Veranstaltung „Mord am Antifa Carlos“ in Berlin
Am 17.1.08 fand in Berlin eine Veranstaltung mit zwei Personen der Antifa-Madrid in Berlin statt. Auf Einladung der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) hielten sie einen Vortrag über die Situation nach dem Mord an dem 16jährigen Antifa Carlos vom November 2007. Im Café des KATO lauschten rund 40 Personen den Äußerungen und es kam im Anschluss noch zu einer Fragerunde und es wurden ein paar Filmsequenzen von Demonstrationen gezeigt.
Die Veranstaltung war sehr interessant, weil zum ersten mal zwei GenossInnen aus Madrid aus erster Hand davon berichteten, wie es sich am Vormittag des 11. November 2007 abgespielt hatte, als ein paar Hundert Antifas einen Nazi-Aufmarsch verhindern wollten und auf dem Weg dort hin, der junge Antifa Carlos von einem Nazi ermordet wurde.
Zunächst gab es jedoch eine kurze Einführung von einer Person der ALB zur Geschichte Spaniens, dem Putsch des General Franco gegen die sozialistische Volksfrontregierung, den folgenden Bürgerkrieg und die Unterstützung durch die Internationalen Brigaden bis zur fast 40jährigen faschistischen Diktatur Francos und dessen Tod 1975. Bemerkenswert ist, dass es in Spanien keine – aber auch wirklich gar keine – Entnazifizierung gab. In der BRD (und in der DDR noch viel mehr), wurden zumindest einzelne NS-Führer bestraft, hingerichtet und es gibt ja bis weilen immer noch Prozesse gegen Altnazis. In Spanien gabs nix! Franco starb und der langjährige Ziehsohn Francos – der Prinz Juan Carlos wurde Staatspräsident. Er ist noch heute höchster Repräsentant Spaniens!
Anschließend erläuterten die beiden Referenten aus Madrid. Dort kam es im Oktober/November 2007 zu einer Reihe von Aufmärschen von faschistischen Gruppierungen wie „Aleanza Nacionale“ (AN) oder „Democracia Nacional“ (DN). Für den 11. November 2007 war ein Aufmarsch im Stadtteil Usera von Madrid geplant. In Usera leben viele MigrantInnen und ist traditionell ein Arbeiterviertel. Die Coordinadora Antifascista (Antifa-Koordination) hatte einen Plan, um den Aufmarsch zu stören bzw. zu verhindern.
Zahlreiche Leute aus Madrid waren im Sommer 2007 in Rostock/Heiligendamm um mit uns gegen den G8 zu demonstrieren und waren – ähnlich wie wir auch – von den Blockadeaktionen begeistert. Nun wollten sie eine ähnliche Sache in Madrid ausprobieren und hatten rund 250 Personen ‚Mund-zu-Mund’ in ein soziales Zentrum mobilisiert. Verschiedene MelderInnen informierten über die Nazis und über Kontrollen der Polizei und auf ein vereinbartes Zeichen zogen die Leute los. Ganz schnell zogen die Leute in einer U-Bahnstation, wollten dann direkt zum Sammelplatz der Nazis fahren und diesen besetzten. Sie wollten den Überraschungseffekt nutzen und Polizei und Nazis überrumpeln. Selbst wenn es der Polizei gelingen sollte einige Leute aufzuhalten, waren es noch genug für die Aktion.
Doch es kam anders. Als der Zug in die U-Bahnstation einfuhr belegten die Antifas fast den gesamten Bahnsteig und stiegen ein. Im ersten Wagen kam es zu einem Handgemenge und einer Schlägerei. Viele ahnten schon, dass es Stress mit einem Nazi gibt und riefen: „lass doch den Nazi. Wir fahren weiter und machen unsere Aktion“. Doch viele ahnten dabei nicht, dass ein einziger Nazi die einsteigen Antifas angegriffen hatte und mit einem Jagdmesser (mit einer 20cm-Klinge) um sich stach. Nach einander taumelten zwei verletzte und zum Teil blutüberströmte Leute aus dem Wagon. Der Nazi war ein Soldat und konnte mit dem Messer gut umgehen. Alle versuche ihn zu entwaffnen scheiterten. Erst mit Hilfe eines Feuerlöschers gelang es den Nazi zu überwältigen. Er wurde verprügelt, konnte jedoch entkommen und wurde auf der Straße festgenommen.
