Tag des Deserteurs 2008 in Russland

Schwarzhelm 10.03.2008 06:51 Themen: Militarismus Weltweit
Ein kurzer Überblick über antimilitaristische Proteste gegen einen Tag der offiziellen Kriegsverherrlichung. Über acht Zeitzonen.
2004 wurde der 23. Februar, der ehemalige "Tag der Roten Armee", als "Tag des Vaterlandsverteidigers" zum offiziellen Feiertag erklärt - und damit auch zu einem Tag des anarchistischen Protestes erhoben, wenn er das nicht schon vorher war. Staaten feiern viele zweifelhafte Angelegenheiten, aber ein staatlicher Feiertag am Jahrestag einer ethnischen Säuberung, das war einfach zuviel! Am 23. Februar 1944 waren die TschetschenInnen und InguschInnen aus ihren Siedlungsgebieten im Kaukasus nach Zentralasien deportiert worden.

Anarchistische AntimilitaristInnen organisieren seither ungefähr zu diesem Datum ein Festival zum Tag des Deserteurs. Dieses Jahr fand das zum ersten Mal außerhalb Moskaus statt, in Kirow, ungefähr auf halber Strecke zwischen Moskau und dem Ural, 800 Kilometer Richtung Ost-Nordost. Bis zu 100 AnarchistInnen, von denen ein Großteil aus anderen Städten (St. Petersburg, Moskau, Ishewsk, Nishny Nowgorod, Ufa, Perm und Tjumen) kam, beteiligten sich an den Veranstaltungen. Die Polizei patrouillierte am Bahnhof, führte illegale Verhaftungen durch und nahm die Personalien vieler TeilnehmerInnen auf. Dennoch konnte dank erfolgreicher Konspiration der größte Teil der Veranstaltungen ohne polizeiliches Einschreiten durchgeführt werden.

Für den 23. Februar waren Workshops organisiert. Der Eigentümer des Gebäudes, wo sie stattfinden sollten, zog sich jedoch unter dem Druck der Behörden zurück (siehe  http://de.indymedia.org/2008/02/208771.shtml). Aber schließlich wurde ein alternativer Veranstaltungsort gefunden, der der Polizei nicht vorzeitig bekannt wurde. Zunächst berichteten MenschenrechtsaktivistInnen aus der Gegend, vom Kinderschutzbund der Region Wjatka und vom Komitee der Soldatenmütter, über aktuelle Reformen im Militärsystem, legale Möglichkeiten, den Wehrdienst zu vermeiden, und juristische Fehler, die den Behörden oft unterlaufen und die es erleichtern, dem Dienst zu entkommen.

Nach diesen Vorträgen gab es Reden, die nicht direkt mit dem Thema des Festivals zusammenhingen - eine kurze Geschichte studentischen Widerstands in Russland seit den 80ern und aktuelle Themen, mit denen StudentInnen konfrontiert sind, wie die Kommerzialisierung der höheren Bildung wegen des Bologna-Prozesses. Ein anderes aktuelles Thema ist die sogenannte "Autonomisierung" der Schulen und Universitäten, die der Regierung einen Vorwand gibt, diejenigen Schulen und Unis zu schließen, die sie für nicht ausreichend profitabel hält. Gegen diesen Proßtess hat es bereits einige erfolgreiche Kämpfe gegeben.

Die beiden anderen Workshops befassten sich mit Informationssicherheit im Internet und mit Handyverbindungen. Am Abend wurde die Doku "Der Tod des Arbeiters" von Michael Glawogger gezeigt.

Am nächsten Tag war auf dem Platz der Philharmonie von 13:15 bis 14:15 eine Kundgebung angemeldet. Durch einen unglücklichen Zufall hatte der Veranstalter mit den Genehmigungspapieren einen Autounfall, darum begann die Kundgebung mit einer halben Stunde Verspätung. Dutzende Polizisten beobachteten die Veranstaltung und filmten alle TeilnehmerInnen mit Videokameras. Endlich konnte die TeilnehmerInnen Transparente entrollen mit den Texten "Friede ist besser als ein Platz in der Geschichte" und "Nein zur Gewalt auf der Welt". FestivalbesucherInnen aus Nishny Nowgorod brachten ein Transparent mit zum Gedenken an einen Mann, der kürzlich im Wehrdienst umgekommen war, mit der Aufschrift: "Roman Rudakow 1986-2008 - wer ist der Nächste?" Begleitet von Trommeln, skandierten die TeilnehmerInnen "Ich will nicht dienen, ich lebe sehr gern!", "Die Armee ist die Schule der Sklaverei, wir wollen studieren und nicht Krieg führen!", "Ein Jahr von unserem Leben, das wird uns niemand wieder geben!", "Wir werden kämpfen, unsere Welt ist nicht zu verkaufen", "Ich bin zum Leben geboren, nicht zum Kriegsdienst!", "Freiheit, Gleichheit, Anarchokommunismus!", "Frieden für die Welt, Krieg dem Krieg, nein zur Gewalt in Tschetschenien!" und "Unser Vaterland ist die ganze Menschheit!" [A. d. Ü. Das russische Wort "MIR" bedeutet sowohl "Friede" als auch "Welt", deswegen sind einige dieser Parolen im Original doppeldeutig und nicht direkt übersetzbar.]

Nach der Kundgebung gab es eine spontane Diskussion über den Zweck solcher aktionen und eine andere über das Verhältnis zwischen Anarchismus und der Punk- und Hardcore-Szene. Ein für den Abend geplantes Konzert konnte wegen behördlicher Eingriffe nicht stattfinden.

Aktionen in anderen Städten:

Barnaul

Freitag Nacht Graffiti-Aktion, Food Not Bombs-Aktion mit antimilitaristischen Flugblättern am Samstag.

