaffen. Ich verstand und lief vorsichtshalber weiter, inne hielt ich erst, als ich das Baugerüst erreicht hatte.
Die Stangen des Baugerüstes leuchteten in unterschiedlichen Farben. Auf einer stand „SPD“, auf einer anderen „die.Linke“ und wieder andere trugen den Schriftzug „CDU“. Ich fragte einen Gerüstarbeiter, was es mit den Farben und Schriftzügen auf sich hätte. Dieser meinte nur, die sind dafür da, damit wir wissen welche nach links und welche nach rechts gehören. Weiter fragte ich, ob es denn einen Grund für die Anordnung gäbe, ob die Stangen beispielsweise aus unterschiedlichem Material wären. Der Arbeiter zuckte nur mit den Schultern, „Das ist nun mal so.“ war dann seine viel sagende Antwort. Auch die Bauarbeiter auf dem Gerüst trugen teilweise die gleichen Aufschriften wie die Gerüststangen und arbeiteten auch nur dort, wo die Stangen ihrer Farbe montiert waren. Ich konnte erkennen, dass die Arbeiter im Erdgeschoss meist graue und schwarze T-Shirts trugen, während die Dachdecker hauptsächlich rote Arbeitskleidung an hatten. Grinsend bemerkte ich, dass viele der Fenstermonteure wohl in ein gelbes Farbfass gefallen waren. Sie waren selbst in den Gesichtern gelb. Aber ich war schon überrascht, wie sie alle in trauter Gemeinsamkeit fleißig am Haus flickschusterten, obwohl sie sich, wie mir ein weiterer Bauarbeiter verriet, untereinander wohl sehr uneinig waren, wie denn nun das Haus aussehen solle, wenn es mal fertig repariert sein würde.
Grübelnd ging ich weiter, bis ich vor einem goldenen Eingangsportal stand, drüber befand sich eine Reklametafel mit überdimensionierten Lettern. Ich trat einige Meter zurück, um den Schriftzug als Ganzes erkennen zu können und las dann „Systemhaus“ und als Untertitel „Alle Macht dem Volke“. Euphorisch in der Annahme, dass hier ja wohl dann alle gleichberechtigt waren und alle gleich viel zu sagen hätten, presste ich die gusseiserne Türklinke hinunter und öffnete die schwere Eichentür. Überwältigt von dem Glanze eines prunkvollen Marmorsaales, lenkte ich meine Schritte zur Mitte der Empfangshalle. Dort stand ein alter rustikaler Tisch, um den herum viele Männer und einige Frauen saßen. Ich fragte, was sie denn hier so tun würden, während draußen die Leute fleißig am Haus werkelten. Darauf erhoben jene wie im Chor ihre Stimme und riefen plötzlich alle wild durcheinander und jeder rief zudem auch noch was anderes. Verwirrt blickte ich auf die illustre Gesellschaft. Jeder von ihnen schien wichtiger zu sein als der Andere. Ich konnte aber einige Wortfetzen aus dem Gebrüll herauslösen, so dass mir klar wurde, ich hatte die Anführer und Wächter vor mir. Auch wenn ich mich wunderte, wie das mit der Reklametafel am Eingang zusammenpasste, bemühte ich mich doch weitere Einzelheiten heraus zu hören. So viel wie ich verstehen konnte, hatten sie sich selbst zur Regierung ernannt.Weiter verstand ich dann bzw. versuchte zu verstehen, dass sie auch die Regeln selbst aufstellten, wie sich jeder andere zu verhalten habe. Ich fragte mich zwar, wo sie denn überhaupt die Berechtigung dazu hernehmen würden, wo doch alle Macht vom Volke ausginge, doch darauf konnte ich leider keine Antwort hören. Ich hörte nur immer wieder, dass sie durch die Wahlen legitimiert wären.
'Achso' dachte ich und wollte nun wissen wer denn diese Wahlen sind, ob dies eine Religion oder ob es die Götter dieser Welt wären, weil wer sollte sonst das Recht haben, einige Menschen über andere regieren zu lassen, wenn alle Macht vom Volk ausgeht. Die Antwort darauf lieferten mir die Anführer frei Haus, sie hätten eben ein Gesetz beschlossen, nach dem jeder entscheiden kann, wen er für den besten Anführer hält und deshalb seien sie legitimiert über die Sachen zu entscheiden, die das Volk betreffen. Entscheiden darüber, ob sie den Tisch (der sogar einen Namen hatte und Verfassung hieß) mit den ganzen Wächtern und Anführern überhaupt haben wollten, durften die Arbeiter aber anscheinend nicht.
Mich wunderte es nur, dass niemand auf die Idee kam, dass doch eigentlich nur etwas eine Legitimation liefern kann, was nicht Resultat eben jenes Prozesses selbst ist. Dass ihre Idee von Wahlen dies offenbar nicht konnte, weil diese Idee ja per Gesetz von ihnen selbst beschlossen wurde, darauf kamen die Anführer anscheinend nicht.
