Berlin: Anschutz-Halle - nach der Eröffnung I

MediaSpree versenken! 18.09.2008 11:09 Themen: Freiräume Soziale Kämpfe

Mittlerweile ist die Eröffnung der Anschutz/ O2-Halle genau eine Woche her. Vieles wurde schon gesagt: für uns waren die Proteste ziemlich gut, für Anschutz ein ziemliches Desaster. Nun ist es an der Zeit, mit einer Auswertung zu beginnen. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Pressearbeit und den Pressereaktionen auf die Proteste, und kommt zu dem Schluß: Pressearbeit ist möglich und lohnt sich, die Reaktionen der Zeitungen sind aber sehr unterschiedlich und immer nur bedingt vorauszusagen.

Pressearbeit rund um die Halleneröffnung

Insgesamt wurden vor und nach der Eröffnung ungefähr 6 Pressemitteilungen verschickt, es gab eine Pressekonferenz (am Tag vor der Eröffnung), es gab diverse Telefoninterviews, und am Tag vor, während und nach der Eröffnung war ein Presse-Handy am Start. Es hat sich gelohnt, diese Arbeit zu machen. Natürlich war das Umfeld einer offensiven Pressearbeit äusserst günstig: der MediaSpree-Kontext, der erfolgreiche Bürger_innen-Entscheid, die Schiffsblockade im Juni und die erfolgreiche, große Spreeparade im Juli.

Bereits im Juli gab es erste Berichte in der bürgerlichen Presse (etwa Polizeieinsatz zur Eröffnungsparty // Berliner Zeitung 23.07.). Thematisiert wurde dann wieder die Anmeldung der Demo Mitte August, und dann in den Tagen direkt vor der Eröffnung das Teilverbot der Demo, aber auch der erwartete Protest insgesamt, etwa die Einsicker-Aktion der Hedonistischen Internationalen.

Nach dem Protest gab es ein breites Presse-Echo, das hier etwas näher betrachtet werden soll. Dies möge auch als Anregung zur weiteren Diskussion dienen. Denn was wollen wir eigentlich von der bürgerlichen Presse? Klar, zum einen wollen wir auch dort unsere Positionen vermitteln und unsere Argumente unterbringen, schliesslich wollen wir uns nicht in subkulturellen Nischen einrichten, sondern die Welt verändern. Aber gerade beim Thema Stadtumstrukturierung geht es immer auch darum, mögliche Investoren abzuschrecken, denn ein großes Investoren-Interesse an Grundstücken und Häusern hat immer steigende Grundstückspreise, steigende Mieten usw. zur Folge. Schon Marx hat erkannt: das Kapital ist zwar an sich ein scheues Reh, wenn jedoch die erwarteten Profite nur hoch genug sind, wird es mutig oder sogar übermütig.

Ein Dilemma an offensiver Pressearbeit ist immer, dass sich schnell Sprecher_innen-Positionen verfestigen. Zum einen führt das leicht zur internen Hierarchien, zum anderen kann das politische Gruppen in ernsthafte Krisen stürzen, wenn etwa der erklärte Sprecher einer Gruppe plötzlich beschließt, statt Basisarbeit in Zukunft doch lieber Parteipolitik machen zu wollen, wie dies etwa jüngst Attac geschehen ist. Die beste Vorbeugung ist, erst gar keine Sprecher_innen-Position entstehen zu lassen. Dies hat während der Pressearbeit zur Anschutzhallen-Eröffnung recht gut funktioniert. In der Presse wurden die verschiedensten Namen zitiert, und bei Interviews traten die Aktivist_innen in der Regel mit Perücke und Sonnenbrille auf.

Pressereaktionen: der Berliner Verlag

Ein sehr interessantes Ergebnis einer kleinen Durchsicht der Pressereaktionen auf die Proteste bei der Eröffnung der Anschutz/ O2-Halle ist, dass die Grenzen zwischen eher objektiver und eher hetzerischer Berichterstattung nicht so sehr zwischen "alternativen" und "bürgerlichen" Medien verlaufen, sondern viel mehr zwischen den einzelnen bürgerlichen Medien selbst. Entscheidend scheint hier auch nicht zu sein, ob es eher ein bildungsbürgerliches Blatt ist oder Boulevard, sondern es scheint eher eine Verlagslinie zu geben.

