Impressionen der ersten ESU Saarbrücken 2008

Andreas Heiske 04.08.2008 16:52
Attac Europa veranstaltet zur Zeit die erste Europäische Sommer-Universität in Saarbrücken. Hier einige Impressionen.
Die erste European-Summer-University von Attac findet zur Zeit (01.08.-06.08.2008) in Saarbrücken statt. Etwa 1000 Teilnehmende aus Europa und Marokko treffen sich, um sich zu bilden, auszutauschen und internationale Kampagnen zu planen. Anbei Bilder der ersten Tage.
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Die Globalisierung kannst du abheften

H. Mayer 04.08.2008 - 17:19
Ich hatte am Sonntag Anrufe von zwei hochrangigen Managern, die beide in weltweit operierenden Konzernen arbeiten und die mich noch aus gemeinsamer Arbeit in einem solchen Konzern kennen. Wir haben uns in den letzten zwanzig Jahren nie aus den Augen verloren. Grund für die Anrufe war ein Artikel in der New York Times.
(  http://www.nytimes.com/2008/08/03/business/worldbusiness/03global.html?pagewanted=3&_r=2&hp )
Beide Manager sind zu alt und zu klug um sich der reinen neoliberalen Lehre unterworfen zu haben, aber spielen natürlich das Spiel mit, das alle spielen. Allerdings waren die Risiken dieses Spiels ihnen immer bewusst und sie haben sich auch weitgehend dagegen geschützt, so dass ihre Unternehmen kaum direkt von den aktuellen Krisen betroffen sind.
Natürlich sind die Beiden in den letzten Jahren selten vollständig mit mir einer Meinung gewesen, aber in vielen Punkten stimmten wir schon immer überein. Trotzdem haben sie lange geglaubt, das meine Vorhersagen über den freigelassenen Raubtierkapitalismus, die Energieprobleme und die Unmöglichkeit dass die Wirtschaft sich selbst regulieren kann, pure Übertreibung sind. Mittlerweile bestätigen sich meine Prophezeiungen in fast täglichem Abstand und wir haben zuerst die Situation analysiert und dann festgestellt, das heute vieles schon schlimmer ist, als ich es je gedacht hätte.
Ich hätte wirklich nicht geglaubt, das sich der 25. Oktober 1929, der als "schwarzer Freitag" in die Geschichte einging, noch einmal übertreffen ließe. Tatsächlich sind sowohl, die jetzt schon verlorenen Summen um einen irrsinnigen Faktor höher und dieser Faktor wird sich noch weiter vervielfachen. Das einzige was anders ist, ist dass die Steuerungsmechanismen geölter sind, als damals.
Heute werden die Verluste einfach viel schneller sozialisiert, in dem die Notenbanken, den Geldhahn weit aufdrehen. Die rabiaten Kursverluste an den Aktienmärkten spielen nicht mehr die Rolle, weil die Verluste in den diversen Scheingeschäften noch viel größer sind und alle Akteure ja wissen, das sie saniert werden, auch wenn sie Federn lassen müssen. Bezahlen müssen am Ende die kleinen Leute.
Allerdings kann diese Krise nicht so leicht gebügelt werden, wie die vielen kleineren Krisen, die wir zwischen 1929 und 2004 hatten. Zum einen ist daran die absurde Schuldenhöhe der USA schuld, zum anderen haben wir das Problem, dass sich die Anzahl der Spieler durch Staaten wie Russland, China aber auch Indien erhöht hat, dass mehr Finanzprodukte ohne Wert im Markt sind und das gleichzeitig sich das Angebot der freien Nahrungspflanzen durch gentechnische veränderte Pflanzen und Konzentration auf dem Saatgutsektor dramatisch verringert, während gleichzeitig Peak Oil und drastische Klimaveränderungen aufeinander treffen.
Die Anzahl der Baustellen ist einfach zu hoch. Normalerweise sortiert man dann nach Dringlichkeit und versucht die Probleme nacheinander abzuarbeiten. Das war z.B. bei der Finanzkrise durch eine Zusammenarbeit zwischen USA und Europa in der Vergangenheit leicht möglich. Wie bitte aber bindet man in solche Gespräche China ein, das haufenweise Dollar in der Welt rumliegen hat und hilflos zusehen muss, wie sein Vermögen dahin schmilzt. Was macht man mit einem Rußland, das von den USA gleichzeitig militärisch direkt bedroht wird und an dessen Rändern der CIA neue Kriege schürt.
