Alle vier Sekunden ein Mord

Christoph Müller 22.03.2008 14:54 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe Weltweit Ökologie
Jedes Jahr sterben laut Bericht der FAO, der Food and Agricultural Organization (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), etwa 8 Millionen Menschen an Hunger - das sind über 20.000 Menschen am Tag, 15 Menschen pro Minute: Alle 4 Sekunden stirbt ein Mensch den qualvollen Hungertod. Oftmals sind diese Menschen noch im Kindesalter.
Der Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen trifft Kleinkinder und stillende Mütter in einem besonderen Maße: Jährlich überleben sechs Millionen Jungen und Mädchen ihre Kindheit nicht. Weil schon die Mutter an Unterernährung leidet, kommen die Kinder bereits mit schwerwiegenden Störungen ihres Stoffwechsels zur Welt. Sie sind deshalb sehr anfällig für Krankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung, Malaria oder Masern. Würden sie nach ihrer Geburt eine bessere Ernährung erhalten, könnten sie von solchen Krankheiten problemlos geheilt werden.

Während das Problem in unserem westlichen Alltagsüberfluss oft untergeht und hier immer mehr Menschen unter den Folgen von Übergewicht leiden, verursacht der Hunger besonders in den Ländern des globalen Südens - in Afrika, Lateinamerika und Asien jeden Tag ein unvorstellbares Leid. Diese Situation ist weder natürlich, noch „Gott gegeben“, sondern Menschen gemacht! Es gibt heute keinen „objektiven Mangel an Gütern“ mehr auf der Welt. Im Gegenteil: Es herrscht Überfluss. Die Erde könnte schon heute bei gleichbleibender landwirtschaftlicher Produktion ohne Probleme doppelt so viele Menschen ernähren, wie auf der Erde leben. Das macht der letzte Bericht der FAO von 2005 deutlich. Jean Ziegler, der vor kurzem aus dem Amt geschiedene Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung kommt angesichts dieser dramatischen Fakten zu dem Schluss: „Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“

Die Hunger- und Entwicklungshilfe der Industrienationen ist kaum mehr als medien-wirksame Augenwäscherei. Die Staatsverschuldungen der Entwicklungsländer führen dazu, dass die betreffenden Länder einen großen Teil ihrer Wirtschaftsleistung für Zinszahlungen an das Ausland aufbringen müssen. So zahlen die Länder der so genannten Dritten Welt jedes Jahr deutlich mehr Geld an die Industrienationen, als diese ihnen durch Hilfsprogramme zukommen lassen. Würden die PolitikerInnen des globalen Nordens tatsächlich den Welthunger bekämpfen wollen, würden sie den Entwicklungsländern ihre Schulden erlassen. Auf den Reichtum der Industrienationen würde sich dies kaum auswirken.

Drei Viertel der von „schwerer Unterernährung“ betroffenen Menschen leben auf dem Land. Oft in Ländern mit vielen natürlichen Rohstoffen und für die Landwirtschaft guten klimatischen Bedingungen. Diese Tatsache verstärkt das Paradoxon des Hungers unserer Zeit. Die Menschen, die in Brasilien hungern, können auf ihren Feldern nicht die Lebensmittel anbauen, die sie benötigen, weil diese von großen, europäischen oder nordamerikanischen Konzernen gekauft wurden. Sie bauen auf den brasilianischen Feldern Soja an, dass später als Trockenmittel für die Rinder, die für den Fleischkonsum der Industrienationen des Nordens gezüchtet werden, weiterverkauft wird.

