Großdemo gegen Militarismus in Moskau

Moskauer AnarchistInnen 24.02.2008 21:47 Themen: Militarismus Weltweit
In Moskau fand am 23. Februar ein Demonstrationszug gegen Militarismus, Kriege und Einberufungen statt. Die DemonstrantInnen belagerten das Kreiswehrersatzamt, und nach Ende des "offiziellen" Teils veranstalten sie eine spontane postmodernistische Aktion abstrakten Protestes.
Der Zug begann an der Metrostation Universität, wo sich gegen Mittag aus allen Ecken der Hauptstadt anarchistische Kräfte zusammenzuziehen begannen. Ungefähr um drei Uhr reichte die Fläche um den Metro-Ausgang kaum noch aus für die gewaltige Menge, die in einer rot-schwarzen Welle aus dem Inneren der Metro auf das Pflaster hervorströmte. Dazu donnerten aus den Türmen eines von der Medien-aktivistischen Gruppe "Lazy Fellows against Machine yet" speziell für diesen Anlass mitgebrachten Audiosystems die ohrenbetäubenden Klänge des Albums "Kids Are United" der Kultgruppe "Atari Teenage Riot".

Als es die letzten Hundertschaften der Anarcho-AktivistInnen aller Größen und Farben endlich aus der Metro geschafft hatten, bewegte sich ein gewaltiger Strom von Menschen unter antimilitaristischen Rufen von der Metro zum Standort des Kreiswehrersatzamts und brachte den Verkehr zum Erliegen. Auf dem Demonstrationsweg wurden die Leute in ihren Wohnungen, gestört vom Lärm der tobenden Menge auf der Straße und vom Zittern der Gläser in den Schränken, aus ihren gemütlich-muffeligen Wohnhöhlen an die Fenster gelockt, und manche strömten sogar hinaus auf die Straße, um staunend dieses noch nie gesehene Schauspiel zu betrachten.

Die FahrerInnen teurer ausländischer Marken igelten sich vor Angst in ihren Metallsärgen ein, weil sie Unannehmlichkeiten ahnten, und die wenigen Bullen verkrümelten sich eilends, um Schlimmeres zu verhindern und die ihnen feindlich gesonnene Menge nicht aufzuhalten, damit sie ihren Zuständigkeitsbereich möglichst schnell wieder verlassen konnte. Aber alles verlief ohne Zwischenfälle.

"Was geht dort vor sich?" fragten uns PassantInnen, sogar FußgängerInnen, denen wir Flugblätter ausgehändigt hatten, die den Grund der Aktion erklärten. "Das ist Anarchie, GenossInnen!" antworteten wir ihnen, und erneut fielen wir in die über die ganze Straße schallenden Sprechchöre ein: "Der Deserteur ist der Verteidiger der Menschheit!" - "Ohne Krieger - kein Krieg!" - "Essen statt Bomben!" - "Nein zum Krieg in Irak und Tschetschenien!"

Eine Handvoll halbmilitärischer Personen, die die näherkommende Masse von Weitem sahen, rannten unter Missachtung der Vorschriften blitzartig in das Gebäude des Wehrersatzamtes und verbarrikadierten sich darin von innen. Da wir jedoch davon ausgehen konnten, dass hohe Vorgesetzte an diesem Tag kaum am Arbeitsplatz sein werden, verlangten wir vernünftigerweise gar nicht erst, die Türen zu öffnen, sondern beschränkten uns darauf, nochmals antimilitaristische Parolen zu skandieren und den Haupteingang mit pazifistischen Graffiti zu verschönern, und zogen dann weiter.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir mit gutem Recht schon ein bißchen müde geworden, und da die heutige Protestaktion gegen den Militarismus bereits als erfolgreich abgeschlossen betrachtet werden konnte, beschlossen wir, im Rausch der Anarchie und der postmodernistischen Wahrheit, die BewohnerInnen des Bezirks noch einen bisschen mit Geistesblitzen zu schockieren. Indem wir Parolen skandierten wie: "Spiegel, Glas, Gardinenstange!", "Brot! Backofen!", "Stomatologie!", "Feuergefahr!", "Firsman-Straße Nummer 30!" und "Wie kommt man in der Metro schneller vorwärts?!" versetzten wir die Spießer in einen Zustand absoluter Gefechtsuntauglichkeit und kognitiver Dissonanz. Vermutlich werden sie sich ihr Leben lang an dieses Ereignis erinnern, das ihnen da widerfahren ist, und es wird sie zwingen, nachzudenken - und Denken ist schließlich der beste und universellste Protest gegen den Staat und das System.

Raus auf die Straße, hol Dir die Stadt zurück!
Moskauer AnarchistInnen
23.02.2008

Anmerkungen:

1) Zum "Tag des Deserteurs" gab's in Russland ein zentrales Festival, das aber offenbar nicht wie geplant stattfinden konnte (siehe  http://de.indymedia.org/2008/02/208771.shtml), und landesweit kleinere Aktionen, hier z. B. ein paar schicke Fotos aus Wladiwostok:  http://ru.indymedia.org/newswire/display/20115/index.php (der Text dabei besagt, dass die Demo zwar nicht genehmigt war, es aber trotzdem keine Probleme gab).

2) Gewisse Elemente, denen jegliches Verständnis für russischen Humor fehlt, behaupten, dieser Artikel sei milde formuliert etwas übertrieben, an der Aktion hätten sich ca. 20-30 Leute beteiligt, hauptsächlich junge Punks, für die es die erste politische Aktion überhaupt gewesen sei. Es habe nur eine sehr kleine schwarz-rote Fahne gegeben, gelegentlich sei dazu noch ein Food-Not-Bombs-Transpi gezeigt worden, und der Zug hätte brav an jeder roten Ampel gewartet. Wir distanzieren uns natürlich schärfstens von derartiger konterrevolutionärer Hetzpropaganda.
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Ergänzungen

inhaltliche Ergänzung

moskauer bordsteinschwalbe 25.02.2008 - 00:43
Am 23. Februar findet wird in Russland offiziell der Tag des Vaterlandsverteidigers begangen.
Das ist letztlich der Anlass für den Tag des Deserteurs, der gleichsam als Gegenveranstaltung geplant wird.

Das scheint mir sinnvoll zu erwähnen als Kontext für die ganze Sache

Aktion in Kasan

und Dein Name? 26.02.2008 - 08:05
In Kasan versuchten Nazis, das "Deserteurs"-Konzert zu sprengen, indem sie das Cafe besetzten, wo das Konzi steigen sollten. Sie wurden rausgeworfen und das Konzi fand statt, allerdings gab es weitere Angriffe während des Konzerts. Es spielten Hardcore-, Punk- und Oi-Bands.
 http://antifa.ws/showthread.php?t=9609

Videos

Glotzer 26.02.2008 - 08:11
Auf  http://ru.indymedia.org/newswire/display/20120/index.php findet Ihr noch zwei Videoschnipsel von der Aktion, der obere ist vom Kreiswehrersatzamt (BOEHKOMAT) und der untere von der Demo.

Fotos

Finder 27.02.2008 - 14:09

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Rozbrat — Bleibt

@egal — Linguist

besetzen — alerta antifascista

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