Aber vielleicht gab es in dieser Welt auch ein Perpetuum Mobile, was aus sich selbst heraus Energie erzeugen könnte. Vorsichtig versuchte ich eine Frage in diese Richtung zu stellen und bekam auch tatsächlich eine Antwort von der rechten Seite des Tisches „Ja wir haben Atomkraftwerke.“. Ich dankte den Anführern, dass sie mir soviel ihrer kostbaren Zeit geopfert hatten und begab mich nun auf die Suche nach dem mysteriösen Atomkraftwerk, welches ein Perpetuum Mobile sein solle.
Dieses fand ich auch nach einigem Suchen hinter einer überdimensionalen Eisentür. Ich schaute mir die Behälter an, an denen nichts Besonderes zu entdecken war, fand dann aber bald einen Ingenieur, der bereit war, mir einige Fragen zu beantworten. Zuerst einmal fragte ich, was dieses Ding tue und bekam die Antwort, dass es Strom also Energie liefere. Dann fragte ich, wozu denn dieser Strom gebraucht werden würde? Er antwortete: Damit wir die Einzelteile dieses Mechanismus herstellen können. 'Aha' dachte ich, dann scheint es ja doch ein Perpetuum Mobile zu sein. Die Energie entsteht also aus der Apparatur? Nein, dazu benötigen wir Uran, welches wir mit der Energie aus dieser Apparatur erst veredeln müssen. Und was geschieht dann mit dem Uran? Dieses werfen wir wieder dort hin, wo wir es her holen... in den Keller des Hauses. Ich fragte, ob er mir denn den Keller mal zeigen könne, worauf er mit einer etwas gereizten Gegenfrage antwortete, ob ich verrückt sei, das weggeworfene Uran ist ein anderes Uran, als jenes welches wir fördern, dieses strahlt 10.000 Jahre und zerstört alles in der seiner Nähe. Auf meine Frage, ob dies dann nicht unverantwortlich sei, meinte er zwar ja, aber die Anführer hätten dies so beschlossen. Ich hatte genug gehört, es war also doch kein Perpetuum Mobile und damit dies keiner merkt, wird also alles im Keller versteckt. Ich verabschiedete mich noch von dem Mitarbeiter dort und lief dann unschlüssig durch das Haus.
Im hinteren Teil des Hauses fand ich eine alte morsche Treppe, die ich hinauf stieg. Auf der nächsten Etage angelangt, traf auf eine ältere Frau, die den Boden schrubbte. Interessiert fragte ich sie, warum sie dies denn tue, da es doch hier relativ sauber wäre und ob sie denn nicht viel lieber was anderes tun würde oder ob ihr diese Tätigkeit Spaß machen würde. Sie erzählte mir, dass dies hier ihre Arbeit wäre und sie dafür Lohn in Form von Geld bekäme. Weiter erzählte sie mir, dass sie zwar viel lieber zeichnen oder sich im Garten um ihr Gemüse kümmern würde, aber damit könne sie leider kein Geld verdienen, weil die Anführer dies nicht bezahlen würden. Auch hätte sie gerne zwei Kinder, nur wisse sie nicht, wie sie diese ernähren solle, da das Geld was sie verdient, kaum für sie selbst reicht. Als ich sie fragte, wozu denn dieses Geld gut wäre, schaute sie mich ganz verwirrt an. Ich muss mir doch was zum Essen kaufen und brauche Kleidung, die ich tragen kann, entgegnete sie. Verwundert fragte ich zurück, warum sie denn nicht das Gemüse aus ihrem Garten essen würde und warum das Kollektiv, welches sich um die Produktion von Kleidern kümmert, denn von ihr einen Gegenwert haben wolle, wo doch hier offenbar vielmehr produziert wird, als die Menschen jemals brauchen würden. Und wieder bekam ich die Antwort, die ich schon kannte „Das ist eben so.“.
Seltsam dachte ich, die Menschen erledigen hier Arbeiten, die sie nicht machen wollen, die auch nicht wirklich benötigt werden, nur um etwas zu bekommen, was sie dann gegen sinnvolle Sachen eintauschen können, obwohl sie diese sich auch einfach nehmen könnten. Warum sie nicht einfach die Sachen selbst herstellen, die sie brauchen, war mir bis jetzt noch nicht klar.
