Rudolstadt: Pfarrer flieht aus Ostdeutschland
Ein Pfarrer samt Familie flüchtet vor dem alltäglichen rassistischen Terror in Rudolstadt nach Westdeutschland. Die Familie des Pfarrers wurde gedemütigt und geschlagen, weil seine Frau und die Kinder eine dunklere Hautfarbe haben, als andere Thüringer_innen. In Rudolstadt sorgt man sich nun um seinen Ruf. Die Ereignisse machten nun bundesweit Schlagzeilen.
Im Jahr 2000 zog die Familie Neuschäfer nach Rudolstadt, weil der Theologe Reiner Andreas Neuschäfer eine Stelle als Schulbeauftragter für Südthüringen bekam. Nach mehreren Jahren Alltagsrassismus in einer ostdeutschen Kleinstadt hält es die Familie nicht mehr aus. Die Flucht aus dem Osten bezeichnete Miriam Neuschäfer als lebensnotwendig.
„Mama, was ist ein Nigger?“
Diese Frage brachten die Kinder der Pfarrers-Familie aus der Schule mit nach Hause. Die Kinder wurden in der Schule bespuckt, beschimpft und verprügelt. Die Schulleitung unternahm nichts. Schon im Kindergarten wurden die Kinder verspottet. Ein Kind versuchte sich die Farbe mit einer Bürste von der Haut zu reiben. Auch die Mutter wurde beschimpft. „Geh zurück in den Urwald“, hatte man mal beim Einkaufen zu ihr gesagt. Im Park wurde sie mal bespuckt, in manchen Geschäften nicht bedient. Wenn sie mit ihren Kindern auf den Spielplatz kam, verließen diesen die anderen Eltern und Kinder.
Eine Stadt kämpft um ihren Ruf
Nachdem die Ereignisse, die die Familie Neuschäfer zur Flucht aus Ostdeutschland bewegten, in die bundesweiten Schlagzeilen gerieten, sahen sich Verantwortliche der Stadt zur Rechtfertigung genötigt. Vom Relativieren bis zur Unterstellung der Unglaubwürdigkeit fand sich hier jede Positionierung wieder.
Die Angst man könne als zweites Mügeln gehandelt werden schwingt wieder mit. Dort hatte im August 2007 ein rassistischer deutscher Mob eine Gruppe Inder ausgehend von einem Altstadtfest durch die Stadt gejagt.
Wer hat Schuld?
Die Schuld für Alltagsrassismus allein bei der extremen Rechten zu suchen ist falsch. Nicht allein die Neonazis sind Rassist_innen. Zudem ist Rudolstadt kein Musterbeispiel für eine starke rechte Szene. Der NPD-Kreisverband Saalfeld-Rudolstadt gehört zu den inaktivsten und auch über eine aktive Kameradschaft in Rudolstadt ist nichts bekannt. Der Umkehrschluss, es gebe in Rudolstadt keine Nazis ist jedoch ebenfalls zurückzuweisen. Für den Alltagsrassismus sind sie jedoch nicht allein verantwortlich zu machen. Schließlich tragen nicht die Neonazis Rassismus in die Gesellschaft, sondern das Vorhandensein rassistischer Tendenzen begünstigt erst das Erstarken der extremen Rechten.
Das Problem heißt Rassismus
Rassismus in Deutschland ist vielschichtig. Verantwortliche sind hier neben Neonazis, die parlamentarische Politik und die deutsche Gesellschaft. Oft werden fälschlicherweise Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf Neonazis und rechte Schläger reduziert.
Gewalttätige Auseinandersetzungen mit rassistischem Hintergrund haben ihre Wurzeln jedoch in der Basis der Gesellschaft, in der Differenzierung und Distanzierung von denen, die als „anders“ abgewertet werden.
Eine ausführlichere Ausarbeitung zu Alltagsrassismus und seinen Ursachen findet ihr in unserer Broschüre „... den Wald vor lauter Bäumen nicht?!“ ab Seite 6 im Artikel „step by step“ oder „background first“ und ab Seite 11 im Unterartikel „Rassismus – vom Neonazi verfolgt, von der Gesellschaft ausgegrenzt, vom deutschen Staat abgeschoben“.
Der rassistisch diskriminierten Familie wünschen wir alles Gute und viel Kraft beim Verarbeiten des rassistischen Terrors!
„Mama, was ist ein Nigger?“
Diese Frage brachten die Kinder der Pfarrers-Familie aus der Schule mit nach Hause. Die Kinder wurden in der Schule bespuckt, beschimpft und verprügelt. Die Schulleitung unternahm nichts. Schon im Kindergarten wurden die Kinder verspottet. Ein Kind versuchte sich die Farbe mit einer Bürste von der Haut zu reiben. Auch die Mutter wurde beschimpft. „Geh zurück in den Urwald“, hatte man mal beim Einkaufen zu ihr gesagt. Im Park wurde sie mal bespuckt, in manchen Geschäften nicht bedient. Wenn sie mit ihren Kindern auf den Spielplatz kam, verließen diesen die anderen Eltern und Kinder.
Eine Stadt kämpft um ihren Ruf
Nachdem die Ereignisse, die die Familie Neuschäfer zur Flucht aus Ostdeutschland bewegten, in die bundesweiten Schlagzeilen gerieten, sahen sich Verantwortliche der Stadt zur Rechtfertigung genötigt. Vom Relativieren bis zur Unterstellung der Unglaubwürdigkeit fand sich hier jede Positionierung wieder.
