Video: Arbeitskampf im Kino Babylon (Berlin)

freundeskreis videoclips 21.02.2009 18:45 Themen: Kultur Medien Soziale Kämpfe
kurzdoku // deutsch // 8:00 min // 21.02.2008

Die Arbeitsbedingungen im Kino Babylon machen mal wieder Schlagzeilen. Sind die 320.700 EUR der Senatskanzlei für Kultur zu wenig oder sind die Forderungen der Belegschaft eine gemeine Sauerei? Die Frage ist, wer die Definitionsmacht über die Leistungen der Beschäftigten innehält und genau darum will der im November 2008 gegründete Betriebsrat kämpfen. Zum Video auf http://freundeskreis-videoclips.de


Die Arbeitsbedingungen im Kino Babylon (Mitte) machen mal wieder Schlagzeilen. Wir sprachen mit Andreas Heinze vom Betriebsrat, Lars Röhm von der FAU-Betriebsgruppe (Freie ArbeiterInnen Union) und Jason Kirkpatrick, einem früheren Angestellten, der im Juli 2008 vors Arbeitsgericht zog. Kinochef Timothy Grossman stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Timothy, wir bleiben dran!

Die Belegschaft aus StudentInnen verdient am Einlass 5,50 EUR, an der Kasse 6 EUR und als Filmvorführer 6,40 EUR (Netto) die Stunde, angeblich der branchenübliche Mindestlohn (s. Brancheninfo). Arbeitsverträge werden in Form von mündlichen Absprachen vereinbart. Auf diese Weise können Angestellte, die nach Lohn, Urlaub oder Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall fragen, ganz schnell ausgetauscht werden.

Protest auf der Berlinale
Genau das ist während der 59. Berlinale passiert. Die Hosen voll von den Forderungen der Belegschaft, engagierte Grossman drei neue Filmvorführer und wechselte das Personal aus, um den reibungslosen Ablauf des „Generation 14plus“ Programms zu sichern. Gefordert wurde eine Erhöhung des Stundenlohns auf 16 EUR/Std. für Vorführer, sowie 12 EUR/Std. für Service und Kasse für die Zeit der Berlinale, da das Glemma-Festival auch eine höhere Arbeitsbelastung mit sich bringt. Mit der Neueinstellung von Aushilfskräften wurden die Forderungen der Belegschaft allerdings kalt abserviert.

Deshalb kamen am 13. Februar 2009 zwischen 40 und 50 Menschen zu einer Kundgebung vor dem roten Teppich zusammen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. In Redebeiträgen und Flugblättern wurden Berlinale-BesucherInnen über die Situation und die Forderungen der Angestellten informiert.

Brancheninfo
Denn dass es so etwas wie „branchenübliche Mindestlöhne“ gar nicht gibt, machen die Kinos der CinemaxX AG und der Yorck-Gruppe vor. Seit dem 7. Februar 2008 gibt es für CinemaxX-Beschäftigte einen Tarifvertrag, der stufenweise Lohnerhöhungen von 6,50 EUR auf 8 EUR vorsieht. Damit werden die von Unternehmensseite seit 2004 eingeführten Niedriglöhne an die bisherigen Einkommenshöhen herangeführt. (http://www.labournet.de/medien-it/) Auch in den 12 Kinos der Berliner Yorck-Gruppe gibt es unbefristete Arbeitsverträge, einen Staffellohn, 30 Tage Urlaub und nach zwei Jahren 8,25 EUR an der Kasse.

Warum? Unternehmen mit Betriebsräten zahlen eben deutlich höhere Löhne und halten die Mindeststandards ein. Zudem ist die sogenannte Lohnspreizung, der Unterschied zwischen den Vergütungsgruppen, geringer. Dass der Arbeitskampf im Berliner Babylon ein Problem vieler prekär Beschäftigter im Kulturbereich öffentlich macht, lässt sich auch durch Tarifmärchen nicht schöner reden. In Museen, Theatern und vielen anderen öffentlich geförderten Unternehmen wird mit den Beschäftigten miserabel umgegangen.

