Demonstration von ExiliranerInnen in Wien

Autonomer Punkerhamster 18.06.2009 07:06 Themen: Soziale Kämpfe Weltweit
Am 16.Juni gingen in Wien Tausende ExiliranerInnen auf die Strasse. Sie artikulierten ihre Ablehnung der Repression gegen die Demokratiebewegung und drückten ihre Solidarität mit den protestierenden Menschen in Iran aus. Die Stimmung war sehr angenehm und entspannt, die politische Botschaft ganz klar.
Am Dienstag, den 16.Juni fand in Wien eine Demonstration von ExiliranerInnen gegen den vermuteten Wahlbetrug in Iran statt. Nur durch Zufall habe ich durch eine Freundin erfahren, dass gerade Massen von Menschen durch die Innenstadt ziehen und Freiheit für Iran fordern. Da ich mich in den letzten Tagen mit der Lage in Iran befasst habe und meine Solidarität mit dem Freiheitskampf der IranerInnen zum Ausdruck bringen wollte, habe ich mich also sofort auf den Weg gemacht.

Meine Freundin hatte mich informiert, dass die Demo beim Heldenplatz gestartet war und dann durch die Innenstadt Richtung dritter Bezirk, wo sich die iranische Botschaft in der Jauresgasse befindet, zog. Nach einiger Zeit der Suche bin ich dann beim Schwarzenbergplatz auf die Demo gestoßen. Es war beeindruckend für mich. Zwar bin ich ganz schlecht im Einschätzen der Anzahl von Menschenmassen, aber die Zahl, die in den Medien kolportiert wurde (Polizeiangaben), ist natürlich wie immer eine Untertreibung. Es waren nicht 700 Menschen wie der Standard schreibt, sondern sicher mehrere Tausend Menschen, meine persönliche Schätzung beläuft sich auf 2.000 bis 3.000 Menschen, aber wie gesagt ohne Gewähr. Naja, wenn es das Tatblatt noch gäbe, dann hätte man jetzt eine solide und verlässliche Schätzung. Mir war bislang nicht einmal klar, dass überhaupt so viele ExiliranerInnen in Wien leben. Mir erscheint auch noch wichtig zu erwähnen, dass die Demo wohl sehr spontan – vermutlich koordiniert über das Internet – zustande kam, denn mir sind vorher keine Plakate oder ähnliches aufgefallen.

Die Stimmung auf der Demo war relativ entspannt, ein bisschen wie Familienfest. Es waren Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, manche mit Kindern, unterwegs. Ganz vereinzelt habe ich auch Frauen mit muslimischem Kopftuch ausgemacht, aber die überwältigende Mehrheit der Leute schien säkular eingestellt zu sein. Andererseits war ganz deutlich zu spüren, dass viele Menschen Angst haben, denn sie haben sich mit Tüchern oder Gesichtsmasken vermummt. Die Angst vor den Bütteln des iranischen Regimes in Österreich und vor Repressionen war sehr präsent. Umso mutiger finde ich es von diesen Menschen, dass sie trotz Angst auf der Strasse sichtbar werden.

Die politische Message war recht klar: In Sprechchören hörte man „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg!“ und den simplen Ruf nach Freiheit. Auf vielen Schildern wurde die Frage „Where is my vote?“/ „Wo ist meine Stimme?“ aufgeworfen. Die Farbe grün, das Symbol von Mousavis Wahlkampagne in Iran, war auch recht verbreitet, zB auf Tüchern. Transparente gab es keine. Und auch Fahnen fehlten völlig, was ich sehr sympathisch finde.

Die Demo zog also vom Schwarzenbergplatz über den Rennweg in Richtung Botschaft. Die Polizei begleitete die Demo, trat aber nicht besonders martialisch und einschüchternd auf, wie man das von sonstigen Demos in Wien kennt. Ich ging im hinteren Teil der Demo mit und bekam daher nicht mit, was vorne vor sich ging. Daher weiß ich nicht, ob die Demo direkt bis vor die Botschaft kam bzw. von der Polizei gelassen wurde. Eine Seitengasse zwischen Rennweg und Jauresgasse war zumindest durch Tretgitter abgesperrt, aber die nächste war offen, sodass man sich der Botschaft nähern konnte. Es wurden dann noch Reden gehalten und die Lautstärke wuchs in der Nähe der Botschaft hörbar an, es wurde geschrieen, gepfiffen und geklatscht. Für wenige Minuten gab es einen kurzen „Sitzstreik“.

