Heidelberg: Proteste gegen das Kriegstreiberforum

Pancho (WWW) 17.05.2009 22:45 Themen: Militarismus SiKo München
Flagge zu zeigen gegen Krieg und Nationalismus, ist immer wichtig. Der Protest gegen das 'Heidelberger Kriegstreiberforum' vom vergangenen Freitag war aber ein ganz besonders wichtiger Protest gegen einen ganz besonders abscheulichen Elitezirkel aus deutscher Waffenindustrie, Kriegslobbyisten, Bundeswehr-Offizieren und Unions-Politikern, darunter Bundeskriegsminister Jung.
Immerhin gut 300 DemonstrantInnen zeigten den führenden Vertretern aus Staat, Nation und Kapital, dass sie ihre Kriegslogik nicht unwidersprochen im Tagungsraum eines Hotels entwickeln können. Auch wenn eine morgendliche Blockade leider nicht gelingen konnte, wurden die Kriegstreiber mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert, belästigt und gestört.

So deutlich wie selten stellte diese unverblümt kriegstreiberische, menschenverachtende Konferenz die ganze hässliche Fratze unserer Gesellschaftsordnung zur Schau. Schon aus der Einladung zu dem neuen Ableger der Münchener SiKo war deutlich hervorgegangen, wie eng Staat, Nation und Kapital als einzelne Ausprägungen der herrschenden Gesellschaftsordnung miteinander zusammenhängen, insbesondere wenn es darum geht, gemeinsam Kriege anzuzetteln.

Kriege führen gegen die Krise

Mit dem Sinnspruch „Gerechtigkeit ist die Nächstenliebe der Weisen“ bemüht der Veranstalter, das Heidelberger 'Forum-Institut für Management' den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, um seinen Tagungen einen ethischen Anstrich zu geben. Das, wie vom Veranstalter versprochen, mit „hochkarätigsten Referenten“ besetzte 'Heidelberger Sicherheitsforum' knüpfte am vergangenen Freitag jedoch unfreiwillig an einem ganz anderen Teil von Leibniz' Vita an – dieser hatte nämlich 1672 dem 'Sonnenkönig' Ludwig XIV. einen kreuzzugsähnlichen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten vorgeschlagen.

Auch bei dem sogenannten 'Heidelberger Sicherheitsforum' ging es um Waffen und Kriege, insbesondere um die Frage, wie gerade in Krisenzeiten der deutschen Rüstungsindustrie zu „neuen Absatzmöglichkeiten im In- und Ausland“ verholfen und zusätzliche Nachfrage organisiert werden kann. In der Einladung heißt es weiter:

„Die Wirtschaftskrise hat längst auch das Militär erfasst. Mögliche Einsparmaßnahmen könnten nicht nur die Auftragslage der wehrtechnischen Industrie, sondern auch Militäreinsätze im Ausland tangieren. Die Branche beobachtet diese Entwicklung mit Sorge.“

Damit Deutschland gestärkt aus der Krise herausgehen kann, sollen also Waffen und damit Gewalt, Krieg und Militär, noch stärker als bislang im In- und Ausland zum Einsatz gebracht und die sogenannte „innere Sicherheit“ ausgebaut werden.

Die Gesamtlogik aus Staat, Nation und Kapital brechen

Nicht alle Tage werden die wechselseitigen Bezüge zwischen Staat, Nation und Kapital so deutlich sichtbar, ebenso wie deren gemeinsames Wirken im Hinblick auf die Herbeiführung neuer Konflikte und Kriege.
Dies verdeutlicht, dass die bestehenden Verhältnisse nicht am Symptom – in diesem Fall dem Krieg – kuriert werden können. Sie können auch nicht allein an einem der drei Aspekte aufgebrochen werden, da diese sich aufeinander beziehen, einander stützen und zur Erhaltung der Gesamtlogik einander auch wiederherstellen. Vielmehr muss die Logik dieser Verhältnisse insgesamt außer Kraft gesetzt werden.
Wer Kriege und Waffen ablehnt, muss somit konsequenterweise die Gesamtlogik aus Staat, Nation und Kapital ablehnen.