Die Angst man könne als zweites Mügeln gehandelt werden schwingt wieder mit. Dort hatte im August 2007 ein rassistischer deutscher Mob eine Gruppe Inder ausgehend von einem Altstadtfest durch die Stadt gejagt.
Wer hat Schuld?
Die Schuld für Alltagsrassismus allein bei der extremen Rechten zu suchen ist falsch. Nicht allein die Neonazis sind Rassist_innen. Zudem ist Rudolstadt kein Musterbeispiel für eine starke rechte Szene. Der NPD-Kreisverband Saalfeld-Rudolstadt gehört zu den inaktivsten und auch über eine aktive Kameradschaft in Rudolstadt ist nichts bekannt. Der Umkehrschluss, es gebe in Rudolstadt keine Nazis ist jedoch ebenfalls zurückzuweisen. Für den Alltagsrassismus sind sie jedoch nicht allein verantwortlich zu machen. Schließlich tragen nicht die Neonazis Rassismus in die Gesellschaft, sondern das Vorhandensein rassistischer Tendenzen begünstigt erst das Erstarken der extremen Rechten.
Das Problem heißt Rassismus
Rassismus in Deutschland ist vielschichtig. Verantwortliche sind hier neben Neonazis, die parlamentarische Politik und die deutsche Gesellschaft. Oft werden fälschlicherweise Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf Neonazis und rechte Schläger reduziert.
Gewalttätige Auseinandersetzungen mit rassistischem Hintergrund haben ihre Wurzeln jedoch in der Basis der Gesellschaft, in der Differenzierung und Distanzierung von denen, die als „anders“ abgewertet werden.
Eine ausführlichere Ausarbeitung zu Alltagsrassismus und seinen Ursachen findet ihr in unserer Broschüre „... den Wald vor lauter Bäumen nicht?!“ ab Seite 6 im Artikel „step by step“ oder „background first“ und ab Seite 11 im Unterartikel „Rassismus – vom Neonazi verfolgt, von der Gesellschaft ausgegrenzt, vom deutschen Staat abgeschoben“.
Der rassistisch diskriminierten Familie wünschen wir alles Gute und viel Kraft beim Verarbeiten des rassistischen Terrors!
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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
Artikel in der Frankfurter Rundschau
die otz ein garant
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Rudolstadt wehrt Vorwürfe ab
Reiner A. Neuschäfer
Reiner A. Neuschäfer
Pfarrerfamilie kehrt der Stadt nach fremdenfeindlichen Anfeindungen den Rücken
Von OTZ-Redakteurin Heike Enzian
Diese Schlagzeile hätte sich Rudolstadt gern erspart. Eine Pfarrerfamilie mit fünf Kindern flieht aus der Stadt, weil sie sich hier anhaltend fremdenfeindlichen Anfeindungen ausgesetzt sah. So schreibt es die Frankfurter Rundschau in ihrer Montag-Ausgabe. Fakt ist, dass Reiner Andreas Neuschäfer mit seiner Frau Miriam und den fünf Kindern im Alter zwischen einem und zehn Jahren der Stadt den Rücken gekehrt hat. Frau Neuschäfer, die eine indische Mutter hat, ist bereits im September vergangenen Jahres mit den Kindern nach Erkelenz im Rheinland gezogen, wo Verwandte leben. Neuschäfer, der als Schulbeauftragter der evangelischen Kirche arbeitet, pendelt derzeit noch, ist aber auf der Suche nach einer neuen Stelle im Rheinland. Im Jahr 2000 kam die Familie nach Rudolstadt. Neuschäfer fasst beruflich hier Fuß. Er unterrichtet Religion und hält Kontakt zu den rund 300 Religionslehrern der Region Südthüringen. Mit Publikationen zum Thema Kinder und Glaube erzielt er überregional Aufmerksamkeit. Eine von ihm initiierte Ausstellung über Kinderbibeln findet thüringenweit Beachtung. Er nimmt, nicht zuletzt in zahlreichen Leserbriefen an die OTZ, Stellung zu politischen und pädagogischen Themen, so unter anderem zu Kleinkinderziehung und Fremdenfeindlichkeit in der DDR. Ein Leserbrief vom 31. Juli 2007 in der Ostthüringer Zeitung wirkt wie ein Hilferuf. Neuschäfer beklagt darin einen Mangel an Toleranz, nicht nur bei Rechten. Der Familienvater spricht wiederholt von Beleidigungen, Ausgrenzungen und fremdenfeindlichen Anfeindungen gegenüber seiner Frau und den Kindern wegen deren dunklerer Hautfarbe. Seine Frau fühlt sich zunehmend unwohler. Besonders Sohn Jannik hat Probleme. Als er vor fast einem Jahr an der Grundschule Anton Sommer in eine Schulhofprügelei verstrickt wird, geht der Vater wieder von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus und erstattet Anzeige bei der Polizei. Die Beamten gehen der Sache nach, es gibt Gespräche mit den Kindern, Lehrern und Eltern. Den Vorwurf, dass die Schulleitung nichts unternommen hätte, weist Schulleiterin Angelika Swirszcuk zurück. In Rudolstadt ist die Empörung über die aktuellen Schlagzeilen groß. Die Stadt verwahrt sich gegen eine