Weimar: Queerschnitt ein Erfolg

Rongkong Coma vs. Unsichtbar 06.12.2007 17:09 Themen: Bildung Gender
Am vergangenen Sonntag gingen in Weimar die Queerschnitt-Free Your Gender Days zu Ende. Für die Organisator_innen steht fest, dass mit dem Queer-Festival im soziokulturellen Zentrum Gerberstraße ein Startschuss für viele weitere queere Aktivitäten in Weimar und Thüringen gegeben wurde.
Am Freitag den 30. November begannen mit einer kleinen aber feinen Demonstration mit dem Motto "Free Your Gender - Der Geschlechternormierung ein Ende" die Free Your Gender Days in Weimar. Auf dem Bahnhofsvorplatz sammelten sich gegen 16:45 Uhr ca. 30 Menschen um gegen den Zwang der Geschlechterrollen auf die Straße zu gehen. Die Demonstration wurde mit einem Redebeitrag eröffnet, der das eindeutige Statement gab, dass Antifaschismus auch feministisch sein muss. Wenn es gegen Faschismus geht, dann müsse nicht nur das Problem an den Wurzeln gepackt werden, sondern es müssen die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Arten der Diskriminierung aufgezeigt und angegriffen werden. Dabei sei kein Platz für (Antifa-)Mackertum.

Vom Bahnhofsvorplatz zog die Demonstration in die Innenstadt bis zum Goetheplatz und von dort zum Herderplatz. Einige Parolen waren "Free, Free, Free your Gender!", "Kein Gott, Kein Staat, Kein Patriarchat!", "Was wir wollen ist nicht viel: Tod dem Schicki-Micki-Stil!" u.ä. Unter Anderem waren auch dänische Parolen zu hören. Auf dem Herderplatz wurde eine Zwischenkundgebung abgehalten. Verlesen wurde ein Redebeitrag zum Thema "Lookism", indem die Diskriminierung aufgrund der Einteilung in "schön" und "hässlich" kritisiert wurden. Es wurde betont, dass diese Diskriminierung mit dem Zwang der Geschlechterrollen einhergehe, da sowohl Männer als auch Frauen einem normativen Schönheitsideal entsprechen müssen. Zudem sei es (auch in der linken Szene) weit verbreitet, dass sowohl im Mainstream, als auch in den Subkulturen Menschen einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen müssen um anerkannt zu werden. Aussagen durch Kleidung nach Außen zu tragen sei demnach zwar nicht verkehrt, dies müsse aber mit einem politischen Diskurs reflektiert und kritisch verfolgt werden.
Die Demonstration endete vor dem soziokulturellen Zentrum mit einem Redebeitrag, der ebenfalls den Zusammenhang zwischen Mode und Heteronormativität betonte. Die Redner_innen riefen dazu auf ein wildes Experimentieren in die linke Szene hineinzutragen, durch das eigene Bedürfnisse erforscht und geweckt und normative Schönheitsideale zerstört werden sollen. Die Suche nach einer unabhängigen Ästhetik sei nicht immer angenehm und schon gar nicht einfach.
Im Anschluss der Demonstration gab es in der Gerber 1 VoKü und danach wurde ein Film zur sexuellen Befreiung im Glam-Rock gezeigt. Gut besucht und mit angenehmen Diskussionen endete der erste Tag des Queerschnitt-Festivals.

Am Samstag begannen ab 11:30 die Vorträge und Seminare. Die Mitschnitte werden in den kommenden Tagen auf der Queerschnitt-Homepage veröffentlicht werden ( http://freeyourgenderdays.blogsport.de). Die Vorträge waren den ganzen Tag über gut besucht und es gab zahlreiche konstruktive Diskussionen. Der Samstag endete mit einem Konzert und anschließender Disco. Es waren zahlreiche queere Gestalten anzutreffen.

Einen ruhigen Ausklang gab es am Sonntag. Am Abend gab es einen Vortrag über Queer-Aktivismus, bei dem einige Möglichkeiten aufgezeigt wurden was sowohl der_die Einzelne als auch eine Gruppe von Menschen machen kann um Geschlechterrollen und normative Schönheitsideale aufzubrechen.

Die Organisator_innen des Queerschnitt-Festivals sind sich sicher, dass es nicht bei diesem einen Wochenende bleiben wird. Schon jetzt sind weitere Veranstaltungen in Weimar geplant und es wird einen nachbereitenden Reader zum Queerschnitt-Festival geben.
Bemerkenswert an diesem Queer-Fest war, dass viele junge Leute sowohl an der Organisation des Queerschnitts beteiligt waren, als auch daran teilgenommen haben. Linus Maria Hortberg, Sprecher_in der Orga-Gruppe glaubt im Vorfeld eine politische Sozialisierung in Richtung Queer-Theorie unter jungen Leuten in Weimar beobachtet zu haben. "Ich habe auf einmal junge Leute positiv von Queer reden hören, die ich vorher noch nie gesehen habe, was angesichts der übersichtlichen Szene in Weimar schon bemerkenswert ist." Es dürfe jetzt nicht bei einem Wochenende bleiben, sondern es müsse eine kontinuierliche Arbeit zu den Themen Queer, Gender und Sexualität geben. Hortberg wertet das Wochenende als einen Erfolg. Er_sie (?) habe selten zuvor in politischen Aktivitäten ein so positives Gefühl bekommen. Außerdem soll es von überall her positives Feedback gegeben haben.

