Der Anfang vom Ende

Paul Lindner 01.09.2008 06:46 Themen: Weltweit
Deutsch-polnische Kriegserinnerungen
Als Mahnung und Erinnerung an den 69-jährigen Ausbruch des 2. Weltkriegs.
Nowy Sącz, 1. September 1939

Der Adjutant klopfte an und ohne die Antwort abzuwarten trat er ein.
Oberleutnant Antonia Oćwieja blickte auf das gespannte Gesicht des Gefreiten.
- Aus der Slowakei kommen Flugzeuge – spuckte der Soldat seine Meldung heraus.
Der Offizier nickte verständlich, nahm sein Fernglas vom Schreibtisch und beide gingen nach draußen.
Gleich neben der Kaserne, auf einem einstöckigen Haus befand sich die erste Flugabwehrstellung, die mit einem schweren Maschinengewehr vom Typ Maxim ausgestattet war.
Beide Soldaten kletterten schnell aufs Dach, wo einer bereits am Gewehr herumhantierte, wobei er alle paar Sekunden die Augen gegen den Himmel zusammenkniff.
In der Sonne glänzende, silberne Vögel, drei Gruppen, je 18 Stück.
Das war alles was der Oberleutnant durch sein Fernglas sehen konnte, keine Zeichen waren auszumachen. Sie flogen in Richtung Krakau. Ein Bombardement war nicht auszuschließen. Er musste telefonieren. Über ihn das Dröhnen der Motoren entferne sich langsam und war bald wie durch eine Nebelwand zu hören.
Sein Blick streifte die in der Sonne badenden Straßen der Stadt. Er war sicher, dass die Unruhe nicht nur von ihm Besitz ergriffen hat.
Erst vor fünf Tagen wurde er zum städtischen Kommandanten der Flugabwehr ernannt. Vier überalterte Maxim-Gewehre hatte er erhalten, weil doch das bessere Equipment an die erste Front ging. Vier Stellungen in verschiedenen Teilen der Stadt. Auch wenn es jetzt der Feind wäre, hätte es keinen Sinn zu schießen, weil die Flugzeuge in über 2000m Höhe flogen. Viel zu hoch für ein MG von diesem Typ, mit einer theoretischen Reichweite von 1000m.
Oberleutnant Oćwieja rief in Krakau an und informierte seine Vorgesetzten.
Nach einiger Zeit kehrten die Flugzeuge zurück, alle 54. Krakau wurde beschossen.

Nowy Sącz (dt. Neu Sandez) in einem Tal, im Süden Kleinpolens. Zwei Flüsse, Dunajec und Kamienica umfließen die Stadt. Von hier aus sind es in nördlicher Richtung ungefähr 110km bis Krakau und südlich der Stadt erstreckt sich die Sandezer Beskidenkette. Im Jahre 1939 zählte Nowy Sącz etwa 34.000 Einwohner, von denen 12.000 dem Krieg zum Opfer fielen. Ende Januar 1945 war der Ort zu 60% zerstört.

2. September 1939

Eine Messerschmitt kreiste über der Stadt, dann senkte sie ihren Flug.
Die morgendliche Frische und der klare Jimmel kündigte einen weiteren heißen Tag an.
Die Klinge lag über der rechten Gesichtshälfte und wurde dann gekonnt nach oben gezogen, als die Schüsse fielen. Der Barbier zuckte, verletzte jedoch nicht die Haut.
Oberleutnant Oćwieja sprang vom Sessel und wischte sich rasch den Schaum vom Gesicht. Er riss die Tür auf und rannte zu seinem Motorrad auf die andere Straßenseite.
In der ersten Stellung hatte der Gefreite Schwierigkeiten mit dem Schloss des Maxim. Der andere Soldat, der eigentlich zielen sollte, hielt vom Dach aus Ausschau nach dem Kommandanten, sorgenvoll, ratlos. Als er sich wieder umgedreht hatte sah er den Oberleutnant durch die Dachluke kriechen. Dieser – die Reichweite des Flugzeug grob einschätzend – befahl dem Soldaten sich mit seinem Körpergewicht auf das Dreibein zu legen, damit sich das MG während des Feuerns nicht zur Seite verschiebt und über das Dach rutscht. Er hatte kaum Zeit seine Gruppe richtig in der Bedienung des MGs zu schulen. Er nahm ihnen ihre Zerstreutheit nicht übel.
Wieder waren vereinzelte Salven von der Messerschmitt zu hören, die immer noch im Tiefflug über den Dächern der Stadt kreiste.
Der Gefreite, der für die Munition verantwortlich war salutierte kurz und mit panischer Stimme verkündete er, dass das Schloss klemmt. Der Oberleutnant nickte nur und behob selbst den Fehler. Währenddessen kam der Soldat scheppernd mit einem Patronengurt, den beide nun in das Gewehr einlegten.

