Bautzen: Antifa-Demo mit 300 TeilnehmerInnen

Mensch aus Ostsachsen 09.12.2007 22:29 Themen: Antifa
An der Antifa-Demonstration „Let's do it here – let's do it now!“ am 08. Dezember im ostsächsischen Bautzen nahmen 300 Menschen teil. Danach kam es zu Neonazidrohungen gegen DemostrationsteilnehmerInnen in der Bautzener Innenstadt.
Die Demonstration zog unter lautstarken Parolen direkt durch die Bautzener Innenstadt, vorbei an belebten Einkaufspassagen und dem Weihnachtsmarkt, an dem sich etwa 50 Menschen spontan dem Demonstrationszug anschlossen. In verschiedenen Redebeiträge wurde über die Situation und Neonazistrukturen in der Region informiert. Die Polizei verhielt sich während der gesamten Demo äußerst defensiv und verzichtete auf ein einschließendes Spalier. Lediglich vereinzelte Neonazis wurden in Sichtweite der Demo beobachtet, stellten jedoch in dem Moment keine reale Bedrohung dar. Sprinteinlagen und kraftvolle Parolen sorgten zudem über weite Teile der Demo für einen dynamischen Charakter.

Die ursprünglich als Gegenaktion zu einem jedoch verbotenen Neonaziaufmarsch konzipierte Demonstration „Let's do it here – let's do it now!“ wurde von Antifa-Gruppen aus Ostsachsen und Dresden initiiert. In Reaktion auf das Verbot der Neonazi-Demonstration wegen dessen Motto „Menschenrecht bricht Staatsrecht – Freiheit für alle nationalen Gefangenen“ kam es in der Nacht zum 06. Dezember zu Neonaziaktionen in 15 Städten in Sachsen. Schwerpunkt der Aktionen war Ostsachsen. Die Neonazis verschlossen nach dem Motto „Dem System die Ketten anlegen“ Zugänge zu öffentlichen Einrichtungen und staatlichen Institutionen und verklebten Plakate. Sie bemitleideten sich selbst als Opfer staatlicher Willkür, ohne überhaupt alle ihnen offen stehenden Rechtsmittel (z.B. Gang vor das Oberverwaltungsgericht; Anmeldung unter anderem Motto) in Anspruch genommen zu haben.

Die Antifa-Demonstration am 08. Dezember hatte also auch ohne ihr ursprüngliches Ziel, einen Neonaziaufmarsch in Bautzen zu verhindern, durchaus ihre Berechtigung. Sowohl mit Blick auf die Lage in Bautzen, als auch auf die gesamte Region sollten zumindestens für einige Stunden entstehende und bestehende rechte Hegemoniezonen aufgehoben werden. Orte wie der Bautzener Kornmarkt, an denen es schon mehrfach zu rechten Übergriffen auf alternative Jugendliche kam, wurden zumindest zeitweise von Menschen eingenommen, die nicht in das Weltbild der Neonazis passen oder passen wollen.

Die Demonstration sollte ein Gegengewicht zu den zahlreichen Neonaziaktionen in den vergangenen Monaten in der Region darstellen - in Ostsachsen hat sich nach der sächsischen Schweiz die wohl aktivste Neonaziszene Sachsens entwickelt. Dies geschah vorallem unter der Regie von Zusammenhängen rund um das ehemalige „Lausitzer Aktionsbündnis“ (LAB), dem verschiedene Kameradschaften aus der Region angehörten. Das LAB ist inzwischen weitestgehend in Strukturen der NPD Jugendorganisation JN (Junge Nationaldemokraten) übergegangen oder arbeitet unter dem Label „Nationale Sozialisten Lausitz“. Der LAB-Führungskader Sebastian Richter, ist Mitglied des Bundesvorstands der JN.

In Bautzen kehrte einige Stunden nach der Antifa-Demonstration leider wieder provinzieller Alltag zurück: eine Gruppe von etwa 35 Neonazis bedrohte mit Sprüchen wie „Jetzt gibt’s Zecken klatschen“ eine Gruppe alternativer Jugendlicher in der Bautzener Altstadt. Einem gewaltsamen Übergriff konnte nur durch das Einschreiten einiger Polizeibeamter vorgebeugt werden. Auf dem Weihnachtsmarkt wurden danach einige alternative Jugendliche von Neonazis angepöbelt.

