Die Rückkehr des schwarz-weißen Elends

Marcus Hammerschmitt 29.11.2007 11:13 Themen: Weltweit
Nachdem das Palituch, von manchen Leuten auch "Arafatwindel" geheißen, nun seinen Stammplatz bei Neonazis gefunden hat, aber durch entsprechende Aufklärungskampagnen bei der Linken nicht mehr so fraglos in war, wirken die deutschen Fußgängerzonen und Schulhöfe aktuell, als seien sie von palästinensischen Freischärlern besetzt worden. Die Frage ist: warum?
Es gab eine Zeit, da kennzeichnete einen das Tragen der "Kufiya" in Deutschland als Linken. Wer so was um den Hals hatte, war in aller Regel auch gegen Atomkraft, mochte Kohl nicht und hörte Cochise oder Ton, Steine, Scherben. Es dauerte ziemlich lange, bis der Linken schwante, dass es sich bei der palästinensischen Sache im Allgemeinen und bei der Kufiya im Besonderen um recht problematische Erbstücke der Vorgängergeneration handeln könnte, und dass es eventuell gerade in Deutschland nicht besonders cool ist, das schwarz-weiße Elend am Hals zu tragen.

Aber das galt nie für die ganze Linke, wie die Nibelungentreue der antiimperialistischen Fraktion zur Sache der Palästinenser immer bewies, und selbst wenn es für die ganze Linke gegolten hätte, hätte es an der aktuellen Modewelle außerhalb der politischen Szenen nichts geändert. Der Textilfachhandel, immer dankbar für den schnellen Euro, den er mit ahnungslosen Kindern machen kann, sah einen Accessoire-Trend und setzt ihn nun mit der üblichen kapitalistischen Gnadenlosigkeit durch, die zur Gnadenlosigkeit der Kalaschniboys in Palästina eigenartig gut passt.

Es entbehrt nicht einer grausigen Ironie, dass zu einem Zeitpunkt, da sich der palästinensische Selbst- und Fremdvernichtungswahn besonders sinnfrei austobt, das Bekenntnistextil für diesen Wahn ganz neue Fans in Deutschland gewinnt. So dass nun also massenhaft Zwölfjährige mit einer Klamotte herumrennen, die sie wie mutierte Truthähne aussehen lässt, oder, im Zustand der Vollumwicklung, wie Schleudertrauma-Betroffene mit seltsamer Halsmanschette.

Mehr unter:

 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26709/1.html

Viele Grüße,

M. Hammerschmitt

*
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Ergänzungen

Kufiya feigale.

Keta Minelli 29.11.2007 - 11:30
Kaum ein Kleidungsstück tritt einem dieser Tage derart geballt ins Auge wie ein schwarz-weiß gemustertes Stück Stoff, das in Deutschland seit Jahrzehnten unter dem Namen Palituch für jugendliche Rebellion, Nonkonformität und 3. Welt-Solidarität stand, all dem also, was ein paar Jahre später in bausparvertragunter- füttertes Gutmenschentum und bioladengestützte Gewissensbe- reinigung mündet. Ob Bravo, Springer oder Süddeutsche Zeitung (die FAZ war wie immer schneller) - das Phänomen hat sich schon längst von den Hälsen schlecht gekleideter Systemopposition in die Schaufensterdekorationen und Onlinestores der neuen deutschen Republik gewunden. Auch in den Resten einer radikalen Linken tobt der Streit um Deutung und Vereinnahmung, ein Streit, der munter auch Bizarres zu Tage fördert und von einem Kindergartenbattle um die richtige Turnschuhmarke kaum mehr zu unterscheiden ist.

