Die bürgerl. Gesellschaft hasst noch heute 68

Georgia Dama 23.07.2008 20:43 Themen: Repression Weltweit
Diese Interview erschien (in leicht gekürzter Fassung) am 20. Juni in der griechischen linksliberalen Tageszeitung Eleftherotypia
Andreas Vogel war Mitglied der Bewegung „2. Juni“ und schloss sich später im Knast dem Kollektiv der Gefangenen aus der RAF an.
„Die bürgerliche Gesellschaft hasst noch heute den Mai 68“
Interview: Georgia Dama
Weltweit wird eine Mobilisierung anlässlich des 60ten Jahrestages der Gründung der NATO vorbereitet, kündigt Andreas Vogel hinsichtlich der Reaktionen, die von den Bewegungen gegen die Globalisierung und gegen den Krieg organisiert werden, an. In den 70ern war Andreas Vogel Mitglied der Bewegung „2. Juni“ und deswegen 10 Jahre inhaftiert. Er äußert sich zum „Heute“ der bewaffneten Bewegungen und ihrer Verbindung mit der bewaffneten Praxis in der Vergangenheit. Eingeladen vom Netz für Politische und Soziale Rechte, besuchte er Athen, um auf einer Veranstaltung zum Thema „1968-2008: Die Bewegungen der radikalen Linken damals und heute“ zu sprechen.
-Wie entwickeln sich die Antiglobalisierungsbewegung und die Bewegung gegen den Krieg?
Natürlich ist die Antiglobalisierungsbewegung sehr vielfältig. Das macht ihre Dynamik und ihre Kreativität aus. Nach den Kampagnen gegen die großen Gipfel stellt sich nun die Frage nach der antikapitalistischen Zuspitzung viel deutlicher. Auch ist es in der Antiglobalisierungsbewegung noch nicht selbstverständlich, die Fragen von Kriegen, Folter und Lagerhaft mit der Kritik an der Globalisierung zu verbinden. Das war zum Beispiel die Schwäche in der Mobilisierung gegen den G8 in Gleneagles 2005. Der Gipfel fand in einem kriegsführenden Land statt, ohne dass dies Gegenstand der Proteste war. Deswegen hoffen wir, dass die aktuelle Kampagne gegen die 60 Jahrfeier der NATO eine Gelegenheit ist, die Fragen der Antiglobalisierungsbewegung und der Antikriegsbewegung wirkungsvoll zusammenzubringen.
-War das Experiment der vereinigten Linken in Deutschland letztendlich erfolgreich?
Um es mit einem bekannten deutschen Satiriker auszudrücken: „Die Linkspartei, die Linkspartei, die geht mir rechts am Arsch vorbei“. Aber ernsthaft: Die Linkspartei ist Ausdruck des Zerbrechens eines Blocks zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften, denn die Sozialdemokratie war und ist treibende Kraft der neoliberalen Umverteilungspolitik von unten nach oben in Deutschland. Deswegen entstand links von ihr eine letztlich doch sozialdemokratische Partei, Die Linke. Da diese im Kern doch nur an den alten sozialdemokratischen Vorstellungen festhält, ohne sich neu zu radikalisieren, ist es eine Frage, wie lange sie überhaupt die Chance haben wird, parlamentarisch existent zu sein. Spätestens an dem Punkt, wo sie eine Regierung der SPD stützt oder sich gar an ihr beteiligt, wird sie ihr Ende besiegeln. Natürlich hoffen wir, dass die linken aktions- und bewegungsorientierten Teile der Partei, sich mit der außerparlamentarischen Linken verbinden und gemeinsame Kampagnen machen.
-Was plant man in Deutschland nach der Mobilisierung gegen den G8 Gipfel?
Natürlich gab es nach dem G8 den Versuch, die dort mobilisierten AktivistInnen zu organisieren und dem Widerstand dauerhaftere Gestalt zu geben. Einer dieser Versuche ist die Interventionistische Linke, wo ich auch mitarbeite. Die Interventionistische Linke versucht die radikalen Kräfte in der Bewegung zusammenzufassen und eine Organisierung zu schaffen, aus der heraus es möglich ist, gemeinsam und wirkungsvoll in gesellschaftliche Konflikte zu intervenieren. Unser nächstes größeres Projekt ist die Kampagne gegen Militarisierung und Folter anlässlich der 60Jahresfeier der NATO im nächsten Frühjahr.
-In Frankreich gab es eine Verbindung zwischen den Bewegungen der Arbeiter und der Studierenden. Warum nicht in Deutschland?
1968 war die Arbeiterbewegung über SPD und Gewerkschaften in den deutschen Staat eingebunden. Nicht ohne Grund konnte man damals fast von Staatsgewerkschaften sprechen. Allerdings gelang es sehr wohl, in den Jahren danach eine Verbindung zwischen Kämpfen in den Fabriken und anderen gesellschaftlichen Konflikten herzustellen. So zum Beispiel im Streiksommer 1973, in dem an vielen Orten sogenannte wilde Streiks, ohne Unterstützung der und sogar gegen die Gewerkschaftsbürokratie durchgefόhrt wurden. Diese Kämpfe in den Betrieben wurden allerdings zu einem Großteil von Arbeitsimmigranten den „Gastarbeitern“ getragen, worauf die Regierung mit dem Ausschluss dieses Teils der Arbeiterklasse reagierte. So wurden über eine halben Million Gastarbeiter nach dem Urlaub nicht mehr zurück nach Deutschland gelassen. Das war ein herber Rückschlag.
-Welche Beziehung bestand zwischen der Entwicklung der Bewegungen von 1968 und dem bewaffneten Kampf?
In Deutschland waren die Gruppen des bewaffneten Kampfes aus meiner Sicht der radikalste Teil der 1968er Bewegung. Es war der Versuch, sich als Teil einer internationalen revolutionären Bewegung zu verhalten und durch den eigenen Kampf die Möglichkeit für revolutionäre Entwicklungen auch in den Metropolen offenzuhalten. Ganz sicher hätte es ohne diesen weltweiten Aufbruch von 1968 keinen bewaffneten Kampf in Deutschland gegeben. Die Vorstellung, dass überall auf der Welt der Imperialismus angegriffen und eingekreist wird, war eine durchaus realistische Möglichkeit.
-Was denken Sie heute über die Praxis der RAF? Wie beurteilen Sie den bewaffneten Kamp heute?
Was nicht gelang, war, diese (in der Antwort auf die vorige Frage beschriebene) Entwicklung, als sie an ihre Grenzen kam, in einen neuen erweiterten Prozess zu transformieren. Mit anderen Strukturen, anderen Aktionsformen, anderen Möglichkeiten der politischen Beteiligung und Intervention. Infolgedessen haben sich die bewaffneten Gruppen in Deutschland aufgelöst. In Deutschland ist die Frage des bewaffneten Kampfes insoweit immer noch aktuell, als der Staat auch heute noch Gefangene aus dem bewaffneten Kampf, die seit über 20 Jahren im Gefängnis sind, ohne „Reueerklärung“ nicht entlassen will. Auch in der Diskussion um „40 Jahre 1968“ spielt diese Frage eine zentrale Rolle. Anders als viele linksbürgerliche Kräfte sagen, steht 1968 nicht oder nicht nur für die Reform der bürgerlichen Gesellschaft. Die bürgerliche Gesellschaft hasst diesen Aufbruch noch immer, weil er eben auch eine revolutionäre Seite hatte.
Dieser Artikel erschien in der neuen Ausgabe des Gefangenen Info 339.
Weitere Themen u.a.:
- Hintergründe zu 30 Jahre "Celler Loch"
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- Gabriel Pombo da Silva zu Zwangsarbeit im Knast
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Ergänzungen

