[Iran] Teheran brennt

Sayid Jarrah 21.06.2009 16:05 Themen: Medien Weltweit
Wieder Tote im Mullah-Staat. Die Situation im Iran bleibt unruhig. Nach Chameneis richtungsweisender Freitagspredigt herrscht Bürgerkrieg. Obwohl die gesamte Opposition kriminalisiert wurde, strömen die Massen auf die Straßen. Landesweit wird der Protest gegen das Regime nicht leiser. Der Kopf der Freiheitsbewegung, Mir Hussein Mussawi, kündigte im Falle seiner Festnahme einen Generalstreik an. Er erklärt sich zum Märtyrertum bereit.

Geistiger Führer eröffnet Krieg gegen die Freiheitsbewegung

Freitag ist ein besonderer Tag im Iran. Denn an jenem Tag versammeln sich sämtliche MuslimInnen, um gemeinsam die traditionelle Wochenpredigt abzuhalten. So auch am 19.06.2009, dem Freitag nach der Woche um den Wahlskandal und der anschließenden Massenproteste im Iran, an der Teheraner Universität. Der geistige Führer des Landes, Machtmonopol Ayatollah Ali Chamenei, gedachte diesen Tag als Inszenierung seiner Alleinherrschaft zu nutzen und mobilisierte landesweit FanatikerInnen in die Hauptstadt. Zehntausende RegierungsanhängerInnen lauschten diszipliniert der Propaganda Chameneis, die national sowie international heiß erwartet wurde. Diese Predigt würde die Richtung der Ereignisse im Land festlegen; entweder würde er den DemonstrantInnen der Freiheitsbewegung den Krieg ansagen, oder er würde ihnen ein offenes Ohr schenken und es würden nachgiebigere Worte fallen.
Von letzterem war absolut keine Spur. Chamenei erklärte die ProtestlerInnen von Beginn an zu „unserem Feind“. Er bekräftigte den ebenfalls anwesenden Mahmud Ahmadinedschad, der die Präsidentschaftswahlen vergangene Woche mit einem höchst umstrittenen Kanterergebnis von 65% für sich entschied, zum rechtmäßigen Wahlsieger. Unter tosenden „Gott ist groß“-Gerufen verkündete Chamenei weiter, dass er weitere Straßenaufmärsche scharf verurteilt. Er forderte die „Strippenzieher hinter den Kulissen“ auf, sofort für die Beendigung der „Randale“ zu sorgen, ansonsten folgten „schärfere Konsequenzen“. Zudem beschimpfte er die ausländischen BerichterstatterInnen, insbesondere die französischen und britischen, die mit ihren „teuflischen Medien“ zu Unrecht gegen die Islamische Republik hetzten.
Damit kriminalisierte Chamenei die gesamte Opposition im Land. Neben den Hunderttausenden, die tagtäglich ihren Protest auf der Straße Ausdruck verliehen, geraten nun auch die vermeintlich unterlegenen Gegenkandidaten – allen voran der Kopf der Massen, Mir Hussein Mussawi – unter die Klauen des Gesetzes.


