Gedenkveranstaltung nach rassistischem Mord

[ABM] Antifa Bündnis Marzahn-Hellersdorf 16.08.2008 15:49 Themen: Antifa Antirassismus
Berlin-Marzahn: Am Sonntag, den 10. August 2008, beteiligten sich etwa 250 Menschen an einem Mahngang in Gedenken an den am vergangenen Mittwoch in Berlin-Marzahn ermordeten vietnamesischen Migranten. Mit der Veranstaltung sollte Anteilnahme und Solidarität mit seinen Hinterbliebenen und Freunden, insbesondere seiner Lebensgefährtin, die ein Kind erwartet, zum Ausdruck gebracht werden. Daneben sollte die Entpolitisierung der Tatmotivation thematisiert werden.
Am Mittwoch, den 6.August 2008, hatte der Deutsche Tino W. (35) in der Marchwitza Straße in Marzahn einen illegalisierten Zigarettenhändler ermordet, dessen Name uns bisher nicht bekannt ist. Der Mörder griff sein Opfer am Vormittag kurz nach 10Uhr an, informierte die Polizei, dass er einen "vietnamesischen Zigarettenhändler"(1) festhalte und fragte laut Berliner Morgenpost: "Regelt ihr das oder muss ich das selbst erledigen?". Noch bevor der gerufene Streifenwagen eintraf, stach W. mit einem Messer auf den jungen Erwachsenen ein, welcher wenige Stunden später seinen Verletzungen während der Notoperation in einer Berliner Klinik erlag. Der Täter hatte bereits im Vorfeld gegenüber Bekannten gegen vermeintlich vietnamesische ZigarettenverkäuferInnen gehetzt.

Aus diesem erschreckenden Anlass fand am 10.August 2008 eine Kundgebung mit anschließendem Mahngang zum Tatort statt, zu dem sich ab 15Uhr bis zu 250 Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Spektren auf dem Helene-Weigel-Platz einfanden. Nach Beginn der Veranstaltung wurde zuerst ein Redebeitrag der VeranstalterInnen vorgetragen, anschließend gedachte auch der Bezirksverordnete Björn Tielebein (Die.Linke) in seiner Rede dem Ermordeten.

Vier AktivistInnen der NPD hielten sich nahe dem Treffpunkt auf um zu provozieren und das Geschehen zu beobachten. Zum Beginn des anschließenden Mahngangs zum Tatort versuchten sie mit einer Digicam Fotos zu machen. Erst auf Drängen einiger VeranstaltungsteilnehmerInnen wurden die Nazis von der Polizei weggeschickt.

Mit der Veranstaltung sollten auch die gesellschaftlichen Zustände kritisiert werden, die diesem Mord zu Grunde liegen.
Die Entpolitisierung dieses Verbrechens durch Polizei und Medien, welche das Tatmotiv des Mörders auf dessen psychische Verfassung reduzieren und den Anteil der rassistischen Normalität in der deutschen Mehrheitsgesellschaft außer Acht lassen, wurde verurteilt.
Dazu heißt es im Redebeitrag: "Sicher hat die psychische Konstitution des Täters eine entscheidende Rolle gespielt, doch das kann bei jedem, der den Tod eines anderen billigend in Kauf nimmt, vorausgesetzt werden. Dass Menschen milieubedingt verschieden zu Gewalt neigen ist ein Allgemeinplatz, und wird von der öffentlichen Meinung gerne als ausreichende Erklärung angenommen. Warum es ausgerechnet einen „Fremden“ traf, wird jedoch nicht erklärt. Der Täter hatte Bekannten zuvor mehrfach angekündigt selbst etwas gegen „diese Fidschis“(2) „zu unternehmen, wenn die Behörden schon nichts tun“(3).
Weiter heißt es: "Dabei bedarf es nicht einmal einer öffentlichen Stimmungsmache. Die Angreifer handeln aus ihren alltäglichen Vorstellungen heraus. Insofern ist der Mord für uns nicht einmal ein überraschendes – wenn doch erschreckendes – Ereignis. Mit rassistischen Angriffen ist hier in Marzahn, hier in Deutschland jederzeit zu rechnen. Daß selbst rassistische Morde immer wieder herunter gespielt werden und nach verharmlosenden Erklärungen gesucht wird, ist schlicht unerträglich."

