Biosprit - Verbrechen gegen die Menschheit

Ralf Streck 17.04.2008 12:04 Themen: Globalisierung Weltweit Ökologie
IWF und die Weltbank sind besorgt, dass die steigende Zahl von Hungernden die politische Stabilität vieler Länder gefährdet. Den Auftakt bildeten die starken Proteste vor gut einem Jahr in Mexiko, als die Preise für Mais so stark stiegen, dass sich viele Menschen ihre Tortillas kaum noch leisten konnten. Doch derzeit kommt es in vielen Ländern zu Aufständen und Protesten, wegen steigender Lebensmittelpreise. In Haiti führten die Hungerunruhen der letzten Tage zur Absetzung des Ministerpräsidenten, in Ägypten mündete ein Generalstreik in heftige Zusammenstöße mit der Polizei. Proteste gibt es auch schon in Bangladesh, Philippinen und Indonesien und in etlichen afrikanischen Ländern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank warnen, die Hungerrevolten könnten die politische Stabilität vieler Länder gefährden. Dabei ist der IWF für die fatale Situation mitverantwortlich, kritisiert der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung deren Politik und er nennt die Erzeugung des so genannten Biosprit ein "Verbrechen gegen die Menschheit".

Mehr: Hungerrevolte und Ernährungskrise (18.04.)
"Sieben verlorene Jahre" bei der Hungerbekämpfung drohen wegen der hohen Nahrungsmittelpreise. Darauf wies der Weltbankchef Robert B. Zoellick beim gemeinsamen Frühjahrstreffen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington hin. "Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können", sagte Zoellick auf der Konferenz am Sonntag. Tatsächlich werde der Überlebenskampf für viele Menschen von Tag zu Tag schwieriger, weil die Ärmsten schon jetzt den mehr als 75 % des Einkommens für Nahrung ausgeben müssten.

Und die Entwicklung, die Zoellick für die Nahrungsmittelpreise aufzeigte, ist für viele arme Menschen tödlich. Nach dem Bericht "Rising Food Prices: Policy Options and World Bank Response" (pdf, 137kb) hat sich der Preis für Weizen in den letzten drei Jahren fast verdoppelt, obwohl soviel wie niemals zuvor produziert wird. Der Reispreis habe einen neuen historischen Höchststand erreicht und sei allein in den letzten zwei Monaten um etwa 75 % angestiegen. Die Preise für Nahrungsmittel seien allgemein in den letzten drei Jahren um 83 % in die Höhe geschossen.

Nach Schätzungen drohten weitere etwa 100 Millionen Menschen ins Elend abzurutschen, resümiert Zoellick, die zu den 850 Millionen Hungernden hinzukämen. Die Weltbank hat inzwischen eine Liste mit 33 Ländern aufgestellt, in denen gewaltsame Unruhen drohten, wie sie sich schon jetzt etwa schon in Haiti, Ägypten und Bangladesch und vielen anderen Ländern entladen.

In Haiti hatten sich die Unruhen bisher am weitesten entwickelt. Mindestens fünf Menschen wurden derweil bei den Protesten erschossen. Inzwischen hat das Parlament in Port-au-Prince den Ministerpräsidenten Jacques Edouard Alexis abgesetzt, der für den Preisanstieg verantwortlich gemacht wurde Zuvor hatte Präsident René Préval eine Preissenkung für Reis um 16 Prozent angekündigt hatte. Berichte von Hunger-Protesten kommen auch aus Ägypten, Burkina Faso, Kamerun, Elfenbeinküste, Senegal, Mauretanien, Äthiopien, den Philippinen, Indonesien und Pakistan.

Zu starken Protesten kommt es auch in Bangladesh, wo die Polizei die Reislager schützen muss. Bei einer Demonstration gingen am vergangenen Samstag in der Hauptstadt in Dhaka Spezialeinheiten der Polizei gegen Demonstranten mit Tränengas, Schlagstöcken und Warnschüssen vor. Hungernde Arbeiter hatten damit begonnen, die Geschäfte zu plündern. Ähnliche Vorfälle werden auch aus anderen Städten des Landes gemeldet.

Für den IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn braut sich eine gefährliche Lage zusammen. Viele Länder würden instabil, wenn die Nahrung so teuer bleibe wie bisher. "Es ist nicht nur eine humanitäre und wirtschaftliche Frage, sondern auch eine, die die Demokratie betrifft", sagte der IWF-Chef. Die hohen Preise zerstörten nicht nur die Wirtschaft von Staaten, sondern darüber werde auch die politische Verfasstheit dieser Länder bedroht.

Strauss-Kahn sagte, Mitarbeiter im gemeinsamen Entwicklungsausschuss von IWF und Weltbank bezeichneten die Herstellung von so genanntem Biosprit aus Nahrungsmitteln schon als eine "Verbrechen gegen die Menschheit". Einer der seit langer Zeit vor dieser Entwicklung warnte, ist Jean Ziegler. Auch der Schweizer UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung benutzt eine deutliche Sprache.

Was sich in vielen armen Ländern entwickelt, sei der Auftakt für eine Epoche von intensivsten Konflikten, meint Ziegler: "Das sind Aufstände der nackten Verzweiflung von Menschen, die um ihr Leben fürchten und von Todesangst geplagt auf die Straße gehen." Als einen Faktor für die Entwicklung nennt auch er die Produktion von Treibstoffprodukten. Allein die USA hätten die Herstellung von Biosprit im vergangenen Jahr mit sechs Milliarden US-Dollar subventioniert, um vom Öl unabhängiger zu werden. "Die Bio-Treibstoff-Fabrikation heute ist ein Verbrechen gegen die Menschheit", resümiert auch Ziegler.

Zur Umwandlung von hunderten Millionen Tonnen von Mais, Getreide, Reis in Treibstoffe sei ein "Primärfaktor", zu dem weitere Faktoren hinzukämen. Da sei vor allem die Spekulation an den Börsen zu nennen. Ein Effekt der Finanzkrise, ausgelöst durch die platzende Immobilienblase in den USA, sei, dass sich das Spekulationskapital neue Anlageformen gesucht hätte und auf die Nahrungsmittel gestoßen sei, was verschärfend auf die Preisentwicklung wirke.

Doch Ziegler macht auch den IWF für das "Massaker" verantwortlich. Der IWF hätte über seine Strukturanpassungsprogramme viele arme Länder gezwungen, Baumwolle, Kaffee, Kakao und andere Produkte einer hoch industrialisierten Landwirtschaft anzubauen, damit sie diese auf dem Weltmarkt verkaufen und aus den Erlösen ihre Kredite bedienen zu können. Das sei zu Lasten der Nahrungsmittelsouveränität gegangen.

