Barcelona: Studistreik, repression, grossdemo

Norma Tief 09.03.2008 22:34 Themen: Bildung Freiräume Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Der kampf barcelona gegen bologna geht in die näxte runde. Nach vier tagen streik und aktionen an einer fakultät der grössten uni der stadt sowie einer polizeilich beendeten besetzung an einer anderen uni nahmen über 7000 leute an einer demo gegen den bologna-prozess teil, darunter etliche hundert streikende busfahrer/-innen.
Vor einigen jahren wurde im zentrum barcelonas ein neues uni-gebäude eingeweiht, das die fakultät für philosophie sowie die für geschichte, geographie, kunstgeschichte und sozial-anthropologie der universitat de barcelona (ub) beherbergt. Diese woche erwies es sich von vorteil, dass der teil des grossen gebäudes, in dem sich die hörsäle befinden, weder durch die bibliothek im erdgeschoss, noch durch den den profs vorbehaltenen hintereingang betreten werden kann. So hatten es die streikposten leicht, ab vergangenem monatg den in der vorwoche auf zwei gut besuchten fakultätsversammlungen (je 150 – 200 leute) beschlossenen viertägigen streik publik zu machen und durchzuführen. Am haupteingang wurden heftchen mit der kritik an der art der vereinheitlichung des europäischen hochschulraums (wie er gemäss des sog. bologna-prozesses stattfindet) verteilt und allen menschen, die in die vorlesungen wollten, der eintritt verwehrt. An der uni beruflich tätige sowie hilfskräfte wurden durchgelassen.
Die blockade führte in einzelfällen zu gewalttätigen übergriffen seitens einiger streikgegner, im grossen und ganzen lief aber alles gut ab. Die lehrveranstaltungen fielen aus. Stattdessen gab es im hof vor dem eingang info-veranstaltungen: Einerseits direkt hochschulbezogen, andererseits zu dem stadtviertel um die fakultät (so ging es beispielsweise einmal um die politischen forderungen von sexarbeiterinnen) und zu allgemeinpolitischen themen, wie der gegenwärtigen arbeitsmarktpolitik und den prekären zuständen auch für jüngere menschen mit uni-abschluss. Die wände des innenhofs wurden grossflächig vermittels kritischer spraydosen verschönert.
Fast jeden tag fanden zwei vollversammlungen („asambleas“) statt, und zwar vor- und nachmittags. In spanien ist es nämlich üblich, entweder vor- oder nachmittags zu studieren, um den rest des tages geld verdienen zu können. Das dürfte logischerweise hauptsächlich an den studiengebühren liegen: Ein grundständiges studium kostet nämlich insgesamt um die 3000 EUR. Somit ergibt sich die für deutschland wohl unmögliche situation, dass der streik in zwei schichten aufrecht erhalten wird. Deshalb hatte es auch zweier versammlungen bedurft, um ihn zu beschliessen.

Am mittwoch gab es auf dem nahen universitätsplatz, vor dem geschichtsträchtigen ehemaligen hauptgebäude der uni, eine von ca. 250 offensichtlichen studis besuchte öffentliche vorlesung eines anthropologie-profs (dem der akademische charakter der veranstaltung wichtig war, wie er sagte) zu den themen gedächtnis von orten und studentische proteste in der franco-zeit. Er ermunterte die studis, weiterzumachen und vor allem den öffentlichen raum (einschliesslich der fahrbahnen für autos) einzunehmen. Danach sprachen sich einige studis aus, und genau rechtzeitig kam (wie geplant) eine ca. 500-köpfige demo der für zwei arbeitsfreie tage pro woche streikenden busfahrer_innen des öffentlichen nahverkehrs am gleichen platz an. Nach einer kurzen begrüssung wurde sogleich gemeinsam eine der hauptverkehrsachsen der stadt blockiert und nach ein paar minuten der weg zu einem nahen hotel angetreten, in dem die spitze der katalanischen sozialdemokratie (also der partei von ministerpräsident zapatero) zu einer wahlkampfveranstaltung für/mit unternehmern erwartet wurde. Über eine stunde lang und mit vielen sprechchören wurde der eingang blockiert, so dass u.a. die spanische ministerin für wohnraum und spitzenkandidatin für katalonien bei den heutigen parlamentswahlen chacon den hintereingang nehmen musste.

Am donnerstag dann die demo, die für die aktionen an der erwähnten fakultät den abschluss darstellte, ansonsten aber wie die letzte dieser art im november (siehe artikel) studis verschiedener unis der gegend um barcelona zusammenbrachte. Nur war diese doppelt so gross wie die von november. Polizei und demo-orga sprachen von 5000 bzw. 10 000 leuten, die tatsächliche anzahl dürfte nach meiner einschätzung allerdings eher in der mitte davon liegen. Am ende der demo lief ein ansehnlicher block der streikenden busfahrer_innen (siehe foto unten).
Am besten kommt die anzahl der teilnehmenden wohl auf diesem foto raus, auf dem der demozug den zentralen katalonien-platz überquert. Das fronttranspi und mehr gibt es hier zu sehen:  http://www.flickr.com/photos/6-m/

Die demo machte auch wegen ihrer lautstärke viel eindruck. Nicht nur gegen privatisierungen wurde angeschrien, auch die polizei bekam ihr fett weg, sobald sie entlang der route gebäude oder strassen verstellte (s.a. die fotos von der rosa beklecksten polizeistation auf der demo-route). Zwei tage zuvor hatte diese nämlich auf bestellung des rektors einer kleineren uni barcelonas (Universitat autónoma de barcelona) die dortige fakultät für philosophie und geisteswissenschaften geräumt, die vorher von ca. 40 personen besetzt worden war.

