Schanzenfest: Videogrußbotschaft zu Krise

20357news 08.05.2009 13:00 Themen: Freiräume Kultur Repression Soziale Kämpfe
Am Dienstag wurde eine Videogrußbotschaft zum Schanzenfest in Hamburg veröffentlicht. Der mehrminütige Film wurde auf zahlreichen Seiten publiziert und wird im Internet weiter veröffentlicht. In Kneipen, Läden und Projekten wurden zudem mehrere tausend Flyer verteilt und Plakate aufgehängt. Das Video greift das Schanzenviertelfest auf, welches in diesem Jahr am 4. Juli stattfindet, die ökonomische Krise und gesellschaftliche Angstproduktion. Es lädt alle ein sich politisch einzumischen. Im Folgenden ein Beitrag zur aktuellen Situation und den Ereignissen der letzten Zeit.
Potemkinsche Dörfer

Innensenator Alhaus drohte im Vorfeld mit einem Verbot des Festes von Anwohner_innen. Dazu wurde ein runder Tisch ins Leben gerufen und eine Pressekampagne gegen die Rote Flora geführt. Doch das Fest erfährt aufgrund der Konflikte, die sich im Zuge der Gentrifizierung ergeben haben, eine breite Unterstützung im Stadtteil. Die Polizei und Politik wird von Anwohner_innen in Medien aufgefordert, dass Fest zu tolerieren und auf eine weitere Eskalation im Vorfeld und am Tag selbst zu verzichten. Unangemeldete Flohmarkt-, Infostände und Musikbühnen werden seit einiger Zeit zur Drohkulisse der inneren Sicherheit aufgebaut, abendliche Auseinandersetzungen mit der Polizei überbetont und geradezu herbei geschrieben.

Das Fest soll auf abendliche Auseinandersetzungen mit der Polizei reduziert werden, denen selbstredend ein völlig unpolitischer Charakter unterstellt wird. Das Straßenfest selbst dient in dieser Logik dann lediglich als potemkinsches Dorf für mögliche Polizeieinsätze. Ein Straßenfest und mehrere tausend Besucher_innen sind aber weit entfernt von der Virtualität eines potemkinschen Dorfes. Das Fest ist weder ein unpolitisches Freizeitvergnügen, noch eine Kulisse für behördliche Kategorien von Recht und Ordnung. Es greift stattdessen die aktuellen Verhältnisse auf und versucht die Straße mit jenen Widersprüchen zu füllen, die im Alltag zunehmend unsichtbarer werden.

Auf der Sraße

"Die Stadt gehört allen" war in den letzten Jahren gegen eine städtische Politik der Ausgrenzung und Privatisierung auf Transparenten zu lesen. Überwachung und staatliche Kontrolle wird ebenso kritisiert, wie eine Struktur von Gesellschaft die individuelle Freiheiten und Rechte über ein kollektives Sicherheitsbedürfnis reguliert und abstrakt konstruierte Ängste vor Krisen, Protest oder Schanzenfest als Ordnungsbegriff in eine Legalität gießt, die ein autoritäres Zwangssystem aufbaut. Der Kapitalismus, Gentrifizierung und die Verschlechterung der Lebensverhältnisse lassen sich durch ein einzelnes Ereignis wie ein Straßenfest nicht stoppen oder auflösen. Aber solche kulturelle Orte des Zusammenkommens sind wichtig, um subjektive Widersprüche kollektiv zu offenbaren und damit die Grundlagen für weitere Veränderung und eine radikale Infragestellung des Bestehenden erst zu schaffen.

Wann das Schanzenfest stattfindet ist seit einigen Tagen bekannt, wie das Schanzenfest stattfindet ist bisher unbestimmt. Alle Beteiligten organisieren sich selbst in einer Zerstreuung, die ihren Fokus zwar im Schanzenviertel findet, aber auf das Ganze abzielt. Am 4. Juli werden sicherlich wieder tausende auf der Straße feiern. Ob zwischen Wasserwerfern und Polizeihundertschaften oder Musikbühnen und Ständen oder gar beides, liegt auch am Verhalten des schwarz/grünen Senats. Die Innenbehörde und die Polizei wären gut beraten auf eine weitere Eskalation zu verzichten und Angriffe auf das Fest zu unterlassen. Bisher wurde von Alhaus und dem Bezirk Altona jedenfalls alles getan um den abendlichen Konflikt anzuheizen und bereits zum Frühstück Auseinandersetzungen anzuzetteln. Das sich irgendwelche Beteiligten am Fest davon beeindrucken lassen ist nicht zu erwarten.