In diesem Zusammenhang wurde auch auf die weiteren rassistischen Angriffe auf vietnamesische BewohnerInnen des Bezirks Marzahn-Hellersdorf in den vergangenen Monaten hingewiesen, sowie der Mord an Nguyen Van Tu im April 1992 thematisiert.

Ebenso wurde das geltende Ausländerrecht für den Mord mitverantwortlich gemacht. Unter anderem verbietet es MigrantInnen einen rechtmäßigen Lohnerwerb und schreibt die Trennung in "Deutsche" und "Fremde" fest.

Im Anschluss an die Kundgebung bewegten sich die TeilnehmerInnen hinter einem Transparent mit der Aufschrift "Wir gedenken dem Ermordeten - Kein Mensch ist illegal!" - an dieser Stelle von unserer Seite nochmal ein herzlicher Dank an die TrägerInnen - vom Helene-Weigel-Platz zum Tatort vor der Kaufhalle an der Marchwitza Straße. Die inzwischen etwa 300 Personen legten dort Blumen nieder, entzündeten Kerzen und gedachten gemeinsam dem Ermordeten für einige Minuten.

1) BerlinOnline, 6.8.2008, 14:54
2) Berliner Kurier, 7.8.2008
3) Berliner Morgenpost online, 6.8.2008, 18:45
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Ergänzungen

Redebeitrag zur Gedenkveranstaltung

ABM 16.08.2008 - 15:55
Wir wollen heute dem am vergangenen Mittwoch ermordeten Zigarettenhändler gedenken. Wir möchten unsere Anteilnahme und Solidarität mit seinen Hinterbliebenen und Freunden, insbesondere seiner Lebensgefährtin, die ein Kind erwartet, zum Ausdruck bringen.

Bisher gibt es keine eindeutige, zusammenhängende Schilderung dessen was sich vor dem Supermarkt in der Marchwitza Straße ereignet hat. Sicher ist jedoch, daß im Laufe einer Auseinandersetzung der deutsche Angreifer die Polizei anrief, für die er einen „vietnamesischen Zigarettenhändler“ festhalte. Nach einigen Berichten stellte er sinngemäß gegenüber der Polizei die Frage, ob sich nun diese oder er selbst um diesen kümmern solle. Als ein Streifenwagen vor Ort eintraf, lag das Opfer nach einem Messerstich in die Brust bereits am Boden, der Täter war in seine Wohnung geflüchtet. Wenige Stunden später erlag der Angegriffene seinen Verletzungen.

Doch wollen wir an dieser Stelle auch deutlich machen, daß wir die Entpolitisierung des Geschehenen durch Polizei und Medien für einen Skandal halten.

Sicher hat die psychische Konstitution des Täters eine entscheidende Rolle gespielt, doch das kann bei jedem, der den Tod eines anderen billigend in Kauf nimmt, vorausgesetzt werden. Daß Menschen milieubedingt verschieden zu Gewalt neigen ist ein Allgemeinplatz, und wird von der öffentlichen Meinung gerne als ausreichende Erklärung angenommen. Warum es ausgerechnet einen „Fremden“ traf, wird jedoch nicht erklärt. Der Täter hatte Bekannten zuvor mehrfach angekündigt „selbst etwas“ gegen „diese Fidschis (...) zu unternehmen, wenn die Behörden schon nichts tun“. „Fidschis“ als Begriff für hier lebende Menschen aus Südostasien ist so üblich wie es verachtend und ausgrenzend gemeint ist. Menschen als Fremde zu verstehen, ist gängige gesellschaftliche Praxis zur Distinktion des eigenen Kollektivs. Immer wieder verbal vorgetragen, bei Kaffeekränzchen oder im Büro, werden Ressentiments aufrecht erhalten und sich versichert, daß insbesondere diese „Fremden“ sich an die geltenden Regeln zu halten haben und eigentlich auch gar nicht hierher gehören. Praktiziert wird dies etwa, wenn beim günstigen Zigarettenkauf mit dem Händler in einer Art Kindersprache kommuniziert wird. Im schlimmsten Fall kommt es zum Mord.