Nach angaben der uni-leitung waren studis und beruflich beschäftigte von vermummten aufgefordert worden, das gebäude zu verlassen, dessen eingänge dann mit möbeln u.ä. verbarrikadiert wurden. Die polizei ging dann weder mit den mehr als 100 solidarischen menschen, die sich vor dem gebäude versammelt hatten, noch mit den gewaltfrei sich festnehmen lassenden leuten zimperlich um. Anonymen schilderungen im internet zufolge drosch die polizei sowohl drinnen als auch draussen schnell los, machte im gebäude aber vorher das licht aus. Schwere verletzungen, wie kopfplatzwunden, sollen die folge gewesen sein. Hier gibt gibt es eindrucksvolle fotos von dem einsatz (am ende der seite weiterklicken, da sind noch ein paar).
Am folgenden tag gab es nicht nur eine solidemo auf dem ausserhalb der stadt gelegenen campus von angeblich 500 leuten, sondern auch einen rücktritt. Martí Marín Corbera, historiker und inhaber einer assistenz-professur, der dem für studis und uni-kultur verantwortlichen vizepräsidenten beigeordnet ist und eine vermittlerrolle zwischen uni-leitung und studis haben soll, wollte dieses amt nicht mehr ausüben. Er distanzierte sich in seiner schriftlichen erklärung zwar auch von der besetzung (genauer: von einigen dabei angewandten methoden), bezeichnete aber das rufen der polizei als einen falschen schritt. Er hätte lieber stundenlang mit den besetzenden weiterverhandelt.

Die grossdemo von donnerstag jedenfalls endete mit kurzen ansprachen verschiedener betroffener: Eine schülerin, ein wirtschaftsprofessor der ub, einer der zahlreichen mitmarschierten prekären „becarios“ (das wort bedeutet ursprünglich stipendiat; es kann sich aber auch um leute handeln, die ein praktikum für wenig geld machen; in diesem fall bezeichnet es promovierende, die für ebenfalls wenig geld an der uni mitarbeiten und lehrveranstaltungen mitgestalten), und eine schulische lehrkraft sprachen sich gegen den „bologna-prozess“ aus, der in spanien gerade zu konkreten gesetzen geführt hat, die den ganzen bildungssektor (be)treffen (wer weiterrecherchieren möchte – die gesetze heissen abgekürzt u.a. lou und lec). Die lehrkraft verwies auf den grossen streik ihrer berufsgruppe gegen diese gesetze vom 14.2. und erwähnte nebenbei, dass in spanien 40 % der schulkinder in kirchliche schulen gehen, die vom staat subventioniert werden. Sie sprach sich deutlich gegen diese mischung von „privatisierung und indoktrinierung“ aus.

In sevilla gab es am gleichen tag eine demo von 3000 personen sowie vorher vollversammlungen und besetzungen. Einen ausführlichen bericht auf spanisch und fotos gibt es hier. In anderen städten gab es auch proteste, die allerdings kleiner ausfielen.


In barcelona geht der kampf sicherlich bald weiter. Nicht nur gegen den rektor der uab gibt es weiterhin viel wut. Es wird v.a. versucht werden, die streikbewegung auf mehr fakultäten auszuweiten. Ein bezugspunkt ist dabei griechenland, das einzige land, wo die bologna-gesetze angeblich durch proteste verhindert werden konnten.
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Ergänzungen

Hier die links

nochmal 10.03.2008 - 08:42
Vielleicht ist ein mod so freundlich und ergänzt die hyperlinks im text!?!
Hier jedenfalls alles ausführlich:

Am donnerstag dann die demo, die für die aktionen an der erwähnten fakultät den abschluss darstellte, ansonsten aber wie die letzte dieser art im november (siehe artikel:  http://de.indymedia.org/2007/11/199541.shtml).

Am besten kommt die anzahl der teilnehmenden wohl auf diesem foto  http://www.flickr.com/photos/6-m/2314190919/ raus, auf dem der demozug den zentralen katalonien-platz überquert.

Schwere verletzungen, wie kopfplatzwunden, sollen die folge gewesen sein. Hier  http://www.flickr.com/photos/datzira/ gibt gibt es eindrucksvolle fotos von dem einsatz (am ende der seite weiterklicken, da sind noch ein paar).

In sevilla gab es am gleichen tag eine demo von 3000 personen sowie vorher vollversammlungen und besetzungen. Einen ausführlichen bericht auf spanisch und fotos gibt es hier:  http://www.kaosenlared.net/noticia/sevilla-lucha-estudiantil-persiste-contra-bolonia

Danke und sorry...

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