Der Pilot der Messerschmitt verletzte auf der Jagielońska mehrere Passanten und auf dem Bahnhof tötete er den Wärter.

Ohne auf den Mann, der das Dreibein hielt, zu treten, setzte er sich ans Visier. Leutnant Oćwieja zielte kurz und ließ eine Serie nieder krachen. Die Maschine überflog den Marktplatz und leitete ein Wendemanöver ein. Die Schüsse der Flugabwehr überschnitten sich mit dem Gewehrrattern der Messerschmitt. Plötzlich riss der Pilot die Maschine hoch, vollführte einen Halbkreis und setzte frontal auf die Flugabwehrstellung nr. 1 an.
Der Kommandant verspürte Angst, die den Körper einer kalten Welle gleich von innen überspülte. Krampfhaft hielt er den Finger am Abzug. Alles passierte so schnell: irgendwo schlugen Kugeln ein und rissen Beton- und Dachstücke heraus, zerschlugen Glas. Der Patronengurt tuckerte rhythmisch. Der Mann wurde zu einem Teil der Waffe. Das Flugzeug kam steil über der Stellung und lenkte nach Süden, einen leichten aschgrauen Rauchschleier hinter sich herziehend.

Wie aus einem Traum, einem Albtraum wachte er auf. Er hatte sogar vergessen zu atmen und jetzt sog er gierig die nach Rauch riechende heiße Luft ein. Langsam löste sich sein Griff vom MG und er begann sich umzuschauen. Der Gefreite, der den Patronengurt hielt, lag ohne Gesicht, ohne eine Kopfhälfte grotesk ausgestreckt auf dem Dach, er war tot. Den anderen erwischte es in die Brust und er hielt sich halbsitzend die Hände auf der Wunde.
Über die Stirn des Offiziers und seinen rechten Arm floss Blut. Der Pilot der Messerschmitt hat ihn nur gekratzt, wie mit einer Klinge.
Als die Sanitäter das Dach betraten, spuckte der mit dem verletzten Torso Blut, während er krampfhaft um jeden Atemzug kämpfte. Er sollte später im Hospital sterben.

Er erkannte ihn trotz blutverschmiertem Gesicht. Der Adjutant des Kommandanten Krajewski vom 1. Regiment der Tatravorland-Schützen kam zu dem Krankenwagen gelaufen, wo sich Oberleutnant Oćwieja ein Tuch gegen die wunde Stirn presste. Die Sanitäter trugen gerade seinen blutüberströmten Kollegen hinein.
- Sie haben ihn abgeschossen! – rief der Adjutant dem Oberleutnant zu.
- Du redest Scheiße – antwortete dieser. Er hatte keine Heckflamme, keinen Rauch gesehen.
Aber der Adjutant beharrte auf seiner Darstellung und versicherte, dass das Flugzeug hinter Stary Sącz (dt. Alt Sandez) bruchlanden musste. Er meinte, dass er Krajewski bereits informiert hätte.
Der Oberleutnant scheute noch einmal auf seinen tödlich verletzten Kollegen, hinter dem die Sanis die Tür des Wagens schlossen. Schnell lief er zu seinem Sokół-Krad, der im Hof parkte. Er startete die Maschine und raste durch die Stadt nach Süden.
Auf die Strassen kamen wieder Leute heraus und begannen die Verwundeten einzusammeln, die Schäden zu begutachten. Der Soldat fuhr schnell aus der Stadt. Der Luftzug trocknete das Blut an der Stirn. Vor ihm erstreckte sich in einem blassblauen Streifen der Radziejowa-Bergpass, von wo aus eine deutsche 4-Regiment starke Gebirgsjägerdivision vorrückte.
Nowy Sącz wurde von den Deutschen am 6. September 1939 besetzt.