So war die Berichterstattung der "Berliner Zeitung" überraschend positiv. Zum einen wurde schon in den Überschriften klar gesagt, was für ein Desaster die Eröffnung für Anschutz war (Verpatzte Premiere, 1000 feiern drinnen, 1000 protestieren draussen). Zum anderen gab es Interviews sowohl mit dem Veranstalter der Eröffnungsshow als auch mit dem Pressechef von O2, in denen seitens der "Berliner Zeitung" sehr kritische Fragen gestellt wurden("Raum für Siege", Warum heißt die Halle O2-World?). Und ein Kommentar in der "Berliner Zeitung" verstieg sich sogar zur Behauptung, das Beste an der Eröffnung seien die Proteste gewesen (Kampf gegen Spaßterroristen).

Interessant war auch die Berichterstattung im Berliner Kurier, dem Boulevardblatt des Berliner Verlages. Hier wurden die Proteste weder dämonisiert noch begrüßt - sondern sie fanden einfach nicht statt (Eröffnung der O2-World).

Pressereaktionen: der Springer-Verlag

Ganz anders als die Reaktionen des Berliner Verlages waren die Reaktionen des Springer-Verlages. Und hier unterschied nur die Wortwahl die gleiche Tendenz sowohl im bürgerlichen Spektrum (Berliner Morgenpost) als auch im Boulevard-Bereich (die geliebte Bild-Zeitung). So titelte die Morgenpost u.a. Randalierer stören O2-Eröffnung, Gäste trotzen Störungen, Polizei nimmt zahlreiche Gewalttäter fest. "Bild" machte daraus u.a. Zerstören diese Chaoten Berlins Zukunft? und Es ist eine Schande!.

Dabei waren die Artikel der Springer-Presse mit den im wesentlichen gleichen Fotos aufgemacht wie die Artikel des Berliner Verlages, vor allem mit Fotos von grossen Bullenhorden in Kampfmontur vor der Halle und Protestierenden mit Transparenten und Schildern.

Sonstige Reaktionen

Damit liegt die Springer-Presse auf einer Linie mit den Äußerungen von Anschutz-Geschäftsführer Kornett, welcher in den Protesten vor der Halle eine "Gewalt neuer Qualität" zu sehen glaubte.

Die brutalsten "Gewalttaten", die uns bislang bekannt sind, waren das Werfen von zwei Rollen Klopapier und Konfetti. Deswegen ist einer der absurdesten Artikel zu den Prostesten auch der Artikel in der "BZ", weder Springer noch Berliner Verlag, sondern Ullstein: Spreepiraten greifen O2-World an - 1200 Randalierer lieferten sich stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei.

Was uns auch sehr gefreut hat, war ein englischsprachiger Artikel auf der internationalen Spiegel Online-Seite - denn schliesslich agiert das Kapital international, und es ist schön, wenn auch internationale Investoren wissen, womit sie vielleicht bei Investitionen in Berlin zu rechnen haben: Protesters Crash Berlin Arena's Opening Party.

Presse zur Halleneröffnung: ein Überblick


Vor der Eröffnung

Polizeieinsatz zur Eröffnungsparty // Berliner Zeitung 23.07.
MediaSpree-Gegner rufen zu Protest gegen O2-World auf // MoPo 23.07.08
Es wird gebaut wie geplant // Tsp. 23.07.
Demo gegen den "Kotzbrocken" von Halle // Berliner Zeitung 22.08.08
Interview mit Anschutz-Geschäftsführer Kornett // Morgenpost 29.08.08
Streit um Demo gegen Eröffnung der O2-Arena // Berliner Zeitung/ dpa 08.09.08
Gegner der O2-Halle erhalten Demo-Verbot // Mopo 08.09.
Umleitung für "Spreepiraten"-Demo // Berliner Zeitung 08.09.
Kaltschnäuzig funktional // Berliner Zeitung 08.09.
TV Berlin 09.09.08
Spiegel TV 09.09.08
Drinnen Freude, draussen Protest // Berliner Zeitung 10.09.
Demo in Abendkleid und Smoking // Tsp. 10.09.
O2-World: Hassobjekt der militanten Linken // focus 09.09.
Heute Demo gegen den "Kotzbrocken" // jw 10.09
Heute ist die Halle der Star // MoPo 10.09.
Disneyland an der Spree // jw 10.09.
Zurück zur Mehrzweckhalle // taz 10.09.
No-Name-Arena // taz 10.09.
Bitte sprengen, ganz schnell // taz 10.09.
"Der Widerstand lässt sich nicht verbieten" // taz 09.09.
Das Spreeufo ist gelandet // taz 09.09.
Sollte man die O2 World meiden oder lieben? // Tsp. 10.09.
Handfeste Architekturkritik // jw 10.09.
Gegner der O2-Arena attackieren Geschäft // MoPo 09.09.
Drinnen Freude, draußen Protest // Berliner Zeitung 10.09.

