Antifa-Demo in Friedland – Kurzer Erlebnisber

krauskopf 09.05.2009 17:49 Themen: Antifa Repression
Heute war es endlich soweit: Die "bösen Göttinger Autonomen" sind in Friedland eingefallen, um den Dorfrieden zu stören und Angst und Schrecken zu verbreiten. Erfüllt hat dieses Ziel wohl eher die Polizei, die die gesamte Göttinger Region besetzt hielt (zur Stunde noch hält), um den propagierten Bürgerkrieg zu verhindern. Zusammenfassen lässt sich der Tag nun auf eine nette, stimmungsvolle Antifa-Demo mit mehr als 250 Menschen, eine "unser-Dorf-soll-ruhig-bleiben"-Kundgebung von ein paar Friedländer Bürger_innen und einen Polizeieinsatz, der Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit bestimmter Führungskräfte aufkommen lässt.
Aber von Beginn: Victor Kasper (früher Schill-Partei und aktiver NPD-Wahlkämpfer) hatte im Namen "Russland-Deutschen Konservativen" (RDK) für den heutigen Tag einen "Friedensmarsch" in Friedland angemeldet. Antifa-Gruppen und auch bürgerliche Organisationen sahen darin, den Versuch eines Nazi-Aufmarsches in Friedland. Schnell formierte sich der Widerstand in Göttingen, aber auch aus Thüringen wurde nach Friedland mobilisiert. In Friedland selbst gründeten CDUSPDGrüne ein "Bündnis gegen rechts". Die Polizei entwickelte eine Gefahrenprognose, die zum Einsatz von über 2.500 Polizist_innen, Hubschraubern, Wasserwerfern, Räumpanzern, Pferde- und Hundestaffeln führte.

Noch im April untersagte der Landkreis Göttingen (CDU und Grüne regieren) den Nazi-Aufmarsch. Der kleinen medialen Propagandashow ("wir verbieten", "Friedlands Symbolik darf nicht von Rechten (?) mißbraucht werden", "mit allen Mitteln verhindern" (Kreistagsbeschluss)) folgten also tatsächlich auch Taten. Etwas übberraschend verkündete Kasper (ist er so wirr oder tut er nur so?) am Mittwoch gegenüber der Polizei, dass er nicht mehr vor dem 9. Mai gegen die Verbotsverfügung vorgehen würde. Damit war klar: Wahrscheinlich kein Nazi-Aufmarsch in Friedland am 9. Mai. Ausweichversuche der Faschos wurden allerdings nicht ausgeschlossen, da schon am 1. Mai nach dem Hannover-Verbot ca. 30 von ihnen in Friedland aufgetaucht waren. Mehr als 100 Antifas waren innerhalb kürzester Zeit dagegen in Friedland auf die Straße gegangen.

Die Polizei hielt dennoch an ihrer Gefahrenprognose fest. Ihr Göttinger Chef Wargel erzählte gestern noch auf einer Pressekonferrenz etwas von über 1.500 Demonstrant_innen, obwohl z.b. die redical m selbst im Falle eines Nazi-Aufmarsches von 500 Leuten ausgegangen war.

Mitte der Woche wurde dann auch die Antifa-Demo auf Drängen der Polizei vom Landkreis verboten und auf eine Kundgebung beschränkt. Am Freitagmorgen kippte das VG Göttingen dann erst einmal alle Auflagen bezüglich der Transparente, Fahnenstangen und Lautstärke (erst vor ein paar Tagen hatte die Stadt Gö ein solches Verfahren ebenfalls verloren, trotzdem fanden sich diese Auflagen dann im Bescheid vom Lankdreis wieder), hielt jedoch an der Polizeiargumentation nur eine Kundgebung zur erlauben fest. Die kassierte dann am Abend das OVG Lüneburg.

Guten Mutes ging es dann also heute morgen per Bahn zur von Polizei und Landkreis offensichtlich unerwünschten Demo nach Friedland. Am Göttinger Bahnhof verzichtete die Polizei überraschenderweise auf Kontrollen, obwohl Wargel diese gestern noch angekündigt hatte. Vielleicht war es ihnen einfach zu peinlich. Etwas spät gemerkt, aber was will mensch auch erwarten.