Grünberg, 24. Januar 1945

Genau vor 20 Tagen feierte sie ihren 20. Geburtstag. Die Ziffer zwanzig erschien ihr jetzt irgendwie schicksalhaft. Nun stand sie abmarschbereit mit ihren Geschwistern im Hausflur. Sie fühlte eine angenehme, kühle Brise. Alle wussten, dass man jeweils nur ein Gepäckstück mitnehmen konnte, auf keinem Fall mehr! Außerdem sagten sie es wäre nur vorübergehend, die Rückkehr war gewiss, man musste nur das Ende des Krieges abwarten, der verstrickten Politik.
Also schaute sie nicht zurück, als sie zum Bahnhof gingen. Der Winter war schön, der Schnee glitzerte auf den Bürgersteigen und in den Gärten. Die Dächer waren mit Weiß bedeckt, das auch unter den Schuhen knisterte, die Augen blendete.
Der Zug wartete bereits auf dem Bahnsteig. Aber Hanna war enttäuscht, denn es waren Güterwaggons und sie dachte, dass man aus dem Fenster schauen konnte.
Der Vater begleitete sie bis zum Bahnsteig, wo sie gemeinsam das Vater unser sprachen. Hanna bemerkte, dass diesmal ihr kleiner Bruder beim Gebet nicht lachte.
Sie ahnte wohl, dass einiges anders werden würde, aber ihr verbleibender Vater war wie eine Garantie ihrer Rückkehr nach Grünberg (poln. Zielona Góra).

Im Zug war es eng: 14 Personen mit ihrem Gepäck mussten miteinander vorlieb nehmen. In der Waggonmitte stand ein Ofen. Hanna dachte: was für ein Glück, dass mama vor der Abreise noch alle Kaninchen geschlachtet und gebraten hat. Nun fuhren sie mit, gut verpackt in einem Sack.

Im Januar 1945 verstärkte sich die Offensive der Roten Armee, die sich über das Territorium des Dritten Reichs erstreckte, jeden erdenklichen Widerstand brechend. Bei Sandomierz, auf der Westseite der Weichsel attackierten sowjetische Divisionen deutsche Stellungen. Am 18. Januar 1945 verlief die Ostfront auf einer Breite von etwa 500km und brach über 150km tief in die deutsche Linie ein. Die Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten begannen schon 1944 das Land zu durchqueren. Anfang 1945 waren bereits 3,6 Millionen Deutsche auf der Flucht vor der Roten Armee. Die Gesamtzahl des Flüchtlingsstroms aus Ostpreußen, Ostbrandenburg, Schlesien, Pommern und Danzig betrug 7,4 Millionen.
Bis heute ist das Aussiedeln der Deutschen ein kontroverses Thema zwischen Polen und der Bundesrepublik. Man sagen, dass der Konflikt bereits in der Terminologie, in der Wortwahl verankert ist; während die Polen von „Aussiedlern“ sprechen, meinen die Deutschen damit die „Vertriebenen“.