Nach einer kurzen Besprechung beschlossen die Leute, zu Fuß zum Nazi-Aufmarsch zu gelangen und einige Leute zurückbleiben um die Verletzten zu betreuen. Also zogen rund 220-230 Leute zu Fuß in Richtung Neonazis, weil inzwischen auch der U-Bahn-Verkehr eingestellt war. Die zurückgebliebenen Antifas warteten auf den inzwischen verständigten Notarzt, der jedoch – aufgrund einer unverständlichen Dienstanweisung – nicht auf den Bahnsteig gehen durfte. Deshalb nahmen Freunde von Carlos eine Trage aus dem Krankenwaren und mussten den Schwerverletzten selber aus der U-Bahnstation auf die Straße tragen. Er hatte inzwischen jedoch so viel Blut verloren, dass auch eine eigens eingerichtete Notstation vor Ort sein Leben nicht mehr retten konnte. Carlos starb am U-Bahnhof Lagazpi. Der andere Schwerverletzte – er wurde durch einen Stich in der Lunge verletzt – konnte in einem Krankenhaus gerettet werden.
Von alle dem bekamen die anderen Antifas (noch) nichts mit und zogen weiter Richtung Nazi-Aufmarsch. Es folgte das, was wir auch aus Deutschland kennen: die Straßen wurden von der Polizei abgeriegelt und den Nazis wurde der Weg freigeprügelt. Inzwischen hatte jedoch die Nachricht vom Tod Carlos’ die Runde gemacht und für den Abend wurde zu einer Spontankundgebung mobilisiert. Der Mord an Carlos wurde auch von den Medien aufgenommen, die jedoch von „Auseinandersetzungen zwischen Banden“ redeten und den politischen Hintergrund des Mord leugneten.
Gegen 18 Uhr versammelten sich dann rund eintausend Personen zur Kundgebung. Darunter waren auch zahlreiche Eltern von Antifas, die in Carlos gewissermaßen auch ihre Söhne und Töchter sahen. Sie hatten natürlich Recht, denn im U-Bahnwagon hätte es jeden von ihnen treffen können!
Zum Schluss der Veranstaltung schilderten die beiden Antifas aus Madrid noch die Tage danach: rechte Medien verdrehten weiter die Tatsachen und der Staat verbot verschiedene Antifa-Demos. Doch aufgrund der Brisanz und der starken Mobilisierung konnten die Antifas ihren Protest durchsetzten. Am U-Bahnhof Lagazpi wurde eine Gedenktafel angebracht und in den Folgemonaten – jeweils am elften – gab es Aktionen in Erinnerung an Carlos.
Zunächst gab es jedoch eine kurze Einführung von einer Person der ALB zur Geschichte Spaniens, dem Putsch des General Franco gegen die sozialistische Volksfrontregierung, den folgenden Bürgerkrieg und die Unterstützung durch die Internationalen Brigaden bis zur fast 40jährigen faschistischen Diktatur Francos und dessen Tod 1975. Bemerkenswert ist, dass es in Spanien keine – aber auch wirklich gar keine – Entnazifizierung gab. In der BRD (und in der DDR noch viel mehr), wurden zumindest einzelne NS-Führer bestraft, hingerichtet und es gibt ja bis weilen immer noch Prozesse gegen Altnazis. In Spanien gabs nix! Franco starb und der langjährige Ziehsohn Francos – der Prinz Juan Carlos wurde Staatspräsident. Er ist noch heute höchster Repräsentant Spaniens!
Anschließend erläuterten die beiden Referenten aus Madrid. Dort kam es im Oktober/November 2007 zu einer Reihe von Aufmärschen von faschistischen Gruppierungen wie „Aleanza Nacionale“ (AN) oder „Democracia Nacional“ (DN). Für den 11. November 2007 war ein Aufmarsch im Stadtteil Usera von Madrid geplant. In Usera leben viele MigrantInnen und ist traditionell ein Arbeiterviertel. Die Coordinadora Antifascista (Antifa-Koordination) hatte einen Plan, um den Aufmarsch zu stören bzw. zu verhindern.