Pauschalverurteilung als Ort von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Das gibt es hier nicht mehr und nicht weniger als anderswo auch, sagt Bürgermeister Jörg Reichl (Bürger für Rudolstadt). Er fürchtet um den Ruf seiner Stadt, die gerade mit der neuen Marketingstrategie Schillers heimliche Geliebte für sich wirbt. Natürlich würden sich die Medien auf dieses Thema stürzen, das vielen vor allem im Westen gerade recht komme. Wenn Journalisten mich fragen, dann sage ich: Kommen Sie her, schauen Sie sich die Stadt an, machen Sie sich selbst ein Bild. Auch Superintendent Peter Taeger warnt davor, auf dieser Schiene den Osten allgemein und Rudolstadt speziell abzuqualifizieren. Das sei unschön und würde der Stadt nicht gerecht. Die Dinge, die hier passieren, bewegen sich im Rahmen dessen, was an Fremdenfeindlichkeit da ist, das ist nicht ostspezifisch. Damit muss man sich auseinandersetzen, sagt er und verweist auf die diesjährige Aktion der Evangelischen Kirche Nächstenliebe braucht Klarheit, mit der ein Zeichen gegen Rechts gesetzt werden soll. Ein Blick in die Statistik der Polizeidirektion Saalfeld zeigt, dass Rudolstadt kein Sonderfall ist. Zwei Anzeigen der Familie Neuschäfer sind der Polizei bekannt. 2003 soll Sohn Jannik im Heinepark beleidigt worden sein. Die zweite betrifft den Schulhof-Vorfall vom 25.April 2007. Beide Anzeigen sind ordnungsgemäß bearbeitet worden, sagt Ralf Kirsten, stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Saalfeld, auf OTZ-Anfrage. Im Fall der Schulhof-Prügelei habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, weil zehnjährige Kinder nicht strafmündig sind. Wir haben nach den Medienberichten den Kontakt mit Herrn Neuschäfer gesucht und sind bestrebt zu erfahren, was bisher möglicherweise nicht bekannt ist. Was wir nicht wissen, können wir auch nicht bearbeiten. Er hat uns einen Gesprächstermin nächste Woche in Aussicht gestellt, sagt Ralf Kirsten. Nach seiner Information hat es voriges Jahr in Rudolstadt keine einzige Anzeige wegen Fremdenfeindlichkeit gegeben. Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund weist die Statistik für den Zeitraum von Beginn des Jahres 2007 bis heute 24 für Rudolstadt aus, hauptsächlich Propaganda-Delikte.
Ostthüriger Zeitung vom 3.4.2008
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Kommentiert: Genauer hinsehen
Der Text des Berliner Korrespondenten der Mitteldeutschen Zeitung Halle über die Pfarrersfamilie Neuschäfer aus Rudolstadt hat weite Verbreitung gefunden. Bis hin zur Netzeitung im Internet und der Frankfurter Rundschau. Wie es aussieht, ist die Wirklichkeit vor Ort allerdings viel differenzierter. Überraschend ist das nicht, siehe Sebnitz, Mölln, Potsdam, Mittweida oder Mügeln - tatsächliche oder angebliche Ereignisse mit fremdenfeindlichem Hintergrund. So mancher Bundes-Politiker, der seinen Empörungsreflex nicht beherrscht, musste zurückrudern. Den Schaden von Vor-Urteilen machen sie aber nicht wieder gut. Wenn es im Osten - und im Westen - Fremdenfeindlichkeit gibt, dann muss es kritisiert werden, gar keine Frage. Aber vorher genau hinsehen, sollte man schon. Dass Familie Neuschäfer Rudolstadt verlassen hat, ist schade. Der Pfarrer hat sich eingemischt, hat Gehör und Echo gefunden. Das braucht Rudolstadt auch weiterhin. Wie eben auch die Aufmerksamkeit aller. Denn nicht nur Rudolstadt, auch Fremdenfeindlichkeit hat viele Gesichter, fängt bei kleinen Sachen an, die aus der Distanz eine unwirkliche Größe annehmen können.
W.S.
Ostthüringer Zeitung vom 3.4.2008
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Gegen falsches Zeugnis und Fremdenfeindlichkeit
Bischof Kähler
Bischof nimmt Stellung zu Pfarrer Neuschäfer
Erfurt (OTZ/WS). In die Debatte um Vorwürfe des alltäglichen Rassismus in Rudolstadt hat sich der evangelische Landesbischof Christoph Kähler eingeschaltet.In einer Kanzelabkündigung, die gestern in Gottesdiensten in Rudolstadt verlesen wurde, verweist der Bischof auf schwere Beschuldigungen. Pfarrer Andreas Neuschäfer hatte in unter anderen mehreren Medien Rudolstadt als fremdenfeindlich bezeichnet.
Wortlaut der Kanzelabkündigung von Landesbischof Christoph Kähler für Kirchgemeinden in Rudolstadt
Liebe Schwestern und Brüder in Rudolstadt,
Pfarrer Andreas Neuschäfer hat in verschiedenen Zeitungen erklärt, mit seiner Familie Rudolstadt wegen Fremdenfeindlichkeit verlassen zu müssen. Dabei haben er und seine Frau schwere Beschuldigungen ausgesprochen, die nun die Bürger und Gemeindeglieder belasten.