Träumen Bezirkspolitiker von elektrischen Schafen?

Bereits seit einigen Wochen deutet sich die kommende Entwicklung jedoch an und das Schanzenfest wirft seinen Schatten voraus. Es gibt es vor allem zwei Gegenspieler die entschlossen sind das Fest zu verhindern. Einer ist der Bezirk Altona. Seit diesem vor drei Jahren der Stadtteil zugesprochen worden ist, wurden bedenkenlos Lizenzen für Gastronomie und Bauvorhaben erteilt. Zwangsläufig haben sich die Belastungen im Stadtteil in den letzten zwei Jahren so weit verschärft, dass eine breiter Protest entstanden ist. Die Zeiten der behutsamen Sanierungsmodelle sind definitiv Vergangenheit. Altona sieht das Schanzenviertel als zwar erschlossenen, aber noch nicht bestellten Boden. Der Stadtteil habe wirtschaftliche Kapazitäten nach oben und daran müsse man sich Entwicklungspolitisch orientieren. Hochgestochenes Ziel ist die Weiterentwicklung der Schanze zum "positiven" Standortfaktor für die gesamte Metropolregion. Die Erfüllung der Machtphantasien von kleinen Bezirkshanseln als Global Player. Das Schanzenfest steht diesem Begehren ideel im Weg und soll langfristig, wie die Altonale, in die stadtentwicklungspolitischen Vorgaben des Bezirks integriert werden.

Gestaltungsfähigkeit beweisen, sieht in der etablierten Politik so aus, dass alles Recht ist was Geld in die Kassen schafft. Anwohnerinteressen stören da genauso, wie kulturelle Nischen oder sogenannte Randgruppen. Störungen im Normalbetrieb werden zum Hochverrat an einem Gemeinwohl erklärt, welches ebenso reibungslos zu funktionieren hat, wie ein Uhrwerk oder eine Fabrik. Verstärkt werden daher am runden Tisch vor allem die Polizeistreifen, die Überwachung und die Präsenz von privaten Sicherheitsfirmen. Bezirkspolitik ist schließlich nicht Selbstzweck, sondern vor allem Karrieresprungbrett um das erlernte kapitalistische Elend welches im Schanzenviertel fabriziert wurde, anschließend über ganz Hamburg und -weiter will man gar nicht denken- zu verbreiten.

Eskalationstrategie der Innenbehörde

Der andere Gegenspieler heißt Hamburger Innenbehörde. Während die Polizei vor Ort einer Verhinderung des Festes eher kritisch gegenüber steht, ist Alhaus entschlossen diese durchzuführen. Runde Tische und Moderationsgremien sind für ihn ein lästiges, wenngleich notwendiges, politisches Vorspiel für eine polizeiliche Zerschlagung der traditionellen Feierlichkeiten. Dies ist einerseits seiner Linie als Hardliner geschuldet, andererseits seinem öffentlichen Versprechen das Fest wie bisher werde es nicht mehr geben. Unter Beschuß sieht er sich dabei weniger vom grünen Koalitionsparter, dieser hat sich längst zu einer Tolerierung der "Law and Order"-Politik zugunsten des politischen Machterhalts entschieden, sondern vom Wadenbeißer SPD. Diese ist zwar politisch in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, versucht aber durch rechtskonservative Parolen zu Punkten und treibt Alhaus in Fragen der inneren Sicherheit vor sich her. Innenpolitisch überschlagen sich alle Verantwortlichen nun in schillernden Gesten und autoritären Forderungen.