Zahlreiche Leute aus Madrid waren im Sommer 2007 in Rostock/Heiligendamm um mit uns gegen den G8 zu demonstrieren und waren – ähnlich wie wir auch – von den Blockadeaktionen begeistert. Nun wollten sie eine ähnliche Sache in Madrid ausprobieren und hatten rund 250 Personen ‚Mund-zu-Mund’ in ein soziales Zentrum mobilisiert. Verschiedene MelderInnen informierten über die Nazis und über Kontrollen der Polizei und auf ein vereinbartes Zeichen zogen die Leute los. Ganz schnell zogen die Leute in einer U-Bahnstation, wollten dann direkt zum Sammelplatz der Nazis fahren und diesen besetzten. Sie wollten den Überraschungseffekt nutzen und Polizei und Nazis überrumpeln. Selbst wenn es der Polizei gelingen sollte einige Leute aufzuhalten, waren es noch genug für die Aktion.
Doch es kam anders. Als der Zug in die U-Bahnstation einfuhr belegten die Antifas fast den gesamten Bahnsteig und stiegen ein. Im ersten Wagen kam es zu einem Handgemenge und einer Schlägerei. Viele ahnten schon, dass es Stress mit einem Nazi gibt und riefen: „lass doch den Nazi. Wir fahren weiter und machen unsere Aktion“. Doch viele ahnten dabei nicht, dass ein einziger Nazi die einsteigen Antifas angegriffen hatte und mit einem Jagdmesser (mit einer 20cm-Klinge) um sich stach. Nach einander taumelten zwei verletzte und zum Teil blutüberströmte Leute aus dem Wagon. Der Nazi war ein Soldat und konnte mit dem Messer gut umgehen. Alle versuche ihn zu entwaffnen scheiterten. Erst mit Hilfe eines Feuerlöschers gelang es den Nazi zu überwältigen. Er wurde verprügelt, konnte jedoch entkommen und wurde auf der Straße festgenommen.
Nach einer kurzen Besprechung beschlossen die Leute, zu Fuß zum Nazi-Aufmarsch zu gelangen und einige Leute zurückbleiben um die Verletzten zu betreuen. Also zogen rund 220-230 Leute zu Fuß in Richtung Neonazis, weil inzwischen auch der U-Bahn-Verkehr eingestellt war. Die zurückgebliebenen Antifas warteten auf den inzwischen verständigten Notarzt, der jedoch – aufgrund einer unverständlichen Dienstanweisung – nicht auf den Bahnsteig gehen durfte. Deshalb nahmen Freunde von Carlos eine Trage aus dem Krankenwaren und mussten den Schwerverletzten selber aus der U-Bahnstation auf die Straße tragen. Er hatte inzwischen jedoch so viel Blut verloren, dass auch eine eigens eingerichtete Notstation vor Ort sein Leben nicht mehr retten konnte. Carlos starb am U-Bahnhof Lagazpi. Der andere Schwerverletzte – er wurde durch einen Stich in der Lunge verletzt – konnte in einem Krankenhaus gerettet werden.
Von alle dem bekamen die anderen Antifas (noch) nichts mit und zogen weiter Richtung Nazi-Aufmarsch. Es folgte das, was wir auch aus Deutschland kennen: die Straßen wurden von der Polizei abgeriegelt und den Nazis wurde der Weg freigeprügelt. Inzwischen hatte jedoch die Nachricht vom Tod Carlos’ die Runde gemacht und für den Abend wurde zu einer Spontankundgebung mobilisiert. Der Mord an Carlos wurde auch von den Medien aufgenommen, die jedoch von „Auseinandersetzungen zwischen Banden“ redeten und den politischen Hintergrund des Mord leugneten.
Gegen 18 Uhr versammelten sich dann rund eintausend Personen zur Kundgebung. Darunter waren auch zahlreiche Eltern von Antifas, die in Carlos gewissermaßen auch ihre Söhne und Töchter sahen. Sie hatten natürlich Recht, denn im U-Bahnwagon hätte es jeden von ihnen treffen können!
