Internetzensur in Deutschland

Heisser Draht 18.04.2009 18:51 Themen: Medien Netactivism Repression
Deutschland will sich im Kampf gegen kinderpornografische Inhalte im Internet an Skandinavien orientieren. Die täglich zu aktualisierende Liste kritischer Internet-Adressen ist dabei ein wesentlicher Bestandteil. Dafür ist das BKA zuständig. Fünf der größten deutschen Provider unterzeichnen gestern in Berlin eine Vereinbarung mit dem diesem.
Fragwürdiges Ziel

Ziel der Verpflichtung soll die Erschwerung des Zugriffs auf Kinderporno-Seiten sein. Ein Gesetzentwurf zur Verpflichtung aller Provider ist ebenfalls in Planung. Schon im Vorfeld wurden die Pläne zur Internetsperre von Experten massiv kritisiert. Die Wirksamkeit wird in Zweifel gezogen, sowie die Schaffung einer allgemeinen "Zensurinfrastruktur" angeprangert, da auch andere Web-Seiten leicht auf der nicht nachprüfbaren Liste landen könnten. Hinzu kommt, dass kinderpornografische Dateien ohnehin oft über private Netzwerke mit wechselnden IP-Adressen ausgetauscht werden. Dann hilft auch ein Filter nicht viel. Die fünf Provider, die unterzeichneten, sind die Telekom, Arcor/Vodafone, O2, Alice/Hansenet sowie Kabel Deutschland, welche gemeinsam etwa 75% des Marktes haben. Eine diverse Liste ist bereits im Netz aufrufbar ( http://zensurprovider.de/)


Für versierte Nutzer kein Problem

Diese Liste kann, so Kritiker auch "generiert" werden, durch Services, die das Internet nach gesperrten Seiten durchsuchen. Dabei reicht es zum Beispiel evtl. bei google nach dem Begriff Stoppschild zu suchen. Dadurch werde es einfach wie nie solche Seiten zu finden. Betreiber von Seiten mit politischem Inhalt könnte diese Verfügung ebenfalls erst ein Mal zum Verhängnis werden. Für eine unrechtmäßige Sperre sollte Schadensersatz gezahlt werden und zwar vom BKA selbst fordern bereits einige Kritiker. Der Vertrag war auf Initiative von Familienministerin Ursula von der Leyen unterzeichnet worden. Auch einige Zeitungen haben bereits Kritik geübt ( http://www.n-tv.de/1139308.html).


Wenig Begründung durch BKA nötig

Woran offenbar niemand gedacht hat, ist die Behandlung einmal gesperrter Seiten. Das BKA wird im Vertrag nicht verpflichtet, in der Folge zu prüfen, ob die Begründung für eine Sperre weiterhin besteht. Es sind auch keine Verfahren vorgesehen, über die Betreiber betroffener Seiten informiert werden oder aktiv werden können. Wie soll sich jemand verhalten, auf dessen Server etwa Hacker Kinderpornografie abgelegt haben oder dessen Website aufgrund von Verlinkungen über mehrere Ecken gesperrt wurde, fragt das c't Magazin ( http://www.heise.de/ct/Die-Argumente-fuer-Kinderporno-Sperren-laufen-ins-Leere--/artikel/135867). Hochschulen und Behörden sind angeblich von der Sperrverpflichtung ausgenommen, demnach sollen staatliche Provider und kleinere Firmen sollen nach Angaben des Spiegel von den Sperren ausgenommen werden ( http://www.golem.de/0904/66551.html).
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Ergänzungen

Protest des CCC

CCC 18.04.2009 - 19:20
(...)Über die genauen Inhalte der öffentlich nicht zugänglichen Verträge haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Der Chaos Computer Club (CCC), der einem Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur angehört und mit rund 250 Vertretern anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen vor dem Bundespresseamt gegen das Vorhaben protestierte, hatte im Vorfeld bereits einen Entwurf publiziert. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco und Experten bei einer Anhörung im Bundestag hatten erhebliche grundrechtliche Bedenken gegen den Ansatz vorgebracht, der als leicht umgehbar wenig effektiv im Kampf gegen Kinderpornographie gilt.(...)

Weiterlesen:  http://www.heise.de/newsticker/Fuenf-Provider-unterzeichnen-Vertrag-zu-Kinderporno-Sperren--/meldung/136327

Audiomittschnitt des CCC

CCC 18.04.2009 - 19:25
Am Rande der Veranstaltung gab es ca. 150 Protestierter, die einem Aufruf des Chaos Computer Clubs gefolgt waren ( http://ccc.de/updates/2009/besucht-zensursula?language=en). Ein Audio der Pressekonferenz lässt sich hier abrufen:  http://www.ccc.de/updates/2009/filter-mitschnitt?language=de

Bericht über die Mahnwache:

Netzpolitik 18.04.2009 - 19:47

Unglaubliche Medienberichterstattung

P.P. 18.04.2009 - 23:29
 http://www.youtube.com/watch?v=MHpqAgO5X2I
Verwunderlich ist es nicht: das Internet bedeutet Konkurrenz für die Mainstream-Medien und sie untergräbt die Meinungsführung von Politik und Wirtschaft.

Entschaedigung

F1 19.04.2009 - 12:00
Was hilft dem Menschen eine Entschuldigung oder Entschaedigung? Er wurde oeffentlich im Netz der Kinderpornographie beschuldigt. Der Ruf ist ruiniert, der Selbststaendige ist pleite. "War da nicht mal was mit KiPo bei dem?"

Mahnwache wegen Internetzensur

Radio Corax 20.04.2009 - 15:10
Jonas im Gespräch mit Constanze vom Chaos Computer Club! - nachhören unter:
 http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=27518

Interview mit Matthias Mehldau (CCC)

Radio Corax 20.04.2009 - 15:14
Kurzes Interview mit Matthias Mehldau (CCC) zu den Protesten gegen Internetzensur, vor dem Bundespresseamt am Freitag in Berlin - Klick auf:
 http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=27510

Zensur ist Dummheit.

Anna Logie 27.04.2009 - 17:40
Der Link zur FKK Seite war wohl nicht seriös genug? Oder hat einer der Mods was in den falschen Hals bekommen und das als Befürwortung von Kinderpornos mißverstanden? Mer waas es nich. Nun gut, hier eine seriösere Quelle? Ob sich die Mods auch an Heiselinks ranwagen?

 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/4/4158/1.html
TP: Kinder sind Pornos

Ein persönlicher Bericht über Deutschlands oberste Moralhüter - Teil II
Nach dem Thema Gewalt und Computerspiele geht es auf der Tagung um nackte Kinder, was den Referenten Wilfried Schneider von der Bundesprüfstelle sehr erregt. Er erläutert die bisherige Spruchpraxis bei FKK-Fotos. Es geht ihm darum, einen stetigen Fortschritt in der Indizierungspraxis zu zeigen. Zunächst, bis Anfang der 70er, sei nahezu alles indiziert worden, was auch nur annähernd sexuell gewesen sei. Er zeigt uns ein Foto von einer Frau in Unterwäsche auf dem Titelbild der Zeitschrift "Her" als Beispiel. Lachen im Publikum, niemand findet das noch pornographisch.