Anschlag in Kabul

Konrad Fichtenberg 16.01.2008 19:19 Themen: Militarismus Weltweit
Krieg fordert nun einmal Opfer, das hat Krieg so an sich.
Auf dem Friedhof der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, steht ein Gedenkstein. Er erinnert an die gefallenen Soldaten des zweiten Weltkriegs, und bis heute liegen davor frische Blumen. Sicher, man kann argumentieren, dass viele der jungen Männer, um die hier getrauert wird, keine Wahl gehabt haben. Aber daran glaube ich nicht. Jeder Mensch hat eine Wahl.

Ich habe nie Mitleid mit Soldaten gehabt. Wer sich dazu entschließt, Soldat zu werden und in einen Krieg zu ziehen, der geht ein Berufsrisiko ein, nämlich jenes, in diesem Krieg sein Leben für das von ihm so geliebte Vaterland oder dessen Strukturen und Werte zu lassen. In jedem Krieg sterben Menschen, das hat Krieg nun einmal an sich. Da hilft es nichts, wenn es, wie in Afghanistan, keine Kriegserklärung gibt oder der Krieg nicht Krieg genannt wird.

Vor einigen Tagen ist der norwegische Aussenminister Jonas Gahr Støre, der sich zu Gesprächen in Kabul aufhielt, nur knapp einem Anschlag entgangen. 500 norwegische Soldaten sind in Afghanistan stationiert, und im Prinzip muss sich kein Aussenminister, unter dem Kriegseinsätze stattfinden, wundern, wenn er dafür gehasst und wenn nach seinem Leben getrachtet wird.

Jonas Gahr Støre in allen norwegischen Medien auf der Titelseite: Er hat überlebt, na, Gott sei Dank. Auf Seite 3 kleine Bilder des norwegischen Journalisten, der bei dem Anschlag sein Leben liess, und irgendwo in den Artikeln dann auch noch der Hinweis, dass auch noch drei afghanische Wächter, ein US-Bürger und der Attentäter selbst bei dem Anschlag ums Leben kamen. In Frage gestellt wird dann die mangelnde Sicherheitslage des Hotels, nicht jedoch der nutzen eines Kriegseinsatzes. Und im Fernsehen besitzt Gahr Støre dann auch noch die Dreistigkeit, zu sagen, er sei nicht nur Aussenminister, sondern auch ein fühlender Mensch, den so eine Extremsituation, wie er sie erlebt hat, völlig aus den Sockeln gehauen hat. Eine Extremsituation, mit der viele Afghaner tagtäglich zurechtkommen müssen. Eine Extremsituation, die einen Hintergrund hat, der nicht mehr diskutiert wird.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Kleine Geschichte

