Krieg dem Krieg dem Krieg

R. Sturm 11.02.2009 01:43 Themen: Blogwire SiKo München
Kein Frieden mit dem Krieg bedeutet kein Frieden - wie eine friedliche Friedensbewegung gegen Unterdrückung mehr leisten kann als Gewalt und Gegengewalt.
"Kein Frieden mit dem Krieg!" wird geschrien. Und mehrmals hintereinander: "Krieg dem Krieg! Krieg dem Krieg!" Krieg dem Krieg dem Krieg dem Krieg!
Das ist eine Anti-Kriegs-Demo. Die Kinderwägen, die in der tausendköpfigen Menge mitrollen, transportieren zusammengerollte Plakate, von Babys keine Spur. Keine Spur von der Unschuld, der Friedliebigkeit, die man früher, bestückt mit Blumen,“Kriegstreibern“ entgegenhielt. Keine Singer-Songwriter-Musik, die Frieden fordert, die die Menschheit als eine Einheit beschwor. Aus den Lautsprecherwägen setzen Punkrock und Hardcore auf eine Stimmung des aggressiven Widerstands, die Musik kommt fetzenweise, zwischen Ansagen der Sprecher. Die spucken Slogans in die Mikros: "Deutsche Waffen und deutsches Geld morden mit in aller Welt!" Wir schreien mit, aber dann kommt schon der nächste Spruch, reißt den vorherigen ab, dann der nächste, es bildet sich keine gemeinsame Stimme der Demonstranten – wieder werden wir, das Volk, dirigiert, spuckt man uns Parolen vor, die wiederholt werden, großenteils unhinterfragt, zerreißt man unsere Stimme. Wieder fetzt ein dazwischengespielter Tune in unser Rufen, dann plötzlich Panik aus den Lautsprechern: "Da vorne", schreit der Sprecher, "brechen Bullen in unsere Reihen! Haut ab aus unseren Reihen! Haut ab!" Und alle fallen ein: "Haut ab – Haut ab – Haut ab!" Für einen Moment geschlossene Reihen. Die Fäuste der Demonstranten fahren in die Höhe, dann springen alle auf einer Stelle, hundert Mann und Frau in engen Reihen schießen hoch runter hoch runter hoch runter, schwarze Mützenköpfe ballen sich zusammen zu einem Block, der geht an den Rändern über in die Linien der schwarzen Helmköpfe der Polizisten. Dann auf einen Schlag laufen alle los: erst der schwarze Block, mit dem Bruchteil einer Sekunde verzögert die Reihe der Bullen, die nahtlos geschlossen bleiben muß, dann die dahinter laufenden Demonstranten mit Bannern und Fahnen und Plakaten hinterher. Ein Rudel Bullen ist in die aufgescheuchte Menge eingefallen, auf einen Mann los, hat ihn gepackt und raus und rüber über die Gleise, über die Fahrbahn bis zu den parkenden Bullenbussen gezerrt, ein hochgeschossener Punk, auf dessen Jacke rücklings POLIZEI steht. Der wehrt sich, kickt um sich, fest umgriffen von einem ganzen Rudel Bullen, die drücken ihn herunter, schubsen ihn vorwärts, der Mann verschwindet im Innern eines Busses. Das ganze binnen einiger Sekunden. "Die Bullen setzen ihre Helme auf!" brüllt der Sprecher. "Das ist ein Zeichen, sie machen sich bereit, also machen wir uns auch bereit! Wir sind der aktive Widerstand!" Der stürmt los, krachende Lautsprecher darüber. Demo-Krieg. Auf der Kriegsdemo.

