Können parlamentswahlen sexistisch sein?

Norma Tief 09.03.2008 15:34 Themen: Gender Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Die antwort ist: In spanien schon. Wegen der heutigen wahlen wurden nämlich die für gestern in madrid, las palmas (auf gran canaria) und sevilla angesetzten demos zum internationalen frauentag verboten.
In barcelona hingegen konnten tausende demonstrieren.
In spanien wird der tag vor so einer wichtigen wahl „día de reflexion“, tag des nachdenkens, genannt. Es ist mit verweis auf diese konstellation möglich, am fraglichen tag jegliche demonstration zu verbieten. Die von der konservativen „Partido Popular“ (die in den 80ern als partei u.a. der anhängerschaft des von 1939 bis 1975 herrschenden diktators franco gegründet wurde) gestellten lokalen verantwortlichen machten von dieser möglichkeit gebrauch und verboten die geplanten demos. Das gegenargument, dass die demos keine parteienpropaganda betreiben würden, um die es bei dem verbot ja eigentlich geht, zog nicht.

Zu recht bezweifelten feministische gruppen des ganzen landes in einem im internet veröffentlichten text, dass so eine wahl jemals auf den 12.3. gelegt werden würde, den tag nach dem jahrestag der islamistischen bombenattentate auf madrider vorortzüge, bei denen 2004 191 menschen starben. Ebensowenig würde der vortag einer parlamentswahl wohl jemals auf den 1. mai fallen. Plausibel erscheint auch die vermutung, dass niemand ernsthaft vorschlagen würde, in so einem fall die traditionelle 1.mai-demo einfach einen tag früher zu machen, wie es jetzt beim 8.3. geschehen ist.
Die nichtbeachtung des internationalen frauenkampftags, an dem seit 90 jahren demos stattfinden, konterkariert also die frauenpolitische rhetorik der herrschenden sozialdemokratischen psoe. Das wahldatum legt nämlich die regierung fest.

Jedenfalls wollten, laut indymedia madrid, einige gruppen in madrid zwei demos am 7.3. machen, während die anderen sich aber weder von der partei des ministerpräsidenten zapatero (deren frauenpolitische gruppen das verbot verurteilten, aber dennoch für einen ausweichtermin plädierten) vereinnahmen lassen, noch sich den traditionellen tag nehmen lassen wollten und deshalb weiterhin für den angestammten termin warben.
Laut dem infoportal www.lahaine.org marschierten dann auch stellenweise bis zu 2500 menschen am abend des 8.3. durch das madrider zentrum, ohne dass die polizei ernsthaft eingeschritten wäre. Einige schriftliche parolen änderten in dem begriff „elecciones generales“ (allgemeine wahlen) den zweiten buchstaben und wandten sich so nicht nur gegen den wahltermin, sondern auch gegen „eure allgemeinen erektionen“.


Im restlichen spanien gab es etliche demos und veranstaltungen.
In barcelona zog ein grosser zug von über 3000 personen (eigene schätzung; die presse hat noch keine genaueren daten veröffentlicht) durch die innenstadt. Hauptthema war dabei das selbstbestimmungsrecht der frauen, umgemünzt in die forderung nach legalen und kostenfreien abtreibungen. Gegenwärtig sind abtreibungen nur im falle von vergewaltigung, gesundheitlicher gefahr für die mutter oder sog. „fötalen defekten“ erlaubt.

Den ersten und grössten teil der demo (zwischen einem drittel und der hälfte) machten verschiedene blöcke aus, in denen überwiegend nicht mehr allzu junge menschen marschierten, und die fast ausschliesslich abtreibungen thematisierten. Eine formulierung war dabei: „Fora rosaris dels nostres ovaris“ („Rosenkränze raus aus unseren eierstöcken“; also gegen die kirchlichen positionen gerichtet). Ein schild thematisierte folgende zwickmühle: „Wenn ich abtreibe, komm ich ins gefängnis. Wenn ich nicht abtreibe, verlier ich meinen job.“ Mit einem eigenen transparent (und der eigenen, separaten forderung nach zwei arbeitsfreien tagen pro woche, die derzeit auf grund grosser und ständiger entsprechender proteste sehr bekannt ist) waren die streikenden busfahrerinnen des öffentlichen nahverkehrs vertreten, die die parole „Wir gebären, wir entscheiden“ umwandelten in „Wir fahren, wir entscheiden“.
Die stimmung war gut und laut („Heeeeii feminisme!“), trotz des anlasses. Der vereinzelt angestimmte sprechchor „Keine aggression ohne antwort/reaktion“ hat nämlich den hintergrund der schockierenden bilanz von frauenmorden (und frauenmordversuchen) in spanien. So waren es 2007 von insgesamt 92 umgebrachten frauen 71, die von ihrem damaligen oder vormaligen lebensgefährten ermordet wurden. Das thema ist sehr präsent, es kommt z.B. oft in den fernsehnachrichten vor.