Fremdenfeindlichkeit ist kein Kavaliersdelikt. Wir müssen ihr entschieden entgegen treten und Betroffene unterstützen. Dafür gibt es gute Beispiele wie die Kirchgemeinde Rudolstadt-Volkstedt, die sich erfolgreich gegen rechtsradikale Übergriffe in Zusammenarbeit mit der Stadt und ihren Bürgern gewehrt hat.
Wichtig ist uns aber auch der Grundsatz, dass Schuld nachgewiesen werden muss und Vorverurteilungen unstatthaft sind. Eine pauschale Verdächtigung einer ganzen Stadt und ihrer Gemeinden hilft weder der Wahrheitsfindung noch dem Bemühen, Fremdenfeindlichkeit zu verhindern und zu unterbinden. Das hat auch der Fall des ertrunkenen Jungen aus der Stadt Sebnitz deutlich gemacht. Wir werden uns als Kirchenleitung ernsthaft und gründlich mit den Vorwürfen auseinandersetzen und sie auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen, soweit wir das als Kirche können. Aber wir werden ebenso deutlich falsches Zeugnis zurückweisen.
Der Kirchenleitung war bekannt, dass Familie Neuschäfer sich in Rudolstadt nicht wohl fühlte. Darum gab es mehrere Angebote, die Situation genauer zu besprechen und die Stelle zu wechseln. Diese Vorschläge hat Pfarrer Neuschäfer nicht angenommen, ja eine Zeit lang sogar den Zuständigen die Situation und den Aufenthaltsort seiner Familie verheimlicht. Ebenso hat er die Vorwürfe, die wir jetzt aus den Medien erfahren, vorher nicht an uns weitergegeben. So konnten wir sie bisher nicht mit ihm besprechen. Das werden wir nachholen. Wir bemühen uns in diesen Tagen, die Vertreter der Medien sachgerecht zu informieren und auf die Pflichten einer fairen Berichterstattung hinzuweisen. Ich hoffe sehr, dass das zunehmend möglich wird.
Wir bitten Gott, dass es gelingt, möglichst allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Ihr Christoph Kähler
Landesbischof
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Pfarrer soll Vorfälle auflisten
Nach Gespräch mit Landeskirche klare Forderungen an Neuschäfer
Eisenach/Rudolstadt (OTZ). Nach den Veröffentlichungen zu fremdenfeindlichen Übergriffen auf die Familie des Rudolstädter Pfarrers Reiner Andreas Neuschäfer hat die Landeskirche Thüringen ihre Bereitschaft erklärt, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um zur Aufklärung der Vorfälle beizutragen. In einem gestern in Eisenach geführten Gespräch bat Oberkirchenrat und EKM-Bildungsdezernent Christhard Wagner den Bildungsbeauftragten zudem, alle Vorfälle chronologisch aufzulisten. So soll Neuschäfer bis zum 15. April Informationen an die Landeskirche liefern, was er selbst unternommen hat, wer um Hilfe gebeten wurde und wie dies ausgegangen ist. Wagner bat den Bildungsbeauftragten ferner, seine Wünsche für seine berufliche und familiäre Perspektive vorzustellen. An Neuschäfer richtete Wagner außerdem die Erwartung, dass dieser seine Arbeit als Schulbeauftragter mit aller Kraft fortsetzt. Dies betreffe insbesondere die Organisation des Religionsunterrichts für das neue Schuljahr. Der Oberkirchenrat will am 23. April erneut mit dem Pfarrer ein Gespräch führen. Neuschäfer sagte nach dem Gespräch mit dem Oberkirchenrat dem Nachrichtendienst epd, er sehe seine Zukunft weiterhin als Pfarrer in Thüringen. "Ich bin hier gern Schulbeauftragter , stellte er fest. Gleichzeitig sei er jedoch offen für andere Möglichkeiten. Der Zweitwohnsitz seiner Familie im Rheinland sei lediglich "eine Übergangslösung , fügte er hinzu.
Ostthüringer Zeitung 9.4.2008
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"Fremdenfeindlichkeit im Alltag"
Pfarrer Rainer Andreas Neuschäfer gestern in Rudolstadt.
Pfarrer Rainer Andreas Neuschäfer gestern in Rudolstadt. (Foto: OTZ/Peter Scholz)
Pfarrer bekräftigt seine Vorwürfe - Rudolstadt wehrt sich gegen Pauschalverurteilung
Von OTZ-Redakteurin Heike Enzian
Am Rudolstädter Rathaus hängt seit gestern unübersehbar ein Plakat. Wir sind fremdenfreundlich steht darauf in großen Lettern. Es ist ein äußeres Zeichen, mit dem sich die Stadt gegen den Pauschalvorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehrt.
Wieder und wieder hatte die Familie des Schulbeauftragten für Religionsunterricht der evangelischen Kirche Reiner Andreas Neuschäfer in den vergangenen Tagen aus der Ferne die Vorwürfe in den Medien wiederholt. Die Kinder seien in Kindergarten und Schule wegen ihrer Hautfarbe angegriffen worden. Mutter Miriam sei beschimpft und angespuckt worden. Sie habe sich nicht mehr aus dem Haus getraut. Schließlich sei die Situation so unerträglich geworden, dass eine Flucht in den Westen für die Familie der einzige Ausweg war.