Er fordert deshalb, dass die Politik des IWF radikal umgestaltet wird. Das Geld müsse künftig in Agrarprojekte fließen, die Kleinbauern und die Selbstversorgung der Menschen, fördert. Dazu müsse auch die Europäische Union ihr Agrar-Dumping stoppen, fordert er: Die EU finanziere den Export von Agrarüberschüssen und ruiniere damit zum Beispiel die afrikanische Landwirtschaft. "Denn heute können Sie auf jedem afrikanischen Markt deutsches, französisches, belgisches Gemüse zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises gleichwertiger einheimischer Produkte kaufen."

Die internationale Spekulation auf Nahrungsmitteln müsse ebenfalls gestoppt werden. Heute könne man mit nur fünf Prozent Eigenkapital ganze zukünftige Ernten kaufen. Wenn diese Grenzen auf Eigenkapital auf 30 oder 40 Prozent angehoben würden, wäre das Spekulationsrisiko größer, weshalb die Spekulationen sich wenigstens verlangsamen würden.

Der IWF und die Weltbank hatten dazu aufgerufen, dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (UNO) umgehend 500 Millionen Dollar (320 Millionen Euro) zur Verfügung zu stellen. Die Weltbank will ihre Mittel zum Ausbau der Landwirtschaft in armen Ländern zudem von 800 Millionen Dollar auf eine Milliarde Dollar aufstocken. Doch ein falscher Einsatz der Gelder birgt ebenfalls die Gefahr, die Abhängigkeiten nur noch weiter zu verstärken.

So fordert Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Welthungerhilfe eine Trendwende in der Entwicklungspolitik. "Es müssen mehr Mittel für Landwirtschaft, für ländliche Entwicklung zur Verfügung gestellt werden, damit Straßen gebaut werden können, damit landwirtschaftliche Beratung erfolgen kann, damit Bewässerungssysteme gebaut werden". Die Desinvestition in die Landwirtschaft müsse umgekehrt werden. Von einst 20 % der Entwicklungshilfe würden heute dafür nur noch 3 - 4 % eingesetzt. "Das ist viel zu wenig, um diese Quelle der Ernährung vieler, vieler Menschen voranzubringen".

Er warnte auch vor einer künstlichen Verbilligung von Lebensmitteln als Reaktion auf die Nahrungsmittelkrise. Das führe nämlich dazu, dass der kleine Anreiz, der von höheren Lebensmittelpreisen auf die Landwirtschaft ausgeht und auch die Regierungen zum Umdenken zwingt, verloren gehe. "Kurzfristig müssen Menschen über Beschäftigungs- und Sozialprogramme in die Lage versetzt werden, sich Lebensmittel zu kaufen".

© Ralf Streck, den 17.04.2008
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Ergänzungen

„Biosprit macht Hunger“

Radio Dreyeckland 17.04.2008 - 14:31
Mit der Aktion „Biosprit macht Hunger“ protestiert das INKOTA-netzwerk gegen die starre Haltung von Bundesumweltminister Gabriel, der an der Ausweitung der Biokraftstoffnutzung festhält. Weltweit gibt es immer mehr Belege dafür, dass die Förderung der Agrokraftstoffproduktion nicht nur aus umweltpolitischen Erwägungen höchst zweifelhaft ist, sondern auch in erheblichem Maße für die aktuelle globale Hungerkrise aufgrund von Nahrungsmittelpreissteigerungen verantwortlich ist. Doch Gabriel schwört weiterhin, dass dies alles nichts mit seiner Biospritpolitik zu tun habe und will die Zwangsbeimischung von Biodiesel in den nächsten Jahren weiter erhöhen. Mit Protestpostkarten und Großbanner-Aktionen will INKOTA den Umweltminister zum Kurswechsel bewegen.

Radiobeitrag:
 http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=22013

Auch eine Chance

sandankoro 17.04.2008 - 15:15
Bislang mussten die Bauern in den meisten Laendern dieser Welt gegen eine Uebermacht aus hochsubventionierten und hochgeruesteten Agrarunternehmen aus Europa, den USA und Canada sowie Laendern wie Brasilien, Argentienien und Australien anarbeiten. Durch die Subventionen auf die Produktion und Transporte von Milchpulver, Weizen, Kartoffeln, Mais etc, war die einheimische Landwirtschaft kaum konkurrenzfaehig. So dramatisch also nun die steigenden Lebensmittelpreise fuer die Bevoelkerung der Staedte in Afrika, Asien und Suedamerika ist, so eine grosse Chance bietet sich auch lokalen Bauern, die endlich die Moeglichkeit haben, realistische und kostendeckende Preise fuer ihre Produkte zu bekommen. Enorme landwirtschaftliche Flaechen wurden in den letzten Jahrzehnten gar nicht oder nur extensiv genutzt, das wird sich jetzt aendern, insofern liegt in der derzeitigen Krise auch die Chance fuer viele arme Bauern auf Entwicklung und ein besseres Leben. Das viele diesen apprupten Sprung nicht alleine taetigen koennen ist klar und dementsprechend sind verstaerkte Hilfsangebote und Zugang z.B. zu kleinen Maschinen, besseren Lagerungs- und Transportmoeglichkeiten, eine bessere internationale Infrastruktur etc. unerlaesslich.

In der Krise liegt immer auch eine Chance, nun bleibt abzuwarten, wer die Moeglichkeiten hat diese Chance zu nutzen.

vergesst dabei nicht

ruepelstimmchen 18.04.2008 - 00:52
den verbrauch anderer rohstoffe.

um z.b. aus 400 kg mais 100l bioethanol zu erstellen
braucht es ca. 5000l sauberes wasser ( trinkwasser )
und auch strom.

damit sieht die ökobilanz ziemlich mies aus. für
alle, nicht nur die dritte welt.