Aber selbst wenn man sich auf staatlicher Ebene einigen könnte, nützt das ja nichts. Tatsächlich weiß niemand, was die vorhandenen Produkte der Finanzindustrie wert sind, oder ob sie allesamt nur heiße Luft enthalten. Da kommt als Beispiel und Rettungsanker immer der deutsche Pfandbrief. Ja der ist sicher. Solange er nicht hinterfragt wird.
Ob er aber auch noch sicher ist, wenn die Immobilienkrise in Deutschland ankommen ist, bleibt fraglich. Wenn ein Objekt mit 120 Prozent seines realen Wertes in die Kalkulation eingegangen ist, und dann ganz korrekt mit 60 Prozent in Pfandbriefe umgelegt wurde, sind schon 72 Prozent des Objektes mit Pfandbriefen abgedeckt. Wie die Immobilienkrise in den USA, England, und Spanien zeigen, sind viele Objekte aber schnell nur noch die Hälfte ihres realen Wertes wert und können auch noch weit darunter landen.
Nach offizieller Lesart wäre das Risiko im Pfandbrief bei einem solchen Preisverfall nur um 10 Prozent überschritten, im vorliegenden Fall aber um 22 Prozent. Sobald dieses Problem öffentlich wird, ist der Pfandbrief erledigt und der Immobilienmarkt stirbt auch hier. Mit dem Immobilienmarkt und der Vertrauenskrise stirbt auch immer der Kreditmarkt. Der ist in den USA schon praktisch tot und auch in Europa stammen die Kredite fast nur noch von EZB und helfen nur den Banken beim reduzieren ihrer Spekulationsverluste.
Dies führt weltweit zu einem Kreditproblem. Es werden mehr Kredite benötigt als gewährt werden, so dass die Zinsen steigen. Steigende Zinsen machen viele geplante Investitionen fraglich, wenn sie nur zu Gewinnoptimierung der Banken und nicht als Inflationsschutz dienen. Richtig kritisch aber wird es dadurch, dass sehr viele Ölförderländer Peak Oil, also die höchste jemals mögliche Förderung an Rohlöl bereits erreicht haben, oder kurz davor stehen.
Selbstverständlich hört mit Peak Oil die Ölförderung nicht auf, sie nimmt einfach nur langsam immer weiter ab. Wie schnell das geht, hängt zum einen davon ab, wieviel Öl in früheren Zeiten tatsächlich gefördert wurde und welche Felder noch neu erschlossen werden können. Alle Berechnungen beruhen nämlich auf den bekannten und vermuteten Fördermengen, abzüglich der real geförderten Menge. Bei nichts ist aber in der Vergangenheit mehr gelogen worden, als bei der Fördermenge.
Eine Erhöhung der Fördermenge ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Viele Förderländer haben praktisch ständig geringere Fördermengen angegeben als sie tatsächlich gefördert haben. Das könnte und wird sich in Zukunft rächen, weil die Vorräte schneller als gedacht zu Ende sind. Dadurch wird der Ölpreis auf Dauer hoch bleiben, auch wenn er immer mal wieder runterspekuliert wird. Tatsächlich ist die Datenlage viel zu unklar um mit Sicherheit etwas sagen zu können.
Der Ölpreis mag ein Grund für die Umwandlung von Agrarprodukten in Treibstoff, anstatt deren Auslieferung als Lebensmittel gewesen sein. An den hohen Lebensmittelpreisen sind aber eher die großen Saatgutlieferanten und vor allem das gentechnisch veränderte Saatgut schuld. Tatsächlich sind die Erträge dieser tollen neuen Sorten sehr viel schlechter als geplant und es müssen viel mehr Pestizide und chemische Dünger als geplant eingesetzt werden, zudem ist das Saatgut, da patentgeschützt auch viel teurer und nur einjährig.
Selbst wenn man von den Nebenwirkungen für Bienen, Schmetterlinge, Bodenlebenwesen und auch Menschen absieht, ist es eine der sehr teuren Fehlentscheidungen der Vergangenheit, die langfristig noch teurer wird als die Hypotheken- und Kreditkrise, weil es Jahrhunderte dauern kann bis dieses falsche Erbgut wieder aus den Pflanzen dieser Erde heraus ist, wenn es überhaupt noch geht.
