Migration, Repression -Dringend

tierr@ 09.06.2008 13:07 Themen: Antirassismus Repression Soziale Kämpfe
Frankreich: ImmigrantInnenunterstützer als "anarcho-autonome Terroristen stigmatiesiert - Spanien (Mellila): Hungerstreikende Algerier ohne Rechtsbeistand und Verfahren abgeschoben
Frankreich: ImmigrantInnenunterstützer als "anarcho-autonome Terroristen stigmatiesiert - Spanien (Mellila): Hungerstreikende Algerier ohne Rechtsbeistand und Verfahren abgeschoben

FRANKREICH: SOLIDARITÄT OHNE GRENZEN NÖTIG

Während der letzten Monate haben in Frankreich, insbesondere in Paris, verstärkt Aktionen gegen Internierungslager "für" AusländerInnen stattgefunden. Dabei handelte es sich um Proteste innerhalb der Lager, die aus Hungerstreiks, Flucht und Aufständen bestanden. Von ausserhalb wurde der Widerstand durch Unterstützungsmaterial, einem Hungerstreik von papierlosen ArbeiterInnen, Massendemonstrationen und Sabotageakten mitgetragen.

In diesem Kontext sind am 19. Januar, auf dem Weg zu einer Demonstration zur Unterstützung der Papierlosen "San Papiers" Bruno, Ivan und Damien verhaftet worden (siehe hierzu:
www.de.Indymedia.org/2008/06/219070 ). Die Polizei hatte in ihrem Auto eine "explosive" Mischung und verbogene Nägel gefunden. Letztere dienen in Frankreich häufig dazu, die Fahrzeuge der Polizei daran zu hindern, DemonstrantInnen verfolgen zu können. Am nächsten Tag veröffentlichten die Massenmedien die Polizeiversion zu den Festnahmen: "Es handelt sich um eine Gruppe von anarcho-autonomen Terroristen, die einen fragmentierten Sprengstoff mit tödlicher Wirkung mit sich führten".

Am 23.Januar verhaftete die französische Polizei bei einer Verkehrskontrolle zwei weitere Personen, die dieselbe Mischung sowie Sabotagematerial dabei hatten. Einer davon befindet sich im "dritten(Haft)-Grad und steht unter gerichtlicher Überwachung; für den anderen ist ein Jahr Haft anstehend.

Beide Fälle werden jetzt als Verfahren im Rahmen des Anti-Terrorismusgesetzes verhandelt. Dies ist nichts weiter als ein Versuch (der Polizeikräfte) die (bereits bekannte) Ideologie eines "anarcho-autonomen TerroristInnennetzes" zu verbreiten. In diesen Sinne hat die französische Innenministerein den Ermittlungen denn auch höchste Priorität eingeräumt. Die Welle der Stigmatisierung von Mitgliedern der Sozialen Bewegungen wird von der Mainstreampresse vorbehaltslos unterstützt, die damit dem Ziel, alle Personen, die kollektiven Aktionismus und praktische Solidarität ausüben, zu isolieren und zu kriminalisieren, den Weg bereitet.

Die Kollektive zur Unterstützung der ImmigrantInnen und Sans Papiers Frankreichs rufen deshalb zu Solidaritätsaktionen ohne Grenzen in den Tagen vom 09. bis 16. Juni auf. Da die Übersetzungen und die Verteilung "etwas langsam" verlaufen sind, wird ausdrücklich bekräftigt, dass "Aktionen auch noch nach diesem vorgesehenen Zeitraum erwünscht, notwendig und sinnvoll sind".

Kontakt:  solidarite_sans-frontiers@riseup.net

(Quelle: www.barcelona.indymedia.org/newswire/display/344117/index.php)

SPANIEN/MELLILA: ILLEGALE ABSCHIEBUNG HUNGERSTREIKENDER IMMIGRANTEN

Bereits am 19. Mai waren 45 indische und algerische Immigranten (im sog. illegalen Status) in der spanischen Exlave Mellila in Hungerstreik getreten Diese hat mittlerweile wegen immer neu vorkommender Skandale der -Migrations,-und Abschiebepolitik des spanischen Staats traurige Berühmtheit erlangt (siehe u.a.:  http://de.indymedia.org/2006/03/142086.shtml
ebenso wie die Rassismuszwillingsexlave Ceuta:  http://de.indymedia.org/2007/08/192141.shtml
.

