Hackerkongress fordert "Bürger-Trojaner"

DouG 29.12.2008 12:07 Themen: Medien Netactivism
Auf dem Kongress "25C3", der vom Chaos Computer Club organisiert wird, fordern Hacker die Einführung eines Bürger-Trojaners, um Volksvertreter und "Problempolitiker" heimlich online durchsuchen zu können. Zweck des Trojaners soll "mehr Transparenz und Teilnahmemöglichkeiten" in einer Demokratie sein. Wie sein Vorbild, der Bundestrojaner des Innenministeriums, verstößt auch der Bürger-Trojaner gegen den ohnehin umstrittenen "Hacker-Paragrafen", der IT-Admins die Arbeit erschwert...
Bei Computern von Volksvertretern und Regierungsmitgliedern soll die heimliche Online-Durchsuchung erlaubt werden, um mehr Transparenz in einer Demokratie zu ermöglichen. Auf dem 25. Chaos Communication Congress (25C3) erneuerte der Chaos Computer Club (CCC) seine Forderung, "Problempolitiker" stärker von der Internetgemeinde überwachen zu lassen. Damit können frühzeitig Abwehrmaßnahmen gegen Korruptionsgefahren getroffen werden.

Die Forderung ist Teil eines Jahresrückblicks der Datenreisenden, in dem der enthaltene Zynismus angebracht scheint. Zu Jahresbeginn prophezeiten die Hacker, die Bundesregierung würde einen Teil der Überwachungsaufgaben nach Fernost auslagern. Durch den verschärften Hackerparagraph drohe nicht "die Überkriminalisierung", sagten einige Politiker, die glaubten, eine EU-Richtlinie umzusetzen. "Remote Government" nennen die Hacker das, die Gesetzes- und Sprechvorlagen werden wahrscheinlich in China verfasst.

Im Jahr 2007 war ganz Estland offline, was den Hackern ein Staunen abrang. Estland ist stark engagiert im E-Government, also die Abwicklung von Gesetzen und Bürokratie übers Netz. Die Hackervereinigung wünscht sich mehr E-Government hierzulande, da Gesetzgebungsmaschinerie und Bürokratie bei einem landesweiten Netzausfall dann ebenfalls nicht mehr funktionieren würden.

Kaum ein Schutzprogramm erkennt gezielte, individuelle Angriffe. Trotzdem ist es wenigstens einmal der Bundesregierung passiert: die Volksbefreiungsarmee penetrierte die Rechner der Bundesregierung und gewann Informationen in unbekanntem Umfang. Lasch sprach man hierzulande vom "China-Trojaner". Die Behörden der USA überträfen die deutschen sogar in puncto "Coolness", denn die USA, welche ebenfalls von der Volksbefreiungsarmee kurzfristig besetzt gewesen, nannten den Überfall "Operation Titan Rain". Offenbar liegt hier der Realismus US-amerikanischer Geheimagent-Filme. Rasterfahndung remastered - kein Filmtitel zwar, aber ein Suchbegriff für die Datenbanken der Kreditkartenfirmen - wenn das Opfer staatlicher Neugier denn eine Kreditkarte hat.

Die Propheten des CCC wollen weitere Experimente machen. Breit grinsende Gesichter am Gesichtsscanner sollen Pufferüberläufe verursachen oder die Datenbanken von TollCollect sollen mit einem präparierten Nummernschild angegriffen werden.
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Ergänzungen

Wer mer wissen möchte

Eman 29.12.2008 - 14:23
Der besuche www.gulli.com und liest sich die aktuellen news durch,es wird dort viel über den 25C3 berichtet!

BürgerInnen-Trojaner

Roland Ionas Bialke 29.12.2008 - 16:38
Wie der CCC schon angedeutet hat, gibt es schon BürgerInnentrojaner. Shark und Bitfrost wären zum Beispiel welche, doch die sind wenig individuell und daher leicht aufspürbar. Individuelle Trojaner kosten hingegen eine Stange Geld. Doch letztendlich bekommt jeder und jede einen (F)UD-Trojaner für 30 bis 80 Euro. Individuelle Crypter kosten so viel. Hier kann gerne der CCC einsetzen und diesen Service preiswerter zur Verfügung stellen.

Das zweite Problem ist, dass interessante Organisationen, wie die Polizei, Linux verwenden und selbst ihre IT-Cracks haben. Ein drittes Problem ist das Missbrauchspotenzial. Da kann der CCC weiter ansetzen und CrackerInnen ein bisschen beeinflussen. Nach meiner Einschätzung handelt es sich bei den Gros der Trojaner-BenutzerInnen um eine sexistische, homophobe, macht- und geldgeile Szene.

wer noch mehr wissen möchte...

---[::Space.Invader]::--- 29.12.2008 - 22:27
...oder virtuell teilnehmen möchte: siehe

 http://events.ccc.de/congress/2008/wiki/

oder im IRC unter

irc.freenode.org:6667 --> /j #25c3

@ Roland Ionas Bialke

Aufdecker 30.12.2008 - 08:10
"Das zweite Problem ist, dass interessante Organisationen, wie die Polizei, Linux verwenden und selbst ihre IT-Cracks haben."

Die Linuxsysteme und die Cracks muessen aber gut versteckt sein.

Mir wurde von Leuten , die bei Polizei und Bundeswehr arbeiten, berichtet, dass es voellig normal sei, eigene Datentraeger in die Rechner zu stecken und sich z.B. Filme anzusehen. Was die gruendliche Verseuchung eines Bordrechners eines Schiffes der Marine mit Schadsoftware zur Folge hatte.
Ueber die moeglichen Folgen auf einem Kriegschiff darf jeder selbst spekulieren.

Ein Bundeswehrangehoeriger hat Datensaetze aus der Kaserne auf seinem Privatrechner.
(selbst gesichtet)

Da koennen unsere Politiker noch so sehr ueber Datenschutz schwafeln, solange die Praxis so aussieht, wundere ich mich ueber garnichts mehr.
Wenn man dann an die "Gesundheits"karte und elektronische Personalausweise denkt...
Das wird noch lustig.

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25C3 — klugscheißer

coole sache — berliner antifa