Als eine Gruppe lokaler Antifas motiviert von der Demonstration am Nachmittag die ihnen oft bekannte Situation „Nazis jagen Linke“ umkehren wollten, wurden sie von der Polizei daran gehindert, die eine Auseinandersetzung abwenden wollte. Dabei wurde ein etwa 15-Jähriger von einem Polizeibeamten zu Fall gebracht und verletzt, so dass er daraufhin im Krankenhaus behandelt werden musste.

Trotz der verbotenen Demonstration in Bautzen fand laut Meldungen des MDR schließlich dennoch eine Neonaziaufmarsch in Sachsen statt. Eine unangemeldete Demonstration in Mittweida wurde von der Polizei aufgelöst. Es ist davon auszugehen, dass in Mittweida als Ausweichort für Bautzen aufmarschiert wurde.

In Bautzen stellte sich am 08. Dezember nicht nur eine ostsächsische Antifavernetzung gegen den angekündigten Neonaziaufmarsch. Es fand auch ein Bürgerfest unter dem Motto „Bautzen bleibt bunt“ statt, welches organisiert wurde von einem zivilgesellschaftlichem Bündnis aus Parteien, Verbänden und Gewerkschaften. Positiv daran ist, dass die geplante Neonazidemonstration von zivilgesellschaftlicher Seite, im Gegensatz zu Städten wie dem ostsächsischen Hoyerswerda, überhaupt thematisiert wurde.

Mit Blick auf die verteilten „I love Bautzen“-Buttons und -Flyern entstand jedoch sehr schnell der Eindruck, dass das Bürgerfest vorallem zur Imagepflege veranstaltet wurde. Auf einer Internetseite zu „Bautzen bleibt bunt“ konnte viel über Menschenwürde, Menschenrechte und Toleranz gelesen und über Videoredebeiträge wichtiger städtischer Persönlichkeiten auch gehört werden. Nur wurde damit das Thema Neonazis auf eine abstrakte Ebene verschoben, dass es Probleme mit Rechts auch in der eigenen Stadt gibt, fand keine Erwähnung. Auf völlig undifferenzierter Art und Weise wurde sich z.B. in einer Rede von Stadtrat Michael Harig gegen „jedes Extrem, ob von rechts oder links“ ausgesprochen - womit beispielsweise der geplante Neonaziaufmarsch mit der stattgefundenen Antifademonstration gleichgesetzt werden sollte. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig Demonstrationen wie am 08. Dezember auch in ostsächsischen Provinzstädten wie Bautzen sind, in denen die Einnahme eines Gegenstandpunkt zu Neonazis nicht allein Menschen wie den OrganisatorInnen von „Bautzen ist bunt“ überlassen werden sollte.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Coole Sache

Ludmilla 10.12.2007 - 22:24
Das war im Großen und Ganzen eine recht gute linke Demo für ostsächsische Verhältnisse. Überraschend viele Leute waren da und die Demo war auch über weite Strecken recht kraftvoll und laut. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es in Ostsachsen so gut wie keine linke Infrastruktur und kaum AktivistInnen gibt. Kurioserweise hat die Polizei die Zahl der teilnehmenden Leute gegenüber der Presse noch höher angegeben als die Demo-Veranstalter selbst. Also vielleicht waren es sogar etwas mehr als 300 Leute.
Krönender Abschluß war dann ein etwas satirisch angehauchter Redebeitrag gegen Ende der Demo über einen SEK-Bullen ohne Klopapier. Selten war ein Redebeitrag so zum lachen und hatte trotzdem den notwendigen Inhalt. Wäre klasse, wenn der veröffentlicht werden könnte (ich weiß nur leider nicht mehr wer den Redebeitrag gehalten hat).

jetzt der beitrag...

achim 11.12.2007 - 22:06
Redebeitrag vom verlorenen Redemanuskript, Bautzen, 8.12.2007

Hallo liebe Demo,

an dieser Stelle sollte eigentlich ein 30minütiger Redebeitrag über das Wesen des Faschismus und die Anforderungen an die antifaschistische Bewegung im 21. Jhd. folgen.

Allerdings ist mir das Redemanuskript abhanden gekommen. Und das kam so: Auf dem Weg zur Demo kam ich - nur wenige Hundert Meter von hier – an einigen schwarzen Mülltonnen vorbei. Dabei stutzte ich irgendwie und dann sah ich hinter den Tonnen einen schwarz uniformierten Mann hocken. Er hatte bereits die Hosen heruntergelassen und war gerade beim Scheißen. Dann bemerkte ich eine gewisse Verzweiflung in seine Augen und registrierte, dass er nichts zum Abwische hatte.