Samstag: Teheran in Flammen

Nach jenen Ereignissen am Freitag war es nun ein völliges Mysterium, wie der Samstag aussehen würde. Ursprünglich hatte die Opposition erneut zu landesweiten Großdemonstrationen aufgerufen. Nach dem absoluten Verbot, nun noch mal durch den Revolutionsführer betont, hätte eigentlich eine Absage folgen müssen, doch diese blieben aus.
Am Nachmittag begannen die Proteste dann erneut. Aus Teheran liegen wegen dem Berichterstattungsverbot lediglich Amateuraufnahmen vor, von anderen Städten hört und sieht man so gut wie nichts. Der Ablauf der Aufstände hat sich stark gewandelt. Handelte es sich letzte Woche noch um geschlossene Massenaufstände sowie größtenteils überforderten Polizeieinheiten, war es nun die Staatsmacht – von Sondereinheiten und Milizen erweitert auf schweres Geschütz wie Räumpanzer und Wasserwerfer – die das Stadtbild dominierte. Eine geschlossene Versammlung der DemonstrantInnen, die in Teheran wieder zu Zehntausenden auf die Straßen strömten, wurde repressiv verhindert. Bereits hier kam es zum Einsatz von Tränengas.
Bis zum Abend entwickelten sich in jedem Stadtteil Kleinmobs von mehreren Hundert Menschen, teilweise vermummt und militant. Die heftigsten Gefechte lieferten sie sich mit den radikal-islmischen Motorrad-Einheiten der Bassidj-Miliz sowie mit extra eingeflogenen, schwer bewaffneten Hamas-Fanatikern aus dem Libanon. Aus der ganzen Stadt stiegen bis in die Nacht hinein dunkle Rauchschwaden auf; Autos und Mülltonnen brannten in Massen. Die Amateuraufnahmen, die größtenteils auf den Internetportalen Facebook und Twitter veröffentlicht werden, zeigen u.a. vor Steinhageln flüchtende Polizeieinheiten, doch dominiert wird das Stadtbild von brutal knüppelnden Sondereinheiten des Staatsapparates. Ständig sind Schüsse zu hören. Hausbewohner öffnen für flüchtende Freiheitskämpfer ihre Türen. Selbst von Dächern werden Parolen wie „Tod der Diktatur“ geschrieen sowie Steine auf Polizeieinheiten geworfen. Blutende – teils bewusstlose oder bereits tote – DemonstrantInnen werden von ihren eigenen GenossInnen weggetragen. Das Resultat ist nur sehr schwer in Zahlen auszudrücken: Das Staatsfernsehen spricht – neben Hunderten Verletzten und Festnahamen – von 9 Toten, Krankenhäuser berichten von über 20 Toten am Samstag alleine in Teheran. Etwas weiter außerhalb der Stadt – am Mausoleum des ersten Revolutionsführers Ayatollah Khomeini – soll zudem es einen Selbstmordanschlag mit einer weiterem weiteren Todesopfer gegeben haben.
Den Ausmaß der iranischen Kriegsverhältnisse stellt ein besonders schockierendes Video auf Youtube dar. Es zeigt eine junge Frau, die auf dem Boden liegend in den Armen ihres Vaters verblutet, bis die Anwesenden panisch feststellen, dass Neda, wohl eine neue Symbolfigur der Bewegung, tot ist. Polizisten seien laut Augenzeugen keine in der Nähe gewesen; es wird ein Mord durch einen Bassidj-Scharfschützen vermutet.
Von den kriminalisierten Gegenkandidaten war bis in den Abend hinein nichts zu sehen oder zu hören. Dann meldete sich Mussawi auf seiner Internetseite zu Wort. Nach dortigen Informationen habe er einen Brief, indem er nach wie vor die Annullierung der Wahl fordert, an den Wächterrat geschrieben. Er nehme die Wahlmanipulation zugunsten Ahmadinedschads „unter gar keinen Umständen“ hin. Er motivierte seine AnhängerInnen, die Proteste weiterzuführen. Im Falle seiner Festnahme rufe er das Volk zu einem Generalstreik auf. Mussawi bereitet sich sogar auf ein „Märtyrertum“ vor.


Regime bedient sich nach wie vor der Propaganda

Die Regierung kämpft nach wie vor mit propagandistischen Mitteln. Heute Mittag veröffentlichte das Staatsfernsehen Aufnahmen von vermeintlichen Festgenommen, die sich als unpolitische Drogenabhängige oder als die im Land verhasste Mudjheddin-AnhängerInnen entblößen; sie seien laut Eigengeständnis Spione des Irak. In einem Land wie dem Iran, welcher die Folter als polizeiliche Maßnahme duldet, erscheinen solche „offiziellen“ Aufnahmen derzeit weit weniger glaubwürdig als Kurznachrichten auf Twitter oder Facebook. Für heute Nachmittag werden erneute Zusammenkommen der DemonstrantInnen erwartet.


Wie geht es weiter?

Wie es nun mit der Situation im Iran weitergeht, ist völlig unklar. Mussawi hat die Kriegserklärung Chameneis mit seinem eigenem Schreiben angenommen. Das Regime steht nun unter gewaltigem Druck, denn ihr letztes Mittel, das Auffahren schwerster Repressalien gegen Aufständische, ist nun ausgespielt. Großayatollahs sowie wichtige politische Vertreter stellen sich teilweise hinter die DemonstrantInnen. Das internationale Auge richtet sich immer skeptischer nach Teheran. Die Opposition hat angekündigt, sich jetzt täglich um 16:00 Uhr Ortszeit zu versammeln, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen – landesweit.
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Ergänzungen

Proteste weltweit

John 21.06.2009 - 16:27

Grundlagentexte

d 21.06.2009 - 18:58
Hintergrundtexte auf trend.infopartisan
d 20.06.2009 - 20:24
 http://www.trend.infopartisan.net/inhalt.html

TREND Sonderschwerpunkt Iran ab 17.6.2009
Da ist kein zweiter Mandela
Über die „Grüne Welle“ im Iran und über Mussawi (Teil 1)
von Bahman Shafigh

Unter dem allgemeinen Besten
Der iranische Präsident und seine institutionellen Verflechtungen
von Attila Steinberger

Welchen Charakter hat die gegenwärtige Protestbewegung im Iran?
Welche Perspektive schlagen MarxistInnen jetzt vor?
von Alan Woods

Aus aktuellem Anlass kommentiert:

Herr Else und der Kotzkü(l)bel zum Iran
Rot-braunes und Stalino-Pack vereint für Theokratendiktatur und gegen Aufrührer
von Bernard Schmid