ask schweiz-kolumbien

antonia 18.04.2008 - 03:46
Auch in Kolumbien zeichnen sich durch den Bioenergieboom grosse Probleme ab. Kolumbien steht heute mit etwa 350'000 Hektaren Palme an 4. oder 5. Stelle weltweit bezüglich Anbaufläche. 2004 wurden 35% des Palmöls exportiert, obwohl ein Produktionsdefizit von pflanzlichen Ölen besteht und das Land 23% des Gesamtkonsums importieren muss. Gleichzeitig besteht ein Defizit an Dieselöl und es müssen mehrere Tausend Fass täglich importiert werden. Die Biodieselproduktion aus Palmöl soll diesen Importbedarf2 reduzieren, aber auch Exportmärkte erschliessen. Die gesetzliche Grundlage dazu besteht, und auch mehrere Sonderwirtschaftszonen für die Biodieselproduktion sind geplant. Seit der
Regierung Pastrana wird deshalb die massive Expansion der Anbauflächen gefördert und unter Uribe wurde die Ölpalme zu einem der wichtigsten Agrarprodukte und deren Förderung quasi zur Staatspolitik erklärt. Uribe spricht von einer Ausdehnung der Anbaufläche auf 3 oder gar 9 Mio Hektaren. Beim aktuellen Dieselkonsum wären für B10 etwa 100'000 Hektaren Ölpalme notwendig. Langfristig wird eine Zugabe von 30% Biodiesel geplant.
Dadurch würden dem Palmenanbau und der Biodieselproduktion nicht nur ein Grossteil der
heutigen landwirtschaftlich genutzten Fläche geopfert, sondern auch grosse Urwaldgebiete v.a. an der Pazifikküste verloren gehen. Die staatlichen Fördermassnahmen enthalten heute vielfach perverse Anreize, in dem sie z.B. die Abholzung fördern. In Kolumbien ist die Ernährungssouveränität seit der wirtschaftlichen Öffnung ab 1990 gefährdet: der
Import von Nahrungsmitteln hat sich zwischen 1990 und 2000 verachtfacht, 3 bis 5 Millionen Hektaren gutes Ackerland dienen lediglich der extensiven Viehzucht und der Spekulation. Kommt es zur Ratifizierung des Freihandelsabkommens mit den USA, wird sich dieser Prozess weiter verschärfen. Uribe sieht in der Ölpalme und in der Produktion von Biodiesel eine Chance, dieses Brachland wieder zu bestellen. Tatsächlich werden grosse Flächen von Landwirtschaftsland ungenügend genutzt, welches für den Anbau von Ölpalmen geeignet ist. Ein bedeutender Teil dieses Landes gehörte aber Bauern, die durch den internen Konflikt vertrieben wurden und auf die Rückgabe ihres Besitzes warten. Der Vertreibungsdruck geht aber auch heute noch weiter, und die Regierung Uribe versucht, einen gigantischen Landraub zu legalisieren. Das Land in den Händen der paramilitärischen Anführer und der Drogenhändler soll für wirtschaftliche Projekte zur Wiedereingliederung der demobilisierten
Kämpfer verwendet werden, z.B. für Ölpalmen. Den Landlosen, den Vertriebenen und den verarmten Kleinstbauern offeriert Uribes Agrarpolitik Arbeit in den Palmplantagen. Die Vertriebenen sollen Angestellte werden von Verursachern schwerster Menschenrechtsverletzungen! Während die staatliche Agrarpolitik einige Cash crops und mehrjährige Plantagen wie Kautschuk, Zitrusfrüchte, Gentech- Baumwolle und eben Ölpalme unterstützt, hat die vorwiegend von Kleinbauern betriebene Nahrungsmittelproduktion kaum staatliche (Finanz-) Unterstützung. Landarbeitergewerkschaften beklagen auf vielen Plantagen sehr schlechte Arbeitsbedingungen: die Arbeit ist gefährlich, der Umgang mit Pestiziden nachlässig, die Sozialversicherungen ungenügend und der Lohn kläglich. In verschiedenen Plantagen werden die Arbeiter z.T. nicht in Bar entlöhnt, sondern
mit Gutscheinen für den plantageneigenen Laden. Die Gewerkschaften der Palmarbeiter gehören zu denjenigen, die am stärksten verfolgt und in gewissen Landesgegenden vollständig ausgerottet wurden. Dutzende von Gewerkschaftern wurden durch Paramilitärs und Auftragskiller ermordet, der Verband der Palmenpflanzer gilt als einer der Wirtschaftsverbände – zusammen mit den Bananenexporteuren und den Viehzüchtern – die am stärksten den Aufbau paramilitärischer Strukturen mitgetragen haben.

Preise

milan 19.04.2008 - 19:02
"Denn heute können Sie auf jedem afrikanischen Markt deutsches, französisches, belgisches Gemüse zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises gleichwertiger einheimischer Produkte kaufen."

Kann mir das jemand erklären? Das heißt auf afrikanischen Märkten wird einheimisches Gemüse für den doppelten Preis von europäischem Gemüse verkauft? Wer kann sich denn das bitte leisten? Oder wird das exportierte europäische Zeug in Afrika viel billiger als in Europa selbst angeboten?

Subventionspolitik

Beispieler 20.04.2008 - 19:25
die USA und die Europäische Union zerstoeren mit ihrer Subventionspolitik die Existenz vieler Bauern in den ärmeren Ländern.

Ein anschauliches Beispiel aus der Sueddeutschen Zeitung:  http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/334/169840/

Südeuropäische Konzerne exportieren Tomatenmark-Dosen nach Ghana und verkaufen sie dort für rund 29 Cent. Ghanaische Hersteller müssen die Dose für 35 Cent anbieten, wenn sie von dem Geschäft leben wollen. Weil sie teurer verkaufen als die Europäer, werden sie vom Markt verdrängt. Die Europäer könnten sich den niedrigen Preis leisten, weil die EU die Tomatenproduzenten jährlich mit 380 Millionen Euro unterstütze, erklärt Mari. Außerdem erhielten die Firmen für einen Teil der Exporte eine Subvention von 15 Cent pro Kilo, wenn sie den Überschuss, den sie in der EU nicht absetzen können, außerhalb Europas verkauften. Insgesamt exportieren die Europäer jährlich 400.000 bis 500.000 Tonnen ihrer Produktion von elf Millionen Tonnen. Für 135.000 Tonnen bekommen sie die Exportvergütung.

"Die Subventionen führen dazu, dass das Tomatenmark aus der EU um die Hälfte billiger angeboten werden kann, als es die Herstellungskosten erlauben", sagt Mari. Mit anderen Worten: Ohne Subventionen müssten die EU-Bauern für die Tomatenmark-Dose in Ghana 58 Cent verlangen. Die ghanaischen Hersteller wären mit 35 Cent deutlich im Vorteil. Seit 1998 ist der Import von Tomatenmark aber um 650 Prozent auf 24.740 Tonnen gestiegen. Größtenteils stammt das Tomatenmark aus der EU.

Dass das nicht sein muss

Ralf 21.04.2008 - 13:05
Zeigt sich auch am Beispiel Bolivien:  http://de.indymedia.org/2008/04/214196.shtml

Agrartreibstoffe aus Hanf?

Nachtschattenreich 21.04.2008 - 14:10
Biosprit, das heißt heute normalerweise entweder Speiseöle oder Stärke- und Zuckerprodukte (Glukose), welche dann in der Nahrungskette fehlen. Unverdauliche Zellulose (Faserstoffe, Holz, Papier) können beim gegenwärtigen Stand der Technik lediglich in großen Industrieanlagen verflüssigt werden. Könnte der Hanf das ändern?

