Rezension: Oberitalienische Seen

Hans-Jürgen Lutz 11.05.2008 19:53 Themen: Kultur
Kritische Besprechung von: Oberitalienische Seen (Eberhard Fohrer, E-Mail:  eberhard.fohrer@michael-mueller-verlag.de), 3. Auflage, 384 Seiten, kart., 172 Farbfotos und 26 Karten; 19,90 €; Michael Müller Verlag (www.michael-mueller-verlag.de; E-Mail:  info@michael-mueller-verlag.de); Gerberei 19, 91054 Erlangen. Tel. 09131 / 812808-0, Fax 09131 / 812808-60; ISBN 3-89953-404-7.
Gleich vorneweg sei festgestellt, daß dieses Reisehandbuch schnell wieder zum Muß für all jene Norditalien-Reisenden avancieren wird, die sich als Reiseziel die großen und kleinen Seen zwischen dem westlich gelegenen Lago Maggiore, dem Gardasee bis zu den östlichen Seen im Trentino (Lago di Caldonazzo, Lago di Molveno) und dem südtirolischen Bozen bzw. nach Venezien auserkoren haben. Nutzt man das gegenüber der vorletzten Ausgabe um 128 Seiten gewachsene Handbuch in Zusammenhang mit den vom Michael Müller Verlag angebotenen Reiseforen im Internet und weiteren Büchern des Verlags („Oberitalien“, „Gardasee“, „Friaul-Julisch-Venetien“, „Italienische Adriaküste“, „Italien“, usw. ), ist man schier umfassend informiert und bestens für die Reise nach Norditalien gerüstet.

Eberhard Fohrer, anerkannter Italienkenner, Fotograf und "Verlagsautor der ersten Stunde" erklärt einleitend allerlei grundlegende Reisepraxis ("Wissenswertes"), am Schluß des Handbuchs ergänzt um einige wichtige italienische Vokabeln und Redewendungen - dazwischen findet sich der eigentliche und reichhaltige Inhalt, eine regelrechte Schatztruhe.

Beginnend mit dem Kalterer See (Lago di Caldaro), der Vorstellung der südtiroler Stadt Bozen, geht es über den algengrünen Lago di Santa Croce nach Belluno bis zum norditalienischen Osten - insgesamt 52 (!) an der Zahl.

Es folgt eine breite Beschreibung des Gardasees, seiner wichtigsten Städte und der Umgebung (82 Seiten) - auch hier jeweils mit den fast immer gut recherchierten Rubriken Anfahrt, Information, Übernachtungsmöglichkeiten sowie u.a. die ständige Rubrik „Essen & Trinken“. Obwohl der Michael Müller Verlag erfreulicherweise ein gesondertes Handbuch über den Lago di Garda (sowie über Oberitalien) herausgebracht hat, ist hier trotz eingeschränkten Platzes die seinerzeitige Verhaftung Goethes in Malcésine kurz beschrieben. Die erwähnten Übernachtungsmöglichkeiten reichen von Drei- und einigen Vier-Sterne-Hotels bis zur ruhigen Villa Nadia (1*), auch Campingplatzangaben sind verzeichnet. In einer späteren Neuauflage lassen sich vielleicht noch die in der Nähe des Südufers gelegenen Laghetti di Sovenigo (Richtung Padenghe, Desenzano, Puegnago) beschreiben – ein auch für Einheimische beliebtes Ausflugsziel.

Nicht fehlen sollte vielleicht auch der Laghetto Pertus mit der guten und trotzdem preiswerten Übernachtungsmöglichkeit des in dieser Landschaft unvermutet riesigen Albergo Tesoro (Forcella Alta; Passo del Pertus bzw. Colle di Sogno). Eine hervorragende Karte für dieses Gebiet hat die Stadtverwaltung von Calolziocorte herausgegeben.

Noch im Trentino, an der Westgrenze zur Lombardei, befindet sich der Ledrosee (Lago di Ledro) mit seinen berühmten Pfahlhütten (Nachbauten). Allerspätestens hier werden dem Wanderer unzählige kleine, etwa zwei Meter hohe Hütten aus Holz, Beton oder Blech auffallen, die mit Sehschlitzen versehen sind. Es handelt sich um Capanni (Schießhütten; caccia al capanno = Tarnhüttenjagd), die für die anachronistische Vogeljagd errichtet wurden und meist schon aus geraumer Entfernung durch an Bäumen befestigte Querstangen und typischen Palmone (tote, oben aufgefächerte Bäume, die über die natürliche Baumgrenze hinausragen, „Krähenfüße“) zu erkennen sind. Diese Schande für ein EU-Land wie Italien bleibt in Fohrers Buch leider durchgängig ausgespart, wohl aus falscher Rücksichtnahme (der Rezensent sprach Fohrer und Müller in Frankfurt mal auf dieses Problem an; es bleibt zu hoffen, daß diese Unterredung in den späteren Auflagen Niederschlag findet).