Sofort war ich in einen Zwiespalt gestürzt. Sollte ich ihm als Linker mit menschlichem Antlitz das einzig verfügbare Papier – also mein Redemanuskript – geben? Oder mit einem hämischen „Sieh zu wie Du klar kommst, Scheißbulle!“ weitergehen? Beide Seiten rangen in mir. Dann gab ich ihm die Blätter mit der Rede.

Ich dachte mir, was solls? Was Du aufgeschrieben hast, trägst Du ohnehin im Herzen. Und dann dachte ich noch: „Arme Sau, muss heute nach Bautzen kommen, um sich zwischen Linke und Rechte zu stellen.“ Viel besser ist es doch, freiwillig nach Bautzen zu kommen, um zu sagen und zu zeigen, was man auf dem Herzen und was man im Kopf hat. Und das haben wir ja mit den Nazis gemein: Für unser Anliegen auf die Straße zu gehen, ist für uns Herzenssache, und der Kopf steuert dann noch ein paar Argumente dazu. Dann hört es aber auch schon auf mit den Gemeinsamkeiten zwischen den Nazis und uns.

Denn die Nazis streiten für einen Nationalen Sozialismus, was nicht zufällig nach Nationalsozialismus klingt. Und speziell heute wollten sie die Freilassung von Kameraden fordern, die Widerstand gegen das System geleistet haben, wie sie es nennen. Faktisch betrachtet haben diese Kameraden jedoch auf der Grundlage ihrer national-bornierten Weltsicht jüdische Friedhöfe geschändet, den Holocaust geleugnet und Menschen attackiert, wie sie eine dunkle Hautfarbe haben oder so aussehen und denken wie wir. Und deshalb sind sie hinter Gefängnismauern gelandet.

Aber mit Mauern dürften diese Leute eigentlich kein Problem haben. Schließlich errichten sie selbst unentwegt welche. Zuallererst errichten sie Mauern und Schranken in ihren Köpfen und panzern natürlich ihre Herzen. Als nächstes versuchen sie diese Mauern und Schranken auch in der Gesellschaft zu etablieren. Schranken der Abstammung, Schranken der Sprache, Schranken der sexuellen Orientierung, Schranken des Glaubens, Schranken, Schranken, Schranken... Und wie sie das eben nicht mehr nur in ihren kleinkarierten Hirnen abspielt, sondern ganz real umgesetzt wird, ist es so gefährlich. Weil diese Nazis sich anmaßen zu entscheiden, wer dazu gehört und wer nicht. Wer nicht dazu gehört, wird weggebissen und manchmal auch totgeschlagen.

Wo führt das hin? Ihr Nationaler Sozialismus wird ein großer Kasernenhof sein. Es wird fleißig marschiert und die Scheiterhaufen werden wieder brennen, um Bücher und Menschen zu verschlingen. Innerhalb dieser Mauern entsteht dann eine Dynamik, die dazu führt, dass angrenzende Gebiete von den Nationalen Sozialisten eingenommen und in Kasernenhöfe verwandelt werden.
Und wir? Wir werden uns angepasst haben oder auf der Flucht sein. Oder es wird uns nicht mehr geben und mit uns viele, viele andere Menschen auch nicht.

Deshalb streiten wir schon heute für eine Alternative zu allen NS-Varianten. Unser Vertrauen in die parlamentarische Demokratie ist dabei begrenzt. Die Gesellschaft für die wir streiten, wird nicht mehr unter der Maßgabe funktionieren, Mehrwert und Profit zu steigern zu Gunsten weniger und auf Kosten vieler sowie der Grundlage des Lebens auf diesem Planeten.

Das scheint in weiter Ferne und der Rechtsruck, den diese Gesellschaft vollzieht, ist alles andere als ermutigend. Und dabei habe ich den Eindruck, dass hier nicht die Nazis so sehr ins Gewicht fallen. Eher sind es Leute wie Wolfgang – Stasi 2.0 – Schäuble, die viel effektiver Bürgerrechte einschränken, Flüchtlinge drangsalieren und den Kapitalisten fette Profite ermöglichen.
Sich Nazis in den Weg zu stellen, ist richtig und wichtig. Es darf uns aber nicht den Blick auf die anderen wichtigen Themen verstellen.