Auf der Queerschnitt-Homepage wird es weiterhin Ankündigungen zu queeren Aktivitäten und Veranstaltungen in Weimar und Thüringen geben.

Unterstützt wurden die Queerschnitt FYGD's durch die Autonome Antifa Weimar [AAW], die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weimar, die Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen, das Bildungskollektiv biko.arranca, die Grüne Jugend Weimar, das Regenbogenreferat Weimar, die Aidshilfe Weimar und den Politisch Linken Arbeitskreis Weimar [PLAK]. Das Queerschnitt-Orga-Team bedankt sich für die große Unterstützung.
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Ergänzungen

Schicki oder Micki

Gabel² 07.12.2007 - 12:28
Im Folgenden der Redebeitrag des Gabel²-Kollektivs, welcher eben dieses Fronttranspi kritisiert hat, nicht weil es schick ist, sondern weil die Menschen darauf sexy sind. Auf der Demonstration war ein Transparent anwesend auf dem zu lesen war: "Ich will nicht sexy sein!"

Gabel²-Redebeitrag Queerschnitt:

"'Queer' scheint in der linken Szene und in der linken Subkultur
angekommen zu sein. Es ist ein Wort das in aller Munde ist,
Queer hat Stil und scheint die angenehme Alternative zur tra-
ditionellen Frauenbewegung zu sein.

Was ist Queer?

Lustvolle Politik und Gesellschaftskritik; Schluss mit Identitäts-
zwängen; praktische Überwindung von Zweigeschlechtlichkeit, neue
Bündnisse und endlich gute Pornos. Queer hat Sexappeal, finden wir
und finden andere. Queer ist eine porduktive Fortschreibung
feministischer Politik mit neuen Werkzeugen für Kritik und Alltag.

Oder: Endlich Queer! Feminismus war nicht lustvoll - und ist jetzt
auch endlich vorbei. Identität und Geschlecht sind konstruiert und
deswegen Positionen, die nicht mehr bezogen werden sollten. Deswegen
gehören quotierte Redelisten abgeschafft, von männlichen Privilegien
ist nicht mehr die Rede und Pornos kann man sich jetzt auch endlich
in Ruhe ansehen.[1]

Während in anderen linken Subkulturen der sensible Kuscheltyp noch
als Männlichkeitsideal zu funktionieren scheint, hat die Antifa mit
dem Pop auch die Geschlechterstereotypen wiederentdeckt und lieben
gelernt. Die Orientierung an dem gesellschaftlichen Mainstream ist
dabei nicht nur politische Strategie um den Mobilisierungsgrad zu
erweitern, sondern entspringt dem Wunsch dazuzugehören, später halt
auch Karriere machen zu können oder einfach mal in die Prolldisko
ins Zentrum zu gehen.... warum auch nicht.

Zudem birgt der gesellschafts-affirmative Style auch die Möglichkeit,
trotz der Verunsicherung durch Feminismus und Queer-Theorie, seiner
bzw. ihrer Geschlechterrolle gerecht werden zu können und dies
freilich nicht jenseits heteronormativer Ordnungsprinzipien. Wir
sehen es auf den Demos, den Partys und den geschlechtergerechten
Flyern: Frauen haben sportlich zu sein, sollten aber auch den
männlichen Attraktivitätserwartungen entsprechen, während sich die
Männer im Fußballstadion für den Antifa-Kampf stählen und dabei Scooter
imitieren lernen.[2]

Und wir sehen es selbst hier, auf dieser Demonstration zum Queerschnitt
Festival. Auf dem türkisen Fronttranspi steht gut gemeint 'Free Your
Gender' und damit das ganze auch schick aussieht und dem Style entsprechen
kann, wird der Schriftzug umrahmt von zwei Menschen. Diese sind natürlich
cool gekleidet, sportlich und: mensch kann eindeutig zuordnen wer von beiden
der Mann oder die Frau ist.

Ein kleiner Diskurs am Rande. Bei allem Gezeter und Geweine, dass die
modernen Neonazis 'unseren' Style klauen, stellen wir uns die Frage: Was ist
denn 'unser' Style? Wir sehen nur den Style aus dem Carrhart Katalog.

Ohne zu hinterfragen die Ästhetik des Mainstreams zu übernehmen, bedeutet
für uns das vorherrschende verkehrte Bewusstsein zu übernehmen und dies
schließt nicht nur Heteronormativität mit ein.

[...]