Über diese Kette von Abfolgen und Zusammenhängen konnten wir uns einigen, wobei natürlich noch Unterschiede in der Feinbewertung bleiben. Klar ist jedoch, das die Menschheit nicht einfach so weiter machen kann wie bisher. Das hat auch der zu Anfang genannte Artikel in der NYTimes deutlich gemacht.
Die Firma Tesla Motors mit ihren Elektoautos hatte ein Geschäftsmodell das darauf beruhte, die Batterien in Thailand zu fertigen und in England die Autos weitgehend zu produzieren und dann in die USA zur Endfertigung zu bringen. Tesla Motors hat sich stattdessen dafür entschieden alles in Kalifornien erledigen zu lassen, obwohl die Umweltschutzbestimmungen in Kalifornien für eine Batterieproduktion eine harte Sache sind. Aber so sparen sie 5.000 Meilen Transport.
Natürlich war das keine Herzensentscheidung sondern die pure Not, die durch die exorbitant hohen Frachtkosten entsteht. Wenn selbst in den US erkannt wird, wie es der gesamte Artikel vermittelt, das die Globalisierung eine Fehlentwicklung war, die dazu geführt hat, das hochwertige Arbeitsplätze exportiert wurden um aufgrund billiger Transportkosten vielfach schlechtere und selten gleichwertige Produkte einzuführen.
Wenn es so aussieht, als ob sich die USA eher auf das ursprüngliche Denkmodell der alten Grünen Bewegung in Deutschland konzentriert, die man keinesfalls mit der real existierenden Grünen Partei verwechseln darf, die mit dieser Bewegung nichts mehr zu tun hat und sich bei zufälligen Berührungen vor Ekel schüttelt, dann ist das ein klares Signal zum Umdenken. Für jeden.
Des geht darum die Grundbedürfnisse der Menschen möglichst dezentral und möglichst in hoher Eigenverantwortung zu erfüllen. Den Joghurt, die Avocado und das Mineralwasser nicht zum Reisegut sondern zum ortsnahen Produkt zu machen oder eben notfalls auf Produkte wie Erdbeeren im Dezember zu verzichten.
Das geht natürlich nicht bei allen Produkten, aber der Anteil der "Reiseprodukte" kann ohne Problem auf einen Bruchteil reduziert werden. Dies gilt insbesondere für Kühl- und Lebensmitteltransporte. Es macht keinen Sinn einen Joghurt durch ganz Europa zu transportieren und die spanischen Erdbeeren sollten in Spanien verzehrt werden oder besser wegen Wassermangel gar nicht erst angebaut werden.
Das gleiche gilt für eine weitgehend dezentralisierte Energieversorgung und natürlich auch für Wasser und Abwasser. Natürlich wird es aus Kostengründen Einschränkungen beim Reisen geben. Auch wenn Air-Berlin-Chef Joachim Hunold nun nach dem Staat ruft um weiter Flugkapitän und Großkotz spielen zu können, darf die einzige Antwort natürlich nur nein lauten. Wenn er nicht überlebensfähig ist, muss er sterben.
Das gleiche gilt für weite Teile der Großindustrie die nicht fähig ist wieder auf Regionalproduktion umzustellen. Es macht keinen Sinn, etwas das nicht funktioniert und nur ein Unternehmen ist, auch noch zu subventionieren. Natürlich brauchen solche Märkte auch die Großbanken und Großversicherer nicht. Vieles wird sich über genossenschaftliche Umlagesysteme regeln lassen, einiges wird nur durch Nachbarschaftshilfe lösbar sein.
Natürlich darf nicht vergessen werden, das hier über einen Prozess gesprochen werden muss. Vieles wird zuerst in den Köpfen der Menschen stattfinden müssen und sich über deren Verhalten und vor allem deren Kaufverhalten nur langsam in die Realität umsetzen.
Nachdem der Neoliberalismus den Menschen die Achtung vor sich selbst genommen hat und sie immer wieder als jämmerliche Würstchen dastehen ließ, wird es schwer den Verlorenen neuen Mut zu geben. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es den Menschen ihre Berufe wieder zurück zu geben. Früher erlernte man einen Beruf um ihn ein Leben auszuüben. Selbstverständlich änderte sich die Welt auch früher ständig, aber ein Schlosser blieb ein Schlosser, weil er ständig dazu lernte.