Brjansk

Freitag Nacht brachten AnarchistInnen und Anti-Kriegs-AktivistInnen rund 50 Graffiti an verschiedenen Gebäuden an, darunter das örtliche Einberufungsbüro und das Militärhauptquartier. Niemand wurde verhaftet.

Tschita

Zwei Einberufungsbüros im Stadtzentrum wurden in der Nacht auf Samstag verschönert. "Die Armee ist die Schule der Gewalt und Sklaverei" und "Der Kopf des Soldaten ist billiger als sein Gewehr" wurde geschrieben, und als Schablone wurde gesprüht: "In der Armee zahlt man seine Verpflichtungen gegenüber dem Staat - ich frage mich, wann ich mir so viel von ihm geliehen haben soll!"

Irkutsk

Die Ortsgruppe der Autonomen Aktion hatte beschlossen, eine Filmvorführung gegen militärische Einberufungen zu organisieren. Vom sibirischen Militär selbst gedrehte Propagandafilme gegen Schikane und Diebstähle in der Armee und über die Bestrafung dieser Verbrechen wurden gezeigt, weil sie großartige Propaganda gegen die Armee sind. Nach der Filmvorführung gab es eine Diskussion über den Widerstand gegen Einberufungen.

Kasan

Anti-Kriegs-Aufkleber wurden verteilt, und ein Transparent mit der Aufschrift "besser helfen, als töten lernen" wurde an einer Brücke aufgehängt. Am Abend wurde ein "Deserteurskonzert" mit lokalen und Moskauer Bands in einer Kneipe veranstaltet. Zunächst lauerten dort sieben Nazis den TeilnehmerInnen auf, wurden jedoch rechtzeitig erkannt, so dass letztere nicht einzeln eintrafen, sondern in ausreichender Menge, um sie vor die Tür zu setzen. Die Nazis kamen dann während des Konzerts mit einer größeren Gruppe Hools wieder, konnten jedoch draußen gehalten werden und flüchteten, als die Polizei kam. Es gab zwei ernsthaft verletzte Nazis und auf Seiten der KonzertbesucherInnen ein paar Schnittwunden durch Glassplitter.

Moskau

In Moskau wurden Aktionen zum Tag des Deserteurs bereits zum 4. Mal organisiert. Wer nicht nach Kirow reisen konnte, organisierte Aktionen in Moskau - zuerst eine Food Not Bombs-Aktion, dann eine Demo von ca. 30 Leuten von der Metrostation "Universität" zur Metrostation "Akademitscheskaja" mit einem Food Not Bombs-Transpi und einer schwarz-roten Fahne (leicht pathetischer Bericht auf:  http://de.indymedia.org/2008/02/208846.shtml). Antimilitaristische Slogans wie "Ihr seid für sie nur billige Waffen!", "Der Deserteur verteidigt die Menschheit!" und andere wurden skandiert. Flugblätter mit dem Titel "Ohne Krieger keine Kriege!" wurden an PassantInnen verteilt. Die Demo kam am Einberufungsbüro der Gagarin-Zone vorbei, es wurde mit der Parole "Nein zum Krieg!" besprüht (pink). Es gab keine Verhaftungen - die Verkehrspolizei bemerkte zwar die Demo und meldete sie dem zuständigen Polizeirevier, da sie aber ihre Route nicht voraussehen konnten, war sie nicht aufzuhalten.

Videos dazu:
 http://ru.indymedia.org/usermedia/video/5/u_voenkomata.avi
 http://ru.indymedia.org/usermedia/video/7/shestvie.avi

St. Petersburg

Das Menschenrechtszentrum Memorial veranstaltete eine Kundgebung zum Gedenken an die Deportation der TschetschenInnen und InguschInnen, daran beteiligten sich nur ca. 30 Leute. Etwa 10 AnarchistInnen der Assoziation libertärer Initiativen, einer neuen Koordinationsgruppe zwischen verschiedenen antiautoritären Gruppen in St. Petersburg, schlossen sich der Aktion an.

Wladiwostok

In den Tagen vor dem Deserteurstag wurden vor allem an Universitätsgebäuden "Fuck the Army"-Schablonen gesprüht.

Hefte mit Empfehlungen für Leute, die sich an Protestaktionen beteiligen wollen, wurden von der gerade gegründeten Anarchist Black Cross-Ortsgruppe gedruckt und unter den örtlichen AktivistInnen verteilt. Die anarchistische Lokalzeitschrift "Udar" brachte eine Sonderausgabe zum Thema "Deserteur ist ein Beruf" (Persiflage auf einen bekannten Rekrutierungs-Werbespruch) heraus.

Der 23. war ein sehr kalter, windiger Tag in Wladiwostok. Dennoch kamen rund 20 Leute auf die Aktion, mit einem Transpi "Der Kopf eines Soldaten ist billiger als ein Sturmgewehr" und schwarz-roten Fahnen. Wegen des schlechten Wetters gab es nur wenige PassantInnen, außer im Stadtzentrum. Es wurden Leuchtfackeln entzündet, "Unser Vaterland ist die ganze Menschheit" und "Sei ein Mensch - verteidige den Planeten" wurde skandiert.

Trotz gegenteiliger Erwartungen schritten Polizei und Boneheads nicht ein, so dass die Aktion letztlich, wie es die OrganisatorInnen ausdrückten, "ein bisschen langweilig" ausging.

Am 24. Februar wurde eine "Food Not Bombs"-Aktion organisiert.

Quelle, mit Fotos:  http://avtonom.org/index.php?nid=1612
Was letztes Jahr los war, steht hier:  http://www.avtonom.org/index.php?nid=672
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Ergänzungen