INVITEX PACEMAKER 07 oder "Schäubles Traum"?

Internetsurfer 09.01.2008 13:51 Themen: G8
Beim Surfen durchs Netz bin ich über eine Internetseite gestolpert, die sehr heroisch über eine die Truppenübung "INVITEX PACEMAKER 07" der Länder Österreich, Deutschland, Belgien, Frankreich, Slowenien und Serbien berichtet..
Auch wenn es alles andere als Spaß machte den Kram zu lesen (nicht nur das was, auch das wie ist erschreckend), glaube ich, dass es leider ein sehr plastisches Bild von der Zukunftsvision vieler amtierender Politiker widerspiegelt...

Einige der strategischen Elemente (Hunde hinter der ersten Linie, Hubschrauber,...) waren auch in Rostock und anderswo beim G8 zu beobachten. Nur dass man sie da leugnet.

Zwei Sachen finde ich besonders erschreckend bzw. meine persönliche Aversion gegen Militär und Paramilitärischen (Polizei-)Einheiten bestätigend:

1) Es ist nicht einmal ein ansatzweiser Versuch der Konfliktlösung oder des alternativen Umgangs vorhanden. Von vornherein ist die Prämisse: Draufhauen.
-> Wenn unsere zukünftigen Truppenverbände für 'Friedenssicherung' und 'Riotcontrol' so lernen, werden sie auch _nur_ nach diesem Schema handeln.

2) Selbst wenn dort noch von fremden Ländern gesprochen wird, gibt es auch im Text genügend Hinweise, dass die Typen auch im Inneren bei bestimmten Situationen eingesetzt werden könnten.
-> Bei größeren Veranstaltungen, wie etwa G8 - Treffen, wird dann mit einer derartigen militärischen Präsens gerechnet werden können. Daraus folgend gibt es ein härteres staatliches vorgehen und heftigere Bilder für die Presse. Allgemeine Abstempelung _sämtlicher_ Kritiker als militante Gegner (weil wo sonst sollte Militär gegen vorgehen, ist doch logisch). Daraus folgt dann eine zunehmender Rückzug des 'bürgerlich' getragenen Protests von solchen Dingen. Das letztendliche Ergebnis ist, dass aufgrund des fehlenden auf die Straße getragenen Protests das Gefühl entsteht, dass die Allgemeinheit mit den Zuständen einverstanden sei. Usw...


Und hier jetzt die Seite:
 http://anonym.to/?http://www.doppeladler.com/oebh/pacemaker07.htm
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Ergänzungen

Falsche Perspektive

Bob 09.01.2008 - 14:56
Die Operationen, wie sie auf der verlinkten Seite gezeigt werden, wären in einem zivilen Kontext sicherlich völlig unzumutbar, vor allem im relativ friedlichen, gewaltarmen, kaum bewaffneten Deutschland. Auf dem Balkan sieht es jedoch vollkommen anders aus. Ich der Bevölkerung existiert ein durch jahrzehntelange ethnische Konflikte gesteigertes Gewaltpotential (vor allem bei den männlichen Anteilen, stichwort Machokultur), der Frieden ist ob der (zum Beispiel im Kosovo) schwelenden Konflikte trügerisch. Der Bewaffnungsgrad der Haushalte liegt weit über 50%.

Ein Ereignis, das hierzulande also eine mittelschwere Demonstration, vielleicht mit einem Steine- und Feuerwerkskörperwerfenden schwarzen Block, nach sich ziehen würde, würde dort zum "kleinen Volksaufstand" führen. Solche Zustände gehen immer auch mit ungerechtfertigter (nicht unbedingt nur, aber sie WIRD vorkommen) Gewalt und barbarischen Akten einher, dies gilt es zu verhindern.