Heute ändern sich die Berufsbezeichnung alle paar Jahre. Das bedeutet, das alte Qualifikationen plötzlich wertlos sind und neue sich in immer abstrusere Berufsbilder aufspalten, die weder alleine lebensfähig sind noch irgendwo in der Realität auftauchen. Dies wird von den IHKs zusammen mit gewissenlosen Bildungspolitikern wie Frau Schawan so gestaltet, damit niemand mehr Schlosser sein kann und im Endeffekt alle Hilfsarbeiter sind.
Ein Schlosser aber war ein Arbeiter der seinen Beruf konnte, zu dem auch ein Meister mal hin ging und um dessen Meinung fragte, weil ja Kompetenz eben hilfreich war. Dies wurde schon im Zusammenhang mit den Gastarbeitern aufgelöst und heute sind wir bei Produktionsschritten, die ein dressierter Affe oder ein Roboter erledigen kann.
Diese Produktionsschritte machen aber nur Sinn, wenn sie tagaus und tagein jahrelang immer gleich bleiben und nur geringen Änderungen unterworfen sind. Eine flexible Produktion ist damit nicht aufzubauen. Je näher jedoch an den Märkten produziert werden muss, desto kleiner ist die Losgröße des Produktes und desto breiter muss die Erfahrung der Mitarbeiter sein. Gruppenarbeit in hoher Eigenverantwortung wäre die einzig denkbare Antwort.
Das ist übrigens kein wirtschaftlicher Nachteil. Kleine Losgrößen ermöglichen das schnelle Einbringen von technischen Neuerungen. Innovation lässt sich viel schneller in der Praxis überprüfen. Es ist übrigens nicht so, dass es keinen Handel mehr geben würde. Es wird nur ein ruhigerer Handel sein. Sehr auf realen Nutzen bedacht und nicht mehr darauf, wegen eines Viertelcents an Extraprofit, die Mitmenschen mit einem Euro an zusätzlichen Kosten zu belasten.
Meine Freude sind mit mir überein gekommen, an diesem Thema weiter zu arbeiten. Sie in ihren Unternehmen, ich, in dem ich Texte wie diese schreibe und mit Beratungsleistung dienen kann, die nicht Bevormundung sein wird. Wir können nicht die Großindustrie fit für eine Welt nach dem Neoliberalismus und nach dem billigen Öl machen. Dafür sind die schon viel zu lange in falschem Fahrwasser und auf den Brücken stehen meist nur die Dummen und Verantwortungslosen.
In ein neues Zeitalter kann man nur mit kleinen Einheiten, schlanken Führungsmodellen und vor allem direkten und begründeten eigenen Entscheidungen marschieren. Es wird schwer werden, die Menschen wieder dazu zu bringen, wenigstens in geringem Umfang Vertrauen in ihre Unternehmer zu haben. Zu tief sind die Wunden der Vergangenheit.
Da hilft nur schrankenlose Offenheit. Es nützt nichts mehr die Belegschaft zu belügen. Ehrlichkeit und eine sichtbare Portion Selbstzweifel sind unbedingt angebracht. Aber wenn die Menschen merken, dass die neuen Leute zu ihrem Wort stehen, werden sie das auch wieder tun. Die Zeiten werden so schnell nicht wieder gut, aber je eher die Menschen anfangen die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen, desto eher ist es möglich wieder festen, guten und vor allem sicheren Boden unter die Füße zu bekommen.
Natürlich wird die Politik und die neoliberale Kaste alles versuchen um jeden gesellschaftlichen Umbau zu verhindern. Das sieht man in der Affäre Clement. Es ist allerding schon ziemlich bald völlig egal was diese Herrschaften wollen. Ihre Zeit ist vorbei. Ihr Neoliberalismus und ihre Art der Globalisierung kann man getrost abheften. Als Muster ohne Wert und ohne Sinn und Verstand.

Heute ist die Zeit des Neuanfangs.

Geschrieben von Jochen Hoff, 4.August 2008:  http://www.duckhome.de/tb/archives/3159-Die-Globalisierung-kannst-du-abheften.html

Ehrlich gesagt

sehen 04.08.2008 - 19:26
Ehrlich gesagt sehen die Impressionen total abschreckend aus und die genannten Titel klingen unendlich platt. Dagegen rockt ja sogar ein Parteitag der Partei.