Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen

Nella & Seelenlos 22.04.2009 13:43 Themen: Biopolitik Gender Soziale Kämpfe
Das Problem ist altbekannt: Viele Zwitter werden nicht nur genital zwangsoperiert, sondern zusätzlich zwangskastriert und benötigen deshalb für den Rest ihres Lebens eine so genannte "Hormonersatztherapie (HET)". Seit Jahren weigern sich die Mediziner, für eine adäquate HET kassenpflichtige Rezepte auszustellen, obwohl Zwangskastrierte dies seit langem fordern.

Die "Forschungsgemeinschaft Netzwerk DSD" sucht nun als Antwort auf diese Forderung aktuell Versuchskaninchen für eine wenig realistische Zulassungsstudie – für pragmatische Hilfe für die Zwangskastrierten besteht bisher trotz erneuter Aufforderung kein Musikgehör ...

TERMINE (Details in Kürze):
- Hamburg 29.4., 17h, Rathaus: Anhörung vor Bürgerschaftsausschuss
- Köln 20.5., 14h, Landgericht: Demo + 3. Prozesstag im "Zwitterprozess"
Da die meisten der Zwangskastrierten von den Medizinern operativ "zu Mädchen gemacht" werden, besteht die HET prinzipiell aus Östrogen – obwohl viele Zwitterkörper "von Haus aus" Testosteron produzieren (und dieses je nach Bedarf in körpereiges Östrogen umwandeln – Zwitter mit so genanntem "Androgen-Insuffizienz-Syndom (AIS)").

Diese Östrogen-HETs wurden nie klinisch getestet, den Zwangsoperierten werden Präparate aufgezwungen, die eigentlich nur für Frauen in der Menopause zugelassen sind, d.h. sie erfolgen experimentell als "Off Label-Use". Obwohl negative Folgen seit längerem auch in der medizinischen Literatur bekannt sind (unter anderem Depressionen, Adipositas, Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen, Osteoporose, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten und Libidoverlust), weigern sich die Mediziner bis heute, zwangskastrierten Zwittern eine HET nach Bedarf und Wunsch zuzugestehen.

Mehrere Betroffene begannen schliesslich, auf eigene Faust Testosteron zu nehmen, viele davon mit positiven Resultaten. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz weigern sich die Mediziner jedoch, für Testosteron Rezepte auszustellen, die von der Kasse übernommen werden – bezeichnenderweise gerne mit der Ausrede, eine HET mit Testosteron sei "Off Label-Use" ... Sprich, die Zwangskastrierten müssen eine adäquate HET noch aus der eigenen Tasche bezahlen! Seit Jahren besteht deshalb die Forderung an die Mediziner und insbesondere das "Netzwerk Intersexualität/DSD" bzw. "Euro-DSD", diesem Unfug endlich ein Ende zu bereiten.


"NETZWERK DSD": UNREALISTISCHE STUDIE STATT PRAKTISCHE HILFE

Als Reaktion auf diese Forderung kündigt nun Prof. Olaf Hiort, 1. Vorsitzender "Netzwerk DSD", eine "Klinische Studie zur Testosteronsubstitution bei kompletter Androgenresistenz" an, mit dem Ziel einer künftigen Kostenübernahme von Testosteron wenigstens bei Zwangskastrierten mit CAIS.

Die Teilnahme an dieser Studie, und insbesondere das Monate lange Absetzen jeglicher HET vor bzw. zwischen den Blindversuchen, über die Dauer eines ganzen Jahres, bedeutet aber für die teilnehmenden Zwangskastrierten ein Jahr lang massive körperliche und seelische Strapazen, die beispielsweise für das Berufsleben je nach dem auch bleibende negative Auswirkungen haben können. O-Ton Prof. Hiort: "Ich hoffe, diese mail schreckt Sie jetzt nicht zu sehr ab."

Aufgrund dieser ruinösen Teilnahmebedingungen ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich die geforderten mindestens 30 Proband_innen finden lassen. Es ist deshalb von vornherein unrealistisch, dass die Studie überhaupt zustande kommt. Sie entpuppt sich somit als Alibiübung, um den schwarzen Peter weiterhin den Betroffenen zuschieben zu können.


ZWANGSKASTRIERTE FORDERN RECHTE STATT ALMOSEN – DAS "NETZWERK DSD" SCHWEIGT

Anstelle der unrealistischen Studie gäbe es durchaus pragmatischere Möglichkeiten zur praktischen Hilfe. Die negativen Folgen von Östrogen-HETs und die positiven Wirkungen von Testosteron-HETs bei vielen Betroffenen ist durch eine Vielzahl von Fallbeispielen erwiesen, die auch dem "Netzwerk DSD" bekannt sind.