Dieser Erkenntnis trug in beachtlichem Umfang auch der Bündnisaufruf Rechnung, ungeachtet des vergleichsweise breit aufgestellten UnterstützerInnen-Spektrums. So wiesen die Proteste ansatzweise in die richtige Richtung, auch wenn die viel zu geringe Mobilisierung des beinahe ausschließlich lokalen Bündnisses nicht zufriedenstellen kann.

Ein Zeichen – nicht mehr und nicht weniger

So ließ die Zahl der AntimilitaristInnen am Freitagmorgen nicht zu, an eine spontane Blockade des Tagungshotels auch nur zu denken. Die KonferenzteilnehmerInnen wurden jedoch, ob sie nun den Haupteingang oder die Tiefgaragenzufahrt des Hotels 'Crowne Plaza' wählten, von lautstarken Megaphon-Ansprachen, Transparenten, Aktionstheater und im Weg stehenden Protestierenden durchaus belästigt. Wer im Namen von Staat, Nation und Kapital bereit ist über Leichen zu gehen, der kommt mit kurzem Belästigtwerden aber allzu leicht davon.

Zur Abschlussdemonstration am Nachmittag fanden sich dann immerhin gut 300 DemonstrantInnen ein, der Demozug führte jedoch nicht weit: schon nach wenigen Metern wurde der Zug von der Polizei gestoppt – zusätzliche, schikanöse Auflagen (u.a. Beschränkung auf den Bürgersteig und eine kurzfristige Routenänderung) sollten den DemonstrantInnen die Zähne ziehen. Diese entschieden sich jedoch logischerweise für Plan B, eine wilde Demo, die nach kurzer Rennerei direkt an die Tiefgaragenausfahrt des Hotels führte. Dort kam es zeitweise zu Szenen polizeilicher Gewalt.
Ein Polizist konnte nach Augenzeugenberichten nur von eigenen Kollegen, die ihn zu zweit beiseiterissen, davon abgehalten werden, mit seinem Schlagstock brutal auf einen Demonstranten einzuprügeln. Gerade im Kontrast zu den ganzen Tag über völlig gewaltfreien KriegsgegnerInnen, beantworten Szenen wie diese die Frage, wo die von den Medien so gerne gesehenen 'gewaltbereiten Randalierer' zu finden sind, ganz eindeutig.

Perspektiven

In der Einladung zur Konferenz findet sich übrigens auch der Satz:

„Angesichts von […] Menschenrechtsfragen und Stimmungen in der Bevölkerung, die in den Strategien der Unternehmen zunehmend berücksichtigt werden müssen […] steht die wehrtechnische Industrie ohnehin vor schwierigen Aufgaben.“

Schön, dass zumindest das angekommen ist! Zugetragen wurde uns zudem, dass sich die Konferenzteilnehmer im Sitzungssaal mächtig über die Proteste aufgeregt haben.

Das kann aber nicht ausreichen. Zwar war mehrfach zu hören, die Mobilisierung sei in Anbetracht des Regenwetters oder auch „für Heidelberger Verhältnisse“ schon ganz gut gewesen. Wenn aber selbst die Rhein-Neckar-Zeitung im Vorfeld schreibt:

„An der Brisanz der Themen oder der Prominenz der Redner wird es wohl kaum liegen, wohl eher an der geringen Bereitschaft der Heidelberger, gegen die im 'Crowne Plaza'-Hotel versammelten Tagungsgäste [...] zu demonstrieren.“

dann sollte das zuallervorderst den Heidelbergern zu denken geben.

Jedoch bilden die nun aufgebauten – und durch das letztlich ausgesprochen solidarische Verhalten aller Beteiligten weiter gestärkten – Kontakte zwischen unterschiedlichen linken Zusammenhängen hoffentlich einen Grundstein für eine stärkere Vernetzung und eine bessere Zusammenarbeit linker und linksradikaler Gruppen im gesamten Rhein-Neckar-Raum. Somit bleibt zu hoffen, dass bei der geplanten Neuauflage der 'Sicherheitskonferenz' im kommenden Jahr ein dann zumindest regional aufgestelltes Bündnis (unter Beteiligung weiterer erfahrener und entschlossener Gruppen) ein deutlich klareres Zeichen gegen Krieg und gegen Staat, Nation und Kapital setzen kann.

