Interview zum Stand des Konflikts Fatah-Hamas

Michelangelo Cocco / ROSSO 22.11.2008 00:16 Themen: Weltweit
In einem Interview für die unabhängige, linke, italienische Tageszeitung „il manifesto“ vom 8.11.2008 untersucht der politische Analyst der zweitgrößten, palästinensischen Tageszeitung „Al-Ayyam“, Khalil Shaheen, den andauernden innerpalästinensischen Machtkampf zwischen Fatah und Hamas und die Aussichten auf eine Lösung des Konflikts.
Ende Januar kommenden Jahres läuft das Mandat des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas (alias „Abu Mazen“), ab. Der Fatah-Chef hat bereits erklärt, dass er erneut antreten werde, obwohl such viele innerhalb seiner Partei eine Kandidatur des in Israel inhaftierten Fatah-Generalsekretärs und führenden Kopfes der 2.Intifada, Marwan Barghouti, bevorzugen, um die korrupte und Israel sowie den USA gegenüber immer opportunistischere, „alte Garde“ loszuwerden und für eine lange überfällige Erneuerung zu sorgen. (Der letzte Fatah-Kongress fand vor fast 20 Jahren statt – damals stand die Mauer noch!)

Die islamische Widerstandsbewegung Hamas, die den Gaza-Streifen kontrolliert, hat bereits angekündigt, Abbas nach Ablauf seines Mandats nicht mehr als Präsident anzuerkennen. Zugleich ist höchst fraglich, ob die Wahlen unter den gegebenen Bedingungen einer faktischen Zweiteilung der 1967 besetzten Gebiete, des jüngst gescheiterten Versöhnungsversuchs unter ägyptischer Vermittlung und der seit Anfang November wieder stattfindenden israelischen Angriffen auf den Gaza-Streifen (Vorwand für den Bruch der Mitte Juni 2008 vereinbarten Waffenruhe durch die Besatzungstruppen war die angebliche Entdeckung eines nach Israel führenden Tunnels) überhaupt abgehalten werden können.


Der Analyst Khalil Shaheen:

„Die Islamisten in die PLO, um die Streitigkeiten zu überwinden!“

Michelangelo Cocco

Der politische Analyst der palästinensischen Tageszeitung „Al-Ayyam“, Khalil Shaheen, hält die Kluft zwischen Hamas und Fatah, das heißt den beiden palästinensischen Parteien, die mit ihrer Spaltung zur immer stärkeren Isolation der nationalen Befreiungsbewegung beitragen, für sehr groß. Über die Möglichkeit eines Abkommens als Ergebnis der in Kairo stattfindenden Verhandlungen oder ob es im Gegenteil zu einer neuen bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Islamisten und den Waisen Yasser Arafats kommt, diskutierten wir mit Shaheen, der in den vergangenen Tagen in Italien war, um an der Veranstaltung „More than words: media coverage of the Israeli – Palestinian conflict“ teilzunehmen. Das von der Europäischen Union finanzierte, dreijährige Projekt wird von den beiden Zentren Keshev (The Center for Protection of Democracy in Israel) und Miftah (The Palestinian Initiative for the Promotion of gobal Dialogue and Democracy) in Partnerschaft mit dem Centro italiano per la Pace in Medio Oriente (CIPMO) organisiert und vom Dezernat für Frieden und Internationale Kooperation der ((mitte-links regierten)) Provinz Mailand unterstützt.

Die Präsidentschaftswahlen, die Abu Mazen um ein Jahr verschieben will, scheinen zum nächsten Casus belli (Kriegsgrund) zwischen Fatah und Hamas zu werden. Sehen Sie keinen Raum für einen Kompromiss?

„Der Hauptgrund für die Auseinandersetzung bleibt das Fehlen eines Abkommens darüber wie viel Macht jede dieser beiden Parteien in der Palästinensischen Autonomiebehörde und in der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) hat. Die einzelnen Fragen, wie die der Präsidentschaftswahl, werden von beiden Seiten in instrumenteller Weise benutzt, um ihre Positionen im Zusammenhang mit den in Kairo unter ägyptischer Vermittlung stattfindenden Gesprächen zu stärken. Die Blockade der Situation kann nur dann überwunden werden, wenn eine Übereinkunft zum Neuaufbau der Sicherheitsbehörden und der Organisationen der palästinensischen Befreiungsbewegung erreicht wird und alle Fraktionen, das heißt auch die islamische Bewegung, einbezogen werden.“

Wird darüber bereits diskutiert oder handelt es sich nur um bloße Hypothesen?

„Wenn die Palästinenser keine Übereinstimmung erzielen, um auch die islamische Bewegung in ihre Organisationen einzubeziehen, könnte der alternative Weg in einem Teilabkommen bestehen, das zur Bildung einer Art Regierung der Nationalen Einheit führt und dabei den Dialog über jene Fragen am Leben hält. Eine solche Regierung würde allerdings faktisch zwei verschiedene palästinensische ‚Autoritäten’ beibehalten: eine von der Fatah kontrollierte im Westjordanland und die andere in Gaza unter der Hamas. Die Kluft zwischen beiden Seiten ist noch sehr groß und diese zweite Lösung scheint im gegenwärtigen Moment die wahrscheinlichste.“

Welche konkreten Hindernisse stehen dem Erreichen eines umfassenden Abkommens im Wege?