Doch wo sollen wir anfangen unser eigenes Empfinden zu hinterfragen und zu
verändern, in einer Gesellschaft deren Prinzip unser Bewusstsein ständig
gefangen hält? Seit Adorno wissen wir, dass es kein richtiges Leben im
Falschen gibt und damit haben sich auch gleich viele Linke die Legitimation
für ein bürgerliches Leben gesichert.

Wir, das Gabel²-Kollektiv haben einen Lösungsvorschlag und der heißt HASARD.
Asger Jorn, Mitglied der internationalen Küsntlervereinigung CoBrA, die sich
inden 50er Jahren in der situationistischen Internationalen auflöste um die
Kunst abzuschaffen, beschreibt in einem Manifest Hasard als eine
revolutionäre Ästhetik. Er schreibt:

'Wie von einer fremden MAcht in ihm oder außerhalb seiner selbst getrieben,
wird er (der Künstler) ganz anderen Erlebnissen zugeschleudert, die ihn
anziehen und locken. Es ist scheinbar nicht etwas was er mag, geschweige
denn leibt, wir sagen ausdrücklich scheinbar. Es ist im Gegenteil etwas
unmittelbar liebloses, etwas Beunruhigendes und Unangenehmes, etwas
Überraschendes, das Unbekannte, und weil es neu ist, ist es sinnlos,
aufreizend, unvernünftig, wertlos, aber nichtsdestoweniger eine Macht, die
wie der Leuchtturm oder die Lampe den Kurs zerschlägt, ja möglicherweise
tötet und vernichtet, auf alle Fälle aber entnervt, interessiert, anregt
und besessen macht kraft einer äußerlich warmen und innerlich kalten
Erregung...
Solche Erschütterungen nennen wir Hasard. Und als absolutes Phänomen
betrachtet, deckt sich die ÄSthetik mit dem reinen Hasard oder Zufall.
Aber als Wirkung im realen Zusammenhang betrachtet ist die Ästhetik
mit dem Spiel oder Experiment identisch, das das Wirken des Zufalls
innerhalb des Gesetzmäßigen ist, das was wir den Sinn der Ästhetik
nennen.'

Jorn beschreibt also das Hineinwerfen in das Zufällige, das Unbekannte,
das Hässliche, das Experiment als ein Spiel um sich selbst und seinen
wahren Bedürfnissen bewusst zu werden. Damit deckt sich der Begriff
Hasard mit dem, was die Situationisten später Situation nannten.

Hasard kann natürlich nicht alleine stehen, sonst würde es zum bloßen
Kick oder zur Erholung werden. Hasard muss mit der Einsicht zur
Notwendigkeit einer Revolution einhergehen. Constant, ein weiterer
Situationist schreibt:
'Es ist unmöglich ein Verlangen anders als durch seine Befriedigung
kennenzulernen, und die Befriedigung unserer elementaren Wünsche ist
die Revolution.'

Es ist klar, dass Hasard, dieses wilde Experiment, die Theorie und die
Wissenschaft nicht ersetzen darf und es ist klar, dass Hasard deswegen
entschärft werden kann, dass es anerkannt und in die Traumwelt der Kunst
verbannt wird. Dieses Experiment muss also immer wieder die Grenzen
dieses Systems überschreiten und zerstören um sich Geltung zu verschaffen.
Dann kann Hasard ein revolutionäres Experiment zur Erforschung einer
Ästhetik jenseits von gesellschaftlicher Normierung, also auch von
Heteronormativität sein.

In diesem Sinne:
Ich will nicht sexy sein."

Gabel²-Kollektiv

[1] Leicht verändert übernommen aus: Sarah Dellmann, Katharina Voss: Die Szene braucht die Queers, muss aber auch fragen wer sie sind, in Phase 2 #20, Leipzig 2006

[2] Leicht verändert übernommen aus: AS_ISM#2, Reader des Anitsexismus Bündnis Berlin: Schwule Mädchen gibt es nicht

Was in dem Artikel zum Queerschnitt leider zu kurz kommt, ist dass es an diesem Wochen ein anstößlicher Diskurs um Ästhetik und Leben erstaunlich intensiv anwesend war. So stellte nicht nur das Gabel²-Kollektiv die Frage nach einer anderen Ästhetik, sondern auch am Samstag wurden gewohnte Konsum- bzw. Wahrnehmungsverhalten praktisch angegriffen. Bei der Galerie-Eröffnung zum Queerschnitt-Festival gab es etwas, was mensch wohl eine Fluxus-Performance nennen könnte, bei der mit Verwirrung und Spiel die gewohnten Rollen des Publikums und der Darsteller vertauscht (oder zumindest angegriffen) wurden.

Vielleicht wird dies in der Nachbereitung auch beachtet. Wäre zumindest wünschenswert!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Reflexion — Reflektion

@refelktion — Ich bin schick aber nicht sexy.

transpi wurde kritisiert — mein name

blub — blub