Speziell am Lago d'Idro (in Vesta am nordöstlichen Ufer befindet sich eine äußerst günstige Übernachtungs- und Ferienwohnungsmöglichkeit bei Elda Marageter) und erst recht am Lago d'Iseo (z.B. Pisogne, Richtung Monte Guglielmo) gibt es außer den zahlreichen Schießhütten sogar noch mehrere golfplatzgroße und "scharfe" Vogel-Großfanganlagen (Roccoli), die auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben dürften (mit Text und Foto), zumal sie manchmal unübersehbar sind und der Tourist ob dieses ungewöhnlichen Naturmonuments staunt, sich aber keinen Reim drauf machen kann. Und der Rezensent findet zusätzlich mit seinen Mitstreitern in dieser eigentlich wunderschönen Landschaft fast alljährlich die streng verbotenen Bogenfallen (Archetti) zum Fang von Rotkehlchen und Blaumeisen! Der meist überraschte Tourist bzw. Wanderer sollte unbedingt wissen, wie es sich damit verhält (und was er selbst gegen die Vogeljagd unternehmen kann: siehe z.B.  http://symposium.abschaffung-der-jagd.de/2002/Hans-Juergen_Lutz_Vogelmord.html ). Der Verfasser dieser Rezension ist gerne dazu bereit, einen geeigneten Text (auch in Form eines Pop-up-Fensters) zu diesem Thema für eine Neuauflage zu liefern. Und der Lago d'Endine, die Franciacorta, das nördliche Valcamonica und das Valle Brembana sind geradezu berüchtigt, was das Ausmaß der grausamen Vogeljagd bzw. des Vogelmordes und des anachronistischen Vogelfangs betrifft.

Eine vielseitige Stadt, wie sie Bergamo darstellt, knapp und trotzdem gut zu beschreiben, grenzt an die Quadratur des Kreises. Fohrer allerdings hat dieses Problem geradezu glänzend auf acht Seiten gelöst. Interessanterweise ist auch anzumerken, daß der Autor ein leider immer noch typisches bergamaskisches oder überhaupt lombardisches Gericht, nämlich Polenta con uccelli bzw. Polenta osei (Maisbrei mit Vögeln, z.B. Singdrosseln), unerwähnt läßt - mutmaßlich deswegen, um schlimme Begehrlichkeiten gar nicht erst zu wecken.

Ziemlich am Schluß des Buches findet sich die Beschreibung des märchenhaften Comer Sees und seiner Umgebung. Mittlerweile hat Fohrer nicht nur das Seidenmuseum erwähnt, sondern auch das wichtige Technik- und Naturwissenschaftsmuseum in der Viale Marconi, welches hauptsächlich Alessandro Volta gewidmet ist. Der berühmte Volta ist nicht nur in Como geboren, sondern auch gestorben - und einen Berühmteren als ihn hat die Stadt niemals hervorgebracht! Nett aber, daß die Seilbahn hoch nach Brunate erwähnt ist. Aber statt "den beschwerlichen Weg zur Seilbahn zurück zu nehmen", empfiehlt der Autor, eines der schönen Zimmer im "Falchetto" (DZ ca. 75 Euro) zu nehmen. Doch es geht auch anders: Wandert (oder fährt) man den Monte Boletto (1236 m) immer höher, gibt es noch das frisch renovierte "Capanno C.A.O." (der alternative Guiseppe ist zwar gestorben, doch es gibt einen neuen Pächter) und noch weiter oben die "Baita Carla" - wesentlich preiswertere Übernachtungsmöglichkeiten. Und wenn man Glück hat, ist die „Baita Bondella“ und die fast am Gipfel gebaute "Baita Boletto" offen (beliebter Treffpunkt der Vogeljäger), von der man einen wunderbaren Ausblick hat. Wer Zeit hat und die kleinen Wege und Pfade entlangstreift, wird auch und gerade hier fast überall funktionsfähige und zum Teil unbrauchbar gemachte Schießhütten inkl. der dazugehörigen Querstangenschußanlagen ("caccia al capanno") finden. Wanderer und Touristen benötigen auch hier unbedingt Aufklärung!


Zusammenfassend kann ohne Übertreibung behauptet werden, daß Fohrers Handbuch über die Oberitalienischen Seen ein liebevolles und sehr fundiertes Detailwissen aufweist, an welchem gerade der Individualreisende nicht vorbeikommt. Es wird dazu beitragen, das Wissen über einen Großteil Norditaliens hervorragend zu erweitern, und wenn in Neuauflagen die beschriebenen Ergänzungen berücksichtigt werden, sind die zu erwartenden ersten Reiseführer-Preise noch mehr berechtigt!
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Ergänzungen

weg damit!

egal 12.05.2008 - 20:06
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