Für viele Zwangskastrierte ist es zudem sehr störend, wie das "Netzwerk DSD" permanent unterschlägt, dass auch die Östrogen-HETs nie klinisch getestet wurden und somit ebenfalls einen "Off Label-Use" darstellen. Diese scheinheilige Ungleichbehandlung ist klar entwürdigend und diskriminierend.

Die inzwischen zurückgetretene 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V. Daniela Truffer forderte deshalb im Namen des Vorstands das "Netzwerk DSD" zu einer Stellungnahme auf betreffend realistischerer Möglichkeiten, den durch die Medizin geschädigten Zwangskastrierten endlich zu ihrem guten Recht zu verhelfen.

Wie stets bei Anfragen Betroffener kam von Seiten des Netzwerks DSD bisher keine Antwort ...


WEITERE INFORMATIONEN:

Zwangskastrationen an Zwittern und ihre Folgen
 http://kastrationsspital.ch

Die geplante klinische Testosteronstudie
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/03/26/Netzwerk-DSD-plant-Testostudie-fur-Zwangskastrierte-mit-CAIS

Aufruf um Stellungnahme an "Netzwerk DSD" betreffend praktische Hilfe
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/04/02/Ersatzhormone-fur-Zwangskastrierte-auf-Kasse-Netzwerk-DSD-zum-Handeln-aufgefordert

Regelmässige Updates:  http://zwischengeschlecht.info/
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Ergänzungen

Details zu den angekündigten Terminen

Seelenlos 23.04.2009 - 15:02
>>> Hamburg, Mi 29. April, 17h, Rathaus, Raum 151
Hamburgischen Bürgerschaft, Ausschuss für Gesundheit und Verbraucherschutz
"Politischer Handlungsbedarf bei der Regelung für ärztliche Behandlungen von Hermaphroditen"
1. Expertenanhörung
2. Die beiden Großen Anfragen
Öffentliche Ausschussitzung! Zwischengeschlecht.org wird vor Ort präsent sein, Flugblätter verteilen und berichten!
Offizielle Tagesordnung (Homepage der Bürgerschaft HH):
 http://www.hamburgische-buergerschaft.de/cms_de.php?templ=akt_tagesordnung.tpl&sub1=62&sub2=127&sub3=&cont=3317
Hintergründe und Links zu den beiden Großen Anfragen:
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/02/25/Leugnen-wegschauen-schweigen-Hamburger-Senat-reiht-sich-ein-unter-die-MittaterInnen
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/03/02/Hamburg%3A-Erneut-historische-Grosse-Zwitter-Anfrage

>>> Köln, Mi 20. Mai, 14h, vor dem Landgericht
Demo + 3. Prozesstag von Christiane Völling
14h Demo, 15:30h Prozess, Saal 237
Kommt alle! Ünterstützt die Zwitter in ihrem Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und für ihr Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde!
Infos zum bisherigen Prozessverlauf:
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/10/Von-Zwangsoperateur-schuldhaft-in-Selbstbestimmungsrecht-verletzt-Zwitterprozess-Pressespiegel-OLG-4608

TAZ von heute.......

Temporary Autonomous 29.04.2009 - 07:50
Über Operationen an zwischengeschlechtlichen Kindern debattiert heute die Hamburger Bürgerschaft. Während Ärzte auf Erfolge verweisen, sind AktivistInnen für ein Ende der Eingriffe. VON EIKEN BRUHN

Mann - Frau, Nichtmann - Nichtfrau: mit dem binären Identitätsmodell kommt man bei Intersexuellen nicht weiter. Foto: AP
Mit Geschlechtsorganen befassen sich heute Mitglieder der Hamburger Bürgerschaft. Dabei geht es weniger um anatomische Details als um die Bedeutung, die wir ihnen verleihen und um die Vorstellung, wie sie aussehen dürfen - und wie nicht. Damit will erstmals ein Landesparlament den "politischen Handlungsbedarf bei der Regelung für ärztliche Behandlungen von Hermaphroditen" ausloten - so der Titel der heutigen Anhörung des Gesundheitsausschusses.


Initiiert haben die Expertenbefragung die Fraktionen von SPD und Linkspartei, die im vergangenen halben Jahr mehrere Anfragen an die Landesregierung zum Thema Intersexualität - früher waren die Begriffe "Zwitter" und "Hermaphroditen" gebräuchlich - gestellt hatten. Zwar sei der Handlungsspielraum gering, räumte gestern die SPD-Gesundheitspolitikerin Anja Domres ein, da sie Ärzten keine Vorschriften machen könnten. Sie hoffe aber, "eine breite Diskussion" anzustoßen.