Der Delegierte der sozialistischen Regierung Spaniens, Gregorio Escobar, warf den Hungerstreikenden am 19. Tag ihres Protests öffentlich vor, selbst schuld an ihrem desolaten Zustand zu sein, weil sie nicht "in den Genuss der gesundheitlichen Versorgung innerhalb der CIE (Internierungslager "für" AusländerInnen) kämen, da sie sich ausserhalb derselben begeben hätten". Der Hungerstreik fand in der Tat auf der Plaza de España statt, doch vergass der Delegierte dabei, dass Hungerstreiks in den CIE selbst, die Schlagzeilen der letzten Monate gefüllt und zu staatsanwaltlichen Anklagen gegen deren Verwaltungen geführt hatten (sie Beispiel CIE Aluche:  http://www.de.indymedia.org/2008/04/213466.shtml )."Die hungerstreikenden Inder und Algerier könnten von daher nicht mit besonderen und ausserordentliche Massnahmen rechnen", so Escobar, vielmehr sollten sie sich daran erinnern, dass sie "unser nationales Territorium illegal betreten haben und sich noch nicht länger als drei oder fünf Monate in Mellila aufhalten". Laut Escobar haben zuvor Gespräche zwischen der Regierungsdelegation und den ImmigrantInnen stattgefunden. (Das dies primär bedeutungslos ist und zu keinen nennenswerten Veränderungen führt, beweisen nicht nur die unterdrückten Proteste in den CIE sondern auch der seit Januar anhaltende und zähe Kampf der kleinen Gewerkschaft immigrierter (und mehrheitlich papierloser) ArbeiterInnen, SOI, die ebenfalls mit Hungerstreiks und auf dem Verhandlungsweg versucht, bessere Arbeitsbedingungen und eine Legalisierung der Sin Papeles zu erreichen:  http://de.indymedia.org/2008/03/210686.shtml und 17.03.08Spanien:Repression gegen streikende ImmigrantInnen www.de.indymedia.org./2008/02/209200 ).

Unbeeindruckt vom bedenklichen Gesundheitszustand der Hungerstreikenden (einige von ihnen mussten in Gesundheitszentren reanimiert werden; am 22. Mai gab es einen Suizidversuch) sind am 03. Juni, nachdem es am frühen Morgen zur Verhaftung der Sreikenden gekommen war, 10 Algerier vom Komissariat ins Durchgangslager "für" ImmigrantInnen (CETI) gebracht worden, wo sie ihre Sachen zusammenpacken mussten. Bis zu diesem Moment hatten sie unter völliger Kontaktsperre ( incomunicado) gestanden und auch keinen Anwalt gesprochen. Der zuständige Jurist war noch nicht einmal informiert worden und hatte keinerlei Kenntniss, dass sich in den Polizeizellen 34 verhaftete Personen befunden haben.

Um 20:30 deselben Tages erhielten UnterstützerInnen die Information, dass zwei der Algerier (Prodein und Apdhml) sowohl von der Regierungsdelegation wie auch vom Polizeikomissariat die Inspektion der dortigen Zellen und die Überprüfung der Bedingungen, unter welchen die Festgenommen sich befanden sowie der Rechtsgarantien hinsichtlich ihrer Verfahren gefordert hatten...
Gegen 21:00 mussten die UnterstützerInnen dann zusehen, wie ein Transporter der Nationalpolizei 10 Algerier zur sofortigen Abschiedung in den Hafen von Mellila brachte. Dieser (mitnichten Rechts-)Weg wird sie ins CIE von Malaga und von dort aus zurück nach Algerien führen.

Ihr "Vergehen" war es, aus Protest drei Wochen lang einen friedlichen Hungerstreik für das Rechts darauf, sich in dieser Welt frei zu bewegen und gegen das Festgealtenwerden (bis zu vier Jahren) in den Lagern von Mellila, abgehalten zu haben.

Die spanischen UnterstützerInnen spielen dezent zynisch auf ein Wetteifern zwischen dem Sozialisten Zapatero und dem italienischen Staatschef an, indem sie bemerken, "dass Zapatero heute mit 10 Deportationen gegenüber 0 der Koalition Berlusconi-Liga Norte, voraus liegt".

(Quelle: www.mellilafronterasur.blogspot.com/2008/06/ltimas-informaciones-sobre-la-brutal.html
www.mellilafronterasur.blogspot.com/2008_05_01-archive.html)
www.mellilafronterasur.blogspot.com

(Mit vielen Bildern, auch von Misshandlungen, die für sich sprechen...)