Die Reaktionen der Rudolstädter reichen von Betroffenheit bis Empörung. Die Familie ist freundschaftlich aufgenommen worden. Wir haben Frau Neuschäfer ganz konkret Hilfe angeboten, indem wir vorgeschlagen haben, dass Freunde mit zum Einkaufen und auf den Spielplatz gehen. Darauf ist sie nicht eingegangen, erzählt Hans-Heinrich Tschoepke, Nachbar und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rudolstädter Stadtrat.
Er sieht wie andere in den Darstellungen Neuschäfers eine Kampagne gegen den Osten: Fremdenfeindlichkeit als eine Folge der DDR-Vergangenheit. Das hat auch Ärztin Sabine Unbehaun in einem Brief an Familie Neuschäfer angesprochen. Sie haben auf Ihre Art mit uns Rudolstädtern abgerechnet. Eine Abrechnung, die den Graben zwischen Ost- und Westdeutschen weiter erhalten und vertiefen wird, schreibt sie darin. Und ihr Mann Dr. Lutz Unbehaun bekräftigt: Wenn es so viele konkrete Anfeindungen gegeben hat, hätte mich das sehr interessiert. Wir hätten im Nu genügend Rudolstädter zusammengebracht, um dem Einhalt zu gebieten.
Als Reiner Andreas Neuschäfer gestern Nachmittag nach einem Urlaub in sein Rudolstädter Büro in der Marktstraße kommt, warten die Journalisten bereits vor der Tür. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, was uns hier widerfahren ist. Deshalb wundert es mich, dass viele jetzt sagen, sie hätten es nicht gewusst, kann er die Wut der Rudolstädter nicht verstehen. Es sei ihm nicht um den Ost-West-Konflikt gegangen. Dass ganz normale menschliche Konflikte, die es überall im Alltag gibt, Auslöser für die Probleme der Familie gewesen sein könnten, davon will er nichts hören. Es ist natürlich einfach zu sagen, dass es nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun hat, aber damit stellt man die ganze Sache in Frage, sagt er und ergänzt: Wir fühlen das nicht nur in Rudolstadt so, wir haben das nie auf Rudolstadt begrenzt. Es sei normal, dass jetzt auch nach schwarzen Flecken auf der weißen Weste der Familie Neuschäfer gesucht wird, so der Pfarrer, der wiederholt von einer Grundatmosphäre der Ablehnung spricht, die seiner Frau und den Kindern hier begegnet sei. Dabei greift er auch einige Lehrerinnen und Erzieherinnen an, die seiner Meinung nach unfähig sind, mit diesem Thema umzugehen. Wir haben es mit einer Fremdenfeindlichkeit im Alltag zu tun, die eine besondere Qualität hat.
Jetzt fühlt sich die Familie im Westen sehr wohl. Wer immer gesagt hat, im Westen passiert euch das auch, den müssen wir Lügen strafen, so Neuschäfer. Jetzt geht es den Kindern wieder richtig gut, sie schlafen durch, haben tolle Freunde gefunden. Ich bin froh, dass der Druck raus ist.
Eine Rückkehr der Familie nach Rudolstadt schließt er aus. Bis zum Sommer wird er noch in der Saalestadt arbeiten, dann wird seine Stelle nach Meiningen verlegt. Auf die Neuausschreibung in Thüringen hat er sich wieder beworben.
Zitat:
"Jetzt geht es den Kindern wieder richtig gut."
Pfarrer Reiner A. Neuschäfer
Ostthüringer Zeitung 9.4.2008
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Kommentar: Kein Zweifel in Sicht
Die Evangelische Landeskirche als Arbeitgeber und Pfarrer Neuschäfer als ihr Angestellter sind sich gestern nicht näher gekommen.
Das wundert nicht. In einem Interview mit der Netzeitung hatte Neuschäfer die Reaktion auf seinen in der Kirchenleitung offenbar umstrittenen Kommentar zur Hetzjagd auf Inder in Mügeln als ausschlaggebend für das Weggehen der Familie bezeichnet. Nimmt man das ernst, so wäre der Grund also nicht oder nicht allein das Anspucken seiner indischstämmigen Frau auch durch erkennbar Linke in Rudolstadt gewesen Vorfälle übrigens, für die Neuschäfer auch gestern gegenüber OTZ Belege schuldig blieb. Ob er sie jetzt der Kirche liefert, wird man sehen. Dass so viel Zeit verging, ist jedenfalls nicht Schuld der Kirche.
Neuschäfer erweckt den Eindruck, als sei sein Handeln von keinerlei Zweifel angefochten: Fremdenfeindlichkeit, und nichts anderes! Und auch für einige Journalisten, bevorzugt aus dem Westen, scheint jetzt schon ausgemacht, wer schuldig ist: Rudolstadt und nichts anderes! Und an rot-grünen Betroffenheitspolitikern fehlt es auch nicht.
Die Stunde des Schämens ist offenbar noch nicht gekommen.
Ostthüringer Zeitung 9.4.2008
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Pressekonferenz mit Zaungästen
Applaus, Presseschelte und Fragenmangel bei Treff zu TFF und Rassismus in Rudolstadt
Rudolstadt (OTZ/TS). Eine Pressekonferenz der besonderen Art erlebte gestern das Alte Rathaus zu Rudolstadt. Im ersten Teil ging es um das diesjährige Tanz- und Folkfest Anfang Juli, im zweiten um die Anschuldigungen des Rudolstädter Pfarrers Reiner Andreas Neuschäfer bezüglich rassistischer Vorfälle in der Stadt (OTZ berichtete).