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Seit einigen Jahren wird ausführlich darüber berichtet, wie Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen, ihr Leben lang darunter leiden, wenn Ärzte eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit mit dem Skalpell herstellen. Betroffene berichten von entwürdigenden und schmerzhaften Behandlungsmethoden, schildern, wie sie als medizinische Versuchsobjekte dienten und im Glauben aufwuchsen, sie seien verabscheuungswürdige Monster, ohne jemals den Grund für die Torturen zu erfahren.

Eine Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung aus dem Jahr 2007 bewies, dass die es bei Intersexuellen doppelt so oft zu selbstverletzendem Verhalten und Selbstmord kommt wie bei der Normalbevölkerung. Zwar gibt es mittlerweile ärztliche Richtlinien, die dazu raten, mit einer medizinischen Behandlung zu warten, bis die Betroffenen alt genug sind, um entscheiden zu können, ob sie Junge, Mädchen oder etwas Drittes sein möchten. Dennoch befürchten Intersex-AktivistInnen, dass immer noch zu häufig Kinder an den Genitalien beschnitten würden, weil die Gesellschaft nur zwei Geschlechter kennt und Eltern deshalb glauben, im Interesse ihrer Kinder zu handeln, wenn sie eine Klitoris verkleinern oder eine künstliche Scheide schneiden lassen. Nach einer aktuellen Studie der Universität Lübeck werden vier Fünftel aller Kinder operiert, nicht alle werden über die Gründe aufgeklärt.

Einen Stopp dieser Operationen fordert die Vorsitzende des Vereins Intersexueller Menschen, Lucie Veith, die heute aus Sicht der Betroffenen die Situation in Deutschland und speziell an Hamburger Kliniken schildern wird. "Den Eltern wird suggeriert, dass man ein Geschlecht umwandeln oder angleichen kann", sagt Veith, "aber das geht schief". Der Grund: Intersexuelle seien weder Mann noch Frau. Regelmäßig, erzählt die 53-Jährige, habe sie als Beraterin ihres Selbsthilfevereins Kontakt zu verzweifelten Eltern oder Jugendlichen, die zu ihr kämen, wenn die Operation und die Hormongaben nicht mehr rückgängig gemacht werden können. "Das sind Menschenrechtsverletzungen", sagt sie und verweist auf einen Bericht der Vereinten Nationen vom Februar, der die Bundesregierung auffordert, die Menschenrechte von Intersexuellen besser zu schützen.

Dass Operationen nicht per se zu verurteilen sind, sondern durchaus im Interesse der Betroffenen sein können, werden die Abgeordneten heute von einem Teil der weiteren geladenen Experten und Expertinnen hören, beispielsweise dem Lübecker Professor für Kinder- und Jugendmedizin, Olaf Hiort, einem der führenden Spezialisten für die Behandlung von intersexuellen Kindern. Er verweist unter anderem auf verbesserte Operationsmethoden, die sexuelle Empfindsamkeit erhalten sollen, statt wie früher zu zerstören. Hiort und der ebenfalls geladene Psychotherapeut Knut Werner warnen davor, den Betroffenen jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen vorzuschreiben, was richtig für sie sei. Schließlich, das hat die Hamburger Intersex-Studie ergeben, gibt es erwachsene Intersexuelle, die mit ihrer damaligen Behandlung zufrieden sind.

Auf alle Fälle wird die Leiterin der Hamburger Studie, Hertha Richter-Appelt, den Abgeordneten deutlich machen, dass Intersexualität den ganzen Menschen betrifft und nicht nur seine Geschlechtsteile. Eine Konsequenz, sagt die SPD-Politikerin Domres, könnte eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Personenstandrechts sein, das eine Festlegung auf eins von zwei Geschlechtern vorschreibt. Eine andere - und da ist sie sich mit der Aktivistin Lucie Veith einig - wäre die Forderung nach einem Beratungszentrum für verunsicherte Eltern

Katrin Ann Kunze ist tot

Seelenlos 02.05.2009 - 00:30
Die engagierte Mitbegründerin von XY-Frauen und Intersexuelle Menschen e.V. nahm sich letzte Woche das Leben:
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/04/28/Katrin-Ann-Kunze-ist-tot

Seit langem ist bekannt, dass zwangsoperierte Zwitter eine massiv erhöhte Suizidrate haben – Medizyner und Behörden schauen immer noch einfach zu und führen die Zwangsoperationen unverdrossen weiter:
 http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/05/01/Unseres-Wissens-zufolge-unternehmen-80-der-Intersexen-Suizidversuche-hiervon-25-erfolgreich-AGGPG-1998

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Heterogenität — riotqueer

Shit — blubb

@ riotqueer - nix inhaltliches — aufmerksamer Indyleser