[Iran] Teheran brennt
Wieder Tote im Mullah-Staat. Die Situation im Iran bleibt unruhig. Nach Chameneis richtungsweisender Freitagspredigt herrscht Bürgerkrieg. Obwohl die gesamte Opposition kriminalisiert wurde, strömen die Massen auf die Straßen. Landesweit wird der Protest gegen das Regime nicht leiser. Der Kopf der Freiheitsbewegung, Mir Hussein Mussawi, kündigte im Falle seiner Festnahme einen Generalstreik an. Er erklärt sich zum Märtyrertum bereit.
Geistiger Führer eröffnet Krieg gegen die Freiheitsbewegung
Freitag ist ein besonderer Tag im Iran. Denn an jenem Tag versammeln sich sämtliche MuslimInnen, um gemeinsam die traditionelle Wochenpredigt abzuhalten. So auch am 19.06.2009, dem Freitag nach der Woche um den Wahlskandal und der anschließenden Massenproteste im Iran, an der Teheraner Universität. Der geistige Führer des Landes, Machtmonopol Ayatollah Ali Chamenei, gedachte diesen Tag als Inszenierung seiner Alleinherrschaft zu nutzen und mobilisierte landesweit FanatikerInnen in die Hauptstadt. Zehntausende RegierungsanhängerInnen lauschten diszipliniert der Propaganda Chameneis, die national sowie international heiß erwartet wurde. Diese Predigt würde die Richtung der Ereignisse im Land festlegen; entweder würde er den DemonstrantInnen der Freiheitsbewegung den Krieg ansagen, oder er würde ihnen ein offenes Ohr schenken und es würden nachgiebigere Worte fallen.Von letzterem war absolut keine Spur. Chamenei erklärte die ProtestlerInnen von Beginn an zu „unserem Feind“. Er bekräftigte den ebenfalls anwesenden Mahmud Ahmadinedschad, der die Präsidentschaftswahlen vergangene Woche mit einem höchst umstrittenen Kanterergebnis von 65% für sich entschied, zum rechtmäßigen Wahlsieger. Unter tosenden „Gott ist groß“-Gerufen verkündete Chamenei weiter, dass er weitere Straßenaufmärsche scharf verurteilt. Er forderte die „Strippenzieher hinter den Kulissen“ auf, sofort für die Beendigung der „Randale“ zu sorgen, ansonsten folgten „schärfere Konsequenzen“. Zudem beschimpfte er die ausländischen BerichterstatterInnen, insbesondere die französischen und britischen, die mit ihren „teuflischen Medien“ zu Unrecht gegen die Islamische Republik hetzten.
Damit kriminalisierte Chamenei die gesamte Opposition im Land. Neben den Hunderttausenden, die tagtäglich ihren Protest auf der Straße Ausdruck verliehen, geraten nun auch die vermeintlich unterlegenen Gegenkandidaten – allen voran der Kopf der Massen, Mir Hussein Mussawi – unter die Klauen des Gesetzes.
Samstag: Teheran in Flammen
Nach jenen Ereignissen am Freitag war es nun ein völliges Mysterium, wie der Samstag aussehen würde. Ursprünglich hatte die Opposition erneut zu landesweiten Großdemonstrationen aufgerufen. Nach dem absoluten Verbot, nun noch mal durch den Revolutionsführer betont, hätte eigentlich eine Absage folgen müssen, doch diese blieben aus.Am Nachmittag begannen die Proteste dann erneut. Aus Teheran liegen wegen dem Berichterstattungsverbot lediglich Amateuraufnahmen vor, von anderen Städten hört und sieht man so gut wie nichts. Der Ablauf der Aufstände hat sich stark gewandelt. Handelte es sich letzte Woche noch um geschlossene Massenaufstände sowie größtenteils überforderten Polizeieinheiten, war es nun die Staatsmacht – von Sondereinheiten und Milizen erweitert auf schweres Geschütz wie Räumpanzer und Wasserwerfer – die das Stadtbild dominierte. Eine geschlossene Versammlung der DemonstrantInnen, die in Teheran wieder zu Zehntausenden auf die Straßen strömten, wurde repressiv verhindert. Bereits hier kam es zum Einsatz von Tränengas.