Das Festhalten und Denunzieren eines illegalen Straßenhändlers, das Ausliefernwollen eines gesellschaftlich abseits Stehenden, nahezu Rechtlosen verdeutlicht in seiner Empathielosigkeit gegenüber dem Individuum die zugrundeliegende, gruppenbezogene Sicht des Täters.

Auch setzt der Vorfall eine Reihe von Angriffen im Bezirk in diesem Jahr fort. Im Februar waren zwei vietnamesische Frauen und ein Kind in Marzahn-Nord von Neonazis angegriffen worden. Im Mai traf es eine Blumenhändlerin in Kaulsdorf-Nord, der neben der Prügel noch vorgehalten wurde, daß sie sich doch gefälligst zu benehmen haben wie die Deutschen dies wünschen. Es mag sich dabei um Einzeltäter handeln – glücklicherweise mobilisiert sich der Mob nur selten –, doch kommen diese auch aus der Mitte der Gesellschaft.

Dabei bedarf es nicht einmal einer öffentlichen Stimmungsmache. Die Angreifer handeln aus ihren alltäglichen Vorstellungen heraus. Insofern ist der Mord für uns nicht einmal ein überraschendes – wenn doch erschreckendes – Ereignis. Mit rassistischen Angriffen ist hier in Marzahn, hier in Deutschland jederzeit zu rechnen. Daß selbst rassistische Morde immer wieder herunter gespielt werden und nach verharmlosenden Erklärungen gesucht wird, ist schlicht unerträglich.

Neben der hiesigen traditions- und exzessreichen rassistischen Ideologie ist es auch die Ausländergesetzgebung, die die Trennung in Deutsche und Fremde festschreibt. Menschen, die als politische Flüchtlinge oder auf der Suche nach dem persönlichen Glück, in reiche Länder wie dieses flüchten, wird ein dauerhafter, legaler Aufenthalt und ein rechtmäßiger Lohnerwerb in der Regel nicht ermöglicht. Ohne jede soziale und ökonomische Absicherung und Rechte leben sie ständig bedroht von Abschiebung. Die daraus resultierende preiswerte Arbeitskraft von Flüchtlingen stellt einen bedeutenden Faktor für einige Wirtschaftszweige dar. In der Wahrnehmung der so profitierenden deutschen Mehrheit haben diese Menschen aber keinen Platz oder werden als fremde Bedrohung und Konkurrenz wahrgenommen. Die Rechtlosigkeit, die ihnen der Staat gewährt, stigmatisiert sie zu Freiwild.

Wir erinnern an dieser Stelle auch an Nguyen Van Tu, der 1992 am Brodowiner Ring von einem Neonazi ermordet wurde als er seinen Freunden zur Hilfe kam, die angegriffen wurden. Auch sie waren Straßenhändler, Van Tus Aufenthaltsgenehmigung wäre wenige Monate später abgelaufen. Zu dieser Zeit waren rassistische Angriffe sprichwörtlich alltäglich in Deutschland, wurden in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen zu Pogromen. In den meinungsbildenden Medien gehörte es zum guten Ton gegen die „Asylschwemme“ zu hetzen. 1993 wurde mit der Neufassung - oder vielmehr faktischen Abschaffung - des Asylrechts dem Wahlvolk signalisiert, daß die rassistische Praxis Erfolg hat. Die Opfer wurden als Problem benannt, nicht der Rassismus und Nationalismus.

Wir weisen die Entpolitisierung, das Unter-den-Tisch-kehren der ideologischen Motivation des Mordes zurück.

Wir fordern eine dauerhafte Aufenthaltsmöglichkeit der Freundin und des Kindes des Ermordeten in Deutschland.

Wir fordern die Anerkennung der vollen Bürgerrechte für alle in diesem Staat lebenden Menschen.

Darüber hinaus bedarf die solidarische Assoziation freier Individuen jedoch einer Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft, von Staat und kapitalistischer Vergesellschaftung, welche eben auch Distinktionsmechanismen wie Rassismus permanent produzieren.

 http://kein-verstecken.de/redebeitrag_mordmarzahn.htm

Bericht in der Jungle World

Antira 16.08.2008 - 15:58
Der Blockwart regelt das

Am Mittwoch voriger Woche wurde in Marzahn ein vietnamesischer Zigarettenverkäufer brutal mit Messerstichen getötet. Die Polizei kann kein rassistisches Motiv erkennen.