Stimme aus der Vergangenheit

saul 23.07.2008 - 21:37
Schon diese Sprache, hat man lang nicht mehr gelesen. Erinnert an vergangene Zeiten.
"Ganz sicher hätte es ohne diesen weltweiten Aufbruch von 1968 keinen bewaffneten Kampf in Deutschland gegeben. Die Vorstellung, dass überall auf der Welt der Imperialismus angegriffen und eingekreist wird, war eine durchaus realistische Möglichkeit."
Stimmt, ohne 68 keine RAF. Doch die RAF war eine Folge des Zerfalls der Bewegung und der folgenden Machtlosigkeit. Dem wollten einige abhelfen und wählten dazu unterschiedliche Wege. Die einen versenkten sich ins ML Studium, andere gründeten Parteisekten oder traten in die bestehenden ein. Die RAF versuchte mit Bomben die Exstudies die nun ihr Lehramt antraten, an ihre alten Losungen zu erinnern und nicht zufällig wurden Amieinrichtungen als Ziele gewählt. Nu wie das endete ist Geschichte. Klar hassen viele 68. Einige störts bei der Karriere, andere wollen auf ihre alten Tage nicht mehr dran erinnert werden. Nu mit dem Imperialismus hatte das wenig zu tun, in den Metropolen hatte man wenig Einfluß auf die Vorgänge in der dritten Welt und die Arbeiter die als Zielgruppe was bewirken sollten, pfiffen auf 68. Die wollten mehr Kohle aber nichts verändern. Das haben die 68 iger nicht kapiert und dachten, mit Proletenparteien die Malocher gewinnen zu können. Na beide sind heute eh in Rente.

@ saul

J.K. 23.07.2008 - 23:03
"und nicht zufällig wurden Amieinrichtungen als Ziele gewählt."