Enttäuschend, zumindest zunächst, war sicherlich der Anzahl der Antifas im Zug (ca. 130). Auch die Demo startete mit zunächst eher knapp 200 Leuten, wuchs aber erfreulicherweise noch locker auf die 250 Menschen an, von denen nun die Rede ist. Versteht mich nicht falsch, das waren nicht hinzugekommende Friedländer_innen, sondern Nachzügler_innen oder einfach Leute, die vorher noch anderweitig unterwegs waren. Trotzdem, auch in Götttingen scheint sich immer mehr Erlebnistourismus bei Polit-Aktionen durchzusetzen. Böh!

Trotzdem entwickelte sich eine sehr gute, vor allem angenehme Stimmung. Laut und nicht peinlich pseudo-aggressiv. Die Polizeieinsatzleitung hat wohl anfangs und zum Schluss noch etwas rumgenervt wegen ihrer Restauflagen (nur eine Straßenseite auf der B27, konnte einfach nicht passen) und verknoteten Transpis. Letztlich haben sich die Cops auf Begleitung vorne und hinten beschränken lassen. Auf die "wir-machen-jetzt-Fotos"-Durchbruchsversuche wurde auch verzichtet, gerade in Gö ist sowas ja eigentlich schon viel mehr Ritual als symbolischer Ausdruck.

Quasi alles, was vom Lauti kam, will ich positiv hervorheben. Ruhige, bestimmte Moderation, wenig Verbalradikalismus (wäre auch unangebracht gewesen). Supermusikmischung – für jeden Geschmack was dabei (Punk, Metal, Electro, Pop, Liedermachering etc.). Gute und verständliche Redebeiträge von Olafa, Gruppe Inhalt und redical M (verständlich hat sogar die redical dieses Mal geschafft!). Besonder gut fand ich aber, dass es auch einen Redebeitrag auf russisch gab, der in Hörweite an die Flüchtlinge im Lager gerichtet war, und wohl (kann leider kein russisch, klang aber gut ;) deutlich vor den Vereinahmungsversuchen durch die NPD gewarnt hat. Etliche russischsprachigen Menschen die das Treiben vor dem Durchgangslager beobachteten lauschten dem Redebeitrag gespannt.

Alles in allem: Hat sich gelohnt, auch oder gerade ohne Nazis!
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Ergänzungen

Nachtrag zum 1. Mai

leser 10.05.2009 - 17:08
Einige Nazis sind ja am 1. Mai kurz durch Friedland marschiert, ehe sie alle in Gewahrsam genommen wurden. Auf ihrer Internetseite hat die NPD Göttingen einen längeren Bericht veröffentlicht, wie erfolgreich ihr kurzes aus dem Auto steigen in Friedland doch war. Interessant, wenn auch bekannt, wie die NPD versucht im Nachhinein aus einer Niederlage immer ein Erfolg zu machen. Kurz nachdem die Nazis am 1. Mai wieder zuhause waren, haben sie in Foren geheult, z.B. im Thiazi-Forum, dass Friedland ein Alptraum war:

Nord schrieb:
"Komme gerade nach Hause, es war ein Alptraum. Werde morgen berichten. Repressionen, Gewahrsam Antifa und das alles im kleinsten Kaff hinter Göttingen. Unglaublich...
Morgen schreibe ich einen Bericht!"


Im Bericht war es dann natürlich ein Erfolg, schon witzig die Nazis.
Ach ja, super redikalz, dass ihr bis zum OVG geklagt habt, um die Demo durchzusetzen. Merci!!!
Mich wunderts wie Wargel sich als Bullenchef halten kann. Alles immer mit Bullen vollzuscheißen, ist doch das beste Eingeständnis, dass er sich und seinen Kollegen nix, aber auch gar nix zutraut.

Radiobericht

Stadtradiohörer 12.05.2009 - 02:10
Eine Friedland-Reportage aus dem Stadtrdio kann man sich hier anhören:  http://tr.im/l2i2

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