Straßenlampen in futuristischem Design blicken wie große Augen von den Laternenmasten herab. Kleine Wege führen zwischen Plattenbauten, Rosenbeeten und Läden hindurch, vorbei an einem Kinderspielplatz. Die Sonne bren­nt vom Himmel, es ist heiß. Hier im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, an der Allee der Kosmonauten und in der Nähe des kürzlich geschlossenen Ki­nos »Sojus«, lebte früher das Establishment der DDR. Lenin wohnt immer noch hier. Faul liegt er auf dem Boden des Zigarettenkiosks in der Mitte des Platzes, streckt sich und schließt die Augen. Sein Herrchen lehnt an einem Stehtisch und prostet ihm mit seiner Bierflasche zu. Mit ernsterer Miene sagt der Mann: »Ja, ich denke, ich habe den Mörder gekannt, sein Hund hat manchmal mit Lenin zusammen gespielt.«

Wenige Meter vom Zigarettenladen entfernt wurde am Tag zuvor ein junger vietnamesischer Zigarettenverkäufer niedergestochen. Vor dem Supermarkt um die Ecke, gleich neben dem Rosenbeet, wartete er morgens um 10 Uhr auf Kundschaft. Ein Mann kam auf ihn zu und wol­lte ihm die mit geschmuggelten Zigaretten gefüllte Tüte wegnehmen, ohne zu bezahlen. Die beiden stritten, der »Kunde« rief die Polizei. Er halte einen »Illegalen« fest. »Regelt ihr das oder muss ich das selber machen?« soll er der Berliner Morgenpost zufolge am Telefon gesagt haben. Kurz vor dem Eintreffen der Beamten stach er nach dem Polizeibericht mit einem Messer auf den Zigarettenhändler ein und flüchtete. Als die Polizei ankam, lag der junge Vietnamese blutend am Boden.

Sanitäter konnten den Schwerverletzten zunächst noch reanimieren. Bei der Operation in einer Berliner Klinik erlag der junge Mann jedoch seinen Verletzungen.

In den vergangenen Monaten habe der Vietnamese in Marzahn mit seiner Freundin zusammen gelebt, sie sei im siebten Monat schwanger. »Er war ein total Netter«, sagt der Verkäufer im Kiosk. »Er war Stammkunde bei mir, und als Konkurrenz, obwohl er ja auch Zigaretten verkaufte, habe ich ihn nie gesehen.« Den mutmaßlichen Täter Tino W., den Polizisten kurz nach der Tat in seiner Wohnung festnahmen, kennt der Kiosk­verkäufer ebenfalls. Ob die Tat rassistisch motiviert war, traut er sich im Gespräch mit einer Zeitung nicht einzuschätzen. Allerdings sagt er, er glaube, W. habe den Mord zuvor geplant.

Auch anderen Anwohnern zufolge hat der mutmaßliche Mörder seine Tat schon länger angekündigt. Nach einem Bericht des Berliner Kurier soll er mehrfach zu Bekannten gesagt haben, dass »diese Fidschis« endlich verschwinden sol­len. Die Berliner Morgenpost online will erfahren haben, dass er ankündigte, »selbst etwas dagegen zu unternehmen, wenn die Behörden schon nichts tun«. Doch die Polizei ermittelt wegen Totschlags. »Es gibt keine Hinweise für eine rassistische Tat«, sagte der Leiter der zuständigen Mordkommission, Thomas Scherhand, am Freitag der Jungle World.

In vielen Medienberichten wird das Bild eines drogensüchtigen Irren als Täter gezeichnet. Der stellvertretende Bezirksvorsitzende der »Linken«, Björn Tielebein, will das aber differenzierter sehen. »Natürlich möchte ich über die Hintergründe der Tat nicht spekulieren, da hat die Polizei noch viel zu klären. Aber der Täter hat sich da schon eine spezielle Opfergruppe ausgesucht, und dem liegt ein rassistisches Bild zugrunde«, sagt der Lokalpolitiker der Jungle World. In Marzahn hätten sich in letzter Zeit Übergriffe auf die vietnamesische Minderheit gehäuft. Erst im Februar habe es beispielsweise einen Überfall auf die vietnamesische Besitzerin eines Blumenladens gegeben. »Das Problem ist die Wahrnehmung, die die Mehrheitsgesellschaft von den Viet­namesen hat«, sagt Tielebein. Es gebe das Bild des Migranten als »Bürger zweiter Klasse«. »Das führt so weit, dass manche denken, es sei legitim, selbst zur Waffe zu greifen.« »Latenter Rassismus und Hass« herrschten in der Bevölkerung.