Zurück zur Geschichte, wie ich mein Redemanuskript los wurde. Als ich mich auf den SEK-Bullen zu bewegte, war er verunsichert. Schließlich hatte er das Holster mit seiner Pistole lässig an die Mülltonne gehängt und nun war ich der Waffe näher als er. Dann gab ich ihm das Redemanuskript. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, da er zum Scheißen seine Sturmhaube nicht abgenommen hatte. Aber in seinen Augen war so eine Mischung aus Verwunderung und Dankbarkeit. Und dann konnte ich in diesen Augen noch etwas anderes entdecken. Es heißt ja Augen sind die Fenster zur Seele. Und in den Augen dieses Bullen war tatsächlich ein Stückchen Wärme und Ausblick auf die Gesellschaft, für die wir streiten. Dann schaute ich anstandsgemäß weg. Niemand lässt sich ja gern beim Scheißen zuschauen.

Auf dem Weg hierher zu Euch war ich fast ein wenig beflügelt von dem Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein, in der Leute wie dieser SEK-Bulle eine Perspektive jenseits von Knarre und Schlagstock haben. Das war ein gutes, ein warmes Gefühl. Ich würde es gern mit Euch teilen.

Danke.

256 fotos und 1 video

autonome antifa 12.12.2007 - 07:43

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke die folgenden 9 Kommentare

Geschmackssache?

Hä? 10.12.2007 - 14:42
Wieso ist die Clownsarmy "Geschmackssache"?

"den provinzen einheizen"

bauer... 10.12.2007 - 16:29
und wann kapiert der letzte großstadtheld, dass sprüche wie "den provinzen einheizen" etwas arrogant auf kleinstädtische bevölkerung klingt à la "die gebildeten großstädtler erziehen die bauern"? na ja, ansonsten schön, dass trotz der abgesagten nazidemo noch 300 leute gekommen sind und wenn an ner demo nur wegen einem transparent rumgemeckert wird, dann ist das ne gute sache ;)

@ bauer

egal 10.12.2007 - 17:10
schonmal dran gedacht das dieses transpi vlt nicht aus der "großstadt" kommt...???

clowns

kei name 10.12.2007 - 17:18
Ich verstehe die Kritik, die hier einige an den Clowns anführen, jedoch solltet ihr sie mehr als eine Art Belustigung für die Kinder sehen bzw. macht es doch eine Demo unter vielen Bürgern gleich viel symphatischer.

Was hier noch anzumerken ist, das ein gutes Dutzend Grundschulkinder direkt vorne neben der Demonstration mit gelaufen sind, diese fanden die Clowns sehr lustig und warteten regelrecht auf neue "Späße". Auch fand ich es schön wie 8-jährige Jungs teilweise die parolen mit gerufen haben.


Hintergrund

Junge Welt 10.12.2007 - 20:17
Solidaritätskampagne für Matthias Z.

Eine breite und monatelange Solidaritätskampagne von Antifaschisten, Gewerkschaftern und zahlreichen Politikern für Matthias Z. konnte die Öffentlichkeit für den Fall sensibilisieren. Der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit für »den Freund und Antifaschisten Matti« wurde auf zahlreiche Demonstrationen getragen, dazu gab es zahlreiche Solidaritätsaktionen wie Stände auf Flohmärkten und Kundgebungen. Eine Spendensammlung ergab einen fünfstelligen Betrag für die Solidaritätsarbeit. Den drei Verteidigern Daniel Wölky, Dr. Björn Gercke und Dr. Panos Pananis gelang es vor Gericht, die unseriösen Ermittlungsmethoden des Staatsschutzes zu problematisieren und die Anklage zusammenbrechen zu lassen.

Ein solches Verfahrensende stellt jedoch noch immer eher die Ausnahme denn die Regel bei Verfahren gegen die linke Bewegung dar. Rechtsanwälte und Betroffene berichten beispielsweise seit Jahren, daß exponierte Aktivistinnen und Aktivisten der Antifabewegung vom Berliner Staatsschutz mit Verfahren überzogen werden, deren Ermittlungsmethoden mehr als zweifelhaft sind. Stefan Jakob von der Unterstützergruppe »Freiheit für Matti« erklärte hierzu gegenüber junge Welt: »Die Politik, die Öffentlichkeit und die Berliner Medienlandschaft müssen endlich anfangen, die Ermittlungsmethoden des Berliner Staatsschutzes kritisch zu hinterfragen. Der Fall Matthias Z. ist kein Einzelfall.«