Wie sich bald zeigte, hatte vor allem Teil zwei dafür gesorgt, dass die Plätze im Raum nicht ausreichten. Neben Journalisten aus ganz Deutschland und mehreren Kamerateams hatten auch mehrere Zaungäste den Weg ins Alte Rathaus gefunden und honorierten - bei Pressekonferenzen eher ungewöhnlich - mehrere Wortbeiträge mit Applaus.
Während es zum TFF lediglich eine kleine Nachfrage gab, kamen zum Thema Neuschäfer ein halbes Dutzend Leute zu Wort. Dabei wurde - ebenfalls ein Novum - mit Presseschelte nicht gespart. Rudolstadts Bürgermeister Jörg Reichl (BfR) verurteilte "die Darstellung von Rudolstadt als rassistische und rechte Hochburg". Sein Pressesprecher Frank-Michael Wagner fragte: "Wer schützt diejenigen, die sich aufopfern und jetzt als Nazischweine beschimpft weltweit werden?"
09.04.2008
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Empört, nachdenklich, irritiert
Eine Spurensuche in Rudolstadt zu den Anfeindungen der Familie Neuschäfer
Von OTZ-Redakteurin Heike Enzian Rudolstadt. Gudrun Fischer ist nicht wirklich überrascht. "Mir war klar: Schweigend zieht er nicht vom Feld". Die Leiterin des Christlichen Kindergartens in Rudolstadt wird die Zeit, in der die Kinder der Pfarrerfamilie Neuschäfer die Einrichtung besuchten, nicht vergessen. "Wir waren anfangs von seiner fachlichen Kompetenz sehr beeindruckt, wir haben ihn geschätzt", erzählt sie über Familienvater Reiner Andreas Neuschäfer. Doch dann wendete sich das Blatt. "Er hat unsere fachlichen und kommunikativen Fähigkeiten in Frage gestellt. Das ganze Team war sehr aufgewühlt, bald mischte sich Angst dazu". Sie schildert Situationen, die "sehr heikel waren". Sie erinnert sich an ein Entwicklungsgespräch. "Dabei ging es um die Integration der Kinder in die Gruppe, in den Tagesablauf. Um ganz einfache Dinge, die dann so dargestellt wurden, als ginge es um die Integration anders Aussehender, damit hatte es aber nichts zu tun", blickt sie zurück. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt ein Projekt unter dem Motto ´Eine Reise um die Welt´, dabei haben wir auch Indien betrachtet. Wir haben das Anderssein mit den Kindern besprochen", schildert sie. Andererseits sei es Frau Neuschäfer auch schwer gefallen, sich an Regeln der Hausordnung zu halten. "Es ging immer um Regularien, nie um Konflikte mit den Kindern", stellt sie klar.
"Es war ein Klima der nicht gedeihlichen Zusammenarbeit. Wir waren fast so weit, dass wir Anzeige wegen Rufschädigung gestellt hätten, sind dann aber doch zum Alltag übergegangen", ergänzt Pfarrer Hans-Jürgen Günther, Geschäftsführer der Diakonie Rudolstadt. Als kurz darauf aus der Anton-Sommer-Schule ähnliche Probleme bekannt wurden, wusste man im Kindergarten: Wir haben nicht alles falsch gemacht.
An der Sommer-Schule, wo Jannik vor fast genau einem Jahr in eine Schulhofprügelei verwickelt war, geht es in diesen Tagen vor allem um den Schutz der Kinder. Das liegt auch Katharina Brüggemann am Herzen, selbst Mutter von drei Kindern. Als diese noch kleiner waren und sie mit Kinderwagen und Kiddyboard in Rudolstadt unterwegs hat, hat sie auch Blicke gespürt. "Man wurde in der Kleinstadt bemerkt, weil man neu war", sagt sie. Miriam Neuschäfer muss es anders empfunden haben. Dennoch: "Wir Eltern sind sehr betroffen über die Pauschalisierung dieses Sachverhaltes. Unser Sohn hat am Abendbrottisch gefragt: Stimmt es, dass wir uns nicht mehr streiten dürfen, weil sonst die Schule geschlossen wird. Das kann nicht sein", berichtet sie.
Nachdenkliche Töne kommen in diesen Tagen auch aus der Nachbarschaft der Familie Neuschäfer in der Weinbergstraße. Hier waren sie gut integriert. Das obenstehende Familienfoto, das so seit Tagen in den Medien kursiert, entstand bei einer Hochzeit an der Kirche in Weißbach, bei der Neuschäfers gemeinsam mit Rudolstädtern und Gästen feierten. Fotoautor ist der Rudolstädter Friedrich Zapfe.
"Ich habe Miriam immer in Schutz genommen", sagt Fridolin Zaugg. "Als Religionspädagoge hätte Reiner über die Vorgänge an Schulen bescheid wissen müssen. Ich bin selbst in allen Schulen im Landkreis tätig, mache Projekte, die mit diesem Thema zu tun habe. Als Theologe und Pädagoge hätte er mit der Situation differenzierter umgehen müssen. Grundschulkinder taugen nicht für so eine Kampagne. Das ändert aber nichts an der Wut über die Sachen, die Miriam hier passiert sind.", sagt er.