Ein weiterer Grund für das harte Durchgreifen der Einsatzkräfte liegt am Einsatzspektrum: Kriminalitätsverhinderung, normale Polizeiarbeit, gehört nicht zum Aufgabenfeld. Sollte eine Ordnungswidrigkeit oder nicht allz schwere Straftat von den Soldaten beobachtet werden, sprechen die RoE (Rules of Engagement,  http://de.wikipedia.org/wiki/Rules_of_engagement)eine klare Sprache. Diese lautet: Polizei informieren und weitergehen. Weder KFOR, ISAF noch sonstige Kontingente erfüllen Polizeiaufgaben, ein Einschreiten ist lediglich bei Mord, schwerm Diebstahl, Brandstiftung, und offensichtlichen Aufständen ohne übergeordneten, situationsbezogenen Befehl erlaubt. Daraus folgt: Bei der "kleinen Nachbarschaftsdemo" haben die Soldaten schlicht und einfach nichts zu suchen! Solange kein Leben oder erhebliche Sachwerte gefährdet werden, ist es die Aufgabe der örtlichen Polizei, die für zivile Ereignisse auch die Einsatzführung stellt, somit letzendlich entscheidet, welche Massnahmen die Soldaten durchführen.

Einzige Ausnahme für diese Beschränkungen sind zivile Vorgänge, die Militärische Installationen oder Einheiten direkt betreffen: Die Molotovschmeisser vorm Kasernentor sind eine militärische Angelegenheit, gegen die, je nach Bedrohung, mit erforderlicher Härte vorgegangen wird.

Gegen ihre Theorie der sofortigen Gewaltanwendung spricht weiterhin die dreiwöchige Dauer dieser Szenarioübung: Diese haben die Angewohnheit, sich bis zum Beginn des letzten Drittels zu steigern, nach Art eines klassischen Dramas: Zuerst ist alles ruhig, dann beginnt die Bevölkerung aus verschiedenen Gründen unruhig zu werden, es kommt zu ersten Grafittos, kleinere Sabotageakte finden statt, erste Molotovs fliegen... Erst bei diesen Molotovs bzw deren Vorbereitung schreitet das Militär ein.

Fazit: Würde ein solches Eingreifen in Deutschland stattfinden, wäre dagegen mit allen Mitteln vorzugehen, da jegliche Begründung fehlen würde. Im gegebenen Szenario ist es jedoch gerechtfertigt, oder da wo es dies nicht ist zumindest verständlich.

-Bob

(Und ja, ich bin vom Fach :) )

übungen finden regelmäßig statt

euro-police 09.01.2008 - 17:56
diese art von übungen finden regelmäßig statt und werden häufiger, in wechselnden koalitonen beteiligter länder. im zentrum steht aufstandsbekämpfung. einen monat vor dem G8 probten wasserwerferbesatzungen aus großbritannien, belgien und d-land das löschen brennender barrikaden im geländespiel. in vicenza wird die "europäische gendarmerietruppe" (EGF) mit cops aus (bisher) holland, portugal, spanien, italien und frankreich aufgebaut. sie sollen innerhalb von 4 wochen mit einer stärke von 3.000 kräften in "drittstaaten" entsandt werden können. dort übernemen sie die wiederherstellung bzw. aufrechterhaltung der "öffentlichen ordnung" etwa nach einer militärintervention. die einrichtung der EGF wurde bei G8-gipfeln beschlossen. eine dazugehörige akademie in vicenza wird von den G8 finanziert. die EGF darf per statut auch innerhalb der EU eingesetzt werden.

dazu kommt dass die armeen größere teile "innerer sicherheit" übernehmen, auch in d-land. es gibt bei der bundeswehr auch ein kommando CRC (command riot control). sie werden u.a. in bosnien von carabinieri ausgebildet, die wiederum teil der EGF sind.

über die verzahnungen innerer und äußerer sicherheit und die zusammenarbeit europäischer polizeibehörden berichtet http://euro-police.noblogs.org, die kampagnenwebseite gegen den polizeikongreß in berlin. es gibt eine demo am 29.1. zum kongreßzentrum.
das bild zeigt einen einsatz der KFOR im kosovo: "riot control" bei einer demonstration