Prekarität und Widerstand in Frankreich

Isabelle Sommier + Gewerkschaftsforum Hannove 14.04.2009 01:01 Themen: Soziale Kämpfe Weltweit
Die militante Jugendrevolte in Griechenland im Dezember 2008 sowie Schüler- und Studentenbewegungen in Frankreich, Deutschland, Spanien, Irland und Italien haben das Problem der Prekarität und der miserablen Zukunftsperspektiven der jungen Generation auch und gerade in der EU wieder zum Thema gemacht, auch wenn es in den letzten Wochen von den Berichten über flächendeckende Kurzarbeit, Massenentlassungen und Lohnsenkungen als Folge der weltweiten Rezession überlagert wurde.

Die linke italienische Tageszeitung „il manifesto“ brachte am 29.3.2009 dazu ein interessantes Interview mit der französischen Soziologin Isabelle Sommier von der Pariser Universität Sorbonne, in dem sie auch auf die Situation der französischen Linken und den Höhenflug der im Februar gegründeten linksradikalen Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA) eingeht.
Interview:

„In ganz Europa gibt es eine Generation, die sich verraten fühlt und auf die Straße geht.“

Roberto Ciccarelli

Spanische Milleuristas, die italienische „Generation tausend Euro“, die griechische „650 Euro“-Generation und darüber hinaus der ((hochgradig prekäre)) Erstanstellungsvertrag CPE in Frankreich 2005. Das sind die Gesichter derselben sozialen Krise, die Europa weit vor der Finanzkrise erfasst hat. Eine Situation, die inzwischen die Universitätsstudenten mit den 40 Jahre alten prekär Beschäftigten verbindet. Jene, die gestern in London und Berlin, Rom und Paris auf der Straße waren. Bereits 2006 enthüllte ein Eurostat-Bericht, dass sich die Arbeitslosenrate unter den 15 bis 24jährigen Jugendlichen in diesen Ländern bei rund 23 Prozent lag. Darauf folgte eine drastische Verlängerung der Ausbildungszeit sowie eine Vermassung der niederen Anstellungsformen, wie die jüngste Almalaurea-Untersuchung in Italien verdeutlichte. Das Ergebnis – stellt die Leiterin des Centre de Recherches en Sciences Politiques der Sorbonne, Isabelle Sommier, fest – „ist ein weit verbreitetes Gefühl des Verrats. Es existiert in Europa eine ganze Generation, die sich als Opfer eines nicht gehaltenen Versprechens sieht, wenn ihnen eine Arbeit angeboten wird, die in keinem Verhältnis zu ihrer Ausbildung steht.“

Isabelle Sommier hält sich derzeit wegen einer Reihe von Seminarveranstaltungen in Rom auf und schaute sich gestern die Demonstration der italienischen Bewegung aus der Nähe an. Seit jeher gilt ihr Interesse auch dem Zusammenhang zwischen den politischen Protesten und den sozialen Bewegungen in Italien und Europa. Eine Bilanz dessen zog sie vor kurzem in ihrem letzten Buch „La Violence révolutionnaire“ („Die revolutionäre Gewalt“), 2008 erschienen im Verlag Presses de Sciences-Po. „Die Enttäuschung ist in Ländern wie Frankreich und Italien sehr viel stärker“ – sagt sie – „die binnen weniger Jahre einen Sprung zwischen der Elterngeneration und der Generation der hyper-alphabetisierten Kinder erlebt haben. Diese Generation hat das Gefühl die Unabhängigkeit verloren zu haben, die nach Ansicht ihrer Eltern ein Ergebnis des kostenlosen Wissens ist.“

Ist das der Grund für die Radikalisierung der sozialen Auseinandersetzung in Frankreich und Griechenland?

„Wenn man keine Zukunftsperspektiven hat, ist das das Mindeste. Man muss allerdings sagen, dass es nur eine kleine Minderheit ist, die diesen Auseinandersetzungen einen politischen Inhalt gibt. Die Mehrheit radikalisiert sich – so wie in Griechenland – aus einer Gereiztheit heraus. Sie sind vom Feuer der Aktion gepackt. In Frankreich sind dieselben Zutaten vorhanden – die politische und gesellschaftliche Korruption einmal ausgenommen. Die hat bei uns nicht diese Ausmaße. Die Wurzel ist jedoch dieselbe. Es existieren keine politischen Vermittlungen mehr, die dieser Generation zur Verfügung stünden.“

Wie stark macht sich in diesem Prozess die Auflösung der Linken bemerkbar?

