Aktion gegen "Denkmal" an der FU Berlin

Volker Knartsch 20.12.2007 15:32 Themen: Antifa Bildung
Seit September schon schwelt an der FU ein Streit um ein "Denkmal" für 10 anfang der 50ere Jahre in sowjetischer Lagerhaft ermordete Studenten. Das FU-Präsidium hatte die Skulpur anfang September in einem Festakt eingeweiht, ohne die Universitätsöffentlichkeit auch nur zu informieren. Später kam heraus: die als "Denkmal" etikettierte Skulptur war ursprünglich als Banken-Repräsentationskunst für den Berliner Hauptbahnhof vorgesehen, zudem sind die geehrten Studierenden höchst ambivalente Figuren: alte Nazis und bezahlte Geheimdienstagenten sind dabei, das FU-Präsidium sieht jedoch nur heroische Freiheitskämpfer.Seit gestern Nachmittag gibt es einen Kontrapunkt: das Denkmal wurde von Unbekannten mit Kommentaren versehen und zuplakatiert.
Laut Augenzeugenberichten fand die Aktion gestern (19.12.) am hellichten Tage statt, mit Leitern, Kleistereimer und Pinsel rückten etwa 25 AktivistInnen der "größten und komplexesten Bronzeskulptur in Deutschland" (FU-Presserklärung) zuleibe. Hinterher sah das 15-Tonnen Monument etwas bunter aus: Plakate mit verschiedenen Textausschnitten aus Pressemitteilungen, Blogartikeln sowie einigen Zitaten aus einer von Studierenden organisierten Podiumsdiskussion anfang November wiesen auf die umstrittenen Kontexte der Denkmalsetzung hin.

Denn das "Denkmal" selbst bietet wenig Kontext. Auf seinem Sockel steht nur die Widmung für die Studierenden der FU Berlin und einer ihrer Vorgängerorganisationen der Deutschen Hochschule für Politik (DHFP), die "für die Freiheit ihr Leben verloren". Damit können alle möglichen Leute gemeint sein: die antifaschistischen Studierenden der durch die Nazis 1933 gleichgeschalteten DHFP, die im Gulag ermordeten Studierenden der 50er Jahre oder auch Benno Ohnesorg der vor vierzig Jahren auf einer Protestdemo gegen den Schah von Persien ermordet wurde. Keine dieser Personengruppen wurde jedoch auf dem Sockel erwähnt, wohl aber der Sponsor des "Denkmals": das Bankhaus Oppenheim.

Das Ding ist also eigentlich kein Denkmal. Es erinnert an kein konkretes Ereignis, und wurde auch nicht als Denk- oder Mahnmal entworfen: aus Zeitungsberichten und Kunstkreisen erfuhr man bereits im September, dass der Bronzeklotz vom Bankhaus Oppenheim ohne jede Mahnmalsfunktion in Auftrag gegeben wurde und nur an der FU Landete, weil sich die Zuständige Senatskommission weigerte, die Skulptur in der Innenstadt aufzustellen...

Erst durch die Pressemitteilungen der FU erfährt man, dass das "Denkmal" für 10 FU-Studierende gedacht ist, die anfang der 50er Jahre wegen Flugblätterverteilung und ähnlichen Aktionen in Ostberlin verhaftet und später in der Sowjetunion ermordet wurden. Doch auch hier hätte man vor der Bronzeoffensive lieber etwas mehr diskutiert: unter den Ermordeten befindet sich mindestens ein ehemaliges NSDAP Mitglied, die anderen arbeiteten größtenteils für die rechtslastig-antikommunistische "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die nachweislich als Vorfeldorganisation alliierter Geheimdienste in der DDR Agenten anwarb und dort auch Sabotageakte verübte.
Ambivalente Figuren sind es also, die hier geehrt werden sollen - natürlich Opfer eines Justizmordes, aber sicherlich keineswegs Vorbilder für die Studis von heute.

Das "Denkmal" ist also in mehrfacher Hinsicht ein Skandal. Seine Widmung erinnert in seiner vagen Formulierung an gar nichts, ist eigentlich als Bankenrepräsentationskunst ohne Inhalt entstanden und soll dann irgendwie doch an "Freiheitskämpfer" erinnern, deren Biographien ebenfalls keineswegs unumstritten sind. Sollten sich derartige Formen von Erinnerungspolitik durchsetzen, käme das einer weiteren Degeneration von Geschichtspolitik in der BRD gleich: Anstatt des üblichen Antikommunismus-Totalitarismusquarks hätten wir hier eine neue Stufe der Abstraktion erreicht. Die Vergangenheit wird nicht mehr als ereigniskette erinnert, sondern ein vages und völlig abstraktes Motiv wie Freiheit wird mit einem historischen Vorgang lediglich illustriert, ohne das konkrete Inhalte fassbar wären oder eine historische Lehre formuliert würde.

Dennoch war es bis auf eine vom AStA organisierte Podiumsdiskussion anfang November erstaunlich ruhig um den Bronzeklotz. Geschichtspolitik erscheint vielen wohl als nicht spannend genug, oder aber man hat mit drohenden Studiengebühren, Kommerzialisierung und Elite-Hype andere Sorgen in Berlin. Umso erfreulicher, dass sich einige Leute gestern dennoch aufgerafft haben...

Mehr Infos zum Thema:

Indymedia-Bericht zum "Denkmal":

http://de.indymedia.org/2007/10/198233.shtml

Pressemitteilung der FU Berlin:

http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2007/fup_07_187/index.html

Text der FSI Geschichte zur Erinnerungspolitik an der FU:

"Geschichte als Verdrängung"

Bericht des AStA FU über die Podiumsdiskussion zum Thema:

http://www.astafu.de/aktuelles/archiv/a_2007/news_11-07

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Das Plakatieren (Tapezieren) müsser w lernen!

Wie poste ich HTML 20.12.2007 - 16:21

Plakate (oder Tapeten) müssen vor dem verkleben lange genug eingeweicht werden, damit sie quellen können, und sich nach dem verkleben Faltenfrei auf den Untergrund anlegen.

Mit Wasserfesten Tapeten Kleber, sind auch Papier Plakate, nach dem verkleben noch einmal überstrichen, fast wie Kunstoff Folien Unlösbar Wasserfest verklebt, und nur durch verbleichen, einer gewissen Alterung ausgesetzt, Druckerfarbe aus Alten Druckerband Farbe aus Alten Nadel Druckern und Fotokopier Ruß erweisen sich bei Eigen Producktionen als sehr UV Stabil.

endlich

bak 20.12.2007 - 19:45
wurde aber auch zeit.. sehr schön. mehr als fragwürdig das teil.
nun fehlt noch die umbenennung des antisemiten-henry-ford-baus... :)

Plakatieren

Evchen 20.12.2007 - 20:00
Mit "Fotokopier-Ruß" sollte nicht einfach umgegangen werden. tonerrest-staub ist hochgradig krebserregend und wird leicht eingeatmet.

flugblattaktionen

egal 21.12.2007 - 13:26
für mich ist die tatsache, dass genau wie unter den nazis auch in der SBZ / DDR menschen wegen flugblatt-aktionen umgebracht wurden, sehr erwähnenswert und ich finde es wichtig, heute darauf aufmerksam zu machen.