Wir Distinktionsgewinnler von der Crisco-Connection bieten jetzt einen exklusiven Ausweg aus dieser verfahrenen Fashionsituation und freuen uns sehr, euch hiermit die “Kufiya Feigale” präsentieren zu können. Ein Exemplar der in schwarz und blau erhältlichen, im Design aus Pillen mit Hammer-und-Sichel-Logo, Butt-Plugs, Kondomen, Viagras und Davidsternen bestehenden und auf 100 Stück limitierten ersten Auflage könnt ihr hier bestellen. Wer dahinter jetzt aber die mit Kommunismus und sexueller Freizügkeit assoziierte “jüdische Weltverschwörung” wittert, dem können selbst wir nicht mehr helfen.

http://www.crisco-connection.com/?p=656

Mode vs. Weltverschwörung

Kein Kufiya-Träger 29.11.2007 - 12:26
Liebe antideutsche Verschwörungstheoretiker,

lasst euch gesagt sein, dass die derzeitige "Palituchmode" auf den Laufstegen der Welt initiiert wurde und rein gar nichts mit Antisemitismus zu tun hat.
 http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/400711

Weiterhin ist mir auch aus den 70er und 80er Jahren kein linker Palituchträger bekannt, der ein Holocaust-Leugner oder Antisemit war/ist.
Auch Kurden und etliche andere arabische Kulturen tragen dieses Tuch. Auch die Briten haben die Kufiya während des 2.Weltkrieges im nahen Osten in ihre Ausrüstung übernommen. Die Amis tragen es heute noch im Irak.
 http://de.wikipedia.org/wiki/Kufiya

Nur weil die Kufiya vor 80 Jahren in Palästina von dem Mufti Mohammed Amin al-Husseini für antisemitische Zwecke instrumentalisiert wurde, heißt das noch lange nicht, dass die Träger dieser Tücher ahnungslose Verbreiter einer antisemitischen Weltverschwörung sind.

Genauso könnte man heute behaupten, dass arabisches Essen antisemitisch ist, weil in diesem Fall in den 20er und 30er Jahren ein Teil der Nationalistischen Palästinenser jüdisches Essen nicht mochte oder verabscheut haben könnte.

Vorheriges zum Thema.

saul 29.11.2007 - 14:17
Eine kurze Geschichte der Kefije in Deutschland
Vor gut 20 Jahren gehörte es zur Uniform der Jugend: das Palästinensertuch. Es galt als Erkennungsmerkmal der Aufmüpfigen und war bei jeder Demonstration zu sehen. Doch längst ist es in den Tiefen des Kleiderschranks verschwunden.
 http://de.indymedia.org/2002/10/31052.shtml