Bei dem 35jährigen Tino W. handelt es sich meh­reren Einschätzungen nach »nicht um einen rechten Gesinnungstäter«. Die Tat zeige vielmehr die Auswirkungen und die Gefahr von Alltagsrassismus, sagt etwa Johannes Becker vom Antifaschistischen Bündnis Marzahn-Hellersdorf (ABM). »In der Öffentlichkeit steht der Täter jetzt als einzelner Irrer da«, sagt Becker, »über die Einstellung, die der Tat zu Grunde liegt, wird aber nicht geredet.« Das Bild vom »Fidschi, der den Staat bescheißt«, sei weit verbreitet. Doch die Gesellschaft delegiere das Problem an den »sozialen Rand«. Auch dass Vietnamesin­nen und Vietnamesen häufig keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis hätten und daher nicht gleichberechtigt seien, werde nicht beachtet. Und dass diese Voraussetzungen eine Blockwartmentalität und die Neigung zur Selbstjustiz förderten, auch nicht. Deswegen, und aus Anteilnahme mit den Hinterbliebenen habe das ABM eine Mahnwache für den Ermordeten in Marzahn organisiert.

Am Sonntag hängen dicke Wolken über den Hochhäusern am Helene-Weigel-Platz. Es nieselt vom dunklen Himmel herab. Rund 100 Personen versammeln sich zur Mahnwache – Antifas, Bewohner von Marzahn, Punks, die vom in der Nähe stattfindenden Festival »Resist to Exist« vorbeischauen, und Berliner aus den unterschiedlichsten Bezirken, die aus der Zeitung vom Tod des jungen Mannes erfahren haben. Nur Viet­namesen sieht man kaum.

»Die Tat hat uns total schockiert«, sagt eine der wenigen Vietnamesinnen. Mehr möchte sie nicht sagen. »Vietnamesen wollen sich selten äußern, da sie nicht zwischen die Fronten kommen wollen«, erklärt die Person neben ihr. Tamara Henschel ist Mitarbeiterin des Vereins Reis­trommel, der sich für die vietnamesische Minderheit in Berlin und in den neuen Bundesländern »unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus« einsetzt. »Aber es sind auch deswegen we­nige da, weil der Aufruftext nicht ins Vietnamesische übersetzt wurde«, erklärt Henschel. Sie selbst habe eigentlich gerade Urlaub, so wie die meisten Mitarbeiter der Migrantenvereine.

Gegen halb vier bewegt sich die Menge vom Treffpunkt zum Tatort. Ein Transparent mit der Aufschrift »In Gedenken dem Ermordeten. Kein Mensch ist illegal« führt den Trauerzug an. Der Regen wird stärker. Die Rosen, die am Treffpunkt verteilt wurden, lassen die Köpfe hängen. Im hinteren Teil des Trauerzugs geht der Viet­namese Vu, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. »Ich bin extra quer durch Berlin hergefahren und demonstrie­re gegen Gewalt. Ich habe in der Zeitung von der Mahnwache gelesen«, sagt er. Vietnamesen, die hier wohnen, kenne er nicht. In fließendem Deutsch sagt er, auch er finde, dass auffallend wenige bei der Mahnwache dabei seien.

Durch die Unterführung an der Allee der Kosmonauten, vorbei am Spielplatz und dem Kiosk, zieht die kleine Demonstration weiter zum Supermarkt. Neben Kerzen, einem Häufchen Sand und einem Stein befindet sich hier nun in Gedenken an den ermordeten Vietnamesen ein weiteres kleines Blumenbeet aus niedergelegten Rosen.

(von Flora Eder:  http://jungle-world.com/artikel/2008/33/22422.html)

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