„Fatah, die die nationale Befreiungsbewegung und die PLO in den letzten Jahrzehnten dominiert hat, ist nicht bereit, ihre Macht mit irgendwem zu teilen. Andererseits nutzt Hamas die ‚Eroberung Gazas’, um ihren Einfluss im Westjordanland sowie der palästinensischen Gemeinde im Ausland zu vergrößern. Kurzum: Beide Seiten haben noch nicht begriffen, dass das Erste, was sie machen müssen, die Einigung auf ein politisches Programm ist.“

Hebron, Jenin, Nablus: Die Polizei der Palästinensischen Autonomiebehörde wird mit amerikanischer und israelischer Unterstützung ausgebildet. Glauben Sie nicht, dass diese Beamten – ohne einen Staat – nur dazu dienen werden, die Opposition gegen die Fatah zu unterdrücken?

„Ich denke, dass man sich die Frage stellen muss: Besteht die Möglichkeit, Sicherheitskräfte und eine Ökonomie zu entwickeln, während die israelische Besatzung fortbesteht? Die bislang durchgeführten Experimente (inklusive der Hilfen vonseiten der Europäischen Union) sagen uns, dass das nicht funktioniert. Mittlerweile ist bei vielen Palästinensern die Überzeugung verbreitet, dass die Gelder zum Wiederaufbau der wirtschaftlichen und politischen Einrichtungen und der palästinensischen Sicherheitskräfte nur dazu dienen, die Besatzung aufrechtzuerhalten.“

Im so genannten „Friedensprozess“ herrscht Stillstand. Welche Entwicklungen sehen Sie für die nähere Zukunft voraus?

„Wir warten auf die neue US-Administration. Auch die Israelis werden (am 10.Februar 2008; Anm.d.Red.) wählen gehen und die Palästinenser könnten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abhalten. In dieser Wahlkampfatmosphäre stehen alle Parteien in Konkurrenz. Deshalb sehe ich in den kommenden Monaten keinerlei Fortschritt im Friedensprozess.“



((Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügung in doppelten Klammern: * Rosso))

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe:  http://www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik „Aktuelles“ bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
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Ergänzungen

Nationaler Einheitsbrei:

Al Kassam 22.11.2008 - 22:54
Ich verstehe überhaupt nicht, warum mir das hier als begrüßenswert verkauft werden soll, dass Hamas und Fatah "ihre Streitigkeiten überwinden" oder auch nur ein "Teilabkommen" schließen, "das zur Bildung einer Art Regierung der Nationalen Einheit führt", es sei denn, "Nationale Einheit" und ein palästinensischer Staat nach den Vorstellungen der Islamisten und Nationalisten wären irgendwie eine erstrebenswerte Angelegenheit. Das hätte ich dann allerdings gerne etwas genauer erklärt, nicht zuletzt auch, was denn in diesem Fall von den "Sicherheitsbehörden" bzw. "Sicherheitskräften" zu erwarten wäre, deren Einrichtung hier so beredt herbeigesehnt wird...

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke die folgenden 11 Kommentare

Wenn man den Link klickt:

ad 22.11.2008 - 10:44
"Warnung: Durch das Aufrufen dieser Website wird Ihr Computer möglicherweise beschädigt!
Die Website unter www.freewebtown.com hostet anscheinend Malware - Software, die den Computer beschädigen oder anderweitig ohne Ihre Zustimmung agieren kann. Schon der Zugriff auf eine Website, die Malware hostet, kann den Computer infizieren.
Detaillierte Informationen zu den Problemen mit dieser Website finden Sie auf der folgenden Google-Seite: SafeBrowsing Diagnoseseite für www.freewebtown.com."

Ganz toller Spaß

Fogel 22.11.2008 - 11:52
Da hat jemand die Seite als malware-verteilend gemeldet. Wenn man weiterklickt kommt folgendes:

Wie ist die gegenwärtige Einstufung von www.freewebtown.com/antifauni?

Diese Website ist gegenwärtig nicht als verdächtig eingestuft.

Welche Befunde hat Google beim Besuch dieser Website festgestellt?

Bei 0 Seite(n) von insgesamt 1 Seiten dieser Website, die wir in den letzten 90 Tagen getestet haben, wurde festgestellt, dass Malware (Schadsoftware) ohne Einwilligung des Nutzers heruntergeladen und installiert wurde. Der letzte Besuch von Google auf dieser Website war am 2008-11-13 und in den letzten 90 Tagen wurde auf dieser Website kein verdächtiger Content gefunden.

Hat diese Website als Überträger zur Weiterverteilung von Malware fungiert?

In den letzten 90 Tagen hat www.freewebtown.com/antifauni anscheinend nicht als Überträger für die Infektion von Websites fungiert.

Hat diese Website Malware gehostet?