Konferenzeinladung zum 'Heidelberger Sicherheitsforum'Sonderseite zur Protestaktion gegen das 'Heidelberger Kriegstreiberforum'
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Ergänzungen

Mehr Fotos zu den kreativen Protestformen

Pancho (WWW) 18.05.2009 - 00:38
Gerade erreichten mich noch ein paar Fotos zu den kreativen Protestformen am Vormittag, die ich Euch keineswegs vorenthalten möchte:

Bericht aus dem Konferenzsaal

Pancho (WWW) 18.05.2009 - 00:58

Mittlerweile hat auch "unser V-Mann", der in die Konferenz eingeschleuste Jürgen Wagner (IMI), ausführlich über die Vorträge und Diskussionen Bericht erstattet. Hier ein paar Ausschnitte:

Erfreulicherweise fanden sich bereits um 8h30 zahlreiche Demonstranten vor dem Veranstaltungsort, dem Crowne Plaza in Heidelberg, ein, was die Forumsteilnehmer sichtlich verärgerte – über Krieg und Profit spricht man naturgemäß lieber im stillen Kämmerlein und unter vollständigem Ausschluss der Öffentlichkeit.
Nachdem das nun nicht mehr möglich war, ging man zum „Gegenangriff“ über: „Dies ist keine Veranstaltung von Kriegstreibern, sondern von Friedensmachern“, mit diesen Worten eröffnete der CDU-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Karl Lamers das Heidelberger Sicherheitsforum.

Nur, dass die selbsternannten Friedensmacher keineswegs über Frieden redeten, was Jürgen Wagner zu dem Urteil „wenn jemand sich verhält wie ein Kriegstreiber und redet wie ein Kriegstreiber, dann ist er wohl auch ein Kriegstreiber.“ bewegte.

Lang und breit wurde die "historische Transformation der Bundeswehr" beschworen, ebenso wie die wachsende Bedrohung des Landes, die es offensiv zu bekämpfen gelte.
Kriegsminister Jung ließ keine Zweifel aufkommen, was das bedeutet: Angesichts der postulierten neuen Bedrohungslage sei es erforderlich aktiv, also militärisch, „die Gefahr dort zu beseitigen, wo sie entsteht.“
Holger Mey von EADS blieb nur noch zu ergänzen, dass: „Wo immer wir intervenieren, bleiben wir mit zigtausend Mann, um eine Nation aufzubauen, wo vorher noch nie eine war.“

In Punkto Rüstungsausgaben schoss der Tagungsleiter, General a.D. Klaus Reinhardt den Vogel ab, der für eine etwa 30%ige Erhöhung der Rüstungsausgaben plädierte. Dennoch äußerte sich der CDU-Abgeordnete Karl Lamers, der Verteidigungshaushalt habe sich „erfreulich“ entwickelt. Und in der Tat: während an Sozialausgaben gespart wird, ist der Rüstungsetat im zwischen 2008 und 2009 um 5,6% erhöht worden.
Und der Hamburger Innensenator Christoph Ahlhaus - der Mann, der von sich sagt, er sei „stolz darauf“ als „harter Hund“ zu gelten, gefiel sich in ebendieser Rolle:

„Ein entscheidender Faktor, dass Deutschland im Fokus islamistischer Terroristen ist, bleibt das Engagement Deutschlands in Afghanistan.“ Um den Terrorismus zu bekämpfen, sei es also erforderlich in Afghanistan (und nun auch Pakistan) alles kurz und klein zu schießen. Blöderweise sei dies aber gerade der Grund dafür, dass die Terrorgefahr in Deutschland steige (zu dieser Schlussfolgerung gelangen im Übrigen auch BND und Verfassungsschutz), weshalb die Axt an wesentlichen Bürgerrechten angelegt werden müsse, um „uns“ hiervor zu schützen. Bravo – wirklich beruhigend, wenn ein Land solche „Eliten“ hat!