Das ist eine Anti-Demo. Aber eine Kriegsdemo. Eine Kriegsdemo der Antis. Jemand stutzt bei den Reden und versucht die darin vorkommenden Antis zu zählen. Aber die ufern aus, überwuchern die ganzen Inhalte. Für was stehen wir noch, wenn wir nur dagegen sind? Anti-Krieg und Anti-Frieden!
Ist Frieden verkommen in Demagogien der herrschenden als auch der oppositionellen Gruppen? Endgültig abgewetzt von so viel Missbrauch?
Die Herrschenden führen Kriege im Namen eines Friedens der euro-amerikanischen Achse, ein kapitalistischer „Frieden“, der die Wirtschaftshoheit der Westmächte bestärkt, der politisches Übergewicht im Namen von Gerechtigkeit und Freiheit auf der eigenen Seite bewahrt. Dass diese Begriffe - Gerechtigkeit und Freiheit - noch immer ideologisch funktionieren! Müssten sie nicht längst abgegriffen sein? Imperialismus war und ist immer eine Befreiung der anderen durch die einen, ein humanitärer Akt sozusagen: die „Unterentwickelten“ bekommen das Geschenk der Entwicklung, das sie für Generationen still stellt; die von Bürgerkrieg Zerrütteten bekommen militärische Verstärkung, die die eigene Einflußnahme schmälert; die Hungernden bekommen Lebensmittel- und Saatenlieferungen, die sie auf Dauer abhängig macht vom Leben spendenden Westen. Wegen jährlich 50 Millionen Hungerstoten weltweit, so haben es Demonstrantinnen auf ein Banner geschrieben, gehen wir gegen die Nato-Sicherheitskonferenz auf die Straße. Wegen der Übermacht der Westmächte und ihrer Verbündeten, ihrer angebundenen, ihrer entzündeten „Verbündeten“. Gegen den Kriegsrat, der in unserem Land, in unserer Stadt tagt! Nie wieder Krieg von deutschem Boden! Aber seit 60 Jahren werden gerade hier – und das kann kein Zufall sein! - gerade in Deutschland, gerade in der Stadt, in der Hitlers Verbündete ihren langen Feldzug begannen, die euro-amerikanischen Kriegspläne geschmiedet. Von deutschem Boden!
Wir haben so viel über die Vergangenheit geredet. Aufgearbeitet haben wir sie nicht. Aber wir tun so, wir wollen es so, es geht ja weiter, schon lange. Wir kaufen uns frei mit der Moral von „Das darf nie wieder geschehen“, blind dabei für all die gegenwärtigen Verbrechen. Das ist unser allergrößtes Verbrechen: Arbeit macht frei. Krieg noch freier.
Was kann man gegen den Krieg halten? Krieg? Und gegen den dann statt findenden Krieg auch Krieg? Und nie ein Ende? Kein Frieden mit dem Krieg heißt kein Frieden. Frieden ist etwas anderes als die Anpassung, der Rückzug ins Privatistische, das Passive, das in dem Slogan „kein Frieden mit dem Krieg“ gemeint ist. Das Wort Frieden darf nicht missbraucht werden, um kleinbürgerliches Schweigen oder Desinteresse an politischen Umständen zu bezeichnen. Wir dürfen nicht das Vokabular der Kriegstreiber verwenden, um gegen deren Machtmissbrauch vorzugehen. Wir müssen unser eigenes Vokabular finden, unsere eigene, solidarische Stimme, die ohne die überkommenen Kategorien auskommt. Nur so können alte Strukturen erneuert und neue Umstände geschaffen werden. Nur so können wir unsere Gesellschaften auf etwas Neues zubewegen. Auf den Frieden! Auf eine neue Friedensbewegung.

Weiter zurück im langen Demonstrationszug greifen Drachenrachen und -klauen über die Köpfe der Demonstranten, tanzt eine bunte Truppe unter noch bunteren Schirmchen, trommeln Garden. Clowns springen durch die Menge, Kriegsszenen simulierend, einen Panzer formierend und dabei musizierend. Die Bilder und Symbole des Kriegs werden ausgestellt, entlarvt, parodiert; sie werden so ihrer Wirksamkeit beraubt und können entmächtigt werden. Durch uns! Junge Eltern tragen Babys vor die Brust gebunden im Demonstrationszug mit. Frieden muss und Frieden kann neu geboren werden. Durch uns! Jenseits von JEDER kriegerischen Ausdrucksweise.
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Ergänzungen

Babys auf Demos?

Karl 11.02.2009 - 18:04
Hast du je Bullen auf ner Demo austicken gesehen?
Babys auf Demos ist - entschuldige - das Dümmste und Unverantwortlichste was ich seit langem gehört habe. Vieles an deiner Kritik mag gerechtfertigt sein, aber über diesen Punkt solltest du nochmal nachdenken.

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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