Video von Demo in Frankfurt am 20.06.09

Silvestris 21.06.2009 - 19:35

@ -

Sayid Jarrah 21.06.2009 - 20:59
lieber -, danke für deinen konstruktiven beitrag, etwas, was andere nicht von sich behaupten können. erstmal um mich vorzustellen: ich bin nicht anti-d, ich finde nicht obama toll, und ich weiss wer mussawi ist. meine eltern sind wegen der islamischen revolution aus dem iran geflohen, verwandte wurden hingerichtet. wenn mussawi behauptet:"ich habe für die islamische revolution gekämpft und ich will das system unbedingt aufrecht erhalten", kannst du dir herleiten, dass ich nichts von ihm halte. er als premier unter khomenei hat den vater einer freundin von mir hinrichten lassen, nebenbei bemerkt.
du hast recht, die terminologie "freiheitsbewegung" ist sehr brisant, aber ich finde sie nicht unangebracht. denn langfristig gesehen werden sich menschenrechte, frauenrechte und - ob du es wahrhaben willst oder nicht - emanzipation im iranischen volk etablieren. wie dir aufgefallen ist, halte ich mich nämlich sehr mit dem begriff "revolution" zurück. mussawi als präsident wäre alles andere als ein radikaler regime-wandel. aber er als übergang würde eine öffnung zur moderne und weg von der isolation bedeuten, und auf dauer gesehen würde dies (für die verhältnisse des unterdrückten, iranischen volkes) eine freiheitsbewegung bedeuten. doch da kann man sich drüber streiten.
nichtsdestotroz finde ich es etwas harsch, wenn du wegen diesem konfliktpunkt sagst, ich solle nüchterner bleiben. ich verfolge den ganzen tag sämtliche quellen und habe direkte kontakte in den iran. und um ehrlich zu sein, bei dem was dort momentan vor sich geht, spielen beim schreiben auch ne menge emotionen mit, da hast du recht, aber ich denke ich bleibe (vor allem für indymedia verhältnisse) sachlich.


und an alle anderen: durch eine so bescheuerte anit-d oder anti-us diskussion frage ich mich, wofür ich überhaupt sämtliche artikel hier veröffentliche. als autor bitte ich euch:

BITTE BLEIBT IN EUREN BEITRÄGEN KONSTRUKTIV. es geht hier um eine große bewegung in einem land, welches diese bitter nötig hat.

vielen dank

Nur mal so

blub 22.06.2009 - 11:54
Hier nur mal eine 1. Auflistung welche iranischen Linken Gruppen die Proteste unterstützen und welche nicht. Ich bin klar Antiimperialist, aber wenn in einem Land unsere GenossInnen Jahrelang verfolgt werden und auch jetzt in diesem Kampf kämpfen, verletzt werden, möglicherweise sogar sterben und hier selbsternannte "Kommunisten" dieses Regime verteidigen, dann kotzt das nur noch an.


Iranian parties/organizations supporting this movement:

Worker-Communist Party of Iran - Hekmatist (Marxist/Hekmatist)
Worker-Communist Party of Iran (Marxist/Hekmatist)
Fedaian Majority (Aksaryat (Marxist-Leninist)
Fedaian Minority (Aghaliat) (Marxist-Leninist)
Iranian People's Fadaee Guerrilla's (Marxist-Leninist)
Tudeh (Marxist-Leninist)
Toufan (Hoxhaist)
Komala (Marxist)
Azady-Baraby (Freedom - Equality) (Marxist)
Communist Party of Iran - MLM (Maoist)
Union of Iranian Communists (Sarbedaran) (Maoist)

Iranian parties/organizations opposing this movement:

None.

Iran videos, lifestream chat und andere links

coyoacan coca commie 22.06.2009 - 12:41
Livestream chat und ständig neue videos aus Iran

 http://www.livestream.com/persianq?origin=embedplayer

 http://riseoftheiranianpeople.com/

linker video channel  http://www.youtube.com/riseofiran

Linke orgs, die für die Revolte im Iran sind:

NPA Nouveau Parti Anticapitaliste
Committee for a Workers' International (Trotskyist)
International Marxist Tendency (Trotskyist)
Socialist Workers Party (UK)/IST (Trotskyist)
International Socialist Organization (Trotskyist)
International Communist Current (Left-Communist)
International Bureau for the Revolutionary party (Left-Communist)
Kasama Project (Multi-Tendency)
Worker's Solidarity Movement (Anarchist)

Parteien gegen die Revolte:

Workers World Party (Marxist-Leninist)
Party for Socialism and Liberation (Marxist-Leninist)

Neda Soltan

icke 22.06.2009 - 23:38
Für diese junge Frau, die von den Regierungsbeamten ermordet wurde gibt es eine Internet site:
 http://nedasvoice.com

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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es — is egal

@es — ich

@es — Matt

alles Politclowns? — original ich

stoppt die wochenendrevolutionäre! — http://www.hopoi.org

analytisches als audio — fuck religion

Unglaublich — Opa

@x — scheiß drauf

@ fast Alle — elrh

@entdinglichung — c.c.c.

@ opa — Sayid Jarrah

Solidemos — cv