Nein, diese Website hat in den letzten 90 Tagen keine Malware gehostet.

Was für Spinner mißbrauchen sowas? Wenn dann mal wirklich malware auf einer Seite ist, nimmts dann keiner mehr ernst.

Hamas

ist anti-emanzipatorisch 22.11.2008 - 12:08
Für alle, die es noch immer nicht geblickt haben: die Hamas ist nicht, wie in dem Artikel behauptet, eine "Widerstandsbewegung", sondern eine faschistoide, ekeleregende Miliz. Wer sich für die Lebensverhältnisse von nicht-heterosexuellen Menschen im Gazastreifen unter Hamas-Herrschaft interessiert, findet im Netz eine Menge weiterer Informationen. Wer Angst davor hat, dass Informationen sein oder ihr Weltbild ins Wanken bringen mögen, möge auf den Webseiten von Hamas und Co. sich Propaganda in Hülle und Fülle reinziehen.

Übrigens, liebe Indy-Mods: es ist hier nicht möglich, "neutral" zu sein, wer sich entscheidet, einen solchen Artikel auf Indy zu belassen und sogar auf die Startseite zu stellen, bezieht eine Position. Das sollte jeder und jedem klar sein.

@ 12.08

sfdf 22.11.2008 - 12:41
husch, husch zurück zu bild-online.

"Widerstandsbewegung" Hamas...

hirnhack 22.11.2008 - 18:24
... wenn ich so einen verrotteten Rotz schon lesen muss!

Hast du den Schimmer einer Ahnung, was den Menschen blüht, die unter der Herrschaft dieses "Widerstands" auch nur im Ansatz versuchen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen??? Geh mal schön beten, Religionsfascho!

tolle "linke" Berichterstattung hier!

Dr. Seltsam 22.11.2008 - 18:54
Warum bietet indymedia regelmäßig einer Gruppe ein Forum und Verlinkungsmöglichkeiten, die unverhohlen Partei für Hamas und Hisbollah ergreift und deren Verlautbarungen dem deutschen Publikum nahezubringen sucht?

Und warum kommt dieser Scheiss noch auf die Startseite? "Islamisten in die PLO, auf dass die Spaltung überwunden wird" - tolle Wurst! Sonst gehts noch danke, ja? Soll das hier ein Medium sein, wo Judenhass, Sexismus, Homophobie und aggressiver Religionsirrsinn nicht nur geduldet sind, was schon blamabel genug wäre, sondern einen Stammplatz halten? Dann würde ich mich freuen, das auch so in den Selbsdarstellungen wiederzufinden, damit dahingehend keine Missverständnisse auftreten!

Bei dem Geheule der Antids in den Kommentaren

Yippie 22.11.2008 - 19:12
.. da kommen mir doch glatt die Tränen. Auf der einen Seite ethnische Säuberungen und Krieg befürworten, faschistische Diktaturen schön reden oder menschenverachtende Politik von Bush bis Berlusconi vorbehaltlos unterstützen und dann rumjammern, daß die Hamas und andere Fanatiker keine Menschenrechtsaktivisten und Ponnyhofbewohner seien. Wirkt auf jeden Fall nicht sehr glaubwürdig dieses angebliche Anprangern von "Judenhass, Sexismus, Homophobie und aggressiver Religionsirrsinn", wenn ich mir ansehe, was antideutsche Lieblinge von KKK bis Kachpartei so alles anstellen.

yea

.. 22.11.2008 - 20:51
Finde die Linke in Deutschland könnte auch mal mit der NPD über gemeinsame Ziele diskutieren. Sind ja schließlich auch "Widerstandkämpfer". Also echt indy,indy,indy.. kotz

Vorschlag zur Güte:

Einheitslinker 22.11.2008 - 23:31
"Besteht die Möglichkeit, Sicherheitskräfte und eine Ökonomie zu entwickeln, während die israelische Besatzung fortbesteht? Die bislang durchgeführten Experimente (inklusive der Hilfen vonseiten der Europäischen Union) sagen uns, dass das nicht funktioniert. Mittlerweile ist bei vielen Palästinensern die Überzeugung verbreitet, dass die Gelder zum Wiederaufbau der wirtschaftlichen und politischen Einrichtungen und der palästinensischen Sicherheitskräfte nur dazu dienen, die Besatzung aufrechtzuerhalten."

Dann sollten wir uns alle miteinander dafür einsetzen, dass die Europäische Union diese Hilfen endlich einstellt! Das müsste doch der Minimalkonsens sein, der die verschiedenen Positionen zum Nahostkonflikt doch noch zu einer gemeinsamen Praxis vereinen kann.

wenn die grünen Fahnen wehen...

Enthusiast 23.11.2008 - 13:16

...ist der Got-tes-staat nicht weit...

...so wir fest zu-sam-men-ste-hen...

...Fatah/Hamas begrabt den Streit!

Wiederstand oder Widerstand

Feiner 23.11.2008 - 15:45
Das ist für Linke natürlich ganz besonders wichtig, wer gegen Israel kämpft. Mit den Islamisten haben ja so einige noch Bauchschmerzen.