„Deren Aktivisten sind soziologisch betrachtet von der neuen Generation weit entfernt. Diese Auflösung kann nicht nur auf das Fehlen einer politischen Basisarbeit zurückgeführt werden. Die französischen Sozialisten sind die Partei der Mittelschichten. Die Krise hat diese soziale Basis zwar erreicht, aber sie sind zu sehr mit den eigenen parteiinternen Ränkespielen beschäftigt, um das zu bemerken. Zur Illustration weise ich nur mal darauf hin, dass es der französische Unternehmerverband MEDEF war, der mich darum gebeten hat, ein Seminar über Prekarität zu machen und nicht sie. Für die Linke ist der Kampf gegen die Prekarität kaum mehr als eine Parole. Sie scheint sich mehr für das parlamentarische Mandat zu interessieren.“

Denken Sie, dass das Problem kultureller Art ist?

„Genau das! Die Linke hat eine Kultur, die das, was Robert Castel als soziale Désaffiliation bezeichnete, das heißt das Fehlen der Garantie einer dauerhaften Arbeit, die gesellschaftliche Isolation hervorruft, nicht begreift. Damit will ich nicht sagen, dass die Zone der sozialen Verwundbarkeit für alle ein und dieselbe ist. Es existiert eine starke Trennung zwischen den Bewegungen, von denen wir sprechen (zum Beispiel jener, die seit sieben Monaten die französischen Universitäten mobilisiert) und den Youngstern aus der Banlieue. Nicht selten sieht man, wie diese Jugendlichen die Studenten angreifen, um sie während den Demonstrationen auszurauben.“

Wie ist das Wachstum der Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) von Olivier Besancenot zu erklären, denen Umfragen bei den Europawahlen im Juni 8% bis 10% zutrauen?

„Das erklärt sich aus der Tatsache, dass es in Frankreich, anders als in Italien, keine Zäsur zu den Bewegungen der 70er Jahre gab. Das sind unterschiedliche Geschichten, aber für mich ist das ein wichtiges Element. Die NPA repräsentiert einen kämpferischen kulturellen und gewerkschaftlichen Bereich libertären und maoistischen Ursprungs ((sic!)), dem es seit der Krise der französischen 68er Bewegung gelungen ist, sich in den Bewegungen zu verankern. Ich denke da an die Obdachlosenbewegung, an die Sans Papiers ((d.h. die Migranten ohne gültige Papiere)) und an eine Reihe von Verbänden der prekär Beschäftigten. Stark ist auch die Präsenz der Basisgewerkschaften, die seit den 80er Jahren aktiv sind. Im Unterschied zu den Sozialisten und Kommunisten hat dieser Bereich eine Sensibilität für die sozialen Veränderungen gezeigt. Wir reden hier von einer konsolidierten Realität, die im Laufe der Zeit zu einer politischen Schule wurde. Viele Sozialisten, wie Henri Weber, haben hier angefangen. Die Figur Besancenot ist das Symbol der neuen Generation: ein dequalifizierter Hochschulabsolvent, der einen Master hat und als Briefträger arbeitet. Ein Teil seiner Stimmen kommt von den Dreißigjährigen, die sich in seiner Situation wieder erkennen und das Fehlen eines Generationenwechsels kritisieren, der von denjenigen verhindert wird, die mit der 68er Bewegung an die Macht gekommen sind.“

((Italiens größter Gewerkschaftsbund)) CGIL hat eine schüchterne Öffnung gegenüber der Onda ((Welle / Woge; Mitte 2008 entstandene Schüler- und Studentenbewegung)) vollzogen, die in Italien die Aufmerksamkeit auf diese Probleme gelenkt hat. Welches Verhältnis haben die Gewerkschaft, die Parteien und Bewegungen in Frankreich zueinander?

„Sie kommunizieren. Das hat man in den Kämpfen gegen den CPE, gegen die Universitätsreform und beim Generalstreik vergangene Woche gesehen. Ich erinnere mich jedoch daran, dass, als Anfang der 90er Jahre die ersten Prekärenverbände entstanden, die CGT behauptete, sie seien nicht repräsentativ. Nach der Bewegung der Saisonarbeiter 2005 hat sich diese Einstellung geändert. Die CGT hat Arbeitslosenkomitees organisiert und den Sans Papiers in der Gastronomie geholfen. Sie musste auf die Konkurrenz der Basisgewerkschaften reagieren.“



((Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in doppelten Klammern: Gewerkschaftsforum Hannover))
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millieurista

willi 14.04.2009 - 16:29
du lieber scholli: "die NPA repraesentiert die ungebrochene 68er Generation..." starker Tobak...Wahn und Wirklichkeit. Oder hat sich da ein selbstverliebter Trotzkist etwas weit von der Realitaet entfernt ?