Ganz unten im Kleiderschrank, da liegt es noch - das Palästinensertuch. Ausgewaschen und verfärbt, der Stoff an einigen Stellen bereits ganz dünn, die Troddeln zottelig auseinandergeflust. Schon jahrelang hat das rot-weiße Ding
nicht mehr das Tageslicht gesehen. Aber bei jedem Umzug bewahrte die Erinnerung das Tuch vor dem Müllsack. Vor rund 20 Jahren gehörte es schließlich zur Uniform.
Das Palästinensertuch als Kennzeichen aller, die gegen etwas sind oder anders als die Norm empfinden, war "in" in der linkslaunigen Protestszene. "Es war ein Symbol für das Spiel mit der Illegalität", sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. "Man konnte es um den Kopf schlingen und sich so schnell vermummen." Das Palästinensertuch war angesagt als Symbol des Zusammenhalts, als Erkennungszeichen derjenigen, die sich als kritisch und vermeintlich nicht angepasst empfanden.
1967 trat das weiße Baumwolltuch mit dem roten oder schwarzen Hahnentritt-Muster seinen Siegeszug gen Deutschland an. Damals gewann Israel den Sechs-Tage-Krieg gegen die Araber. Beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und seinen immer in korrekter Kleidung protestierenden Mitgliedern kehrte sich daraufhin die pro-israelische Stimmung ins Gegenteil. Man begann mit der
Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zu sympathisieren und trug als Zeichen der Verbundenheit den "Palästinenser-Feudel".
Eigentlich heißt das Tuch Kefije. Es fällt weit über die Schultern herab und schützt die Nacken der Araber vor der sengenden Sonne. Damit das Tuch im Wüstenwind nicht davonfliegt, wird normalerweise eine kräftige Schnur aus Wolle oder Kamelhaaren, Agal genannt, um den Kopf gewunden. Berühmtester Kefije-Träger ist ohne Frage der frühere PLO-Chef und heutige Palästinenser-Präsident Jassir Arafat.
1969 etablierten sich offizielle Kontakte zwischen der PLO und dem SDS. "Bis zu 100 SDSler hielten sich zeitweise in jordanischen Trainingscamps der PLO auf und informierten sich über die Verhältnisse", berichtet Kraushaar. Gleichzeitig wurden in vielen westdeutschen Städten Solidaritätskomitees mit dem Befreiungskampf der Palästinenser gegründet. Befördert wurde diese Entwicklung mit einer wachsenden anti-amerikanischen Haltung in der deutschen Linken - Stichwort Vietnam-Krieg, Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, Protestströmungen in Südamerika. "Und Israel wurde als Vorposten der USA gesehen", so Kraushaar.
Nach Meinung des Hamburger Politikwissenschaftlers sorgte das Tuch für eine "Verknüpfung mit einer utopischen Idee". Wer es sich um den Hals schlang, suchte "Anschluss an ein globales Netz, das den Moloch Imperialismus" in die Knie zu zwingen versuchte. "Das Tuch wurde ebenso wie die damals weit verbreitete Mao-Bibel zum Ausdruck eines Kampf- oder Bewegungszieles", interpretiert Kraushaar.
In den 70er-Jahren verselbstständigte sich das Palästinensertuch. Den politischen Hintergrund des gemusterten Quadrats aus Baumwolle kannte kaum noch jemand. Das Tuch wurde zum Ausdruck für einen Gruppenzusammenhalt und Erkennungszeichen dafür, dass man irgendwie mit den herrschenden Verhältnissen nicht so ganz einverstanden war. Olivgrüner Parka, helle Leder-Boots und Palästinensertuch waren die Uniform der Jugend - so wie heute in bestimmten Altersgruppen übergroße Cargo-Hosen und Marken-Turnschuhe angesagt sind.
Immerhin erreichte das Palästinensertuch in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit so einen Stellenwert, dass es sich heute im Bonner Haus der Geschichte auf einer Figurine wiederfindet. "Es war prototypisch für Mitglieder der Protestbewegung und sorgte als Accessoire für Außenkennung", begründet Helene Thiesen, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung "1974 bis zur Gegenwart", die Auswahl dieses Einzelteiles.
Wem das Stoffstück aus Arabien zu weit ging, der begnügte sich mit selbstgefärbten Tüchern aus Windel-Mull. Die gehörten vornehmlich in Rot- und Blautönen zu meiner Standardausrüstung, als ich im Oktober 1977 mein Germanistik-Studium in Münster begann. Dieser neue Lebensabschnitt begann mit einem politischen Paukenschlag. Die Leiche vom entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer war im französischen Mühlhausen im Kofferraum eines Autos gefunden worden, die Anführer der "Rote Armee Fraktion" (RAF) Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe begingen in der Haft in Stammheim Selbstmord.
In Münster gab es Fackelzüge und Kundgebungen für die Opfer feiger RAF-Anschläge - für mich die erste richtige Demo als Studentin. Palästinensertücher, die in der konservativ-katholisch geprägten westfälischen Uni-Stadt verpönt waren, hatte ich noch nicht auf der Rechnung.
Zwei Jahre später wechselte ich der Liebe wegen an die Universität in Göttingen. Dort war das politische Klima eher links, also gab es auch mehr Palästinensertuch-Träger. Oder besser gesagt: Man machte sich in der südniedersächsischen Fachwerk-Beschaulichkeit an der Leine traditionell mehr Gedanken um Staat und Gesellschaft. 1837 beschuldigten sieben Professoren den König des Verfassungsbruchs, 1955 zwangen Proteste an der Uni den damaligen Kultusminister (Richard Voigt, SPD) zum Rücktritt, zwei Jahre später sprachen sich 18 Atomwissenschaftler im "Göttinger Manifest" gegen eine Atombewaffnung der Bundeswehr aus.
1977 verschärfte sich die Göttinger Aufmüpfigkeit. Kurz nach dem Mord der RAF an Generalbundesanwalt Siegfried Buback hegte ein gewisser "Mescalero" in einem Flugblatt "klammheimliche Freude" ob der Tat. Sofort gerieten Uni und Stadt zu Verfassungsfeinden, aber die Wellen ebbten schnell ab.