Nach der Eröffnung (Auswahl)

Randalierer stören O2-Eröffnung // MoPo 11.09.
Protesters Crash Berlin Arena's Opening Party // Spiegel Online 11.09.
Spreepiraten greifen O2-World an - stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei // BZ 11.09.
1000 Demonstranten zur Eröffnung der O2-World // dpa 10.09.
Gäste trotzen Störungen // MoPo 11.09.
Zwischenfälle bei Arena-Eröffnung // Eishockey Info 11.09.
Initiative kritisiert «unverhältnismäßige Gewaltausübung» // Welt 11.09.
Ein Traum wird wahr - neue Erlebniswelt für Berlin // MoPo 11.09.
Polizei nimmt zahlreiche Gewalttäter fest // MoPo 11.09.
Eröffnung unter Polizeischutz // MoPo 11.09.
Ankunft in der neuen Welt // Tsp. 11.09.
Bürgerinitiative kritisiert Polizeieinsatz // rbb 11.09.
Neue O2-Halle in Berlin feierlich eröffnet // dpa 11.09.
Tausende Demonstranten vor O2-Arena // Netzeitung 11.09.
Wowereit versteht Proteste gegen O2-Halle nicht // Tsp. 11.09.
13 Festnahmen nach Protesten vor O2-World // Welt 11.09.
Eröffnung mit Verspätung // taz 11.09.
1000 feiern drinnen, 1000 protestieren draussen // Berliner Zeitung 11.09.
Kampf gegen Spaßterroristen // Berliner Zeitung 12.09.
Warum heißt die Halle O2-World? // Berliner Zeitung 13.09.
Verpatzte Premiere // Berliner Zeitung 12.09.
"Raum für Siege" // Berliner Zeitung 12.10.
Zerstören diese Chaoten Berlins Zukunft? // Bild, 12.10.
Es ist eine Schande! // Bild 11.09.
Eröffnung der O2-World // Berliner Kurier 11.09.
Eröffnung mit Hindernissen // Welt 13.09.
Video bei Spreeradio über die Proteste auf und vor der Bühne
Nicht alle waren eingeladen // Tagesspiegel 11.09. (Video)
Video bei YouTube über die Eröffnungsproteste
Kurzvideo auf Englisch über die Eröffnungsproteste
Bericht bei Feinripp und Korn
Artikel el-blog (gute Fotos Bullenübergriffe)
Bericht bei Abriss Berlin
Fotos bei Umbruch
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Artikel bei Indymedia 3
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Ergänzungen

So könnte es weiter gehen...

... 18.09.2008 - 16:25
Eine Möglichkeit zur Weiteführung des Anti-Gentrification-Kampfes sind die sog. luxus "Car Lofts", die Ende 2008 in der Reichebergerstraße (SO36) eröffnet werden sollen.
info:  http://de.indymedia.org/2008/09/227175.shtml

Eure Euphorie in allen Ehren

aber 19.09.2008 - 14:37
ein paar gute oder weniger gute Presseartikel überdecken nicht die strukturellen Probleme, die insbesondere die Ini Media Spree versenken hat.

Klar, es passt gut in die teilweise herbeigeschriebene Stimmung, dass ausführlich über diese Eröffnungsveranstaltung berichtet wird. Ist ja auch interessanter und (für BILD-Leser) aufregender, wenn man von Protesten, angeblichen Gewalttaten und Bullen schreiben kann, anstatt darüber, dass Wowi wieder mal in irgendein Mikrofon grinst.

Nur das war es dann auch. Den Protestierenden bei der Eröffnung sowie der Ini als ganzes ist es nicht gelungen, klar zu machen, was sie eigentlich wollen. Plattitüden wie "keine Gentrifizierung" oder "Halle abreißen" sind vielleicht für ne Demo ok. Taugen aber nicht zur Politik.

Die durch ein zugegebenermaßen sehr erfolgreiches Bürgerinnenbegehren unterstützten Forderungen der Ini sind aber auch nicht besser. Sie wurden so gestellt, dass sie schlicht nicht umsetzbar sind. Jetzt wird es von der Ini einerseits als großer Erfolg verkauft, dass "die Bevölkerung" Mediaspree scheiße findet und das mit dem Bürgerinnenbegehren artikuliert hat. Gleichzeitig begibt sich die Ini in einen "Sonderausschuß" des Bezirksparlaments, um dort über Bebauungspläne einzelner Mediaspree-Grundstücke zu verhandeln. Also was will die Ini? Protestieren und utopische Forderungen vertreten oder Kleinklein-Verhandlungen mit dem Bezirk? Oder beides?