Nein, tatsächlich nicht zufällig, sondern vor dem Hintergrund des US-Krieges in Vietnam. Der Gedanke der Solidarität mit dem anti-imperialistischen Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes war einer globalen Gemeinsamkeiten der Revolte ´68ff zwischen den Brennpunkten im globalen "Westen", "Osten" und "Süden".

nunmal langsam

bekannt 24.07.2008 - 01:48
Klar wurden in der 68er Bewegung und allem danach viele Fehler begangen, die wir heute kennen und reflektieren können, um die gleichen nicht wieder zu begehn.

Es war eine Zeit der Experimente, des "was ist möglich", die RAF nannte es mal den "Primat der Praxis" - Ob der bewaffnete Kampf in Deutschland möglich ist kann man nur herausfinden indem man ihn wagt - und das galt nicht nur für den bewaffneten Kampf, sondern auch für viele andere Seiten dieser Zeit. Im engen Kreis um Baader und Enslin sprach man sich auch gegenseitig mit Worten an, die heute weit in der sexistischen Ecke stehen, und Projekte der freien Liebe mit ständig wechselnden Sexualpartnern existieren vereinzelt noch bis heute mit immer wieder neuem Zulauf junger Menschen überall auf der Welt, auch in Deutschland.

Hätte es diese, heute gerne von Romantikern als die "rebellische Zeit" verniedlichte, Periode nicht gegeben, wäre wir heute bei vielen Themen wie Gender Mainstream, Kampf gegen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, bei den Soziale Bewegungen weltweit, dem Kampf gegen Krieg usw... bei weitem nicht in einer, meiner Meinung nach, sehr fortgeschrittenen Diskussion mit zahlreichen Erfolgen, in den letzten 4 Jahrzehnten!!!

Ja es wurden damals Fehler gemacht, nicht nur hier in Deutschland, sondern mit Sicherheit weltweit. Die überzogene Solidarität mit Palästina, die unreflektierten Aussagen zu Imperialismus und Zionismus, uvm. waren schwerwiegende Fehler.

ABER: Wie würde unsere Welt heute aussehen, hätte es weltweit in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts KEINE widerständigen und querdenkenden Menschen gegeben? Wäre diese Welt wirklich besser?

In der Geschicht haben Menschen die etwas verändern wollten IMMER auch Fehler gemacht. Das wichtige ist aus diesen Fehlern zu lernen und die gleichen nicht wieder zu begehen. Die linke Bewegung in all ihren Facetten hat sich gewaltig weiterentwickelt und viele Dinge in die Gesellschaft getragen, ohne das die "bürgerlichen" das direkt merkten. Das heute jedes öffentliche Dokument, jede Stellenausschreibung, jeder Zeitungsartikel der Geschlechtergleichheit gerecht werden muss, ist sicherlich kein Verdienst der bürgerlichen Denker!

Nicht alle der 68er habe aus ihrer Geschichte gelernt. Viele waren damals schon aus dem Elternhaus latent antisemitisch geprägt und diese Haltung wurde durch Palästina Solidarisierungen noch geschürt. Sie waren so etwas wie "Hitlers Erben", da sie aus Kleinbürgerlichen Familien stammten und nicht so kritisch zur Palästina Frage Stellung beziehen konnten oder wollten wie wir das heute tun. Aber die meisten, die ich aus meinem Umfeld kenne, die damals schon aktiv waren und heute längst im Rentenalter sind, sehen sehr sehr vieles heute kritisch und anders als damals. Sie haben sich mit dem Lauf der Geschichte weiterentwickelt.

68er

Sasquatch 25.07.2008 - 20:07
"Die bürgerl. Gesellschaft hasst noch heute 68"?

Die sog. 68er, von Extrema wie Horst Mahler oder Christian Klar abgesehen, sind die bürgerliche Gesellschaft von heute.

onkelztext im kommentarteil

anarchosyndikalistin 25.07.2008 - 21:25
unter dem namen "uschi obermeier" hat bei den beiträgen zu diesem artikel, die keine inhaltliche ergänzung darstellen, jemand den text "hippies" von den böhsen onkelz gepostet.der vermutlich sich als antideutsch definierende saul hat es nicht gemerkt, findet den text toll. nun ja, später kriegten die onkelz selber lange haare und fingen an hardrock, also hippiemusik zu machen. aber ist schon lustig, wie sich konservative, faschisten und "anti-d's" beim 68erbashing ähneln.

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Och herjee — Uschi Obermeier

Real Army Fiction — riotqueer

..... — alt 68er

@riotqueer — raoül

anti-dühring — Trotzkist

68 doch beliebt? — bürgerlichenkind

Ich vergas — riotqueer

weiter und weiter und weiter — Antifa Berlin