bekannt 17.01.2008 - 02:36
Vor einiger Zeit hörte ich ein Radiointerview eines Arztes, der schon seit den 80ern in Afghanistan tätig ist. Er war es unter der Besatzung der Russen, unter dem Regime der Taliban und ist es jetzt noch unter der "Kontrolle" der ISAF und EF (Enduring Freedom). Er erzählte u.a. davon wie er eines Tages zu einem Taliban Stammesführer gerufen wurde, dessen Tochter schwer krank war. Der Taliban fragte ihn um Rat was zu tun sei und er durfte auch nach seiner Tochter sehen; behandeln durfte er sie aber nicht, daes ihm als Mann und noch dazu als Ungläubigen nicht gestattet sei sie zu behandeln. Der Arzt machte dem Clanchef klar, dass seine Tochter sterben würde, wenn sie nicht schnellsten in ein Krankenhaus käme. Der Taliban willigte unter der Bedingung ein, dass nur eine ÄrztIN seine Tochter behandeln dürfe. Der Vater brachte seine Tochter dann selbst ins Krankenhaus und übergab sie dort in die Hände der Ärztin. Sie konnte gerettet werden. Einige Zeit später besuchte der Arzt wieder den Clanchef und fragte ihn nach dem Befinden der Tochter. Dieser bestätigte es gehe ihr gut und er sei sehr dankbar dafür, dass sich der Arzt persönlich dafür eingestzt hatte, dass die Tochter nur von Frauen behandelt wurde. Es entwickelte sich ein längeres Gespräch zwischen den beiden und natürlich wurde dabei auch von Seiten des Arztes die Frage aufgeworfen, was denn mit seiner Tochter passiert wäre, wenn es keine Ärztin im Krankenhaus gegeben hätte. Der Vater überlegte eine Weile und gab dann zögernd heraus... sie wäre gestorben. Der Arzt fragte weiter nach, ob er sich vorstellen könnte, dass auch die Taliban in ihren Glaubensvorstellungen zulassen könnten, dass Mädchen Schulen besuchen, lernen dürfen, studieren können und Ärztinnen werden. Der Taliban beantwortete diese Frage nicht gleich sondern wollte erst eingehend darüber nachdenken. Einige Zeit später kam der Arzt auf eine seiner Reisen wieder in dem Dorf vorbei und besuchte erneut den Clanchef. Er hatte eine Antwort auf seine Frage gefunden....Ja.

Was will ich damit sagen? Bzw. Was will uns der Arzt damit sagen? Es ist möglich auch in der scheinbar funtamentalistisch verwurzelten, Freiheitsrechte verachtenden Denkweise eines Taliban Clanchefs ein Umdenken durch Einsicht auszulösen. Die Geschichte ereignete sich Ende der 90er Jahre und war damals für den Arzt ein kleiner Strohalm und Hoffnungsschimmer, dass sich vielleicht in einer fernen Zukunft, nach Jahrzehnten von Besatzung und Bürgerkriegen, endlich etwas ändern könnte. Dann kam 9/11, dann Enduring Freedom. Nach Aussagen des Arztes war noch nie zuvor die Lage in einigen Regionen des Landes so desolat und die Menschen so Hass erfüllt gegenüber "Ungläubigen" wie seit dem Einmarsch der Amerikanischen Truppen und ihrer Helfershelfer.

Waffen und Krieg lösen keine Probleme. Sie schaffen nur neue. Und Leiden müssen immer die falschen.
Nun aber "Back to Topic". Wie heute bekannt wurde wird wahrscheinlich ab Ende Januar ein Kontingent von 300-400 deutschen ISAF Soldaten die "schnelle Eingreiftruppe" für Afghanistan. Unsere Soldaten haben dann laut unseren Verteidigungsministerium die Ehre diesen Job von den norwegischen Kollegen zu übernehmen. Damit wird die Bundeswehr unmittelbar in Angriffshandlungen mit eingebunden und kann auch im Süden des Landes im Bedarfsfall eingesetzt werden. Laut Verteidigungsministerium sei diese Art des Einsatzes nun auf einmal doch vom Bundestagsmandat gedeckt. Im April letzten Jahres klang das noch ganz anders. Damit werden wir auch über die "Aufklärungstätigkeiten" der Tonados hinaus in das völkerrechtswidrige Kriegsgeschehen eingebunden. Mit Aufbauhilfe und Friedenssichernder Maßnahmen hat das dann entgültig nichts mehr zu tun.

