Bildungsproteste in Mailand

Fabzgy 14.11.2008 20:08 Themen: Bildung Soziale Kämpfe Weltweit
Hier ein Bericht von einer journalistischen Reise ins Italienische Bildungschaos. Mit Bildern und Anregungen zum journalistischen Reisen.
Don't hate the media - become the media!!!Getreu dem Motto fuhr ich gestern nach Mailand, Italien um die Proteste gegen die Reform von Bildungsministerin Gelmini zu dokumentieren.
Ich wusste schon im Vorraus, dass die groesten Proteste in Rom stattfinden werden aber fuer einen oekologisch und oekonomisch vertretbaren Wochenendtrip ist Rom einfach zu weit entfernt. Also Donnerstag morgen hies es: Daumen raus und ab in den Sueden!
Waehrend des trampens begann auch schon die journalistische Arbeit. Ich verbrachte naemlich den groessten Teil der Reise in der Fahrerkabiene eines Italienischen LKW-Fahrer der mir seine Sicht Reform und der Proteste darlegte. Er erklaerte mir, dass vor der Reform jede Grundschulklasse 4-5 Lehrer hatte und die meisten von diesen Lehrbeauftragten den lieben langen Tag kaum arbeiteten. Deswegen waere es nur berechtigt wenn die Regierung 90 000 dieser Sozialschmarotzer auf die Strasse setze. Wie diese Massnahme aber die marode Bildung in Italien verbessern sollte konnte er mir nicht ganz verstaendlich machen.
Ein weiterer positiver Punkt waere die Tatsache, dass mit der neuen Reform jede Schule in Italien das selbe Buch in der Grundschule benutzt. Damit wuerde der Bestechung von Lehrern ein Riegel vorgeschoben, da diese auf draengen der Verlage hin staendig die Buecher gewechselt haetten. Nun gibt es anstatt vieler kleiner Verlage die Schulbuecher verbessern nur noch einen der genug Einfluss hat um sein Buch vom Bildungsministerium abesegnen zu lassen. Die Motivation fuer diesen Verlag das Lehrbuch an neue Lehrmethoden anzupassen oder anderweitig zu verbessern sinkt mit dem Mangel an Konkurenz.
Mein Choffeur beklagte sich ausserdem des oefteren ueber die Proteste gegen dieses Reformpacket. Da wuerden sechs jaehrige Kinder gezwungen mit zu demonstrieren und diese laestigen drogenabhaengigen Autonomen aus den Sozialzentren kaemen ohnehin nur um sich mit der Polizei zu schlagen.

Nach dieser etwas unerwarteten Einfuehrung in die Problematik der italienischen Bildungspolitik kam ich Abends bei meinem Gastgeber in Mailand an. Dieser erwartete mich mit einem Abendsessen und vielen Fragen. Wir diskutierten ueber Repressionspolitik und den Einfluss von Staat und Medien auf die Gesellschaft. Er machte mich auf einige Ereignisse in Italien aufmerksam von denen ich vorher noch nichts gehoert hatte (DC9 Uscita) und ich berichtete von meinen Erfahrungen in Chiapas, Mexiko.

Heute morgen bin ich dann zuerst einmal zur Universitaet um mir ein Bild von der Lage dort zu machen. Die Universitaet war voll mit Plakaten die fuer die Demo in Rom mobilisierten und ausserdem lagen unmengen an Informationsmaterial aus. Der gesamte Reformtext war an die Wand geklebt (96 Seiten) und Aufrufe zu Disskusionen rund um die Zukunft der italienischen Bildung waren ueberall in der Universitaet zu spueren. Ein Anblick der in meiner Universitaet nur schwer vorestellbar waere. Dort liefern sich bei jeder PLakatieraktion die Aktivisten ein Rennen mit den Hausmeister die alles wieder abreissen.

Als ich den Demonstrationszug erreiche versuche ich gleich auf Studenten zuzugehen und auszufragen. Ich stelle mich dumm. Gelmini? Bildungsreform? Worum gehts?Die Studenten erklaeren mir bereitwillig in einem Mix aus English, Italienisch und Spanisch ihre Ansichten.
Die Demonstranten erklaeren mir das es hier eigentlich gegen zwei Sachen geht. Das eine ist die Bildungsreform von Gelmini die die Schulen betrifft und die Privatisierung von Universitaeten erlaubt. Das andere ist der neue Bundeshaushalt. Dort wird festgelegt das alle Universitaeten im naechsten Jahr 20 % weniger erhalten sollen und die Ausgaben bis 2010 auf 50 % gedrueckt werden muessen. (Artikel 16/ Gesetz 122/2008)
Ausserdem beschraenkt dieses Gesetz die Einstellung von Lehrkraeften wenn durch Pensionierung alte Lehrkraefte ausfallen. Nur jede 5. Stelle darf neu besetzt werden.
Ausserdem wird hier die Privatisierung der Universitaeten festgelegt. Es wird ausdruecklich der Verkauf von Universitaeten samt ihrer Gebaueden (mit Mobiliar) an private Inverstoren erlaubt.

Beinahe alle meine Gespraechspartner stimmen darin ueberein, dass die italienischen Universitaeten eine Reform bitter noetig haben. Das aber, was die Regierung als Reform verkauft sei nur ein Sparpacket das nichts konstruktives beinhalte.
Selbst der Vorsitzende der italienischen Hochschulrektorenkonferenz beklagte, dass mit diesem Gesetz die Universtiaten im Jahr 2010 ihren Betrieb einstellen muessten.

Die Studierenden versuchen mit diversen Veranstalltungen ihr Anliegen an die Oeffentlichkeit zu tragen. Morgen ist zum Beispiel im Mathematischen Institut ein Tag der offenen Tuer und heute wurden nach der Demonstration Vorlesungen und Seminare auf dem zentralen Platz vor dem Dumo gehalten.
In Rom versammelt sich an diesem Wochenende eine Konferenz von Lehrern, Studierenden, Schuelerm und Professoren die ueber die Zukunft der Bildung in Italien beraten wird.

On all diese Aktionen die Meinung meines LKW-Fahrers beeinflussen koennen steht in den Sternen. Eine breite Unterstuetzung in der Bevoelkerung ist aber dringend Notwendig um den Kollaps der oeffentlichen Bildung Italiens zu verhindern.
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Ergänzungen