Manches relativiert sich jedoch beim genauen Hinsehen. Auf Nachfrage, in welchem Rudolstädter Geschäft seine Frau nicht bedient worden sei, sagte Reiner Andreas Neuschäfer: "In einem alteingesessenen renommierten Fotogeschäft, und es ist nicht das am Markt, als sie ein Aufladegerät für den Fotoapparat kaufen wollte". "Das ist totaler Blödsinn, so gehe ich mit meinen Kunden nicht um", reagiert Inhaber Andreas Lösche. "Das hat er sich aus den Fingern gesogen, dagegen verwahre ich mich."
Dass Rudolstädter empört, aufgeregt und irritiert reagieren, kann Reiner Andreas Neuschäfer zum Teil verstehen. "Mein Eindruck ist, das Problem ist nicht tatsächlich erkannt. Es ist die Chance vertan, unvoreingenommen dieser Sache zu begegnen. Wir haben nichts hinausposaunt und niemanden verurteilt. Wir haben nur erzählt, was wir hier erlebt haben", sagt er. Das unter anderem einer Mitarbeiterin des Comenius-Institutes in Münster, einer evangelischen Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaften. Diese Mitarbeiterin ist befreundet mit dem Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), der schließlich einen Berliner Korrespondenten informierte.
09.04.2008
weiteres
stay tuned - keep on rockin´!
noch ein Artikel
die Dementis, daß alles doch gar nicht so schlimm ist in Wirklichkeite etc etc kommen ja interessanterweise alle aus der Region. Ich bin ja mal gespannt wann der Bürgermeister von Mügeln sich einmischt und darauf hinweist, daß doch jedem Mal so Sprüche rausrutschen können.
Pfarrer flieht vor dem Alltag
PFARRER FLIEHT VOR DEM ALLTAG
Die dunkelhäutige Familie eines Geistlichen wird beleidigt,
beschimpft und bespuckt - bis sie schließlich von Thüringen
zurück nach Nordrhein-Westfalen zieht.
"unwerte" Menschen erschlagen: Dieter Eich
Was nicht nur seine Ursachen in aktuellen Debatten ("Waschen und Rasieren") hat. Bereits in der DDR gab es eben nicht nur die - nun verdrängte - Fremdenfeindlichkeit. Mit der Übernahme der sowjetischen "Parasiten"-Gesetzgebung" und des Nazi-Asozialenparagraphen wurden autoritäre Vorstellungen ungebrochen fortgesetzt.
Ebenso kann man Rassismus nicht beschränkt auf den Osten und die Ursachen in der DDR betrachten. Ich sag nur: Koch!
Eine Dokumentation deutscher Zustände
Die ZEIT bringt es auf den Punkt
Ossi-Hasser, und auch noch schwarz
Ein Jahr nach dem Streit um einen Pastor und seine indischstämmige Frau hat das thüringische Rudolstadt sich eingeigelt. Fremdenfeindlichkeit? Gab es hier nie!
Rudolstadt/Erkelenz - Erinnert sich noch jemand an Rudolstadt (außer, natürlich, den Rudolstädtern)? Rudolstadt in Thüringen, knapp 25000 Einwohner, wurde im vergangenen Frühjahr bekannt, als ein mit einer indischstämmigen Frau verheirateter Pastor die Stadt fluchtartig verließ, weil die Familie, wie er sagte, den Alltagsrassismus der Rudolstädter, die täglichen kleinen und gröberen Gehässigkeiten gegenüber den dunkelhäutigen Familienmitgliedern, nicht länger ertrage. Nicht die betroffene Familie Neuschäfer selbst, sondern ein SPD-Bundestagsabgeordneter hatte diesen Sachverhalt damals bekannt gemacht. Hieb- und stichfeste Beweise fehlten aber, weshalb der Pastor seinerseits der Aufwiegelei und der antiostdeutschen Medienhetze bezichtigt wurde und die wechselseitigen Vorwürfe am Ende ungeklärt blieben.
Und heute? Man muss sich in Rudolstadt nicht lange umsehen, um Belege für die Vorwürfe des Pastors zu finden. Die jungen Männer am Rathaus, die mit Bierdosen in der Hand »White power« grölen, den rassistischen Gruß der britischen Skinhead-Bewegung, beweisen natürlich noch nichts. Aber Zeugen finden sich reichlich – Zeugen freilich, und das ist offenbar ein Teil der Rudolstädter Wirklichkeit, die keinesfalls namentlich in Erscheinung treten wollen.
»Hier ist aber was los, wenn ich was sage«, sagt der Vater eines ehemaligen Mitschülers der Neuschäfer-Kinder. Er könnte Vorwürfe der Neuschäfers bestätigen, aber er fürchte, Ärger zu bekommen, wenn er als Zeuge auftrete. Auch eine Bekannte, die dabei war, als Miriam Neuschäfer, die Ehefrau des Pastors, auf der Straße angespuckt wurde, und bislang dazu geschwiegen hat, möchte anonym bleiben. Ebenso ein früherer Nachbar, dem die Pastorenfrau über Jahre hinweg immer wieder von den alltäglichen Beleidigungen erzählt habe. »Ausgedacht hat Miriam sich das nicht«, sagt er. Der Nachbar verstehe gut, warum die Familie weggezogen sei.