Interview mit S. Reiner (Regenwaldinstitut Freiburg) im Nachtschattenreich-Podcast Ausgabe 3.

zwei Broschüren zum Thema

Entdinglichung 21.04.2008 - 17:12
zwei lesenswerte Veröffentlichungen des "Transantional Institute" dazu: Agrofuels. Towards a reality check in nine key areas und Paving the way for Agrofuels. EU policy, sustainability criteria, and climate calculations (beides pdf-Dateien)

re: Hanf als rohstoff

NoR 22.04.2008 - 17:38
Es ist prinzipiel möglich auch hanf zu Biosprit zu verarbeiten, bzw. aus den ölhaltigen
Samen Treibstoff herzustellen. Das Problem ist leider auch, dass für den Anbau Ackerfläche genutzt werden müsste, die dann nicht mehr der Lebensmittelproduktion zu verfügung steht.
Es entsteht also das gleiche Problem, wie wenn Mais oder Palmöl verwendet wird.
Sorry, aber Hanf kann ja auch nicht bei allen Problemen die Lösung sein ;)

Paraguay

globi 22.04.2008 - 23:48
Dieser Bericht ist wohl eine Erklaerung fuer den Wechsel in Paraguay.

 http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/863813.html

Re: Hanf

Nachtschattenreich 23.04.2008 - 17:35
Wenn Hanföl zu Biodiesel verarbeitet wird dann entfällt es als Speiseöl. Im Gegensatz zur Ölpalme kann Hanf in den gemäßigten Klimazonen angebaut werden, und dort auch auf für den Maisanbau ungeeigneten Grenzertragsflächen, mit wesentlich weniger Chemie als Raps und am besten in Fruchtfolge mit standortüblichen Lebensmittelpflanzen.

Was die Zelluloseverflüssigung allerdings nicht leisten kann, ist ein simples "weiter so" nach dem Motto "Erdöl raus, Hanf rein." Aber wer so weit weg von der Realität denkt dem kann durch innerliche Anwendung geholfen werden. ;) Davon mal abgesehen ist der Planet immer noch groß genug um alle sattzumachen.

gescheite abfolge

Ackergau 26.04.2008 - 18:58
In der Ernteabfolge; mit Unterbrechungen für eine Erholung des Bodens,
entsteht Brachland, und das wurde lange Zeit in Europa hoch subventioniert.
Logischerweise, denkt man, lässt man dort stattdessen einfach etwas wachsen, das wenig aufwand bruacht und für den Boden genauso gut oder besser(;) ist als Brache.
Dann kommt geld in die Kasse, der Staat spart Subventionen, und die Ölmühle oder Verwerter von nebenan (Biogas o.s.) zahlt moderaten Preis weil er weiterverarbeiten tut, was ohne viel Aufwand wachsen durfte, da es ja auch der Bodenerholung nutzen sollte, und nie als Nahrungsnittel gedacht war.
Zudem auf einer Fläche, die sonst Leer gestanden hätte.

Relativ schnell, haben damals aber Firmen angefangen über die Palmenplantagen zu reden und zu planen, wahrscheinlich um Flächen zu nutzen die eh gerodet wurden, oder noch werden sollten.

andere Möglichkeiten

elfboi 30.04.2008 - 00:14
Man kann auch anders flüssige Treibstoffe gewinnen... man kann alle möglichen organischen Abfallstoffe (organisch im Sinne der organischen Chemie, also nicht nur Stroh, Holzreste, Tierkadaver und landwirtschaftliche Abfälle, sondern auch alte Autoreifen, Plastikmüll etc.) unter hohem Druck und bei hoher Temperatur thermisch zersetzen, wobei ein künstliches Rohöl entsteht, welches genau wie natürliches Rohöl weiterverarbeitet werden kann. Weiterhin entsteht bei dem Prozeß auch Methan, welches direkt an Ort und Stelle benutzt wird, um elektrische Energie und Prozeßwärme für eine solche Anlage zu gewinnen.

Also ran an die alten Mülldeponien und den ganzen alten Plastikscheiß ausbuddeln, um daraus neues Öl zu machen...

Sicher, damit lassen sich unmöglich die Mengen herstellen, die wir heute benötigen. Aber diese Mengen wird es so oder so bald nicht mehr geben, es hilft alles nichts: Die Welt wird in Zukunft wieder größer, Reisen und Transporte wieder langsamer und teurer werden. Aber wozu Güter und Personen bewegen, wenn man auch Daten bewegen kann? Wir müssen es nur schaffen, unsere Stromversorgung auf regenerative Quellen umzustellen, und den Fernverkehr zu Lande weitgehend auf elektrische Eisenbahn, dann geht das schon... und für die paar Bereiche, wo man auch langfristig auf flüssige Treibstoffe nicht verzichten kann, wird das Öl aus Müll schon noch ausreichen.

Das Niveau, was wir heute haben, können wir uns natürlich abschminken. Da hätten wir schon vor 15 oder gar 20 Jahren ganz massiv anfangen müssen, die Infrastruktur umzubauen. Ein wenigstens teilweiser Kollaps wird sich kaum noch vermeiden lassen, große Teile der Infrastruktur sind so sehr von fossilen Energieträgern und Autoverkehr abhängig, daß da nur noch abreißen und neubauen hilft - was natürlich eher ungeordnet und chaotisch ablaufen wird, weil die meisten Politiker immer noch glauben, man könne das System irgendwie retten...

Alternativen gesucht.

-k 30.04.2008 - 16:21
Die Loesung komplexer globaler Probleme ist nicht unbedingt leicht. Die Welt verschlingt unglaubliche Mengen an Energie und erneuerbare Rohstoffe sind im Prinzip natuerlich nichts schlechtes. Viele der Rohstoffe (z.B. Mais) verbrauchen leider in der Produktion annaehernd soviel Energie, wie sie liefern. Guenstiger ist dieser Quotient beim Zuckerrohr (siehe Brasilien). Natuerlich werden dadurch landwirtschaftliche Nutzflaechen der Nahrungsproduktion entzogen. In vielen Laendern gibt es aber ohnehin Ueberproduktion und die schlechte Welternaehrungslage hat etwas mit Verteilungsproblemen zu tun. Der Quotient kann weiterhin verbessert werden, wenn statt dieser idiotischen Verbrennungsmotoren Autos Fuel-Cells einsetzen. Die Entwicklung von Etanol-Fuel-Cells geht zuegig voran, auch Dank neuer Entwicklungen in Nano-Technologie. Insbesondere arbeiten Wissenschaftler an besseren Katalysatoren (groessere Oberflaeche durch Nano-Partikel) und besserer Elektronenuebetragung in der Membran.

Der globale Energieverbrauch ist das Problem. Sonnenenergie und Windenergie werden in der naeheren Zukunft wohl kaum ausreichen, um ausreichend Energie zu liefern. Natuerlich sollte man versuchen, soviel Energie wie moeglich auf diesem (und anderen) Wegen zu produzieren. Sparen ist auch wichtig. Kurzfristig wird es aber wohl wieder zu einer vermehrten Produktion von Kernkraftwerken kommen. Habe mit einem Freund ueberschlagen, dass der gesammte globale Energieverbrauch der Erde mit etwa 30,000 KKWs abgedeckt werden kann. Das will wohl auch kaum jemand, oder?

In Brasilien sind Naturschutzgebiete bedroht

Aktivista 30.04.2008 - 17:13
Im brasilianischen Bundesstaats Bahia soll ein einzigartiges Naturschutzgebiet an der Küste für ein Industriegebiet und einen Tiefwasserhafen geopfert werden. Über den Hafen sollen Eisenerz, Soja und Agrarsprit aus Zuckerrohr exportiert werden. Das ausgewählte Areal bedroht gleich drei einzigartige Naturschutzgebiete. Die Regenwälder der Gegend wurden von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt.