Bis zum Abend entwickelten sich in jedem Stadtteil Kleinmobs von mehreren Hundert Menschen, teilweise vermummt und militant. Die heftigsten Gefechte lieferten sie sich mit den radikal-islmischen Motorrad-Einheiten der Bassidj-Miliz sowie mit extra eingeflogenen, schwer bewaffneten Hamas-Fanatikern aus dem Libanon. Aus der ganzen Stadt stiegen bis in die Nacht hinein dunkle Rauchschwaden auf; Autos und Mülltonnen brannten in Massen. Die Amateuraufnahmen, die größtenteils auf den Internetportalen Facebook und Twitter veröffentlicht werden, zeigen u.a. vor Steinhageln flüchtende Polizeieinheiten, doch dominiert wird das Stadtbild von brutal knüppelnden Sondereinheiten des Staatsapparates. Ständig sind Schüsse zu hören. Hausbewohner öffnen für flüchtende Freiheitskämpfer ihre Türen. Selbst von Dächern werden Parolen wie „Tod der Diktatur“ geschrieen sowie Steine auf Polizeieinheiten geworfen. Blutende – teils bewusstlose oder bereits tote – DemonstrantInnen werden von ihren eigenen GenossInnen weggetragen. Das Resultat ist nur sehr schwer in Zahlen auszudrücken: Das Staatsfernsehen spricht – neben Hunderten Verletzten und Festnahamen – von 9 Toten, Krankenhäuser berichten von über 20 Toten am Samstag alleine in Teheran. Etwas weiter außerhalb der Stadt – am Mausoleum des ersten Revolutionsführers Ayatollah Khomeini – soll zudem es einen Selbstmordanschlag mit einer weiterem weiteren Todesopfer gegeben haben.
Den Ausmaß der iranischen Kriegsverhältnisse stellt ein besonders schockierendes Video auf Youtube dar. Es zeigt eine junge Frau, die auf dem Boden liegend in den Armen ihres Vaters verblutet, bis die Anwesenden panisch feststellen, dass Neda, wohl eine neue Symbolfigur der Bewegung, tot ist. Polizisten seien laut Augenzeugen keine in der Nähe gewesen; es wird ein Mord durch einen Bassidj-Scharfschützen vermutet.
Von den kriminalisierten Gegenkandidaten war bis in den Abend hinein nichts zu sehen oder zu hören. Dann meldete sich Mussawi auf seiner Internetseite zu Wort. Nach dortigen Informationen habe er einen Brief, indem er nach wie vor die Annullierung der Wahl fordert, an den Wächterrat geschrieben. Er nehme die Wahlmanipulation zugunsten Ahmadinedschads „unter gar keinen Umständen“ hin. Er motivierte seine AnhängerInnen, die Proteste weiterzuführen. Im Falle seiner Festnahme rufe er das Volk zu einem Generalstreik auf. Mussawi bereitet sich sogar auf ein „Märtyrertum“ vor.
Regime bedient sich nach wie vor der Propaganda
Die Regierung kämpft nach wie vor mit propagandistischen Mitteln. Heute Mittag veröffentlichte das Staatsfernsehen Aufnahmen von vermeintlichen Festgenommen, die sich als unpolitische Drogenabhängige oder als die im Land verhasste Mudjheddin-AnhängerInnen entblößen; sie seien laut Eigengeständnis Spione des Irak. In einem Land wie dem Iran, welcher die Folter als polizeiliche Maßnahme duldet, erscheinen solche „offiziellen“ Aufnahmen derzeit weit weniger glaubwürdig als Kurznachrichten auf Twitter oder Facebook. Für heute Nachmittag werden erneute Zusammenkommen der DemonstrantInnen erwartet.Wie geht es weiter?
Wie es nun mit der Situation im Iran weitergeht, ist völlig unklar. Mussawi hat die Kriegserklärung Chameneis mit seinem eigenem Schreiben angenommen. Das Regime steht nun unter gewaltigem Druck, denn ihr letztes Mittel, das Auffahren schwerster Repressalien gegen Aufständische, ist nun ausgespielt. Großayatollahs sowie wichtige politische Vertreter stellen sich teilweise hinter die DemonstrantInnen. Das internationale Auge richtet sich immer skeptischer nach Teheran. Die Opposition hat angekündigt, sich jetzt täglich um 16:00 Uhr Ortszeit zu versammeln, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen – landesweit.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen
Proteste weltweit
Grundlagentexte
d 20.06.2009 - 20:24
TREND Sonderschwerpunkt Iran ab 17.6.2009
Da ist kein zweiter Mandela
Über die „Grüne Welle“ im Iran und über Mussawi (Teil 1)
von Bahman Shafigh
Unter dem allgemeinen Besten
Der iranische Präsident und seine institutionellen Verflechtungen
von Attila Steinberger
Welchen Charakter hat die gegenwärtige Protestbewegung im Iran?