Doch ein anderes Problem ging die 120 000 Göttinger und die etwa 25 000 Studenten viel persönlicher an - es gab zu wenig bezahlbaren Wohnraum. 5000 Wohnungen fehlten Ende der 70er-Jahre. Gleichzeitig aber ließen findige Bauspekulanten zahlreiche Häuser in der Innenstadt systematisch verfallen, planten dort elegante Quartiere und warben bei möglichen Investoren mit hohen Steuervorteilen. Ein Drittel der 500 Mark, die meine Eltern mir monatlich überwiesen, verschlang die Miete für mein kleines Zimmer im Studenten-Wohnheim am Göttinger Stadtrand. Ich setzte meine Unterschrift auf Protestlisten gegen die Bauspekulanten und kaufte mir ein Palästinensertuch.
Damit befand ich mich in bester Gesellschaft mit vielen Theologie-, Germanistik- und Soziologie-Studenten. Angehende Diplom-Kaufmänner oder Juristinnen in spe bevorzugten Kaschmirschals oder Perlenketten.
Das Tuch benutzte ich wie einen Schal, wie ein nützliches Accessoire. Damit ging ich in die Uni, ins Cafe´, in die Stammkneipe. Selbst auf Besuch bei meinen Eltern legte ich es nicht ab. "Kind, was soll dieser Lumpen?", stöhnte meine Mutter. "Ich strick dir mal was Ordentliches für den Hals."
Neben Berlin, Zürich und Amsterdam avancierte Göttingen zur Hochburg der Hausbesetzer. Diese Jugendbewegung war nicht akademisch bestimmt, es gab keine theoretischen Diskurse, sondern sehr pragmatische Gründe für den Protest.
Das Haus Nummer 35 an der Jüdenstraße und das Alte Klinikum an der Goßlerstraße waren Zentren der Auseinandersetzungen. Diverse Räumungsaktionen schlugen fehl, Protestler und Ordnungshüter lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel, Steine flogen. Auf der anderen Seite wurden Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt.
Wir diskutierten das Thema in den Seminaren, ich ging zu Kundgebungen und Uni-Vollversammlungen. Nicht in vorderster Front, nicht als Feindin des Systems an sich, sondern als eine, die mit einzelnen Facetten nicht übereinstimmte. Ich war eine bürgerliche Mitläuferin dieser diffusen Bewegung.
Aber ich fühlte mich gut aufgehoben: Viele Göttinger, in deren Kleiderschränken man ein Palästinensertuch genauso wenig fand wie ein Modellkleid von Karl Lagerfeld, hatten Verständnis für die Studenten, Schüler, Lehrlinge und versprengten Spontis, die sich als Besetzer in ihrem neuen Heim häuslich einrichteten. Sie spendeten Möbel, brachten Lebensmittel, gingen mit den jungen Leuten auf die Straße. Hier geschah etwas, was Kritik hervorrief, und die musste geäußert werden. Göttinger Geist in bester Tradition.
Bis zum Silvesterabend 1980/81. Da gingen im Böller- und Raketenhagel am Marktplatz vor dem Alten Rathaus die Schaufensterscheiben von 21 Geschäften zu Bruch. Auslagen wurden geplündert, ein Pulk aufgebrachter junger Menschen stürzte sich auf die Polizeibeamten. Die Sympathien waren mit diesem Vorfall verscherzt, Angst verdrängte das Wohlwollen.
Das Bundeskriminalamt ermittelte in Sachen Hausbesetzungen, das Gerücht machte die Runde, die Reste der RAF würden unter den Häuserkämpfern neues Personal rekrutieren. Wer sich mit dem Palästinensertuch den Hals wärmte, der wurde kritisch beäugt. Ich war gegen die Wohnungspolitik der Stadt, aber auch gegen Gewalt. Mein "Feudel" blieb zu Hause am Haken, ich griff auf eine gefärbte Windel zurück.
Im Sommer 1981 hatten die Hausbesetzungen in Göttingen ein Ende. In Berlin währte diese Ära 19 Jahre, aus vielen Häuserkämpfern wurden ordnungsgemäße Mieter. In Hamburg hielt die Hafenstraße die Stadt in Atem: Räumungen, Krawalle, Barrikaden, der Rücktritt von Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, Gerichtsverfahren und schließlich der Verkauf der Häuser an die Genossenschaft "Alternativen am Elbufer" waren nur einige Meilensteine, bis nach 14 Jahren im Dezember 1995 endlich Ruhe am nördlichen Elbufer einkehrte. Auch hier gehörte das
Palästinensertuch zum Outfit, ebenso wie bei den Friedens- und Anti-Atomkraft-Demonstrationen Anfang der 80er-Jahre.
Und heute? In der Kneipe vom "Tacheles", dem alternativen Kulturzentrum an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte, sitzen des öfteren noch die Fans des arabischen Stoff-Vierecks beim Bier. Aber als Erkennungszeichen oder stilisierte Fahne der deutschen Protestbewegung, wie vor 15 oder 20 Jahren üblich, hat das Tuch ausgedient.
Der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar hat dafür eine einfache Erklärung: "Es wird nicht mehr so viel demonstriert." Die
traditionellen Ostermärsche kämpfen ums Überleben, während des Kosovo-Krieges wurden mehr als einmal die Protestzüge der Friedensbewegung vermisst. Kraushaar sieht unterschiedliche Gründe: "Der Kalte Krieg ist Geschichte, die klar abgegrenzten Lager haben sich aufgelöst. Und 16 Jahre Kohl-Regierung haben andere Werte als Solidarität und Gemeinschaftsgefühl durchgesetzt."
Wer Ende der 70er-Jahre und Anfang der 80er als Student mit Hausbesetzern sympathisierte, zur Friedensdemo in den Bonner Hofgarten pilgerte oder sich in Mutlangen als Sitzblockierer einen nassen Allerwertesten holte, der ist heute abgeklärter und über das Alter des Berufsjugendlichen hinaus. Protest wird an professionelle Organisationen delegiert. "Man spendet für Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen oder Amnesty International", sagt Kraushaar. "Das erleichtert den Rückzug, aber beruhigt trotzdem das Gewissen."
Wenn aber ein Castor-Transport durch die Republik rollt, erlebt das Palästinensertuch eine Wiederauferstehung. Tausende von Demonstranten entlang der Strecke haben den "Feudel" plötzlich wieder um den Hals geschlungen und den Anti-Atomkraft-Button an der Brust. Als allgemein gültiges Signet einer Bewegung hat der weiße Baumwollstoff mit schwarzem oder rotem Muster sich verschlissen. Schließlich ist auch der Protest nur noch punktuell und von kurzer Dauer. Ist der Castor-Behälter erst im Endlager verriegelt, dann wandert das
Palästinensertuch wieder in die Tiefen des Kleiderschranks.
Und ich trage heute ab und an eine Perlenkette.