In der gegenwärtigen Form fördern Handel und Globalisierung den Hunger. Die Staaten des globalen Nordens geben jedes Jahr Milliarden Dollar aus, um den Export ihrer landwirtschaftlichen Produktion zu subventionieren (d.h. finanziell zu unterstützen). LandarbeiterInnen in Afrika, die jeden Tag unter brennender Hitze auf ihren Feldern arbeiten, haben keine Chance gegen diese Subventionen anzukommen. Heute ist auf einem afrikanischen Markt das subventionierte, europäische Gemüse viel billiger, als das von den Bauern und Bäuerinnen im Umkreis angebotene. Millionen LandarbeiterInnen in Afrika sehen deshalb keine Chance mehr sich zu ernähren und versuchen mit letzter Kraft nach Europa zu fliehen, um irgendeine Arbeit für ein bisschen Essen zu finden. Wenn wir nicht jetzt anfangen die Absurdität unserer bestehenden Weltordnung zu bekämpfen, wird sich an diesen grausamen Zuständen nichts ändern.
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Ergänzungen

Unterernährung

Stefan S. 22.03.2008 - 16:48
Unterernährung tritt vor allem in ärmeren Regionen der Welt auf. Dafür kommt ein Bündel von Ursachen in Betracht, darunter:

soziale Strukturen,
Kriege und Bürgerkriege,
Bildungsmangel,
Korruption,
Weltmarktgesetze,
Überbevölkerung,
Naturkatastrophen.
Meist wirken mehrere solche Ursachen zusammen. Vor allem in der so genannten dritten Welt sind einige diese Probleme sehr stark verbreitet. Nach unterschiedlichen Schätzungen sterben dort täglich zwischen 20.000 und 100.000 Menschen an den unmittelbaren und mittelbaren Folgen der Unterernährung. Eine genaue Eingrenzung der genauen Todesursachen ist jedoch nicht möglich, da Behörden keine Erhebungen dazu machen.

Mogelpackung

Osterhäschen 22.03.2008 - 16:59
die Privatisierung der Grundnahrungsmittel. Genmanipulation und Privatisierung des Saatguts. Die Absicht der Konzerne Monsanto und Syngenta die Welternährung mit und in ihren Unternehmen zu monopolisieren, dass heißt den Welthunger zu monopolisieren. Der Hunger wird zum Geschäft erklärt. Einerseits wird moralischer Druck auf die Demokratien ausgeübt, andererseits werden neue Gesetze global verhängt, dritterseits wird den Hungerneden ¡verboten eigenes Saatgut anzubauen und vierterseits wird den Menschen das Land und das Wasser geraubt welches sie bräuchten um sich selber ausreichend zu versorgen. Und . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

@Stefan S.

(muss ausgefüllt werden) 22.03.2008 - 18:34
"Dafür [Unterernaehrung] kommt ein Bündel von Ursachen in Betracht"

Das ist schonmal eine falsche Aussage, da dort ein wichtiger Zwischenschritt fehlt. Der Grund der Unterernaehrung ist schliesslich ganz simpel: diese Menschen haben keinen Zugang zu Essen, da spielt ihr Bildungsgrad, Korruption, usw. noch ueberhaupt keine Rolle!

Das entscheidende Moment ist hierbei wie die Ware Essen vermittelt wird, naemlich, wie alle Waren, ueber ihren Tauschwert. Der Bedarf dieser Menschen spielt keine Rolle, im Kapitalismus, da sie irrerelavant sind fuer den Profit der Unternhemer bzw. als Menschenmaterial fuer ihre Nationalstaaten.

Eine vernuenftige Kritik muss sich also gegen den Kapitalismus und seine Teilung Gebrauchswert und Tauschwert richten, und nicht gegen eine "neoliberale" Weltverschwoerung...Mit "Neo" hat die ganze Sache naemlich so ueberhaupt gar nichts zu tun. Die Struktur ist bereits schon ein paar hundert Jahre alt und auch deren Bewegungsgesaetze sind sind ueber 140 Jahren bekannt.

Einfach mal bei Marx nachlesen, was das genaue Problem ist, oder zumindest mal die Links anschauen:

 http://www.farberot.de/texte/k1kommalt/aufbau.html

 http://www.farberot.de/texte/k1kommalt/1kap.html

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Verfettung — Eine Welt

An den "Unausgefüllten" — Nicht Stefan S...

Egal — Noch mehr egal

(muss ausgefüllt werden) — @nicht Stefan