Helfen Sie mit, den Gouverneur von Bahia zu einer Rücknahme seiner Entscheidung zu bewegen. Weitere Infos dazu und einen Musterbrief finden Sie auf unserer Webseite unter www.regenwald.org.


Heiliger Schrein der Schamanen in Brasilia von Grundstücksspekulation bedroht
 http://www.indymedia.org/de/2008/04/903873.shtml

stimmt so nicht ganz

safran 05.05.2008 - 21:54
zitat:
Er fordert deshalb, dass die Politik des IWF radikal umgestaltet wird. Das Geld müsse künftig in Agrarprojekte fließen, die Kleinbauern und die Selbstversorgung der Menschen, fördert. Dazu müsse auch die Europäische Union ihr Agrar-Dumping stoppen, fordert er:

Die EU finanziere den Export von Agrarüberschüssen und ruiniere damit zum Beispiel die afrikanische Landwirtschaft. "Denn heute können Sie auf jedem afrikanischen Markt deutsches, französisches, belgisches Gemüse zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises gleichwertiger einheimischer Produkte kaufen."

Ist doch besser Nahrungsmittel billig an Afrika zu verkaufen als zu teuer. Eine Lösung wäre das europäische importierte Gemüse in Afrika so zu versteuern, dass es preislich mit den einheimischen Produkten im Einklang ist. Von diesem Geld könnten soziale Werke finanziert werden.

fakten? nein...

ökologe 07.05.2008 - 09:04
denn biosprit erzeugt keine armut, sondern eher eine politik und wirtschaftliche strukturen, die lebensmittelflächen für biospritkraftstoffe erträglicher machen.
zudem gibt es wie bsplw. mit der jatropha-nuss einige alternativen von krafstoffträgern, die jenseits von normalen ackerflächen wachsen!

Wie die Hungerkrise global zuschlägt

Tagesschau 07.05.2008 - 18:46
Was dem europäischen Vieh die Sojabohne ist, ist dem amerikanischen Vieh der Mais. Dieser wird dort als Futtermittel angebaut und als Basis für Biokraftstoff. Mais dient in den USA vor allem als wirtschaftliches Produkt - weniger als Nahrungsmittel für die Menschen. Den amerikanischen Bauern hilft diese Art der Maisverwertung zu überleben. ARD-Korrespondent Klaus Scherer berichtet aus Iowa.

Video:  http://www.tagesschau.de/wirtschaft/mais6.html

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Lustig die grüne Linke

habe ich auch 18.04.2008 - 01:34
War es nicht die Grüne/Linke, die Umweltschützer/innen schlecht hin, die propagiert haben, Leute tankt Biosprit, weil der ja so schön CO2 neutral ist!!!! Weil der ja aus erneuerbaren Energien stammt!!!!Und nun Mal wieder eine 360° Wende...so schafft mann/frau/kind sich Glaubwürdigkeit bei der großen Maße der dummen, nichts ahnenden und wissenslosen Bevölkerung. Ihr habt es echt drauf;-)

Da sich ja der Autor

Kopierer 18.04.2008 - 21:30
sonst auch mit Befreiungskämpfen auseinander setzt, hier ein interessanter Text. Menschen werden ja auch umgebracht und verhungern nicht nur!

05.04.2008

„Nicht du! Du!!!“

Uri Avnery

„He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!!!“ - so hört man die Stimme einer
jungen Frau im dunklen Kinosaal in einem alten Witz.

„He du! Nimm die Hände weg von Tibet!“ schreit der internationale Chor.
„Aber nicht von Tschetschenien! Nicht vom Baskenland! Und sicher nicht von
Palästina!“ Und das ist kein Witz.


WIE JEDERMANN unterstütze ich die Rechte des tibetanischen Volkes auf
Unabhängigkeit oder wenigstens auf eine Autonomie. Wie jedermann verurteile
ich die Aktionen der chinesischen Regierung dort. Aber ich bin nicht - wie
jedermann - bereit, mich an den Demonstrationen zu beteiligen.

Warum? Weil ich ein ungutes Gefühl habe, dass ich mich damit einer
Gehirnwäsche unterziehe, dass das, was da vor sich geht, eine Übung in
Heuchelei ist.

Ich denke dabei nicht an die Manipulation. Schließlich ist es kein Zufall,
dass die Unruhen in Tibet am Vorabend der Olympischen Spiele stattfinden.
Das ist in Ordnung. Ein für seine Freiheit kämpfendes Volk hat das Recht,
jede Gelegenheit zu nutzen, die sich ergibt, um seinen Kampf zu fördern.

Ich unterstütze die Tibeter, obwohl mir bewusst ist, dass die Amerikaner
diesen Kampf für ihre eigenen Zwecke ausnützen. Klar, die CIA hat den
Aufstand geplant und organisiert, und die amerikanischen Medien führen die
weltweite Kampagne. Sie ist ein Teil des verborgenen Kampfes zwischen den
USA, der herrschenden Supermacht, und China, der aufstrebenden Supermacht –
eine neue Version des „Großen Spiels“, das im 19. Jahrhundert in
Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland gespielt wurde. Tibet ist
nur eine Karte in diesem Spiel.

Ich bin sogar bereit, die Tatsache zu ignorieren, dass die sanften Tibeter
ein mörderisches Pogrom gegen unschuldige Chinesen ausführten, Frauen und
Männer töteten und Häuser und Läden anzündeten. Solche abscheulichen Exzesse
geschehen während eines Befreiungskampfes.

Nein, was mich wirklich stört, ist die Heuchelei der Weltmedien. Sie stürmen
und brausen über Tibet. In Tausenden von Kommentaren und Talkshows häufen
sie Verfluchungen und Beschimpfungen über das bösartige China. Es sieht so
aus, als seien die Tibeter das einzige Volk auf Erden, dem das Recht auf
Unabhängigkeit mit brutaler Gewalt verweigert wird – wenn nur Peking seine
schmutzigen Hände von den safrangelben Gewändern der Mönche wegnähme, dann
wäre in dieser Welt alles in Ordnung.


ZWEIFELLOS hat dann das tibetische Volk das Recht, sein eigenes Land zu
regieren, seine eigene Kultur zu pflegen, seine religiösen Institutionen zu
fördern und fremde Siedler daran hindern, in seinem Lande aufzutauchen.

Aber haben die Kurden in der Türkei, im Irak und in Syrien nicht dasselbe
Recht? Die Bewohner der West-Sahara, deren Gebiet von Marokko besetzt ist?
Die Basken in Spanien? Die Korsen vor der Küste Frankreichs? Und die Liste
könnte so noch lange fortgesetzt werden.