In Sachsen berichteten Antifaschisten in den vergangenen Monaten mehrfach davon, daß Neonazis willkürlich politischen Gegnern Straftaten anlasteten, um Informationen über linke Gruppen zu erlangen und deren Aktivisten ernsthafte Probleme zu bereiten. In die rechte Szene gelangen die Daten dabei häufig über rechte Anwälte, die Akteneinsicht beantragen und somit an Bilder und Adressen der Antifaschisten kommen. In ihren sächsischen Kameraden scheinen die beiden Anti-Antifa-Aktivisten des Matthias-Z.-Verfahrens ihre Vorbilder gesehen zu haben, wie auch ihre Aussagen in anderen Prozessen zeigten. Gefährlich wird dies allerdings erst dann, wenn die Ermittlungsbehörden als Mitspieler auftreten.

Landeskriminalamt im Zwielicht

Junge Welt 10.12.2007 - 20:18
Waren Ermittlungspannen im »Fall Matti« Fehler oder pure Absicht? LKA-Beamte und Verfassungsschutz verbreiteten Halbwahrheiten

Schon am ersten Prozeßtag am 15. November wies die Verteidigung von Matthias Z. in einer Erklärung auf einige Besonderheiten in dem Verfahren hin. Diese liegen nicht in dem mutmaßlich politischen Hintergrund des angeklagten Sachverhalts, sondern in der - möglicherweise dem politischen Hintergrund des Tatgeschehens geschuldeten - Art und Weise, wie und durch wen in den Verfahren ermittelt worden ist. Besonders schwer wiegen dabei die Vorwürfe gegen den im Berliner Landeskriminalamt (LKA) angesiedelten Staatsschutz.

Z. wurde nach der Denunziation durch die Neonazis noch knapp zwei Wochen lang observiert. Sein Telefon wurde überwacht, bevor das LKA am 12. Dezember 2006 seine Friedrichshainer Wohnung durchsuchte und ihn verhaftete. Für Ermittlungen beim damligen Tatvorwurf des versuchten Totschlags ist eine solche Wartezeit vor einer Verhaftung eher unüblich und dürfte wohl dem Wunsch nach möglichst umfassender Ausforschung der linken Szene Rechnung getragen haben. Zudem wurde eine entlastende DNA-Analyse erst fast ein Jahr nach der Tat, wenige Wochen vor der Hauptverhandlung durchgeführt. Die Verteidigung von Matthias Z. hatte eine solche DNA-Überprüfung erfolglos bereits kurz nach der Festnahme beantragt.

Im Laufe des Verfahrens konnte die Verteidigung diverse Ermittlungslücken des Berliner Staatsschutzes benennen und schließen. So machten die Anwälte öffentlich, daß das »Anti-Antifa-Foto«, mit dem Matthias Z. von den beiden Rechten belastet wurde, bereits zu einem früheren Zeitpunkt von einem anderen stadtbekannten Neonazi genutzt wurde, um Matthias Z. einer Bedrohung zu bezichtigen. Auch ein möglicher vorsätzlicher Belastungswille von Sebastian Z. gegenüber Matthias Z. dürfte für die Ermittler eigentlich mehr als offensichtlich gewesen sein: Matthias Z. war in einem Verfahren wegen eines brutalen Neonaziüberfalls auf einen antifaschistischen Infostand im November 2005 am Bahnhof Lichtenberg Hauptbelastungszeuge . Das Gericht sah es im Juni 2007 als erwiesen an, daß Sebastian Z. an dem Angriff beteiligt war und verurteilte ihn wegen gemeinschaftlich begangenen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung zu 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Wenige Minuten, nachdem Stefanie P. durch den Staatsschutzbeamten als Zeugin im »Piccolo-Verfahren« vernommen worden war, wurde sie als Belastungszeugin gegen Matthias Z. vom selben Beamten des Staatsschutzes vernommen. Der Polizist war Bearbeiter beider Verfahren. In der Sache gegen Matthias Z. schenkte er den Aussagen von P. auf einmal uneingeschränkt Glauben und nahm ihr ab, daß sie Matthias Z. trotz Vermummung innerhalb von Sekunden im Bahnhof Lichtenberg wiedererkannt habe. Nach Auffassung der Verteidigung von Matthias Z. ist es schlechthin unverständlich, daß der Beamte diese offenkundigen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin P. als Bearbeiter auch des gegen Matthias Z. geführten Verfahrens nicht mit einem Wort aktenkundig gemacht hat. Das »Piccolo-Verfahren« und das dortige Aussageverhalten von P. wurde von dem LKA-Beamten mit keinem Wort in den Akten von Matthias Z. erwähnt.