[Ahlhaus beklagte auch] lautstark „zunehmende Respektlosigkeiten“ gegenüber den Ordnungskräften:

Deshalb müsse sich die Gesellschaft „schützend vor unsere Polizisten und Soldaten stellen.“ Dass diese Respektlosigkeiten nicht zuletzt damit zusammenhängen, was die Ordnungskräfte da schützen – einen immer asozialer von unten nach oben verteilenden Staat – und auf welche Weise sie das tun, nämlicher immer repressiver, eine solche Erkenntnis ist von einem hohen Politiker sicher zu viel verlangt.
Selbstredend setzte sich Ahlhaus für den umfangreichen Überwachungsstaat ebenso ein, wie für den Einsatz der Bundeswehr im Inland. Auch er betonte, es sei eine „Binsenweisheit“, dass eine Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit überholt sei. Er glaube, dass der „verfassungsrechtliche und politische Ballast heute mit der aktuellen Bedrohungssituation unvereinbar ist.“
Zuguterletzt noch das Bekenntnis zu unserer Nation (ob das Deutschlandlied gesungen wurde, ist nicht überliefert):
„Frieden, Recht und Freiheit für unser Vaterland“, mit diesen Worten schloss Kriegsminister Jung seinen Beitrag auf dem Heidelberger Sicherheitsforum ab. Freiheit für wen? Für die Rüstungsindustrie und andere Großkonzerne auf Kosten der Menschen hier und vor allem in anderen Teilen der Welt, sich im Crowne Plaza den Bauch vollzuschlagen.
(eingerückt sind Zitate aus dem Bericht von Jürgen Wagner)
Den kompletten Text siehe „Krieg und Profit: Das Heidelberger Sicherheitsforum – Schulterschluss von Militär-, Wirtschaft und Politik“.

29.5. Gelöbnix in Rheine(Westf.)

wurde ausgefüllt 18.05.2009 - 16:19
Am 29. Mai will die Bundeswehr in Rheine um 18 Uhr auf dem Borneplatz ein öffentliches Gelöbnis verschiedener Bundeswehreinheiten durchführen.
Dagegen wollen wir demonstrieren: Auftakt der Demonstration: Rheine 17 Uhr Hauptbahnhof

weitere infos:
 http://www.geloebnix-rheine.de
 http://antifarheine.blogsport.de

Demo gegen den Celler Trialog am 04. Juli

no war 18.05.2009 - 16:59
Eine ähnliche Veranstaltung findet vom 08.-10 Juli in Celle statt. Der Celler Trialog ist das "nationale Austauschforum für einen engeren Schulterschluss zwischen Wirtschaft Politik und Bundeswehr". Es wird initiiert von der Commerzbank, dem Verteidigungsministerium und der 1. Panzerdivision. Als Redner werden dieses Jahr u.a. der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank Klaus-Peter Müller, der Kriegsminister Jung, der Innenminister Schäuble und der Mitautor des aktuellen NATO-Strategiepapiers Klaus Naumann erwartet.

Bereits am 4.Juli wird es eine Demo in Celle geben 14 Uhr Heeseplatz.
Während der Woche sind zahlreiche Aktivitäten geplant.
Weitere Infos gibts unter  http://cellertrialog.blogsport.de

Die 1. Panzerdivision veranstaltet außerdem einmal jährlich zum Zweck der Akzeptanzsteigerung ein "Sommerbiwak" Gartenfest mit rund 6.500 geladenen Gästen.
Das diesjährige Sommerbiwak findet am 28. August statt, es wird einen Aktionstag dagegen geben.
weitere Infos gibts unter  http://antimilitarismus.blogsport.de

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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ICH VERSTEH NICHT.....

MARKIN 21.05.2009 - 12:50
....wieso keine bilder von der 20 minütigen str. blockade entstanden sind. geschweige erwähnt...für heidelberg verhältnisse ein muss. =)