Das war die BRD
saul 06.10.2002 - 15:42
Georg Diez (Hrsg.)
Helge Timmerberg
Das Palestinensertuch

...in Goa lag es unter Palmen als Badetuch. Zuhause wurde es derweil in unseren Kreisen auch gern als Tischdecke, Wandteppich oder zum Geschirrabtrocknen benutzt. In der Tat konnte sich das Palestinensertuch nur deshalb so leicht in mitteleuropäischen Haushalten als Allzweckdeko durchsetzen, weil es dem gemeinen Spühlhandtuch im Design und Material so ähnlich war. Und bis heute irritiert es mich, wenn ich Arafat damit, sagen wir, im Fernsehen sehe. Ist das ein Staatschef? Oder arbeitet er in der Küche? Auch als Babywindel wird das Palestinensertuch gerne benutzt. Ursprünglich gab es die Tücher nur in Rot und Schwarz. Die blauen, die lila, die grünen und türkisfarbenen sind für C&A und Karstadt gemacht und hats so in der Wüste nie gegeben. das Palestinensertuch....gehört zu unserer Garderpbe mit der wir natürlich auch ein bischen Solidarität anziehen und nicht nur Mode.
....den Leuten die es immer noch mögen, gehe ich aus dem Weg. Vor allem auf Reisen. Palestinensertuch-Touristen sind nervende Reisebegleiter....Und alle sagen dasselbe: Cola ist schlecht, Malboro ist schlecht. Touristen sind schlecht. Sie sind keine Touristen. Oder: Arm ist gut. Reich ist böse. Sie sind arm.