Flankiert waren die Maßnahmen durch eine eigene Öffentlichkeitsarbeit der Polizei und der Justizbehörden gegen Matthias Z.. Einer Berliner Zeitung diktierte ein »Ermittler« entgegen der Realität, »es gibt für uns schon noch weitere Hinweise auf seine Täterschaft. Nach der Beweislage sieht es für ihn nicht so gut aus.« In einer anderen Zeitung war ein Journalist mit angeblichen Erkenntnissen über frühere Ermittlungsverfahren gegen Matthias Z. gefüttert worden, welche schlichtweg nicht der Wahrheit entsprachen. Der Berliner Verfassungsschutz druckte noch vor einem rechtskräftigen Urteil gegen Matthias Z. eine Version der Tat in seinen Jahresbericht, wie sie von den Neonazis geschildert wurde. Obwohl keine Täter verurteilt wurden, schreibt er die Tat »Linksextremisten« zu, um dann an anderer Stelle ein hohes Niveau von »linksextremen« Gewalttaten herbeiphantasieren zu können.

Berliner Justizskandal

Junge Welt 10.12.2007 - 20:19
Am Donnerstag wird vor dem Berliner Amtsgericht das Urteil gegen den Berliner Antifaschisten und Gewerkschafter Matthias Z. erwartet. Dem 21jährigen wurde vorgeworfen, im November 2006 im Berliner U-Bahnhof Lichtenberg an einem Angriff auf Sebastian Z. und Stefanie P., zwei Neonazis aus dem Stadtteil Lichtenberg, beteiligt gewesen zu sein. Der zunächst gegen Matthias Z. erhobene Vorwurf des versuchten Totschlages stützte sich ausschließlich auf die zeugenschaftlichen Aussagen der beiden Neonazis – später wurde der Tatvorwurf auf den der gefährlichen Körperverletzung abgemildert. Die Rechten hatten von dem Angriff leichte Verletzungen davongetragen. Sebastian Z. erlitt eine Verletzung am Kopf und eine Gehirnerschütterung. Stefanie P. hatte ebenfalls eine Platzwunde am Kopf, sie konnte das Krankenhaus noch am Tag der Tat verlassen.

Die Neonazis beschuldigten den Antifaschisten, weil sie ihn als Täter auf einem Bild in ihrer »Anti-Antifa-Kartei« erkannt haben wollen. Jedoch gaben die Rechten ebenso zu Protokoll, daß die tatsächlichen Täter am 29. November 2006 vermummt waren. Bis auf die Aussagen der Neonazis lagen den Ermittlungsbehörden nie weitere Belastungsmittel vor. Beim letzten Verhandlungstag am 22. November brach die vom Berliner Staatschutz und der Staatsanwaltschaft konstruierte Anklage schließlich vollkommen in sich zusammen (jW berichtete). Selbst der Vorwurf einer gefährlichen Körperverletzung war nicht mehr zu halten. Der durch Kautionszahlung und Meldeauflagen nur außer Vollzug gesetzte Haftbefehl mußte anschließend aufgehoben werden, ein »dringender Tatverdacht« lag nicht mehr vor. Unter dem Eindruck zweier Verhandlungstage schlossen sich zur Überraschung von Prozeßbeobachtern auch die zuvor übereifrige Staatsanwaltschaft und die Anwälte der als Nebenkläger auftretenden Neonazis der Auffassung des Gerichts an.

Obwohl die Verhandlung letztlich wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Tiergarten stattfand, war die Tat zunächst als versuchter Totschlag vor einer Berliner Schwurgerichtskammer angeklagt worden. Die Annahme eines Tötungsvorsatzes dürfte Experten bei der bekannten Sachlage zwar ferngelegen haben, trotzdem wurde die Tat von Beamten des Berliner Staatsschutzes als versuchter Totschlag gewertet (siehe unten). Obwohl die Ermittlungen wegen dieses Vorwurfs geführt worden waren, war zu keiner Zeit die sonst zuständige Mordkommission, sondern der polizeiliche Staatsschutz mit dem Verfahren befaßt.