Neues Steuerungsniveau

gfp 18.09.2005 17.01.2008 - 08:05

Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation" (AIK) in Strausberg
STRAUSBERG/BERLIN Die Propaganda-Apparate der Bundeswehr bereiten die Öffentlichkeit auf den Tod deutscher Soldaten "in größerer Zahl" vor und suchen dabei den "direkten Kontakt zu den Medien". An einer entsprechenden Militär-Fachtagung nahmen prominente Vertreter des deutschen Journalismus teil, darunter der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios (1. Programm) Thomas Roth sowie der "Spiegel"-Redakteur Claus Christian Malzahn. Als Veranstalter der Kontakttagung trat die "Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation" (AIK) in Strausberg auf. Bei der AIK handelt es sich um eine Nachfolgeeinrichtung der Militär-"Akademie für Psychologische Verteidigung" (vormals: Psychologische Kriegführung/PSK). Die AIK veranstaltet regelmäßig so genannte Symposien zur "Sicherheitspolitik", auf denen Multiplikatoren der Medienbranche mit führenden Vertretern aus Militär, Politik, Wirtschaft zusammengeführt werden. Über das diesjährige "10. Strausberger Symposium" berichtete das Verteidigungsministerium (BMVg), der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios und der "Spiegel"-Redakteur Malzahn hätten einem "offene(n) und vertrauensvolle(n) Umgang" mit der Bundeswehr ausdrücklich zugestimmt. Anfragen dieser Redaktion an die von der Bundeswehr hervorgehobenen Journalisten blieben bisher unbeantwortet; die Tagungsberichte auf der BMVg-Website wurden gelöscht, nachdem german-foreign-policy.com mit den Recherchen begonnen hatte.

10. Strausberger Symposium
Wie die AIK nicht ohne Stolz vermerkt, ist es ihr beim diesjährigen "10. Strausberger Symposium" zum wiederholten Male gelungen, die Crème des deutschen Journalismus mit Experten aus Militär und Politik über den "Wandel" "sicherheitspolitische(r) Kommunikation" diskutieren zu lassen. Pünktlich zu den Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Bundeswehr präsentierte die AIK bei dieser Gelegenheit die Ergebnisse eines "Grundlagenprojekts" zur "Informationsarbeit" des deutschen Militärs. Unter dem Stichwort "Transformation" wurde die mediale Begleitung des Umbaus der Bundeswehr zur jederzeit weltweit einsatzfähigen Interventionsarmee gefordert; die Notwendigkeit von Kriegsoperationen im Ausland sei ebenso zu vermitteln wie die steigende Zahl der daraus resultierenden Opfer: Die "Gesellschaft in Deutschland", so der AIK-Kommandeur Oberst Rainer Senger, müsse darauf "vorbereitet" werden, dass Bundeswehrangehörige "in größerer Zahl sterben" und "andere Menschen töten".[
1 ] Bereits im Juni hatte Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) erklärt, es sei "nicht auszuschließen, dass wir in (...) Einsätzen Soldaten verlieren werden - nicht nur durch Unfälle oder Anschläge, sondern durch eine militärische Auseinandersetzung".[ 2 ] Bei den jetzt erneut plazierten Ankündigungen handelt es sich um Stand-by- Propaganda, die unter den Medienvertretern Gewöhnung und durch wiederholte Vermittlung an das Publikum sedierende Gleichgültigkeit hervorrufen soll.

Intensiv
Wie es auf der Fachtagung hieß, basiert die "neue Informations- und Kommunikationsstrategie" auf den "Verteidigungspolitischen Richtlinien" der Bundeswehr in der Fassung vom Mai 2003. Darin wird behauptet, dass sich "Verteidigung geografisch nicht mehr eingrenzen" lasse und die Aufgabe des deutschen Militärs in der "Gestaltung des internationalen Umfelds in Übereinstimmung mit deutschen Interessen" bestehe. Die euphemistische Umschreibung potentieller Gewaltmaßnahmen nannte AIK- Kommandeur Senger auf der jetzigen Tagung einen "Paradigmenwechsel in der deutschen Sicherheitspolitik". Dieser sei der "Grund für die Transformation der deutschen Streitkräfte" und drücke sich in Maßnahmen zur "sicherheitspolitischen Kommunikation" aus: Der "Bürger" müsse verstehen, dass die Bundeswehr in Zukunft vermehrt "friedenserzwingende, also intensive Maßnahmen" im Ausland durchführen werde und "kein Technisches Hilfswerk in Flecktarn" sei.[
3 ] Auch diese Formulierungen laden zur medialen Vervielfältigung ein und versuchen eine allgemeine Sprachregelung zu etablieren, in der die Notwendigkeit militärischer Gewalt mittels Abstufung ziviler Hilfsmaßnahmen insinuiert wird.