Schöne neue Welt

Vor diesem Hintergrund werden jetzt auch die Auseinandersetzungen vom 1. Mai bewertet. Das Konzept sei aufgegangen, "Deeskalation durch Härte" nennt Alhaus sein Erfolgsrezept. Ein Schelm wer dabei an die Presseerklärungen der Sicherheitsorgane in Romanen wie 1984 denkt. Wir leben in einer Welt in der Giftmüllhalden zu wohlklingenden Entsorgungsparks werden. Wenn wundert es da, dass die mottenkistenzerfressenen Ideale eines starken Staates und das setzen auf Polizeigewalt zu einer umsichtigen Deeskalationsstrategie schöngeredet werden. Toleranzen, der Kern einer aufgeklärten Gesellschaft, kommen in der Politik des Senats nicht vor. Die wahllosen Knüppelangriffe auf Passant_innen in der Nacht vom 1. Mai belegen diese Entwicklung. Schon lange nicht mehr hat die Polizei dermaßen unterschiedslos in die Menge geprügelt wie in dieser Nacht. Polizeigewalt ist ein altes und leider bekanntes Phänomen, aber zeitweise wirkte der Einsatz eher wie eine gigantische, von Beamten auftragsgemäß angezettelte Kneipenschlägerei. Im Ergebnis wird dann in der anschließenden Presserklärung festgestellt die Krawalle wären dank des Einsatzkonzeptes unter der Erwartung geblieben. Lediglich im Hamburger Abendblatt las sich eine realistischere Einschätzung der Lage. Die Krawalle in Hamburg hätten nach dem 30. April am 1. Mai stetig zugenommen. Die massive Polizeipräsenz konnte Auseinandersetzungen und Sachschäden nicht verhindern. Diese Zunahme von Auseinandersetzungen in die Nacht vom 1. Mai, sei in dieser Form (in Hamburg) eine neue Entwicklung. Nicht gerade eine Erfolgsmeldung für einen innensenator.

Ein Fest, ein Krawall oder ein festlicher Krawall?

Kurioserweise hat sich der Senat durch seine "Law and Order"-Strategie in eine Situation gebracht, in der er politisch -egal wie der Tag verläuft- fast nur verlieren kann. Zudem war es selbst unter einem Hardliner wie Innensenator Schill nicht gelungen das Fest zu verhindern. Das Alhaus diesem in nichts nachsteht ist zwar bekannt, dass er bisweilen an ebensolchem ausgeprägten Realitätsverlust leidet allerdings ebenso. Das Ende vom Lied ist vorhersehbar: Ein runder Tisch mit Bezirkspolitiker_innen und Polizei. Auf dem Fest wieder Flohmarktreiben, Musik und Straßenkultur. Abends Pappkartons und Wasserspiele. Letzteres proportional dazu, wie sehr das vorherige Fest behindert wird. Sollten wider erwarten tatsächlich Flohmarktstände und Musikbühnen abgebaut werden geht das Spektakel dann erst richtig los. Mit einer überregionalen politischen Mobilisierung und heftigen Protesten über das übliche Geschehen hinaus, darf dann sicher gerechnet werden.

Alle reden vom...

Alle Zeichen stehen derzeit auf Sturm und Hamburger Wetter. Ach ja, das gibt es ja auch noch, nur keiner redet darüber! In welche Richtung die Gebete der Innenbehörde gehen ist klar: Sintflutartige Regenfälle! Der einzige Hoffnungsschimmer für eine städtische Politik, die sich selbst in die autoritäre Alternativlosigkeit einer kulturellen Wüstenlandschaft manövriert hat. Doch nicht mal solche dürften dauerhafte Abhilfe verschaffen. Wasser ist man schließlich gewohnt am Schanzenfest. Wenngleich für gewöhnlich aus horizontaler Richtung, begleitet vom Donnern der Lautsprecher. "Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei!". Viel mehr hat die Politik schon lange nicht mehr zu sagen!

VIDEOGRUßBOTSCHAFT ZUM SCHANZENFEST

Myspace:
 http://www.myspace.com/schanzenfest

Text auf Indymedia:
 http://de.indymedia.org/2009/05/249582.shtml
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Ergänzungen

krisenpolls

studi entsetzt 08.05.2009 - 14:13
krisenpolls fliegen durch die luft und ich hab jetzt schon heuschnupfen.
 http://doodle.com/qz67iaytxwdxdqpa

Bericht auf Hamburg 1 zum 1. Mai

tv 08.05.2009 - 16:19

Erneut guter Text a.d. Schanze. Allerdings...

Einige St.Paulianer_innen 13.05.2009 - 09:19
vermissen wir einen wie auch immer gearteten Ansatz für eine Diskussion, wie mit dem erneut zu erwartenden Polizeieinmarsch umgegangen werden kann. Das kann der ohnehin recht ausführliche Text vielleicht auch gar nicht leisten. Uns selber eingeschlossen fehlt bis dato hierzu leider ein wirklich klarer Gedanke bzw. Orientierung.

Zum ritualisierten Polizeieinsatz: Dieser wird jedes Jahr immer noch größer und brutaler. Es wird auch zunehmend weniger unterschieden zwischen Beteiligten und Unbeteiligten. In Wasserwerfer 1 darf jedes Jahr wieder der gleiche Bulle brüllen “verlassen Sie das Schulterblatt in Richtung Altonaer Straße – Wasser marsch....“. Und dann geht’s ab. Und zwar vor allem für Polizei Hamburg immer eingespielter. Größte Lageproblematik dort: Linke Aktivisten vermischen sich mit tausenden von feiernden Szenegängern.