Hanna, nun eine Ordensschwester, wohnt sein Jahren in einem Heim für pensionierte Schwestern des Diakoniewerkes in Berlin. Sie reibt die Hände aneinander – es ist kalt, Nacht, Mitte Februar, aber ihr Fenster ist sperrangelweit offen.
- Kälte habe ich immer gemocht – sagt sie. – Die frische Kühle und der Winter erinnern mich stets an unsere Flucht, an den Tag der Abreise, diesen endgültigen Tag. Und jetzt schauen sie sich mal um, wo ist der Winter jetzt? Alles hat sich geändert, der Winter ist nicht mehr wie er war und eine weiße Decke gibt es hier schon gar nicht.
Sie hat ein Zimmer mit Bad, neben dem Eingang befindet sich eine kleine Kochnische. Wir hören Chopins Nocturnen. Auf den Regalen stapeln sich Hunderte von Büchern. Der Fernseher ist seit Monaten defekt.
- Man hat uns mamas gebratene Kaninchen schließlich geklaut – erzählt sie weiter, wie aus weiter Ferne. – Die Mutter versteckte sie irgendwo im Waggon, aber auf so einem kleinem Raum mit 14 Leuten, da lässt sich nichts lange verheimlichen.
- Es war sehr stickig im Waggon – kontinuiert Schwester Hanna. – Heiß und stickig. Und ich vertrage Hitze schlecht. Alle paar Stunden hielt der Zug an. Dann haben wir die großen Schiebetüren geöffnet, damit endlich Frischluft herein kommt. Bei Gelegenheit fragten wir Soldaten, die ab und zu während eines Aufenthalts entlang des Zuges spazierten, wo wir sind. Aber wir erhielten nie irgendeine Antwort. Nach zwei Tagen Fahrt fragte ich einen verschlafenen Offizier, warum wir stehen geblieben sind. Und er antwortete, dass möglicherweise Flugzeuge im Anflug sind.
- Was für Flugzeuge?
Aber er zuckte nur mit den Schultern :
- Jetzt ist es schwer zu sagen ob es unsere oder ihre sind – meinte er.

Nach vier Tagen erreichten wir das Städtchen Hohenstein-Ernstthal in Sachsen, wo man uns in Busse umsteigen ließ, die uns dann auf die umliegenden Dörfer fuhren.
Wir stiegen in Gersdorf aus – ein kleines Bergarbeiternest, Steinkohle. Die dort Ansässigen waren freundlich. Jeder Familie wurde ein Haus zugewiesen. Die Gastgeber mussten sich in eine Hälfte des Hauses zurückziehen, während eine Flüchtlingsfamilie den anderen Teil beanspruchte.
Ich weiß noch die erste Nacht, ich schlief auf dem Dachboden, es war so kalt – wunderbar. Das ganze Dorf, das in der sächsischen Schweiz lag, erschien mir zuerst wunderbar. Jedoch gab es hier wenig zu essen. Zusammen mit meinen Geschwistern dachte ich später noch lange daran, wie wir das Brot in hauchdünne Scheiben schnitten; eine bestimmte Dicke durfte man einfach nicht überschreiten, es würde später nicht für alle reichen.


Juli 1945

Der Vater kam nach Gersdorf mit dem was er tragen konnte. Ihr hof blieb von nun an auf polnischer Seite, für immer.
Schwester Hanna zog mit ihren Geschwistern 1947 weiter nach Westdeutschland. Ihre Eltern blieben in Gersdorf, irgendwo in Sachsen, wo sie nie heimisch geworden sind, das so fern und so anders als Grünberg war.

Nach der Westverschiebung der Grenzen kamen aus den jetzt an die Sowjetunion angegliederten Ostgebieten Polens über 1,5 Millionen polnische Flüchtlinge. Außerdem sollte man die mehr als 280 Tausend Polen nennen, die man während des Krieges vorübergehend in die polnische Armee einverleibt hat und die nun vorteilhaft auf den vormals deutschen Gebiet ansiedeln konnten. Auch aus dem Westen kamen die Leute zurück in die polnische Heimat, aus Frankreich, Belgien, Westfalen, ungefähr 200 Tausend.
An das alles sollte man denken, sich erinnern, die Erinnerungen pflegen. Vorsichtig, behutsam. Damit die Vergangenheit keine alten Wunden öffnet, den Nachbarn reizt, welchen man sich doch nicht auswählen kann. Die Vergangenheit sollte kein Grund für jetzigen Streit und Zwist darstellen, wo wir jetzt und hier leben, in der Gegenwart. Und von der Gegenwart ist es nur ein Schritt in die Zukunft.
















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Unlesbar !!! — William Foster

Ja, ich konnt den Stil auch gut ab — was nicht heissen soll