Zum Schluss der Veranstaltung schilderten die beiden Antifas aus Madrid noch die Tage danach: rechte Medien verdrehten weiter die Tatsachen und der Staat verbot verschiedene Antifa-Demos. Doch aufgrund der Brisanz und der starken Mobilisierung konnten die Antifas ihren Protest durchsetzten. Am U-Bahnhof Lagazpi wurde eine Gedenktafel angebracht und in den Folgemonaten – jeweils am elften – gab es Aktionen in Erinnerung an Carlos.
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Ergänzungen
Ergänzung
Kommunique von antifaschistische Gruppen Madrid
DIE JUSTIZ UND DIE POLIZEI DECKEN DIE XENOPHOBISCHEN WERTE DER PARTEI NATIONALE DEMOKRATIE
Wir veröffentlichen dieses Kommunique mit dem bittersüssen Geschmack im Mund, den uns der antifaschistische Aktionstag, am vergangenen 20. Januar in Madrid, hinterlassen hat.
22.01.2008
Bitter weil wir einmal mehr sehen konnten, wie sich in den Strassen unserer Stadt das Produkt der Heuchelei des Staats, der neuen Ultrarechten und des reaktionärsten und radikalen Kapitalismuds zeigt.
Bitter weil die "Nationale Demokratie", Mörder, Ultrarechten und Lügenprofessionellen die Unterstützung des höchsten Gerichts der Justiz erhalten haben, damit sie sich frei in der Öffentlichkeit präsentieren und ihre Wahlkampagne beginnen konnten. Damit sie sich mit einer vermeintlich "demokratischen" Botschaft der Öffentlichkeit gegenüber ins rechte Licht setzen konnten, während wir alle sehen, dass die Realität ist, dass ihre Militanten uns Sympathisanten mit Jagdmessern und “White Power”-Emblemen Akte begehen die als bewaffnete Taten bezeichnet werden. Die Presse sprach von einer sich "völlig normal" zeigenden Nationalen Demokratie; verschwieg jedoch, dass diese vermeintliche Normalität von der Aufstandsbekämpfungspolizei erzwungen war, die von der ersten Morgenstunde an, zahlreiche Gruppen junger AntifaschistInnen mit der Absicht gegen die Abweichung, die die allumfassende, faschistische Straffreiheit in Madrid bedeutet, zu protestieren, überwacht und verfolgt hat. Während der letzten drei Monate hat die Regierungsdelegation 8 Aufrufe faschistischer Organisationen zugelassen und das oberste Justizgericht, lies zwei solcher Akte zu, die zuvor von der Regierungsdelegation verboten worden waren. Das heisst, das die Präsenz der Ultrarechten in jedem Fall, in der einen oder anderen Weise, garantiert ist... Dies erinnert uns an das, was Franco "bestens unter Dach und Fach gebracht" hinterlassen hat.
Gleichzeitig hat dieser Tag einen sehr süssen Geschmack bei uns hinterlassen, denn, was immer sie auch sagen mögen, wir haben demonstriert, dass sich die Freunde des Mörders von Carlos in Madrid nicht im Rahmen der Normalität zeigen können. Das können sie nicht, sondern müssen von hunderten Aufstandbekämpfungspolizisten eskortiert werden. Sie können nur auftreten durch ein Überwachungssystem, das von den Stadtteilen bis ins Stadtzentrum reicht und das selbst die Metro und die Nahverkehrszüge kontrollierte, um um jeden Preis zu verhindern, dass der Protest der jungen AntifaschistInnen sichtbar wurde. Die Tatsache, dass nur ein wenig mehr als 100 Personen an der Demonstrationen der Nationalen Demokratie teilnahmen zeigt, dass noch nicht einmal die eigenen Militanten dieser Organisation auf den Aufruf reagiert haben. Und es zeigt, dass wenn wir AntifaschistInnen gemeinsam zuschlagen, die FaschistInnen unseren Atem im Genick spüren, dass ihnen die Luft ausgeht und sie sich als das zeigen, was sie tatsächlich sind: Ein Papiertiger.
Wegen dieser Verantwortung werden alle AntifaschistInnen in Madrid den Weg des Kampfs gegen den institutionalisierten Faschismus und gegen den Faschismus in den Strassen fortsetzen.
Keine Faschisten, weder in den Urnen noch in den Strassen.
Carlos, Bruder, wir werden nicht vergessen.
übersetzt von: tierr@
(work in progress)