Zu Italien siehe auch:
 http://de.indymedia.org/2008/06/219232.shtml


Freie Übersetzungen und Zusammenstellung: tierr@
www.tierra.bloggospace.de
(work in progress)

Rassismus und menschenunwürdigen Bedingungen für migrantische ErntehelferInnen in Spanien:
Andalusien: Gemüsesklaven mit Zeitverträgen
www.de.indymedia.org/2008/02/20881.html
Apartheid ist "ein warmes Bett"/@
 http://de.indymedia.org/2007/01/167253.shtml
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Ergänzungen

Grenzabschottung in Mauretanien

http://oraclesyndicate.twoday.net 09.06.2008 - 20:20
Frontex mischt mit

Frontex? Das ist der derzeit „größte institutionalisierte Gegner“ in Europa. Hagen Kopp von der Initiative „kein mensch ist illegal“ spart nicht an Kritik. Am Mittwoch diskutierten in Berlin Aktivistinnen und Aktivisten aus der antirassistischen Bewegung über die Rolle der EU-Grenzschutzagentur und die Folgen der Abschottung Europas. Zu Gast war der mauretanische Menschenrechtsaktivist Amadou M'Bow.


M'Bow befindet sich auf Europa-Reise: Von Amsterdam bis Warschau berichtet er über die Abschottungsmaßnahmen an den EU-Außengrenzen. Er kommt von der Menschenrechts-organisation „Association Mauritanienne des Droits de l`Homme" (AMDH) und wird am Samstag vor der Frontex-Zentrale in Warschau protestieren. Eine „Protest-Belagerung“ soll es vor dem Hauptquartier der 2005 gegründeten Grenzschutzagentur geben, heißt es in dem Aufruf, den unter anderem das No-Borders-Netzwerk Polen unterzeichnet hat.


Um dafür zu mobilisieren hat die Polen-AG der Antirassistischen Initiative (ARI) in den Berliner Mehringhof geladen. Dort erzählte M'Bow von der Situation in Mauretanien, dem Staat mit knapp über 3 Mio. Einwohnern im nordwestlichen Afrika. Mauretanien grenzt an Mali und Senegal, von dort kämen auch die meisten Flüchtlinge, die versuchten, nach Europa einzureisen. Mauretanien sei für viele ein Transit-Land.


Frontex auf mauretanischer See: „Belagerungszustand“

„Die Migration ist so alt wie die Zivilisation selber“, so M'Bow. Er stelle sich die Frage, woher „diese Angst in Europa“ komme, dass zu „so einem Instrument wie Frontex gegriffen wird“. Spanien hat mit Mauretanien ein Grenzschutzabkommen geschlossen, daher sind (europäische) Frontex-Einheiten auf mauretanischer See legal im Einsatz. Aus dem Publikum kommt die Frage, ob man die Situation als „Belagerungszustand“ treffend beschreiben könne. Ja, dem könne er zustimmen, so M'Bow. Die seit der mauretanisch-spanischen Kooperation neu geschaffenen Abschiebelager seien allerdings kein „Guantanamo“, wie dies von anderen Kritikerinnen und Kritikern vorgeworfen wird.


Spanien stellt Mauretanien nicht nur das technische Abschottungs-Equipment zur Verfügung, die spanischen Behörden bildeteten inzwischen auch mauretanische Polizisten aus, berichtet M'Bow. Es könne nicht sein, dass spanische Militärs und Polizisten in einem souveränen Staat wie Mauretanien Grenzkontrollen duchführten. Er forderte ein Ende der Kooperation mit Spanien.


Internationale Anerkennung eingekauft

Das wäre seiner Meinung nach durchaus möglich: Der neue Präsident habe das Abkommen nicht geschlossen, daher gebe es noch „Hoffnung“, dass dieses aufgekündigt werde, wenn auf die Gefahren ausreichend hingewiesen werde. Wie es zu dem Abkommen kam? Dafür sieht M'Bow zwei entscheidende Gründe: Vor allem habe sich die mauretanische Regierung dadurch nach dem Staatsstreich ihre internationale Anerkennung eingekauft. Aber die Kooperation mit den Metropolen des Wohlstands habe auch dazu geführt, dass Mauretanien weniger Schulden abbezahlen musste. 2005 haben die G8-Staaten beschlossen, dem seit 2000 als hochverschuldet eingestuftem Land einen Teil der Schulen zu erlassen.