Wenn sie beides will, was unterscheidet diese Ini dann von Parteipolitikern, die von der Struktur her genau gleich agieren?

Und von wegen "innere Hierarchien". Das klingt in diesem Text so, als ob es sowas bei Mediaspree-Versenken nicht gibt. Liegt es also an der Hierarchie-Freiheit der Ini, dass einzelne Vertreter in Privatverhandlungen mit Investoren treten, wie man im gedruckten Spiegel nachlesen kann? Wenn sowas von der Ini als ganzes legitimiert ist, dann ist die angeblich basisdemokratische Ini eine Verarschung. Wenn es nicht legitimiert ist, dann hat die Ini eben ein ein Hierarchieproblem. Oder eben gerade nicht. "Basisdemokratie" kann ja auch dazu führen, dass jeder unter dem Ini-Label das macht was er will.

Organisierung und Hierarchien

Dabei G. Wesen 19.09.2008 - 17:54
Zum Thema Hierarchien und Vorbeugung gegenüber ihrer Entstehung fehlt es dem Artikel an einem entscheidenden Hinweis: Die Demo gegen die O2-World-Eröffnung und die Pressearbeit rund um die Proteste wurde nicht vom Initiativkreis "Media Spree versenken!" als ganzes geführt, sondern von den Spreepirat_innen. Diese verstehen sich zwar als lockerer Teil des Initiativkreises, machen aber aus guten Gründen ihr eigenes Ding darin. Die Darstellungen des Artikels hinsichtlich der Pressearbeit beziehen sich ausschließlich auf das Handeln aus den Spreepirat_innen heraus. Für die Gruppe hat es - im Gegensatz zu anderen Akteur_innen im Initiativkreis - eine hohe Bedeutung, der Entstehung von internen Hierarchien vorzubeugen.

Wem gehört die B.Z.?

Rechercheur 19.09.2008 - 18:03
Nur damit hier keine falschen Hoffnung bezüglich der Vielfalt der Pressestrukturen aufkommen: Die B.Z. gehört zwar zum Ullstein Verlag, der wiederum ist allerdings schon seit 1960 eine 100%ige Tochter der Springer AG.

Strategien gegen MediaSpree?

MSV 23.09.2008 - 11:26
Es gibt einen Text der AG Spreepirat_innen von Februar 2008, damals geschrieben für die hamburger Broschüre "Unter dem Cluster liegt der Strand", der sich u.a. auch an einer ersten Einschätzung der Proteste gegen "MediaSpree" versucht. Es wäre schön, wenn die Debatte fortgeführt werden könnte, etwa über die Rolle, Möglichkeiten und auch Risiken und Grenzen von formal-bürgerlichen Instrumenten wie dem "Bürger_innenbegehren auf Bezirksebene" im Kampf gegen Stadtumstrukturierung und für eine bessere Gesellschaft.
 http://www.kreuzberg-info.de/pirati/texte1/br_ha.html

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UND???

AfA 18.09.2008 - 14:14
Und wie gehts jetzt weiter?

sehr schön

aFa 18.09.2008 - 15:24
@AfA Wie? Mach doch was, oder brauchst du immer jeMensch der dir sagt wos lang geht. Ist gar nicht so schwer das selber denken...

Sehr schöner Artikel. schöne Zusammenfassung, mit vielen Artikeln die ich sonnst überlesen hätte.

hoffnung

libertad 19.09.2008 - 13:03
es ist wirklich erfrischend und belebend zu beobachten wie der aktivismus rund um gentrification, mediaspree, usw. in berlin grade läuft. diese ganzen aktionen schaffen es meiner meinung nach als eine der wenigen themenfelder der radikalen linken in den letzten jahren, den sumpf der szene zu durchbrechen, medial wahrgenommen zu werden, kreative aktionen zu machen die zivilen ungehorsam und millitanz beinhalten, aber mehr sind als reiner abenteur kiddie-proll-riot. vorallem bieten die proteste darüberhinaus auch anknüpfungspunkte für die lokale bevölkerung, können nachvollziehbar radikale kritik an kapitalismus, etc. formulieren und haben tatsächlich auch reale auswirkungen auf den reibungslosen ablauf dieses systems. auch wenn ich selbst nicht aus berlin komme, hinterlässt das ganze hoffnung und positive gefühle für die zukunft einer linksradikalen bewegung die interventioniert und wahrgenommen wird und sich trotzdem nicht vereinnahmen lässt. also respekt und dank an die aktivistInnen in berlin die so intensiv damit arbeiten und nicht zu letzt so gut strukturierte beiträge hier posten.
our future!