Warum bringen die Medien der Welt nur den einen Unabhängigkeitskampf, aber
ignorieren oft zynisch einen anderen Unabhängigkeitskampf? Was macht das
Blut eines Tibeters röter als das Blut von tausend Afrikanern im Ost-Kongo?

Immer wieder versuche ich, auf dieses Rätsel eine ausreichende Antwort zu
finden. Vergeblich.

Immanuel Kant fordert uns auf: „Handle so, dass der Beweggrund deines
Willens jederzeit zugleich als Grundgesetz einer allgemeinen Gesetzgebung
gelten könne.“ Entspricht diese Haltung gegenüber dem tibetanischen Problem
dieser Regel? Reflektiert unsere Haltung gegenüber diesem Kampf nach
Unabhängigkeit dem aller unterdrückten Völker?

Ganz und gar nicht.


WENN DEM so ist, was bringt die internationalen Medien dazu, zwischen den
verschiedenen Befreiungskämpfen, die zur Zeit auf der Welt geführt werden,
einen Unterschied zu machen?

Hier sind ein paar relevante Betrachtungsweisen:

- Hat das nach Unabhängigkeit strebende Volk eine besonders exotische
Kultur?

- Ist es ein attraktives Volk, d.h. ist es vom Standpunkt der Medien „sexy“?

- Wird der Kampf von einer besonders charismatischen Person angeführt, die
von den Medien geliebt wird?

- Wird die unterdrückende Regierung von den Medien gehasst?

- Gehört die unterdrückende Regierung zum pro-amerikanischen Lager? Das ist
ein bedeutsamer Faktor, da die USA einen großen Teil der internationalen
Medien beherrschen und ihre Nachrichtenagenturen und Fernseh-Netzwerke die
Agenda und die Terminologie der Nachrichten bestimmen.

- Sind wirtschaftliche Interessen mit dem Konflikt verbunden?

- Hat das unterdrückte Volk begabte Sprecher, die die Aufmerksamkeit auf
sich ziehen und die Medien manipulieren können?


NACH DIESEN Gesichtspunkten ist kein Volk wie die Tibeter. Sie erfreuen sich
idealer Bedingungen.

Im Anblick des Himalaja leben sie in einer der schönsten Landschaften der
Erde. Jahrhunderte lang war es ein Abenteuer, überhaupt dorthin zu gelangen.
Ihre einzigartige Religion weckt Neugierde und Sympathie. Ihre
Gewaltfreiheit ist attraktiv und elastisch genug, um sogar die schlimmsten
Gräueltaten zu überdecken, wie das Pogrom, das vor kurzem stattfand. Der im
Exil lebende Dalai Lama ist eine romantische Persönlichkeit, ein Medienstar.
Das chinesische Regime dagegen wird von vielen gehasst – von den
Kapitalisten, weil es eine kommunistische Diktatur ist, von Kommunisten,
weil es kapitalistisch geworden ist. Sie fördern einen krassen und
hässlichen Materialismus, das ganze Gegenteil dessen, was die spirituellen
buddhistischen Mönche leben, die ihre Zeit mit Gebet und Meditation
verbringen.

Wenn China eine über tausend Kilometer lange Eisenbahn durch ungastliche
Gegenden in die tibetische Hauptstadt baut, dann bewundert der Westen nicht
die Leistung der Ingenieure, sondern sieht (ganz zu Recht) das eiserne
Monster, das hunderttausend Han-Chinesische Siedler in das besetzte Land
bringt.

Und China ist natürlich eine wachsende Macht, deren wirtschaftlicher Erfolg
Amerikas Hegemonie in der Welt gefährdet. Ein großer Teil der kränkelnden
amerikanischen Wirtschaft gehört schon direkt und indirekt China. Das große
amerikanische Empire versinkt in hoffnungslose Schulden, und China mag bald
der größte Geldverleiher sein. Die amerikanische Industrie zieht nach China
und nimmt Millionen von Arbeitsplätzen mit sich.

Verglichen mit diesem, was haben dann z.B. die Basken zu bieten? Wie die
Tibeter leben sie in einem zusammenhängenden Gebiet, das zum größten Teil zu
Spanien gehört, ein kleiner Teil in Frankreich. Auch sie sind ein altes Volk
mit einer eigenen Sprache und Kultur. Aber diese sind nicht besonders
exotisch und ziehen keine Aufmerksamkeit an. Keine Gebetsmühlen, keine
Mönche in Roben.

Die Basken haben auch keinen romantischen Führer wie Nelson Mandela oder den
Dalai Lama. Der spanische Staat, der sich auf den Trümmern von Francos
verachteter Diktatur erhob, erfreut sich in aller Welt großer Beliebtheit.
Spanien gehört zur Europäischen Union, die grundsätzlich mit den USA
verbunden ist.

Der bewaffnete Kampf der Basken im Untergrund wird von vielen verabscheut
und als „Terrorismus“ betrachtet, besonders, nachdem Spanien den Basken eine
weitreichende Autonomie zugesprochen hat. Unter diesen Umständen haben die
Basken überhaupt keine Chance, für ihre Unabhängigkeit die Unterstützung der
Welt zu bekommen.

Die Tschetschenen sollten in einer besseren Situation sein. Auch sie sind
eine besonderes Volk, das seit langem von den Zaren des russischen Reichs,
einschließlich Stalin und Putin, unterdrückt worden ist. Aber leider sind
sie Muslime – und in der westlichen Welt hat sich nun anstelle des
Jahrhunderte währenden Antisemitismus die Islamophobie gesetzt. Islam ist
zum Synonym für Terrorismus geworden, er wird als eine Religion von Gewalt
angesehen. (In Wirklichkeit ist es natürlich die Religion von Dutzenden
vollkommen verschiedener Völker, von Indonesien bis Marokko und von Kosovo
bis Sansibar).

Die USA fürchten nicht Moskau, aber Peking. Russland sieht im Gegensatz zu
China nicht danach aus, als könnte es das 21. Jahrhundert beherrschen. Der
Westen hat kein Interesse, den kalten Krieg wieder aufleben zu lassen, wie
es anscheinend an einer Wiederholung der Kreuzzüge gegen den Islam Interesse
hat. Die armen Tschetschenen, die keinen charismatischen Führer oder
außerordentlichen Redner haben, sind aus den Schlagzeilen verbannt worden.
Was die Welt betrifft, kann Putin sie schlagen so viel er will, Tausende
umbringen und ganze Städte auslöschen .

Das hindert Putin nicht, die Forderungen Abchasiens und Südossetiens zu
unterstützen, die sich von Georgien trennen, ein Land das Russland ärgert.


WENN IMANUEL KANT wüsste, was sich im Kosovo abspielt, dann würde er sich am
Kopfe kratzen.

Die Provinz Kosovo verlangte ihre Unabhängigkeit von Serbien und ich habe
dies auch mit ganzem Herzen unterstützt. Es ist ein Volk für sich mit einer
anderen Kultur (albanisch) und seiner eigenen Religion (Islam). Nachdem der
populäre Führer Slobodan Miloševic versuchte, es aus seinem Land zu
vertreiben, erhob sich die Welt und gab moralische und materielle
Unterstützung für seine Unabhängigkeit.