Das Kooperationsabkommen ermögliche es, dass kleine Boote von Frontex-Schiffen immer wieder nach Mauretanien zurückgeschickt werden und die Menschen in Abschiebelager gesteckt werden, berichtet M'Bow. Immer noch besser als die Praxis von Mauretanien: Ein Fall sei bekannt geworden, in dem Mauretanien durch Nichteingreifen dafür gesorgt habe, dass ein Schiff mit Flüchtlingen untergegangen sei. 30 Personen hätten dabei ihr Leben verloren.


Festnahmen auf Verdacht

Dies soll sich nun ändern, wenn es nach dem Innenministerium geht: Zumindest ist das die offizielle Rhetorik. Der oberste Sprecher des Ministeriums habe angekündigt, sich ab dem 1. Juni strikt an die Genfer Flüchtlingskonvention zu halten. Vielleicht hören dann die „Festnahmen auf Verdacht“ auf, wie sie M'Bow nennt. In manchen Fällen reiche das Tragen eines Benzinkanisters aus, um der illegalen Boots-Überfahrt nach Europa beschuldigt zu werden.


Mauretanisches Innenministerium: Strikte Einhaltung der Flüchtlingskonvention

Eine Aktivistin aus dem Publikum warf die Frage auf, ob man denn aus antirassistischer Perspektive überhaupt einen positiven Bezug auf die Genfer Flüchtlingskonvention nehmen könne, schließlich mache sie eine „Trennung auf zwischen richtigen und nicht richten Flüchtlingen“. Gemeint ist damit, dass die Konvention nur die Flüchtlinge anerkennt, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden. Wer aus Hunger, wirtschaftlicher Not oder anderen Gründen flieht, genießt nicht die Rechte. Außerdem äußerte die Frau aus dem Publikum die Vermutung, dass die offizielle Einhaltung der Konvention „Abschiebungen nach Mauretanien erleichtern“ solle. Die EU übe daher Druck auf andere Länder aus, das Abkommen zu unterzeichnen, das 1951 geschlossen wurde und als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg verstanden werden kann.


„Kein Grund, dagegen vorzugehen“

M'Bow reagierte auf den Einwand, indem er zugab, dass unklar sei, welches Interesse hinter der Verkündung seitens des Innenministeriums stehe. Er betonte jedoch, dass es in der Vergangenheit Fortschritte gegeben habe durch Deklarationen, auf die sich bezogen werden konnte: „Wir als zivilgesellschaftlicher Akteur versuchen die Einhaltung zu überwachen.“ Harald Glöde von den Veranstaltern sprang M'Bow zur Seite: Aus einer antirassistische „Grundposition“ heraus sei internationaler Flüchtlingsschutz zu befürworten. In Bezug auf die Erklärung des mauretanischen Innenministeriums gebe es „keinen Grund für irgendeine mauretanische Menschenrechts-Organisation, dagegen vorzugehen.“ Stattdessen sei es „unser Problem“, wie die EU das Abkommen nutzt.

Aber hat denn die Zusammenarbeit mit der EU gar keine positiven Effekte? Ein Aktivist aus dem Publikum wollte wissen, ob sich durch die Geldzahlungen der EU nicht die soziale Lage verbessert habe. Nach Einschätzung M'Bows ist dies keineswegs der Fall: Es gebe zwar NGOs, die sich um EU-Gelder bewerben – gar welche, die extra für diesen Zweck gegründet würden – aber das Geld, das bislang geflossen ist, sei „natürlich nicht angekommen bei der Bevölkerung“.


Perspektiven antirassistischer Vernetzung

Antirassistische Perspektiven wurden am Mittwochabend ebenfalls diskutiert: M'Bow erklärte, für dieses Jahr sei eine Konferenz geplant mit Vertreterinnen und Vertretern aus Mali, Senegal und der Elfenbeinküste; man wolle den Austausch und die Zusammenarbeit im antirassistischen Spektrum voranbringen. Auch das Sozialforum der Maghreb-Staaten stehe unter dem Motto „Ein Maghreb ohne Mauern“. In Deutschland werden die Diskussionsrunden eher auf dem antirassistischen Camp in Hamburg weitergeführt, das vom 15. bis zum 24. August stattfindet.

Aber zuvor geht es noch zur Zentrale der Grenzschutzagentur Frontex in Warschau. Dort findet eine antirassistische Konferenz statt, am folgenden Tag soll der Sitz von Frontex belagert werden. Das soll aber nicht alles sein. In dem Aufruf heißt es: „Machen wir den 6. Juni in Warschau zum powervollen Auftakt einer langfristigen transnationalen Kampagne gegen FRONTEX, gegen das Monster des europäischen Grenzregimes!“

Artikel auf:
 http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/4977048/