Polizei reißt Wohnhäuser in Cañada Real ab

Sira 23.04.2008 14:21 Themen: Repression Weltweit
In dem Madrider Stadtteil Cañada Real hat die Polizei unter massiven Einsatz sieben Häuser abgerissen, in denen etwa 20 Familien lebten. Es wurde ihnen nicht einmal die Möglichkeit gegeben ihre Sachen zu packen. Nach dem Abriss haben die Menschen ihre Kleidung und Wertgegenstände aus den Trümmern gesammelt. Für die Familien werden Notunterkünfte organisiert.

In Cañada Real leben hauptsächlich Immigranten und die Siedlung gilt als ilegal, wenngleich die Menschen auch Steuern zahlen. In den letzten 25 Jahren hat das jedoch kaum jemanden gestört, allerdings gibt es nun spekulative Interessen, denn der Boden in Madrid ist teuer und mit der Aktion soll wohl auch gezeigt werden, welchen Stellenwert Immigranten hier haben.
Stell dir vor, du kommst nach Hause und dein Haus ist nicht mehr da... Genau das ist ungefähr 20 Familien im Madrider Stadtteil Cañada Real (ca. 3000 Einwohner) am Dienstag (22.04.08) widerfahren. Etwa 400 Polizisten mit Helmen, Schilden, Schlagstöcken und Tränengas ausgerüstet haben die Häuser geräumt und das Viertel komplett abgesperrt. Dann wurden mindestens sieben Häuser mit Bulldozern eingerissen, ohne dass die Menschen, die dort leben, ihre Sachen packen konnten. Die Leute kamen von der Arbeit, die Kinder aus der Schule und ihr Haus ist nur noch ein Trümmerhaufen... Am Nachmittag haben die Menschen Kleidung und Wertsachen aus den Trümmern gesammelt. Die Familien wurden vorläufig in Notunterkunften oder bei Freunden, Bekannten etc untergebracht.

Einige wenige Akivisten und Einwohner des Viertels versuchten durch Sitzblockaden den Abriss zu verhindern, wurden jedoch sehr schnell von der Poliezi „geräumt“. Insgesamt gab es jedoch keine gewalttätigen Ausschreitungen.

Zudem war die Polizei und auch die Guardia Civil den ganzen Tag über in dem Viertel präsent. Es wurden Straßenkontrollen und auch Polizeikontrollen in Bussen des öffentlichen Nahverkehrs in Richtung Cañada Real durchgeführt. Bisher ist auch noch unklar, inwiefern die gesamte Aktion überhaupt eine rechtliche Grundlage hat. Für einige der abgerissenen Häuser gab es eine Art Räumungsbescheid, aber längst nicht für alle und auch das Betreten der Häuser durch die Polizei erfolgte ohne richterlichen Beschluss.

Cañada Real ist ein Viertel im Süden Madrids, in dem hauptsächlich Immigranten leben, wohl auch viele ohne Papiere, was ein juristisches Vorgehen gegen die Aktion enorm erschwert. Für Ausländer, gerade afrikanischer oder arabischer Herkunft ist es sehr schwer legal eine Wohnung zu bekommen, weil die Vermieter rassistische Motive haben. Manche suchen jahrelang vergebens nach einer Wohnung. In Cañada Real haben sich die Menschen ihre eigenen Häuser gebaut und in den letzten 25 Jahren hat das auch niemanden sonderlich gestört. Die Siedlung gilt als ilegal, jedoch zahlen die Menschen auch Steuern (impuestos de vivienda).

Im Oktober des vergangenen Jahres hat es bereits eine solche Aktion gegeben, woraufhin es Straßenschlachten und später legale Demos gab. Anlass des massiven und brutalen Polizeieinsatzes sind wohl vor allem zwei Gründe:
- erstens sind die Grundstückspreise in Madrid sehr hoch, da die Stadt enorm schnell wächst, also ist auch der Boden begehrt, auf dem gerade eben diese Menschen sich ihr Zuhause geschaffen haben, dort sollen schicke Häuser gebaut werden für die Leute, die Geld haben,
- zweitens ist die spansiche Politik und Verwaltung, wie auch die der EU nicht gerade sehr aufgeschlossen gegenüber Immigranten. Damit soll wohl einmal mehr gezeigt werden, welchen Stellenwert sie hier haben. Bienvenido en Europa!

Am Nachmittag gab es eine Versammlung in Cañada Real um darüber zu diskutieren, was unternommen werden soll. Die Stimmen, die eine Verhandlung mit der Kommunalregierung (Izquierda Unida) anstrebten waren deutlich in der Minderheit, denn es ist klar, dass die Polizeiaktion eben von dieser angeordnet oder zumindest gebilligt wurde. Auf Solidarität von den Nachbarn aus Rivas hofft man jedoch vergeblich, denn auch ihnen ist die Siedlung vor der Haustür ein Dorn im Auge.

Es wird heute eine Demo im Stadtzentrum geben (Cibeles, 17 Uhr), die allerdings noch nicht autorisiert wurde, und die Menschen der Cañada Real wollen sich zusammenschließen, denn sie haben Angst, Angst davor, dass morgen wieder Bulldozer vor der Tür stehen und auch sie am Nachmittag ihre Sachen aus den Trümmern sammeln müssen.

Hier noch ein paar Links mit Fotos und Videos:
 http://www.elpais.com/articulo/espana/Derribadas/edificaciones/Canada/Real/elpepuespmad/20080422elpepunac_5/Tes
 http://madrid.indymedia.org/ (spanische Seite von Indymedia)
 http://www.publico.es/espana/073205/atrincherados/canada/real

vom Oktober:
 http://www.publico.es/espana/007881/batalla/campal/desalojo/poblado/chabolista/madrid
(Titel sagt alles: Palästina nur 20 Min vom Stadtzentrum entfernt)
 http://www.publico.es/agencias/EFE/010766/trescientos/vecinos/canada/real/marchan/solucion/dialogada/conflicto
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Lena 23.04.2008 - 22:14

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