Alles in allem ein kräftiges Lebenszeichen der ExiliranerInnen in Wien, das mich eigentlich sehr überrascht, aber auch Optimismus hat tanken lassen. Ich wünsche mir, dass öfter solche Demos stattfinden, beim nächsten Mal vielleicht noch besser angekündigt und mit größerer Beteiligung solidarischer MehrheitsösterreicherInnen. Stimmungsmäßig und von der politischen Aussage her hat für mich persönlich alles gepasst, auch wenn ich einige Botschaften – sowohl Parolen als auch Schilder nicht verstanden habe, weil sie auf persisch waren – und es war eine weit schönere Erfahrung als die üblichen verkrampften Demos in Wien, auf der sich meistens alle möglichen und unmöglichen Politsekten versammeln und verbalradikal „Revolution“ spielen. Auf einer ganz persönlichen Ebene hätte ich mir noch gewünscht, mit Menschen auf der Demo ins Gespräch zu kommen und vielleicht sogar im Hinblick auf mögliche zukünftige gemeinsame Aktionen Kontakte zu knüpfen, dies ist aber an meiner eigenen Zurückhaltung gescheitert.

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Ergänzungen

anders gefragt

Autonomer Punkerhamster 18.06.2009 - 12:45
Das kann man auch umgekehrt beleuchten: Teile der (radikalen) Linken verfallen jedes Mal sofort in Euphorie, wenn irgendwo auf der Welt Steine und Mollis gegen die Polizei fliegen. Es wird doch sonst von diesen Linken auch nicht wirklich nachgefragt, was wollen diese Leute und warum sind sie wütend und wofür kämpfen sie und wer unterstützt sie usw? Ich sage nur: Intifada. Das ist relativer Konsens in der Linken, dass man das unterstützen musste, weil das ja ein legitimer Aufstand mit unterstützenswerten Zielen sei. Und diejenigen, die das hinterfragen und darauf hinweisen, dass die Intifada als reaktionärer Aufstand gesehen werden kann, ohne jeglichen emanzipatorischen Gehalt, die werden dann als antideutsche "Bösewichte" herabgewürdigt, die ja nur aus "rassistischen Motiven" gegen die Intifada seien. Also warum sind gewisse Linke dann jetzt plötzlich so "kritisch" gegenüber einem Freiheitskampf, bei dem eben auch mal Steine fliegen?

Ausserdem: Nur weil eine Bewegung vom "Westen" - zumindest verbal, denn praktische Solidarität gibt es hier eh nicht - unterstützt wird, heisst das ja noch lange nicht, dass diese Bewegung automatisch "schlecht" sein muss. Was genau stört dich an der Forderung nach einem Abgang der Mullahs und der Option auf - das heisst nicht notwendigerweise auch die Verwirklichung von - Freiheit? Und woher nimmst du überhaupt das Wissen, dass die Mousavi-Anhänger die Revolutionswächter unterstützen?

Keine Demokratiebewegung?

Herbert Steeg 18.06.2009 - 14:31
Keine Demokratiebewegung? Eine Bewegung die unter einem solchen Regime wie im Iran hunderttausende oder sogar Millionen über Nacht auf die Strasse bringt, um eine Forderung an die Regierung zu stellen, ist eine Demokratiebewegung. Sogar gleich welche Forderung es ist. Die sie fordert die Beteiligung der Bevölkerung = Demokratie.
Zudem: Es geht um den Ausgang einer Wahl, von der ganz offensichtlich ein großer oder der größte Teil der Bevölkerung annimmt, sie sei gefälscht. Dann nach Neuwahl zu rufen, ist eine demokratische Forderung.

Eine andere Frage ist, wie mensch Mussawi einschätzt, der sich bekanntlich politisch vom bisherigen Präsidenten kaum unterscheidet. Wie sich das politisch entwickelt???

Entscheidend ist jetzt aber etwas anderes: Wenn in einem Land, indem bisher jede Opposition und jeder Protest ein Wagnis war - ein Land, dass relativ an der Weltspitze hinsichtlich von Hinrichtungen steht - plötzlich Hunderttausende demonstrieren, dann hinterläßt das etwas. Zu allermindestens das Bewußtsein: Mensch kann gemeinsam auf die Straße gehen. Und diese Massenerkenntnis wird Spuren hinterlassen, gleich was weiter auch geschehen mag.

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wäre super — wenn

hab ich gerade gemacht — Autonomer Punkerhamster

ja ja.. — Autonomer Punkerhamster