Berlin: Verdrängung in Nord-Neukölln

nk44 16.03.2009 14:29 Themen: Freiräume Soziale Kämpfe
Während sich die Medien wieder aufregen über etwas Gestank in Lokalen an der Friedrichshainer Kneipenmeile mal ein paar Infos über die Entwicklung im Norden Neuköllns.
Der Reuterkiez in Nord-Neukölln zwischen Landwehrkanal, Kottbusserdamm und Sonnenallee gelegen, ist die neue angesagte Gegend in Berlin. Seit einem Jahr überschlagen sich die Medien mit Berichten über den neuen hippen Bezirk , erfinden einen neuen Namen für diese Ecke von Nord-Neukölln und schwafeln von einem Kreuzkölln. In der Sander- , Hobrechtstr- und Friedelstrasse gibts neue Läden und Kulturprojekte, alles gefördert vom Quartiersmanagement. Die Weserstrasse hat sich zu einer Kneipenmeile entwickelt, wo immer noch neue Kneipen aufmachen. Die Partyschickeria braucht schliesslich ständig neue Orte, neue Locations , neue Events. Immer mehr Studenten ziehen auf der Suche nach billigem Wohnraum und Abenteuer in diese Gegend und die Mieten steigen. Die Karawane der Aufwertung ist auf dem Weg von Prenzlauer Berg und Kreuzberg-Fiedrichshain nun auch in Nord-Neukölln angekommen. Studenten und Künstler machen das Bett fertig, in das sich die einkommensstärkeren Schichten, die Profiteure der Aufwertung, später hinein legen werden, nachdem die Pioniere der Aufwertung , nämlich die Studenten und Künstler, selbst verdrängt wurden.
Wurde im letzten Herbst noch spekuliert, ob von Gentrifizierung/Aufwertung/Verdrängung geredet werden darf, so gibt es jetzt Zahlen.
Ein Zitat aus dem Gentrificationblog von Andrej Holm:

"Der gerade veröffentlichte IBB-Wohnungsmarktbericht 2008 bestätigt die wohnungswirtschaftlichen Einschätzungen und Sozialstudien der vergangenen Monate: steigende Preise in fast allen Wohnungsmarktsegmenten. Die Sonderauswertung zur Mietentwicklung in Neukölln zeigt, dass auch Teile des sonst meist als Problemquartier beschriebene Nordneukölln zur City gehört. So bestätigt der Wohnungsmarktbericht die Sonderrolle des Reuterkiezes. Während sich die Werte in den Bereichen der lokalen Kaufkraft und des Anteils an Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften kaum von den üblichen Indikatoren eines Problemgebiets unterscheiden, liegen die Angebotsmieten mit 5,50 Euro/qm (nettokalt) deutlich über den Preisen der umliegenden Quartiere und auch über dem Bezirksdurchschnitt. Im Bericht heisst es:

Während die Gebiete am S-Bahn-Ring mit 5,12 EUR/m2 nur minimal von den anderen Kiezen abweichen, hebt sich die nördlichste Spitze Neuköllns mit 5,50 EUR/m2 deutlich ab. Ob sich diese höhere Mietpreis-Erwartung am Markt durchsetzen lässt, bleibt unklar – auffällig ist dieser Ausreißer allemal."

Ende des Zitats.

Was Verdrängung konkret heisst, dazu hier ein Beispiel:
Frau A. lebt in der Sanderstrasse, bezieht Hartz4 , hat eine 50m² Wohnung mieser Qualität und bezahlt 380 Euro.Ende 2007 kommt ein neuer Vermieter, will gleich 1000 Euro Betriebskostennachzahlung und erhöht dann noch die Miete auf 500 . Nun folgt ein Rechtsstreit, der Vermieter schickt Schuldeneintreiber im Mafiastil vorbei. Das Jobcenter zahlt erstmal die Miete und fordert dann aber den Umzug bis Februar 2009. Im Herbst 2008 beginnt eine nervige Wohnungssuche, alle billigen Wohnungen in der Gegend, die für Hartz4-Bezieher bezahlbar sind, sind weg. Laut Auskunft eines Maklers haben Studenten zu Beginn des Wintersemesters die Wohnungen in diesem Preissegment alle abgeräumt. Letztendlich hatte Frau A. Glück und fand im Schillerkiez im Februar 2009 eine bezahlbare Wohnung.

Die Frage ist nur, wann es dort auch losgeht und das liegt an uns . Wer sich nicht wehrt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er untergeht.

weitere Infos:

 http://gentrificationblog.wordpress.com Gentrification Blog
 http://jungle-world.com/artikel/2008/44/27701.html Gentrifizierung Nord-Neukölln
 http://wba.blogsport.de Wir bleiben Alle Kampagne
 http://tfa.blogsport.de Initiative "Tempelhof für Alle"
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Ergänzungen

Private OrdnungshüterInnen

Roland Ionas Bialke 16.03.2009 - 15:18
Hinzu kommt, dass im Reuterkiez andauernd irgendwelche privaten "OrdnungshüterInnen" rumlaufen. Neben dem Ordnungsamt, dessen MitarbeiterInnen inzwischen auch sehr krass drauf sind, übernehmen diese Kontrollarbeiten auf der Strasse bzw. auf dem Gehweg. Wer die sind hab ich aber noch nicht rausgekriegt.