Die albanischen Kosovaren sind 90 % Bürger des neuen Staates, der eine
Bevölkerung von zwei Millionen hat. Die anderen 10 % sind Serben, die kein
Teil des neuen Kosovo sein wollen. Sie wollen, dass ihr Stück Land an
Serbien angeschlossen wird. Haben sie nach Kants Maxime das Recht dazu?

Ich würde ein pragmatisches moralisches Prinzip vorschlagen. Jede
Bevölkerung, die in einem bestimmten Gebiet wohnt und einen klaren
nationalen Charakter hat, hat ein Recht auf Unabhängigkeit. Ein Staat, der
solch eine Bevölkerung innerhalb seiner Grenzen behalten will, sollte darauf
achten, dass sie sich dort wohl fühlt, dass sie ihre vollen Rechte erhält,
also die Gleichheit vor dem Gesetz und eine Autonomie, die ihre Bestrebungen
befriedigt. Kurz: dass sie nicht den Wunsch nach Trennung hat.

Das trifft auf die Franzosen in Kanada zu, auf die Schotten in
Großbritannien, die Kurden in der Türkei und anderswo die ethnischen Gruppen
in Afrika, die Indigenen in Lateinamerika, die Tamilen in Sri Lanka und
viele andere. Jede hat ein Recht auf volle Gleichheit, Autonomie und
Unabhängigkeit.


DIES BRINGT uns natürlich zum palästinensischen Problem.

In der Konkurrenz um Sympathie mit den Weltmedien haben die Palästinenser
einen unglücklichen Stand. Nach allen objektiven Standards haben sie ein
Recht auf volle Unabhängigkeit, genau wie die Tibeter. Sie bewohnen ein
bestimmtes Land, sie sind eine besondere Nation, eine klare Grenze besteht
zwischen ihnen und Israel. Man müsste wirklich ziemlich hirnverbrannt sein,
um diese Fakten zu leugnen.

Doch die Palästinenser leiden unter mehreren Schicksalsschlägen: das Volk,
das sie unterdrückt, behauptet von sich selbst, dass es das Opfer par
excellence sei. Die ganze Welt sympathisiere mit den Israelis, weil die
Juden die Opfer des schrecklichsten Verbrechens der westlichen Welt waren.
Dies schafft eine schwierige Situation: der Unterdrücker ist beliebter als
das Opfer. Jeder, der mit den Palästinensern sympathisiert, wird automatisch
des Antisemitismus verdächtigt und als Holocaustleugner betrachtet.

Dazu kommt, dass die Mehrheit der Palästinenser Muslime sind. (Kaum einer
beachtet die palästinensischen Christen.) Da der Islam im Westen Furcht und
Abscheu hervorruft, wurde der palästinensische Kampf automatisch ein Teil
der formlosen Bedrohung, des sogenannten „internationalen Terrorismus“. Und
seit dem Mord an Yasser Arafat und Sheik Achmed Yassin haben die
Palästinenser keinen besonders beeindruckenden Führer mehr – weder bei der
Fatah noch bei der Hamas.

Die Weltmedien weinen wohl Tränen um das tibetische Volk, dessen Land von
den chinesischen Siedlern weggenommen wurde. Aber wer kümmert sich schon um
die Palästinenser, deren Land von unsern Siedlern weggenommen wird?

Im weltweiten Tumult um Tibet vergleichen sich die israelischen Sprecher -
so seltsam das klingt – mit den armen Tibetern, nicht mit den bösen
Chinesen. Viele denken, dies sei logisch.

Wenn Kant aus seinem Grab steigen würde und nach den Palästinensern gefragt
würde, dann würde er wahrscheinlich geantwortet haben: „Gebt ihnen, was ihr
glaubt, das jedem gegeben werden sollte, und weckt mich nicht auf, um wieder
blöde Fragen zu stellen.“

 http://uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=425

(Aus dem Englischen[*]: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

[*]  http://zope.gush-shalom.org/home/en/channels/avnery/1207434781/


biosprit=böse?

... 27.04.2008 - 21:09
Nicht der Biosprit ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, sondern die Art wie die Preise bestimmt werden!

Bio?

Karl 28.04.2008 - 06:15
Bitte: Nennt das Zeug nicht mehr Biosprit. Durch diesen Begriff schleicht sich ein Betrug ins Denken ein, "Bio" ist mit positiven Assoziationen belegt.

@Ackergau

sandankoro 28.04.2008 - 12:35
Ich denke Du verwechselst verschiedene Sachen in Deinem Kommentar. Zum einen hat die Fruchtfolgeregel nichts mit Extensivierung zu tun, sondern bedeutet schlicht und einfach, dass bestimmte Pflanzensorten z.B. Leguminosen zwischen geschoben werden. Zum anderen wurden mit der Bezuschussung der Extensivierung meist speziell Flaechen aus der landwirtschaftlichen Nutzung geloest, welche 1. meist wenig produktiv waren 2. aufgrund spezieller Umweltstandpunkte Wertvoll wie z.B. Wiesen mit Orchideenbewuchs, Nitsflaechen,... 3. Flaechen, welche z.B. aufgrund der Groesse, Erreichbarkeit, Ueberschwemmungsgefahr etc. nur bedingt oder unter Risiko bewirtschaftet wurden.

Eine erneute intensive Nutzung dieser Flaechen wuerde, von den oekoligischen Folgen einmal abgesehen, kaum zu Loesung des Problems beitragen, kann die derzeitigen Auswirkungen jeodch abmildern.

Sehr viel wichtiger und dringlicher waere eine konsequente Umstrukturierung unserer Energie- und Verkehrspolitik.

Wichtig waere auch eine nur noch punktuelle und nicht mehr generell Subventionierung der Landwirtschaft, d.h., dass in bestimmten Faellen weiterhin Zuschuesse gezahlt werden, wie bei der landwirthscaftlichen Pflege von Wasserbauten oder der extensiven Nutzung von Weideflaechen zum Schutz vorhandener Pflanzen und Wildtiere.

Diktaturen

AD 30.04.2008 - 14:17
Diktaturen und korrupte Systeme machen Hunger. Und diese kann man weder mit Protestkundgebungen noch mit Petitionen entmachten, sondern nur mit Gewalt.