Ich stieg also die Treppe weiter hinauf und kam in eine Halle, wo seltsame alte Sachen in Vitrinen herum standen. Gleich am Eingang wurde ich mit „Psst... das ist hier ein Museum.“ begrüßt. Ein Museum also, dachte ich, und entdeckte in einer Vitrine eine alte Staffelei. Sofort musste ich an die alte Frau denken, die sich auf dem Boden quälte, obwohl sie viel lieber malen würde. Ich beschloss der alten Frau eine Freude zu machen und öffnete die Vitrine um die Staffelei zu entnehmen. Auf einmal hörte ich Sirenen und vor mir stand eine Truppe von Leuten, die mit Gewehren auf mich zielten. Dies ist Eigentum des „Vereins für Privatinvestment“. Vor Schreck ließ ich das Teil fallen und schaute mich nur verdutzt um. Ich wurde gezwungen den Männern zu folgen, wobei ich die Hände dabei über dem Kopf verschränken musste. Die Wächter führten mich in einen Raum, in dem ein Tisch und auf jeder Seite des Tisches jeweils ein Stuhl standen. Immer wieder wurde ich gefragt, was ich vor gehabt hätte und in wessen Auftrag ich arbeiten würde. Ich schwieg, da ich nicht wusste, was diese Gewalttäter von mir wollten. Es stellte sich heraus, dass sich um eine Privatpolizei handeln würde, die spezialisiert wäre auf Einkommensdelikte. Meine Frage was denn Eigentum eigentlich sei, konnten sie mir leider nicht beantworten, statt dessen wurde ich in einen kleinen Raum gesperrt, den sie Zelle nannten. Außer einer Matratze war dieser komplett aus Beton, selbst die Toilette war nur ein Loch, welches in den Beton gelassen ward. Ich legte mich auf die Matratze und versuchte etwas zur Ruhe zu kommen und das Erlebte zu verarbeiten. Etwas Licht konnte durch die Türschlitze in den Raum eindringen und ermöglichte mir, den in die Wand eingeritzten Spruch „Eigentum ist Diebstahl“ zu lesen. Jetzt war ich zwar etwas schlauer, nur müsste mir nur noch jemand erklären was Diebstahl ist. Es hatte wohl etwas mit dem zu tun, was man mir offenbar vorwarf.
Am nächsten Morgen wurde ich in den ominösen Keller geführt, vor dem ich ja bereits gewarnt worden war, da hier das abgebrannte Uran lagerte. Man ließ mich laufen und rief mir hinterher, „Lass dich nie wieder bei uns oben blicken.“ Etwas verängstigt tappte ich durch den finsteren Keller. Als ich endlich die Außenmauer erreicht hatte, hörte ich schweres Atmen. Offensichtlich war ich nicht allein hier unten. Als ich meinen Leidensgefährten endlich entdeckte und wir kurze Zeit später dann ins Gespräch kamen, erzählte er mir, dass er sich vor Angst hier verstecke. Er habe kritische Schriften gegen die Anführer verbreitet und wäre jetzt als Terrorist eingestuft. Er könne nicht mehr nach oben, da dort überall Bewegungsmelder und Kameras installiert wurden und man ihn sofort nach der Entdeckung gefangen nehmen und in eine Zelle sperren würde. Er wies mich auf die Risse im Mauerwerk hin, die ich schon kurz nach meiner Ankunft bemerkt hatte und meinte, dass die Wächter nur darauf aufpassen, dass die Fassade schön aussieht, während die Mauern langsam zerfallen. Stell dir vor, so meinte er, die Ziegelsteine sind das Eigentum also das Anrecht auf etwas, über das kein anderer Verfügungsgewalt besitzt und der Mörtel welcher die Ziegel zusammenhält ist das Kapital, also das Vermögen, welches durch den kapitalistischen Prozess ständig vermehrt wird. Dadurch dass sich alle in das System einfügen, weil sie glauben Werte schaffen zu müssen, die sie tauschen können, sorgen sie dafür, dass immer wieder neuer Mörtel zur Verfügen steht, nur reicht er schon nicht mehr um das Fundament hier zu sichern. Die Arbeiter können den Verfallsprozess des Mauerwerkes zwar verlangsamen, aufhalten können sie ihn nicht und desto mehr Menschen dies begreifen, um so schneller bricht diese Haus zusammen.
In diesem Moment umgab mich eine Staubwolke und ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper. Offenbar stürzte das Haus gerade über mir zusammen.
In diesem Augenblick wachte ich auf, stand senkrecht in meinem Bett und freute mich als mir bewusst wurde, dass ich wieder zu Hause war und dies alles nur ein Traum gewesen ist. Leider blieb mir keine Zeit mehr über diesen Albtraum nachzudenken, weil unser Kollektiv heute über die Produktionsumstellung in unserer freien Genossenschaft entscheiden wollte und sie sicher schon auf mich warteten.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
Nachwort
Also viel Spaß beim Überarbeiten, neuere Versionen mit unbedingt hier in den Kommentaren verlinken.
Geschichte mit Tiefgang
Revolte Springen
PS: Schade, dass die auch enthaltenden Kritikpunkte am Zustand der Bewegung, die in der Geschichte angeklungen sind, hier offenbar nicht gesehen und diskutiert werden.
@Mein Name
Ursprünglich ging ich davon aus, dass gerade die Kritik an der Oberflächlichkeit von Antifaarbeit und die Reduktion des Parteienspektrums die Gemüter erhitzen würde, also was ich mit dem Baugerüst und den Malerbrigaden umschrieben habe, aber selbst das Schimpfen über meine "Unterstellungen" blieb aus...
Auch die Idee mit dem Kraftwerk, die ich während des Schreibens auf Grund der Tagesaktualität von Asse hinzugefügt habe, ist vielleicht ein kleiner Fehlgriff, weil er den politischen Kanon etwas sprengt.
Nun ja ... leider kann ich nur mutmaßen, wo dran es gelegen hat. Mein Anliegen politisch hoch explosiven Sprengstoff in eine kindlich naive Erzählung zu verpacken, muss ich als gescheitert betrachten.
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
Genial!