Weites Echo
Dass die mediale Vervielfältigung ohne tatkräftige Mithilfe der führenden TV-Anstalten und Presseorgane nur schwer durchgesetzt werden könnte, ist der Bundeswehrführung bewusst. Generalleutnant Walter Jertz, während des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien Pressesprecher bei der NATO, beschwor in Strausberg die "Macht der Bilder"; oft könnten "komplexe Zusammenhänge" schon "mit einem einzigen Bild" verständlich gemacht werden. Ein "offener und vertrauensvoller Umgang mit den Medienvertretern" sei deshalb "besonders wichtig", umwarb Generalmajor Hubertus von Butler, ehemals Kommandeur der westlichen Expeditionsarmee in Afghanistan, die anwesenden Repräsentanten der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten. Dass Butlers Angebot ein weites Echo findet, ist bei ARD und ZDF allgemein bekannt. Ehemalige Pressemitarbeiter der Bundeswehr befinden sich in teilweise gehobenen journalistischen Positionen und können auf die Militärberichterstattung der Sender Einfluss nehmen.

Einsatznah
Fast alle Forschungseinrichtungen, die für die mediale Propagandaarbeit des deutschen Militärs relevant sind, wurden mittlerweile in Strausberg konzentriert. Neben der AIK befindet sich hier das "Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr" (SoWi), das der AIK mittels Meinungsumfragen die Ansatzpunkte für die gezielte Einflussarbeit an Bevölkerung und Truppe liefert. Das "Zentrum für Transformation", das den Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee im Kriegseinsatz wissenschaftlich begleitet, wird ab 2006 auf dem "Campus Strausberg" untergebracht sein. Bereits frühzeitig wurde eine Außenstelle des "Zentrums Innere Führung" eingerichtet. Hier macht man sich schon länger darüber Gedanken, wie Soldaten durch gezielten "Drill" auf den Umgang mit "Verwundung und Tod im Einsatz" oder "Geiselhaft" vorbereitet werden können. Die zu diesem Zweck entwickelte "einsatznahe Ausbildung", die in der Vergangenheit regelmäßig zu Gewaltexzessen und Schikanen führte [
4 ], soll jetzt offenbar ihr Pendant in der an die Bevölkerung gerichteten "Informationsarbeit" der Bundeswehr finden.

Medieneingriffe
Bei den auf die Presse zielenden Einflussmaßnahmen des Strausberg- Komplexes überführt das deutsche Militär seine öffentlich verkündeten Gewaltvorbereitungen auf ein gehobenes Steuerungsniveau und versucht auch eigenen Befürchtungen vorzubauen. So soll unbedingt vermieden werden, dass eventuelle Empörungen über die in Aussicht genommenen Kriegstoten das militärische Handlungstableau stören und zu weiteren Medieneingriffen zwingen könnten. Dazu gehören Zensurerlasse sowie Totalübernahmen der deutschen Fernsehsender durch das Militär.

Anmerkungen:



[
1 ] Forum für den Dialog. Interview mit Oberst Rainer Senger, Kommandeur der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation; www.bmvg.de 08.09.2005
[2 ] Struck bereitet Bundeswehr auf Kriegseinsätze vor; Handelsblatt 06.06.2005. S. auch Deutsche Leichen
[3 ] Forum für den Dialog. Interview mit Oberst Rainer Senger, Kommandeur der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation; www.bmvg.de 08.09.2005
[4 ] s. dazu Alarmzeichen und Töten und getötet werden

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 7 Kommentare an

a — a

Einschaltquote — Bullshit

Wahre Worte — egal

Warum? — zzz