Sagen wir mal so: Wir haben wenig Angst vor sog. Krawallen an sich und sehen sehr wohl auch, dass dadurch Widersprüche deutlicher werden und Gegenmacht zumindest angedeutet wird. Aber beim Schanzenfest manifestiert sich doch ein ums andere Mal (und zwar zunehmend) übermächtige Staatsgewalt. Zusammen mit nachfolgender Repression und Denunziation in der Presse hat das leider auch Wirkung. Das ließe sich natürlich auch für die meisten radikalen Demos sagen und dennoch machen diese Sinn und sind in jedem Fall berechtigt. Dort ist aber anders, als bei den Schanzenkrawallen der Inhalt nicht einfach mal so weg zu schweigen.

Und eigentlich Inhalte gab es doch andererseits jedes Jahr auch auf dem Schanzenfest. Vielleicht nicht auf ein Thema begrenzt, sondern eher in einer verallgemeinerten Form und bezogen auf div. Missstände bzw. Mobilisierungen dagegen. Wir erinnern uns an ein Schanzenfest – 2.Halbzeit, da ging es (zumindest für viele) vorrangig um Schill und Bambule. Letztes Jahr – so fanden wir mit einigen Leuten jedenfalls ging es um u.a. den polizeigeschützten Naziaufmarsch am 1. Mai, Stadtteilkultur und Moorburg sowie um Polizeigewalt generell. Hierzu haben wir seinerzeit zum einen das Transpi im Titel als auch ein zweites über das Schulterblatt an Ampelmasten befestigt ( siehe  http://de.indymedia.org/2009/03/243172.shtml). Daraus resultierte immerhin – ganz praktisch - ein 5 Minuten - Problem für den Wasserwerferdurchmarsch – Ritual (ein bischen) gestört.

Doch leider sind Inhalte bisher beim Schanzenfest aus unserer Sicht nicht ausreichend durchgekommen. Vielleicht sollten wir uns diesmal besonders gerade darum bemühen. Diese lauten doch vereinfacht und konkretisiert: Kein von Herrn Alhaus verordnetes Schanzenfest a´la Altonale und gegen die Gentrifizierung in der Schanze – oda?
Genauso wäre es aus unserer Sicht ein Ziel das gottverdammte Polizeiritual nicht so zu zulassen! Die Cops sind dann besonders stark, wenn sie auf eingeprobte Lagen und wiederkehrende Konstellationen stoßen. Möglichst mit klar einzugrenzenden Gegnern.

Vielleicht macht ja eine Stehblockade / spontane Kundgebung mit vielen Leuten in festen Ketten und Transparenten (aus festen Planen) auf der Kreuzung Susannenstr/ Schulterblatt Sinn, zu der man auch die Festteilnehmer mit aufruft und zwar vor dem Einmarsch, unvermummt und ohne werfen. Wir hätten dann zumindest zunächst das Wort, statt Wasserwerfer 1. Wenn sie uns wegräumen sollten, wären doch zumindest die Medienbilder anders: Formulierter Protest gegen die ritualisierte Polizeigewalt und gegen Gentrifizierung wäre ein echter Gegenton. Und: Wir würden das Ganze zusammen erleben und uns aktiv gemeinsam mobilisieren – möglicherweise sogar erfolgreich das Ritual durchkreuzen. Wenn es gelingt viele der Festbesucher zusätzlich dafür zu mobilisieren und sich mehr als 200 Leute beteiligen– ja dann hätten Alhaus und Wasserwerfer 1 sehr wahrscheinlich ein echtes Problem. Bei einer Beteiligung von 500+ -so unsere Einschätzung muss das Ritual eigentlich abgebrochen werden.

Stimmungsproben in unserem Umfeld zu so einer Idee waren übrigens durchaus positiv.
Nass werden wir sowieso – dann doch lieber so.

Video Schanzenfest 08

Bruno 13.05.2009 - 14:59
Wasserwerfer 1 in ganz großer Form. Auch seine Kollegen kriegen ordentlich was ab.
Siehe auch Bulle mit Räuberleiter beim Transpi pflücken (nachdem WAWE 1 beim Weg/durchspritzen desselben gescheitert war)
 http://www.youtube.com/watch?v=NmPH85zsJW4&hl=de

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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... — icke

Schanzenfest ist am 4.7. — indy leser wissen mehr

hm — egal

an egal — jemand