Artikel zum EU-Lateinamerika-Gipfel im Mai

Infopool 30.04.2008 - 17:09
Appell an Bundesregierung: Umweltaktivisten der Kampagne Bergwerk Peru
mahnen Einhaltung internationaler Umwelt- und Sozialstandards an

Frau Merkel soll sehen, daß es hier Leute gibt, die die Anliegen der
Menschen in Peru unterstützen«, sagt Elena Muguruza von der Kampagne
Bergwerk Peru. Mit einer aktuellen Postkartenaktion fordern die
Menschenrechts- und Umweltaktivisten Bundeskanzlerin Angela Merkel
auf, sich im Mai bei ihrem Besuch des Gipfeltreffens zwischen
Europäischer Union und Staaten Lateinamerikas und der Karibik
(EU-LAC-Gipfel) für die Einhaltung internationaler Umwelt- und
Sozialstandards, das Recht auf Mitbestimmung der Bevölkerung, den
Schutz von Menschenrechten und für den Vorrang von Landwirtschaft und
Ernährung vor dem Bergbau einzusetzen: »So würde deutlich, daß es
Deutschland mit dem Klimaschutz und den Bürger- und Menschenrechten
ernst meint«, fügt die Aktivistin hinzu.

Der 6. EU-LAC-Gipfel findet am 16. und 17. Mai 2008 in der
peruanischen Hauptstadt Lima statt. Die Konferenz, die nach
offizieller Lesart der »Stärkung der strategischen Partnerschaft«
dienen soll, hat sich in diesem Jahr neben »nachhaltiger Entwicklung«
den »Kampf gegen Armut, Ungleichheit und soziale Ausgrenzung« als
zentrales Thema gewählt.

Aktivisten wie Muguruza setzen keine großen Hoffnungen in das
Spitzentreffen. Schließlich weiß sie um die wirtschaftliche Bedeutung
der Bodenschätze Perus ? wie Kupfer, Zink, Eisenerz; Blei oder Uran z.
B. ? an denen auch Deutschland und die gesamte EU großes Interesse
haben. Peru ist nach Chile zweitgrößter Rohstofflieferant
Lateinamerikas. Bei der Silberproduktion liegt man sogar weltweit auf
Rang zwei. Die Exportwirtschaft der BRD profitiert von den enormen
Zuwachsraten der peruanischen Bergbauindustrie: »Die deutschen
Interessen liegen in der Zulieferung von Chemie und Maschinen«, so
Muguruza.

Aktuell sind in Peru rund 250 Minen in Betrieb, 250 weitere sind
geplant. Während die Kolonialherren seit dem 17. Jahrhundert in Peru
Bergbau unter Tage betrieben, setzt man heutzutage auf den Tagebau.
Von der Bodenfläche Perus ist bereits ein Sechstel für Konzessionen
vergeben ? eine Fläche, die nach dem Willen der Regierung auf bis
knapp 50 Prozent des Landes anwachsen kann. Für die Menschen in den
betroffenen Gebieten heißt das meist: Wasserverschmutzung durch
toxische Stoffe, Zerstörung landwirtschaftlicher Produktionsflächen
und soziale Probleme infolge von Zwangsenteignungen. Dies ist auch
beim Kupferminenprojekt Rio Blanco zu befürchten, das Minero Majaz ?
eine peruanische Tochterfirma der in London ansässigen Monterrico
Metals ? in der Regio Piura im Norden Perus umsetzen will. In dem nach
Angaben von Monterrico Metals »unbewohnten Gebiet«, wo »kein Konflikt
mit der Landwirtschaft« besteht, soll das Projekt 2011 starten und 32
Jahre lang 100000 Tonnen Kupfer jährlich produzieren. Die Menschen in
der angeblich unbewohnten Region halten davon gar nichts. Sie fürchten
um den Nebelwald, der als Quellgebiet großer Flüsse ein bedeutsames
Wasserreservoir für ganz Südamerika darstellt. Außerdem bangen sie um
ihre Existenz als Kleinbauern: In der Region wird neben Produkten für
den einheimischen Markt u.a. hochwertiger Arabica-Kaffee für den
Export ökologisch angebaut, was den Menschen ein sicheres Auskommen
bietet. Mehr als 95 Prozent der rund 30000 Einwohner der Region Piura
stimmten in einer Volksbefragung am 16. September 2007 gegen das
Rio-Blanco-Projekt ? und das trotz massiver Hetze von Präsident Alan
Garcia gegen »Kommunisten und Drogendealer«, die angeblich das
Vorhaben vereiteln wollten. Außerdem wurden Bestechungsversuche des
Konzerns gegenüber den örtlichen Bürgermeistern aufgedeckt. Das Votum
»war ein gewaltfreies wichtiges Signal der Bevölkerung für die
Demokratie«, so Elena Muguruza. Auf das Resultat des Volksbegehrens
reagierte Garcia prompt: Bereits wenige Tage danach legte seine
Regierung einen Gesetzentwurf vor, mit dem 20 Bergbauprojekte
(inklusive Rio Blanco) zum »nationalen Interesse« erklärt werden
sollten. Dieser hastige Vorstoß wanderte zwar mittlerweile wieder in
die Schublade, dennoch schwebt dem Präsidenten nach Ansicht seiner
Kritiker wie Muguruza weiterhin »eine Art Privatisierung des Urwalds«
vor. Unverändert setzt Garcia seine Attacken gegen die regionale
Bevölkerung fort. Gern bezeichnet er sie als »perros del hortelanos«,
also »Hunde, die selbst nicht fressen, aber auch andere nicht fressen
lassen wollen«. Doch schon so manch getretener Hund hat seinem Herrn
am Ende die Zähne gezeigt.

Nun verteufelt mal den Biosprit nicht pauscha

Gus 02.05.2008 - 22:04

Wer heute alternativ Auto fahren will hat keine große Auswahl.
Eine sinnvolle Ergänzung unserer Treibstoffversorgung aus einheimischem Raps z.B. nimmt keinem Bauern in der 3. Welt das Brot weg.
Raps z.B. wird ausgepresst und der Rest (das Rapsschrot) zur Rindermast verwendet. Es geht also nicht verloren.
Problematisch sind Importe aus Tropenländern, wenn die dafür Regenwald roden oder für die Nahrungserzeugung Flächen herausnehmen für Biospritherstellung.
Hier in Deutschland haben wir Überproduktion seit Jahrzehnten.

Und warum sollen im Irak und anderen Ländern des arabischen Raums die Leute mit ihrem BLut und Leben für unseren Fuhrpark bezahlen.

Am Öl klebt Blut und jeder macht sich die Hände blutig beim Tanken, weil die westlichen Länder (allen voran die USA) blutige Kolonialkriege für billigen Treibstoff führen.

Dann lieber Pflanzenöl tanken aus Raps.

Das ist allerdings auch nur eine Übergangslösung.

Der Wasserstoffantrieb muß her, die Prototypen stehen seit 20 Jahren in den Forschungsabteilungen der Autokonzerne herum.

Wir im reichen Norden müssen selbst Verantwortung für unseren verschwenderischen Lebensstil übernehmen.

INKOTA gegen Agrosprit

Frank Anders 09.09.2008 - 12:34
Mittlerweile ist es sogar möglich an der Aktion "Biosprit macht Hunger" durch wenige Klicks online teilzunehmen. Auf  http://www.inkota.de/agrosprit/ können sie unsere Aktion unterstützen, uns Kritik und Anregungen schicken oder weiteres Infomaterial zum Thema beziehen.
Gruß
Frank Anders