Auf Grundlage des überzogenen Tatvorwurfes waren auf Antrag der politischen Abteilung der Berliner Staatsanwaltschaft mehr als 100 Tage Untersuchungshaft gegen Matthias Z. vollstreckt worden. Und dies, obwohl die Verteidigung des Antifaschisten mehrfach dargelegt hatte, daß eine sachgerechte Würdigung des Geschehens die Annahme von Tötungsvorsatz von vornherein verbietet. Es ist nach Auffassung der Anwälte von Matthias Z. bis heute unverständlich, daß es erst einer Entscheidung des Schwurgerichts am 23. März 2007 bedurfte, den Tatvorwurf in der gebotenen Weise zu begrenzen. In seiner Begründung war das Schwurgericht ausdrücklich der Argumentation der Verteidigung gefolgt und hatte Matthias Z. vom weiteren Vollzug der bereits mehr als drei Monate andauernden Untersuchungshaft verschont.

Auch an anderer Stelle agierte die Staatsanwaltschaft höchst zweifelhaft. Entgegen eines Beschlusses des Landgerichtes Berlin erhielten die Nebenklägeranwälte komplette Akteneinsicht in die ungeschwärzten Ermittlungsakten von Matthias Z. Seine Verteidigung hatte zuvor jedoch darauf hingewiesen, daß in der Kanzlei eines Nebenklägeranwaltes eine Aktivistin der neonazistischen Kameradschaftsszene beschäftigt gewesen sei, die zum direktem politischen Umfeld von Sebastian Z. und Stefanie P. gehört haben soll.

Ein ganz wesentlicher Anhaltspunkt für die Unglaubwürdigkeit von Stefanie P. ergab sich für die Verteidigung aus P.s Aussagen am Rande eines ganz anderen Verfahrens: In diesem ging es um einen nächtlichen Angriff von Vermummten auf die als rechten Treffpunkt bekannte Piccolo-Bar im Sommer 2006 ebenfalls im Stadtteil Lichtenberg. Dabei wollte Stefanie P. von ihrem über der Bar gelegenden Balkon aus sechs vermummte Angreifer beobachtet, sie bei Dunkelheit genau erkannt und später bei der Polizei sogar namentlich benannt haben. Eine Anwohnerin versicherte jedoch, ganz sicher niemanden auf dem Balkon gesehen zu haben, von dem Stefanie P. aus die Tat beobachtet haben will. Pikant ist dabei ebenso, daß von den durch P. denunzierten Personen mehrere als Belastungszeugen gegen die Rechten in anderen Verfahren in Betracht kamen.

Selbst der vernehmende Beamte des Staatsschutzes schenkte den Behauptungen in diesem Verfahren keinen Glauben und verzichtete auf die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen die beschuldigten Antifaschisten. Offenbar wurden die Neonazizeugen von vornherein als unglaubwürdig und deren Angaben als zweifelhaft eingeschätzt. Ein Verfahren gegen die P. wegen falscher Verdächtigung einzuleiten kam dem Staatsschutz jedoch nicht in dem Sinn. Möglicherweise wollte man nicht riskieren, daß die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin der Verteidigung oder dem Haftrichter von Matthias Z. bekannt werden.

Bleibt der Thor Steinar Laden in Leipzig ?

http://mephisto976.uni-leipzig.de 11.12.2007 - 07:20
„Schöner Leben ohne Naziläden“ ist der Name einer Kampagne gegen Geschäfte, die rechtsradikale Kleidung verkaufen. Seit einiger Zeit muss das Aktionsbündnis auch in Leipzig aktiv sein. Denn mitten in der Innenstadt hat ein Geschäft eröffnet, dass die rechtsextreme Marke „Thor Steinar“ vertreibt. Der Vermieter des Geschäfts, möchte seinen unliebsamen Mieter so schnell wie möglich loswerden. Doch das könnte schwieriger als gedacht werden, wie ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt: in Magdeburg ist die Situation ähnlich. Unsere Reporterin Christine Müller hat mit den Aktionsbündnissen in Leipzig und Magdeburg gesprochen und kann nun mehr zum aktuellen Stand der Dinge sagen.