Falsches Programm
Das Babylon ist für seinen erfolgreichen Mix aus öffentlich geförderten und kommerziellen Kulturangeboten bekannt und sorgt für ein spannendes und visionäres Programm, das seinesgleichen sucht. "Ein authentischer Hauch voller Kraft und Anarchie wird uns entgegenwehen", ließen die Macher im Mai 2008 verlauten. Vor dem Kino wurde ein umgekipptes Auto platziert und Pflastersteine arrangiert. Das macht schon irgendwie Lust auf mehr - vor allem nach dem Kinobesuch! Aber was ist das Babylon anderes, als ein „H&M“ für den pseudo-revolutionären Lifestyle, wenn es sein und unser kulturelles Kapital aus Urlaubstagen, Krankheitsgeldern, mündlichen Arbeitsverträgen und Niedriglöhnen freipresst? Dieser Hauch „voller Kraft und Anarchie“ erinnert eher an den letzten Atemzug einer liberalistischen Krisenwirtschaft. Eine Kino-GmbH ist keine „Non-Profit-Organisation“, auch wenn es in Stellungnahmen der Geschäftsleitung gerne so dargestellt wird.

Betriebsrat
Sind die 320.700 EUR der Senatskanzlei für Kultur nun zu wenig für das Babylon? Oder arbeitet die „Neue Babylon Berlin GmbH“ einfach unwirtschaftlich? Sind die Forderungen der Belegschaft eine gemeine Sauerei? Die Frage ist vielmehr, wer die Definitionsmacht über die Leistungen der Beschäftigten innehält und genau darum will der im November 2008 gegründete Betriebsrat kämpfen.

"Wir werden uns von der Geschäftsleitung des Babylon Mitte keinesfalls einschüchtern lassen. Die breite Sympathie, die uns entgegenschlägt, bestätigt uns nur in dem, was wir tun. Darüberhinaus war die Kundgebung am Freitag erst der Anfang - die eigentliche Auseinandersetzung um die Arbeitsbedingungen im Babylon beginnt für uns erst jetzt." so Lars Röhm, Sprecher der FAU Berlin.

Das geht auf keine Rechnung!
Wir werden nach und nach ein paar betriebswirtschaftliche Zahlen und Fördermittel der Firma „Neue Babylon Berlin GmbH“, soweit sie uns bekannt werden und durch Quellen belegen lassen, veröffentlichen. Wenn uns die Geschäftsleitung dabei unterstützen möchte, borgen wir gerne einen Taschenrechner zur Neubestimmung von Urlaubstagen und „branchenüblichen Mindestlöhnen“ aus:

Das Babylon wird mit 320.700 EUR jährlich aus Mitteln der Senatskanzlei für Kultur gefördert, das sind 26.725 EUR pro Monat.

  • „Der staatliche Zuschuss des Babylon beträgt etwa 28% der Ausgaben.“ (Quelle: Stellungnahme der Geschäftsleitung) Dann entsprechen 100% 1.145.357,14 EUR an Gesamtausgaben. Auf 12 Monate verteilt sind das 95.446,42 EUR pro Monat.
  • Es gibt ungefähr 27 Angestellte im Babylon, incl. Theaterleiter, Servicemitarbeitern, Filmvorführern und Haustechnikern.
  • Ca. 10 Mitarbeiter auf 400 EUR-Basis = 4000 EUR pro Monat
  • 2006 machte das Kino einen Gewinn von 22.500 EUR. Bei einem Eigenkapitalanteil von 25.000 EUR immerhin eine Rendite von 90%.
  • Ergänzungen erwünscht...

Download:
Das Video als Ogg-Datei zum Download auf http://freundeskreis-videoclips.de (59,50 MB) für den VLC-Player

Weitere Quellen:
Weblog einiger Angestellter: http://prekba.blogsport.de
Jason's Prozess: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin/art_0807
FAU Berlin: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin
Indymedia: http://de.indymedia.org/2009/02/242103.shtml
Auch Arbeitgeber profitieren: http://service.t-online.de/16902576.html

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Ergänzungen

Kinolaunen

genauhinkucker 23.02.2009 - 11:31
Schon echt ein Witz, dass das Babylon gerade einen Film zeigt, in dem eine ausgebeutete Arbeiterin ohne Papiere vor das Arbeitsgericht geht...

"Mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine Hausarbeiterin ohne Papiere zieht vors Arbeitsgericht."
57 min. spanisch/deutsch Ut., Berlin/Hamburg 2008, ein Film von Anne
Frisius in Zusammenarbeit mit Nadja Damm und Mónica Orjeda,
www.kiezfilme.de/laecheln
Ermöglicht durch die Stiftung Umverteilen, Stiftung Menschenwürde und
Arbeitswelt und die Do Stiftung

Am Sonntag, den 22.02.2009 um 13.30 Uhr zeigt die Filmemacherin Anne
Frisius in Zusammenarbeit mit Mónica Orjeda (von der Beratungsstelle
verikom, Hamburg) im Kino Babylon (Mitte) (Rosa-Luxemburg-Str.30,10178
Berlin) ihren neuen Dokumentarfilm über die lateinamerikanische
Hausangestellte Ana S. Zur anschließenden Diskussion, moderiert von Dr.
Emperatriz Valencia, Soziologin, mit den Prozess-Beteiligten aus Hamburg
und VertreterInnen der neu gegründeten Anlaufstelle für MigrantInnen in
Berlin, wird herzlich eingeladen.
(Film und Diskussion in Deutsch und Spanisch).

Ana S. hat drei Jahre lang bei einer Hamburger Familie als
Hausangestellte gearbeitet -- gegen Kost und Logis und einen spärlichen
Lohn. Sie beschließt - unterstützt von Freund/innen, der Hamburger
Beratungsstelle verikom und der Gewerkschaft ver.di - vor Gericht einen
angemessenen Arbeitslohn einzuklagen. Dies, obgleich sie als "illegal"
gilt, weil sie keinen offiziellen Aufenthaltstitel hat...

"Ich dachte, ohne Papiere hätte ich keine Chance. Als sie mir sagten,
dass ich auch ohne Papiere mein Recht einfordern kann, war das für mich
ganz neu. Zum Glück hatte ich diese beiden Organisationen auf meiner
Seite. Anfangs war ich sehr nervös. Jetzt nicht mehr, ich bin viel
mutiger geworden. Ich verlange nur, was mir zusteht. Es ist der Lohn für
meine Arbeit, die ich bereits geleistet habe," so Ana S. im Interview.

Der Film dokumentiert diesen bisher in Deutschland außergewöhnlichen und
gewagten Gang vor das Arbeitsgericht -- bis hin zu seinem relativ
erfolgreichen Ausgang.
Bei der anschließenden Diskussion werden Vertreter/innen der
verschiedenen Unterstützungsorganisationen und von ver.di anwesend sein.

Nähere Informationen bekommen Sie unter den Telefonnummern
Anne Frisius, (Filmemacherin): 030 6122809
Mónica Orjeda (Begleitung von Ana S., verikom, Hamburg): 0176 63010427
Bárbara Miranda (Berlin, AK Undokumentiertes Arbeiten): 0176 61257584
Jürgen Stahl (Gewerkschaftssekretär, ver.di FB 13, Berlin): 030 88665618
Peter Bremme (Fachbereichsleiter Besondere Dienstleistungen, ver.di
Landesbezirk Hamburg): 040 28584131, 0170 5505911


Diese Veranstaltung wird unterstützt vom Bildungswerk Berlin der
Heinrich-Böll-Stiftung und realisiert aus Mitteln der Stiftung Deutsche
Klassenlotterie Berlin. Ich lach mich schlapp!!!

Billiy Bragg solidarisiert sich

robert 24.02.2009 - 14:50
Am letzten Samstag, den 21.2., fand das Festival des politischen Liedes im Kino Babylon statt. Vor dem Kino fanden sich Mitglieder der FAU-Berlin ein, um Flyer an die Gäste zu verteilen. In diesen wurden die Arbeitsbedingungen im Babylon thematisiert. Unerwähnt blieb auch nicht das die Geschäftsleitung neuerdings versucht, sich eines der FAU-Mitglieder im Betrieb mit fadenscheinigen Begründungen zu entledigen. Während des Konzertes solidarisierte sich der britische Liedermacher Billy Bragg mit den Forderungen der Belegschaft.