Dass mit den schlechten Wohnungen kann ich auch bestätigen. Es gibt in Neukölln (und z.B. auch in Wedding) noch viele Ofenheizungen in Mietwohnungen. Irgendwo las ich mal, dass diese (alten) Öfen seit einigen (vielen) Monaten nicht mehr erlaubt sind. Ist das richtig?





geht tiefer ran - was machen wir?

sozialarbeiter 16.03.2009 - 18:11
Ich arbeite seit einiger Zeit in Nordneukölln und kenne die Gegend aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Richtig ist, dass hier seit einigen Jahren - mittlerweile auch im Bereich Reuterstraße - Flughafenstraße, Mainzer Straße bis rauf zum Schillerkiez vermehrt junge Menschen mit hohen Bildungsabschlüssen und ohne Kinder hinziehen, deren derzeitiges Einkommen oft nur wenig über dem der dort zahlreich lebenden Alg II - EmpängerInnen und sonstigen armen AltneuköllnerInnen liegt. Auf der Suche nach preiswerten Wohn - und Kreativräumen im Innenstadtbereich ist das durchaus nachvollziehbar, aber eben auch rein materialistisch und oft egoistischen Gründen geschuldet, denn mit den Menschen, die dort bereits sehr lange leben haben die wenigsten Neuankömmlinge zu tun, wollen sie auch meist nicht. Um nicht ständig in die anderen Kieze zur Kneipentour zu fahren, machten einige neue, eher alternative Kneipen vor drei Jahren auf und die ersten kommerziellen Trittbrettfahrer sind seit zwei Jahren Unterwegs. Die alte Kneipenkultur von migrantisch ausgerichteten Eckkneipen (oft nur für Männer) und altberliner Deutschkneipen wird nun zunehmend von Bars und etwas extravagant erscheinenden Schickmickikneipen für die Jungen Intellktuellen überrollt. Mein Tipp: nutzt das, was schon lange da ist und sucht den Kontakt zur "Altbevölkerung" - auch wenn das nicht immer das "Niveau" hat, was viele suchen. Es verhindert Verdrängung und lässt Kontakte mit Menschen aus Milieus zu, über die Linke gern, aber mit denen sie meist nicht reden... Hier muss viel ausgehalten werden, es erfordert Offenheit und Toleranz gegenüber Ansichten und Meinungen, wo wir wohl alle schlucken und es erfordert langem Atem, wenn wir mit ihnen gemeinsam neue Wege gehen wollen und nicht Verdrängungsmasse spielen wollen.

Schon vor Jahren haben zudem große Imobilienfonds die Gegend nach billigen Häusern abgegrasst, eigentlich sind in der Hinsicht längst alle Messen gesungen. Bisher war diesen Immobilienhaien völlig egal wie die Mieterstruktur aussieht, Hauptsache der Gewinn stimmt. Dabei wird auch in Kauf genommen, dass der Mangel an bezahlbaren Wohnungen für viele MigrantInnen und den zahllosen AlG II - EmpfängerInnen dazu führt, dass immer mehr Leute in eine Wohnung ziehen und dabei die eh schon massiv vorhandenen Konflikte und Problemlagen angeheizt werden. Diese zerstören die Nachbarschaft oder lassen gar nicht erst eine gute aufkommen. Verschiedene MigrantInnengruppen neigen dazu, in finazieller Notsituation 100qm Wohnungen für 1000,-Euro mit bis zu 15 Menschen zu beziehen und in den Sommermonaten Verwandte zusätzlich unter zu bringen, um nicht aus dem Stadtteil wegziehen zu müssen. Auch hier ist letztlich den Hausbesitzern völlig egal, was das für alle dort Lebenden bedeutet. Ziehen dann vermehrt organisationsfähige junge Leute ein, deren Eltern dem Klischee des Anwalts entsprechen, entstehen Rechtstreitigkeiten, Druck auf die vermeindlich problematischen "AltmieterInnen" zum Auszug oder zur Sanierung oder beides. Letzteres wird natürlich mit höheren Mieten wieder eingespielt - beides sind aber Verdrängungsmechanismen, die in Neukölln zu beobachten sind.

In Teilen von Nordneukölln sind zudem ethnische Konflikte unter verschiedenen MigrantInnengruppen Alltag. Roma sind dabei in der Diskriminierungskette meist ganz Unten und werden nicht selten von allen Seiten immer nur als Problem betrachtet.

Wie hoch das nachbarschaftliche Konfliktpotential ist, haben in den letzten beiden Wochen zwei heftige Fälle gezeigt, bei denen je ein Mensch zu Tode kam.