Die neuen Rechten wirken harmlos. Schon lange tragen sie nicht mehr nur Bomberjacke und Springerstiefel. Sondern bevorzugt die Marke Thor Steinar. Sie steht für Mode, die nicht aus der Masse heraussticht. Sie sieht aus wie normale Streetwear, verwendet aber bei zahlreichen Kleidungsstücken Zeichen, die ein bewusster Anknüpfungspunkt an die nationalsozialistische Symbolik sind. Die Firma Mediatex aus Königs-Wusterhausen in Brandenburg, die die Kleidung herstellt, wird mit rechtsextremen Strukturen in Verbindung gebracht. Jonas Grutzpalk, Mitarbeiter des brandenburgischen Verfassungsschutzes sagt, dass es Rechtsextremisten gibt, die der Firma angehören. Das ist auch der Grund für die zahlreichen Proteste vor dem Leipziger Geschäft „Thonsberg“. Seit der Eröffnung im September organisiert das Aktionsbündnis „Ladenschluss“ den Protest. Das der nicht abreißt, dafür sorgt Juliane Nagel, Organisatorin des Aktionsbündnisses.

"Wir haben für Dezember uns auf die Agenda gesetzt mit Aktionen präsent zu sein, wir hatten vor zwei wochen so ein Kulturevent vor dem Laden direkt, angemeldet mit Elektromusik, wo leute die ganze Zeit präsent waren, letztes Wochenende wurde plakatiert, nächstes wochenende ist ein bundesweiter Aktionstag und am 22.12. haben wir eine Satireaktion vor , wo wir mit Logo und dem Bezug zu der Runensymbolik, die Thor Steinar ja im Symbol trägt. So ein bisschen auf die Schippe nehmen wollen."

Mit dem Protest wollen die Organisatoren vor allem Druck auf den Vermieter, die Berliner Immobilienfirma „Immovaria“ ausüben. Die Firma sagt nichts zum aktuellen Stand der Dinge, Juliane Nagel vermutet jedoch, dass der Protest der vergangenen Wochen erfolgreich gewesen sein könnte.

"Der Vermieter hat sich ja aufgrund dieses massiven Druckes, ein gespräch wohl geführt mit dem thonsberg-inhaber und das hat nicht gefruchtet, da ging es um die vorzeitige auflösung des mietvertrages und in der folge hat er dann angekündigt, das mietverhältnis per klage aufzulösen. "

Auch in Magdeburg gibt es seit Juli ein ähnliches Geschäft. Dort läuft bereits ein Gerichtsverfahren. Die Chancen auf eine Räumung schätzt Sören Herbst, Organisator des Protests in Magdeburg eher gering ein.

"Was dem Uwe Meusel nachgewiesen werden muss ist, dass er eine pflicht gehabt hätte über dieses spezielle Sortiment zu informieren. Wo ist der Unterschied zwischen thor steinar und einer normalen Modemarke. An dieser frage wird sich das Aufhängen und wenn das nicht nachgewiesen werden kann, dass es da eine spezielle berichtspflicht im vorherein gibt, dann wird auch diese Räumungsklage keinen Erfolg haben. "

Doch auch wenn der Rechtsweg aufgrund des Mieterrechts wenig erfolgversprechend ist, gibt es Möglichkeiten gegen Thor Steinar im Alltag vorzugehen. Die Moritzbastei in Leipzig geht da mit gutem Beispiel voran. Bereits seit Mitte November wird in den Räumlichkeiten des Leipziger Clubs die Marke nicht mehr geduldet. Damit, so erklärt Thorsten Reitler, Pressesprecher der Moritzbastei soll ein Zeichen gesetzt werden.

"Wir können uns nicht an die tür stellen und nun alle bis auf die unterwäsche kontrollieren was sie anziehen, die bekleidung ist ja nun auch nicht so erkennbar auf den ersten blick, das da irgendwelche hakenkreuze drauf sind oder so, das ist halt so, das wenn wir das sehen oder von gästen darauf angerpochen werden, dass wir die gäste dann dementsprechend bitten, dass sie die kleidung entweder ablegen oder das haus verlassen."

Bislang, so sagt er, hätte es noch keinen Hausverweis aufgrund der Bekleidungsmarke gegeben. Die 150 Mitarbeiter der Moritzbastei und auch zahlreiche Gäste finden den Schritt der Betreiber gut, und wünschen sich, dass sich auch andere Lokale anschließen.

Redebeitrag vom verlorenen Redemanuskript

achim 11.12.2007 - 21:42
Hier kommt der gewünschte Redebeitrag. Er stammt aus dem Umfeld des linken Hausprojektes Hospi30 in Görlitz. Viel Spaß damit!