Welche Perspektive schlagen MarxistInnen jetzt vor?
von Alan Woods
Aus aktuellem Anlass kommentiert:
Herr Else und der Kotzkü(l)bel zum Iran
Rot-braunes und Stalino-Pack vereint für Theokratendiktatur und gegen Aufrührer
von Bernard Schmid
Video von Demo in Frankfurt am 20.06.09
@ -
du hast recht, die terminologie "freiheitsbewegung" ist sehr brisant, aber ich finde sie nicht unangebracht. denn langfristig gesehen werden sich menschenrechte, frauenrechte und - ob du es wahrhaben willst oder nicht - emanzipation im iranischen volk etablieren. wie dir aufgefallen ist, halte ich mich nämlich sehr mit dem begriff "revolution" zurück. mussawi als präsident wäre alles andere als ein radikaler regime-wandel. aber er als übergang würde eine öffnung zur moderne und weg von der isolation bedeuten, und auf dauer gesehen würde dies (für die verhältnisse des unterdrückten, iranischen volkes) eine freiheitsbewegung bedeuten. doch da kann man sich drüber streiten.
nichtsdestotroz finde ich es etwas harsch, wenn du wegen diesem konfliktpunkt sagst, ich solle nüchterner bleiben. ich verfolge den ganzen tag sämtliche quellen und habe direkte kontakte in den iran. und um ehrlich zu sein, bei dem was dort momentan vor sich geht, spielen beim schreiben auch ne menge emotionen mit, da hast du recht, aber ich denke ich bleibe (vor allem für indymedia verhältnisse) sachlich.
und an alle anderen: durch eine so bescheuerte anit-d oder anti-us diskussion frage ich mich, wofür ich überhaupt sämtliche artikel hier veröffentliche. als autor bitte ich euch:
BITTE BLEIBT IN EUREN BEITRÄGEN KONSTRUKTIV. es geht hier um eine große bewegung in einem land, welches diese bitter nötig hat.
vielen dank
Nur mal so
Iranian parties/organizations supporting this movement:
Worker-Communist Party of Iran - Hekmatist (Marxist/Hekmatist)
Worker-Communist Party of Iran (Marxist/Hekmatist)
Fedaian Majority (Aksaryat (Marxist-Leninist)
Fedaian Minority (Aghaliat) (Marxist-Leninist)
Iranian People's Fadaee Guerrilla's (Marxist-Leninist)
Tudeh (Marxist-Leninist)
Toufan (Hoxhaist)
Komala (Marxist)
Azady-Baraby (Freedom - Equality) (Marxist)
Communist Party of Iran - MLM (Maoist)
Union of Iranian Communists (Sarbedaran) (Maoist)
Iranian parties/organizations opposing this movement:
None.
Iran videos, lifestream chat und andere links
linker video channel
Linke orgs, die für die Revolte im Iran sind:
NPA Nouveau Parti Anticapitaliste
Committee for a Workers' International (Trotskyist)
International Marxist Tendency (Trotskyist)
Socialist Workers Party (UK)/IST (Trotskyist)
International Socialist Organization (Trotskyist)
International Communist Current (Left-Communist)
International Bureau for the Revolutionary party (Left-Communist)
Kasama Project (Multi-Tendency)
Worker's Solidarity Movement (Anarchist)
Parteien gegen die Revolte:
Workers World Party (Marxist-Leninist)
Party for Socialism and Liberation (Marxist-Leninist)
Iran Untergrundzeitung (zu Moussavi)
Berichte von den Protesten vom Sonntag
-
-
p.s.: mir ist keine Gruppe der iranischen Linken bekannt, welche die derzeitigen Proteste nicht unterstüzt
Sehr gute Fotos hier
Neda Soltan
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
es — is egal
@es — ich
@es — Matt
Solidarität mit den Kämpfenden! — heja
Antimperialismus der dummen Kerls — Trotzky
alles Politclowns? — original ich
überall revolution bei spon,faz, und n-tv — alles wird besser
Freiheitsbewegung? — -
stoppt die wochenendrevolutionäre! — http://www.hopoi.org
Bilder vond er Demo heute in Berlin — Dein Name
@original ich "alles politclowns"? — yx
analytisches als audio — fuck religion
harter Diskussion und Positionsfindungprozess — x
Kommunisten bitte mal Klappe halten — ...
Unglaublich — Opa
@x — scheiß drauf
Iran ist nicht Venezuela — Hamid
@ fast Alle — elrh
@entdinglichung — c.c.c.
@ opa — Sayid Jarrah
@sayeed, keep up your good work!/ Generalstre — coyoacan coca commie
Solidemos — cv
Wer schützt die Amerikaner vor ihr Regierung? — .....
Ursache und Wirkung..... — 123
Anhang Taz-Bericht — 123