Nordneuköllns BewohnerInnenstruktur ist immer noch etwas außergewöhnliches - wenn wir nicht Teil des Verdrängungproblems sein wollen, dann müssen wir auf die vielen MigrantInnen und deren Problemlagen zugehen, zuhören uns mit ihnen auseinandersetzen und schauen wie wir gemeinsam Dinge finden, wo wir uns unterstützen, helfen, beistehen können und wo es sinnvoll ist auch Konflikte mit Ihnen auszufechten. Leider wird die kulturelle Vielfalt von vielen romantisiert und nicht gelebt. Zudem ist es einfach, alles auf den Kapitalismus zu schieben und mit seiner, auch die Abschaffung sämtlicher Probleme im Bereich der sozialen Kompetenzen erwirken zu können. In Neukölln, in Wedding und anderswo gibt es 1000ende Menschen, die aus verschiedensten Gründen kaum soziale Kompetenzen besitzen, die wir als selbstverständlich ansehen und dabei meine ich insbesondere die deutschen, sehr armen Leute, wo Kindeswohlgefährdung nicht die Ausnahme sondern die Regel ist, wo Bildungsabschlüsse häufig völlig fehlen, wo Gewalt als Mittel der Kommunikation selbstverständlich ist. Aber wenn wir genau hinsehen, dann gibt es selbst hier so etwas wie gegenseitig Hilfe - eben jede/r nach seinen/ ihren Möglichkeiten.

Wer in Neukölln Nord nicht die Friedrichshainsierung vorantreiben will, der und die muss sich zu aller erst mit den Menschen die dort leben auseinandersetzen, sie verstehen lernen und bei Problemen mit dem Vermieter, dem Jobcenter, dem Nachbar, der Schule etc. Hilfe anbieten und Wege gemeinsam gehen. Alles andere - wie die leider auch die Demo am Wochenende, geht an diesen Menschen meist vorbei und ist nichts weiter, als ein Zeichen unserer eigene Hilflosigkeit. Sie dient der Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens, nichts zu ändern sondern Teil der Kommerzialisierung zu sein.

Sicherheitsdienst

vermutung 16.03.2009 - 18:22
Meine Vermutung ist, dass der erwähnte vermeidliche Sicherheitsdienst, Menschen einer MAG (Mehraufwandsentschädigungsmaßnahme des Jobcenters) ist, wo AlG II BezieherInnen für 1,50 Euro pro Stunde in Zweiergrüppchen 6 Stunden und länger mit kurzen Pausen und im Abstand von wenigen Minuten immer die selben bescheuerten Runden drehen müssen. Sie tragen grüne Jacken und Schildchen. Ihre Hauptaufgabe liegt darin, dem Ordnungsamt evtl. Neue Müllecken mitzuteilen. Sie sind ansonsten zu nix berechtigt und ganz normale arme Leute, mit denen Mensch auch reden kann. Viele sind übrigens mit Androhung von Kürzungen zu diesem Sinnlosjob gezwungen wurden...

Kritik an QM nicht immer richtig

transformator 16.03.2009 - 18:55
Bitte nicht pauschal die diversen Quartiersmanagements in die Ecke der bösen verdrängenden Umstrukturierung stecken. An sich ist deren Aufgabe, die Lebensqualität aller in sozial schwachen Kiezen Wohnenden mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds zu verbessern, Ideen von Menschen auf zu nehmen und Ressourcen für den Kiez zu aktivieren, die langfristig für alle wirken. Es geht auch um Nachbarschaftsstärkung usw.

Unter anderem entstand so die Idee der Stadtteilmütter im Schillerkiez, die auch darüber finanziert wurden. Diese fungieren als KulturdolmetscherInnen in Fragen von Behörden, Erziehung, Gesundheit etc. - außerdem sehen Frauen aus migrantischen Familien hier einen Schritt auf den Weg zu eigenen unabhängigen Einkommen. Es entstanden auch diverse Spielplätze, neue Kinder- und Jugendeinrichtungen, Grünanlagen etc. Es werden kostenlose Sportangebote finanziert usw.
Das Problem ist natürlich oft, dass QMs die Grundstrukturen die Ungerechtigkeiten, wie Armut erzeugen nicht verändern und der Druck der öffentlichen GeldgeberInnen sehr hoch ist, Erfolge sichtbar zu machen, was dann eben fast in allen QMs bei den unsäglichen Versuchen der Verdrängung der Hundscheiße gipfelt. Ein weiteres Problem: viele QMs waren oder sind von StadtplanerInnen, LandschaftsplanerInnen etc. geleitet - deren Blick eben eher auf "Fassade", Grünflächengestaltung und volle Gewerbe orientiert ist.

Es gibt aber überall Quartiersbeiräte, wo wir uns immer einschalten können, auch um eigene Ideen zu verwirklichen, die nicht kommerziell sein müssen - im Gegenteil! Es gibt die Agenda 21, deren Ziele: "Bürgerbeteiligung", Direkte Demokratie, Nachhaltigkeit eingefordert werden kann, aber auch muss! Fragt Euer QM wohin und wofür die Kohle fließt, fordert und macht anderes!

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Ausgezeichnete Analyse — zunehmdende Verprollung und Islamisierung

genialer kommentar — @sozialarbeiter

Danke Tristessa ! — Kalle

reaktionär — Hein Blöd

Baden raus! — Maultasche

von hinten... — hintenrum