Im folgenden grossen block, der auch der geschlossenste war, waren erstens hauptsächlich jüngere teilnehmer_innen und zweitens eine menge katalanischer nationalflaggen zu finden. Das fronttransparent thematisierte neben frauen auch kapitalismus und prekäre lohnarbeit. Eine denkwürdige aussage auf einem schild lautete hier: „Ich bin nicht die frau deines lebens, weil ich die des meinigen bin.“

Dahinter folgten ein kleinerer block aus dem eher anarchistischen spektrum, gefolgt von einem noch kleineren, in dem die missliche lage von migrantinnen thematisiert und gleiche rechte für alle gefordert wurden.


Laut presseagenturberichten wurde die demo auch von gewerkschaften und nachbarschaftsvereinen unterstützt.
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Ergänzungen

Navarra auch

Paul 09.03.2008 - 18:05
Dort regieren die Rechtsradikale UPN mit den Sozialisten. Dort dürfen Frauen auch nicht Abtreiben, obwohl das eigentlich erlaubt ist.

Ach so, vergessen

Paul 09.03.2008 - 18:10
Gegen das Abkommen mit der PSOE hat die PP am Samstag in Valencia... gegen den Anschlag dre ETA demonstriert, dabei hatten die Führungsspitzen vereinbart, dass man damit bis Montag wartet. Die Wahlbeteiligung ist ähnlich überdurchschnittlich hoch, wie bei den Wahlen nach den islamistischen Anschlägen vor den Wahlen vor vier Jahren. Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass die PSOE die Wahlen wieder gewinnen dürfte. Die hohe Beteiligung ist dem Anschlag geschuldet und daher könnte sich die PSOE bei der ETA bedanken für die Wahlkampfhilfe. Damals hatte sie ja die Truppen aus dem Irak abgezogen, macht sie das dann auch im Baskenland?

Fotos der madrider demo

hier 09.03.2008 - 19:48
 http://www.kaosenlared.net/noticia/desobediencia-feminista-toma-gran-via-madrid-cronica-fotos-8-marzo

Hier ist auch ein transparent gegen die erwähnten allgemeinen erektionen zu sehen.

Wahlen mit zwei Siegern in Spanien

Ralf 10.03.2008 - 13:06
Die Sozialisten profitieren von der hohen Wahlbeteiligung nach dem Anschlag der ETA
Wie nicht anders zu erwarten war, haben die spanischen Sozialisten (PSOE) erneut von der hohen Wahlbeteiligung profitiert und die Parlamentswahlen am Sonntag gewonnen. Nach dem Anschlag auf einen ehemaligen sozialistischen Stadtrat im Baskenland am Freitag gingen über 75 Prozent zur Wahl, nur zwei Prozent weniger als nach den islamistischen Anschlägen mit 191 Toten drei Tage vor den Wahlen 2004. Damit lag die Beteiligung erneut fast acht Prozent höher als vor acht Jahren. Die PSOE hat fünf Sitze hinzu gewonnen und kann nun stabiler das Land regieren. Um fünf Sitze hat aber auch die konservative Volkspartei (PP) zugelegt, die sogar einen deutlicheren Stimmenzuwachs verzeichnen konnte. Die Polarisierung hat vor allem den kleineren Linksparteien geschadet. Die Vereinte Linke (IU) stürzte weiter ab und ihr Parteichef kündigte den Rückzug an. Der Aufruf zum Wahlboykott im Baskenland nach dem Ausschluss von zwei Parteien wurde von etwa zehn Prozent der Bevölkerung befolgt. Zumächst hier:  http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27462/1.html

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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