Nun wäre es ja immerhin denkbar, dass die Rudolstädter diese traurige Geschichte zum Anlass nähmen, sich und einander die eine oder andere kritische Frage zu stellen. Aber davon ist nichts zu spüren. Offiziell ist Rudolstadt »fremdenfreundlich« – mehr als das hat Bürgermeister Jörg Reichl nicht zu sagen. Er möchte das Image seiner Stadt als »Schillers heimlicher Geliebter« aufpolieren. Die Stadt setzt auf den Tourismus, Gäste aus aller Welt sollen Geld in die Region bringen. Fragen nach Fremdenfeindlichkeit stören dabei und werden darum nicht beantwortet.
Unterhalb der Politikebene hat Rudolstadt die Reihen gegen die Neuschäfers so fest geschlossen, als wollte die Stadt ihren Kritikern im Nachhinein recht geben. Der Mann sei Alkoholiker, heißt es, ein gescheiterter Pfarrer, ein Besserwessi, ein Besserwisser. Seine Frau sei ein Mauerblümchen, eine nach Aufmerksamkeit gierende Ossi-Hasserin, eine schlecht integrierte Ausländerin. »Die spinnt doch«, sagt ein Geschäftsmann über Miriam Neuschäfer. »Die wollen den Ruf der Stadt ruinieren«, sagt ein früherer Bekannter.
Dass die Kinder »nicht einfach« seien, brachte die Lokalpresse schon im vergangenen Frühjahr in Erfahrung. Im Internet hieß es, die Eltern hätten ihren Sohn zum Lügen angestiftet. In Onlineforen bezeichnen Rudolstädter die Neuschäfers als Lügner: »Jahrelang war Ruhe um den braunen Mist und da kommt ›Einer‹, reißt uns zu Boden und tritt noch hinterher.« Oder: »Die Aussagen von Herrn Neuschäfer sind falsch und verlogen. Noch nie hat es solch einen Vorfall gegeben.« Und in Leserbriefen schreibt sich die Stadt ihre Wut von der Seele. »Ihr richtet nunmehr mit medialem Schwert!«, heißt es, und: »Ihr habt geschwiegen und seid gegangen.«
Schwer verständlich ist auch die Haltung der evangelischen Kirche, der Arbeitgeberin Pastor Neuschäfers. »Wer Schuld behauptet, muss diese auch nachweisen«, urteilt Landesbischof Christoph Kähler streng. Demnach hätten die Neuschäfers ihr Schicksal klaglos erdulden müssen, solange alle potenziellen Zeugen unter dem Druck der Mehrheit schwiegen. Außerdem behauptet die Kirchenleitung heute, von den Sorgen der Neuschäfers nichts gewusst zu haben. Dagegen räumt, wiederum nur anonym, eine hochrangige Kirchenmitarbeiterin ein, dass sie und einige Kollegen mit Neuschäfers über die Anfeindungen gesprochen hätten, denen sie ausgesetzt waren. Sie selbst habe dem Pfarrer zur Flucht in den Westen geraten, sagt die Frau. Auch bestätigt sie eine Auskunft Pastor Neuschäfers über die Haltung seiner Amtsbrüder: Mehrere Kollegen hätten ihm einen Umzug in eine Großstadt nahegelegt, wo Dunkelhäutige weniger auffielen.
Über den Kreis ihrer Gesprächspartner hinaus wurde der Fall Neuschäfer in der Landeskirche durch einen Artikel in der Kirchenzeitung Glaube + Heimat bekannt. Im September 2007, mehr als ein halbes Jahr vor den ersten größeren Medienberichten, berichtete Pfarrer Neuschäfer dort über das Schicksal seiner Frau und der Kinder, die »angespuckt, angegiftet, angestarrt und angegriffen« würden. »Es ist das Los und die Last unserer ebenso dunkelhäutigen wie deutschen Kinder, unentwegt Spott über ihre Hautfarbe über sich ergehen lassen zu müssen.«
Müsste sich, bei diesem Stand der Dinge, nicht auch die Kirchenleitung kritische Fragen stellen? Er habe von alldem nichts gewusst – viel mehr als diese Auskunft ist Landesbischof Kähler nicht abzuringen.
Die Neuschäfers mit ihren mittlerweile sechs Kindern leben heute in Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Von dort aus haben sie einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um zu prüfen, ob einzelne Rudolstädter mit Unterlassungserklärungen gezwungen werden können, Behauptungen zurückzunehmen. Umgekehrt drohte ein Rudolstädter Geschäftsmann Miriam Neuschäfer mit seinem Anwalt, sollte sie weiter behaupten, dass sie in seinem Geschäft ihrer Hautfarbe wegen nicht bedient worden sei. Die evangelische Landeskirche Thüringen hat ebenfalls Juristen eingeschaltet. Sie sollen prüfen, ob Pfarrer Neuschäfer sich seinem Arbeitgeber gegenüber korrekt verhalten habe. In einem Interview hatte Neuschäfer fehlende Hilfe der Kirche angeprangert. Diesen Vorwurf scheinen Pastor Neuschäfers ehemalige Vorgesetzte so ungeheuerlich zu finden, dass der Fall demnächst vor Gericht erörtert werden könnte.
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
"Es gab keine Fremdenfeindlichkeit in der DDR
...Man könnte das ganze auch Realitätsverweigerung nennen. Wenn ich die Zeitungsartikel aus Thüringen lese, wird mir ganz einfach schlecht. Denn diese Verlogenheit und diese Verdrängungsmechanismen habe ich zu oft erlebt.
lk
erst opfer permanenter theistischer indoktrination und dann noch dummen rassismus....