Stichwort: Das fliegende Palestinensertuch. Es ist weit weniger gern gesehen als der fliegende Teppich oder das fliegende Klassenzimmer. Seit Mogadischu kann man mit dem rot-weißen über den Schultern kaum noch auf die Bordtoilette gehen. Macht auch kaum noch wer. Das Tuch ist weg vom Fenster. Ich habe Jahre keines mehr gesehen....Erst seitdem ich in Berlin wohne, kommt es mir wieder zu Gesicht. Die Berliner sind für ihre hübsche Sprache bekannt. Afghan-Kutte nannten sie zum Beispiel diese schlecht gegerbten Leder-Fellmäntel aus dem Hindukusch, die immer aussahen, als ob man regelmäßig die Motorradkette damit putzte. Zu unserem Tuch sagen sie Pali-Feudel. Sie sagen das, weil Feudel Putzlappen heißt.

Der Okzident hat das Palestinensertuch abgestoßen. Und wie siehts damit aus im Orient? Sagen wir es so. Wenn der Türke es sieht, denkt er an Kurden. Wenn der Syrer es sieht, denkt er an Libanesen. Wenn der Marokkaner es sieht, denkt er an Algerier. Wenn der Jordanier es sieht, denkt er an Polizei. Als die Tücher noch handgestrickt waren, trugen sie in Jordanien die Polizisten und Mitglieder der Palastwache. Was die Polizei angeht, ist auch das vorbei.
Und wie siehts der Pakistaner? Gestern bei einem Konzert pakistanischer Sänger, schleifte der Hauptsänger, als er die Bühne betrat, ein Palestinensertuch hinter sich her, wie Snoopy seine Schmusedecke. Im weiteren Verlauf des musikalischen Vortrags, schneuzte er sich mehrmals darin. Ich hielt das für bezeichnened. Auch östlich des Indus sind die sechziger Jahre überwunden.
jaja

Palifeudelgedicht.

Das Poster in unserer Jugend - ermahnte uns zur revolutionären Tugend.
Bartgesicht im Palituch - Für die Yankeepigs der böse Fluch.
Der Widerstand hat ein Gesicht - Dagegen biste nur ein kleiner Wicht.
Das Tuch band man sich vors Gesicht - Die Revolution war das noch nicht.
Es schützte vor Gesichtserkennung - Bei der Demo und Flaggenverbrennung.
Auch gegen Tränengas tat es nützen - Die Augen mußt die Uvex schützen.
Wers trug der konnt dazugehören - Wozu? Das tat nicht weiter stören.
Die Jahre gingen ins Land - Das Tuch macht sich stets ggut an der Wand.
Der Kampf endet in Langeweile, Streit und Zank - Das Palituch verschwand im Schrank.
Da scheint es gut zu liegen - Erinnert an, wir werden siegen.
Vergessen scheint der Paliträger - Als Demonstrant und Bombenleger.
Nun hats auch Mr.Palituch zerlegt - Was uns heut nicht sonderlich bewegt.
Verblasst sind die Ikonen unserer Jugend - längst pfeifen wir auf revolutionäre Tugend.

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@Auch Erwachsen

symbol 29.11.2007 - 16:07
Natürlich ist das kein emanzipatorischer Text - aber der Hinweis auf eine Frage, die in dem Text auch gestellt wird ist schon ganz interessant: Wieso wird auf einer Modeseite und von einer Modefirma ausgerechnet auf Al Husseini verwiesen? Wieso wird das ja eigentlich als inhaltsloses Modeaccessoir erkannte (oder erklärte) Palituch ausgerechnet mit diesem verkoppelt?

Der Rest ist natürlich übertriebene Polemik und so als Forderung wohl auch nicht ernstzunehmen (kann mir auch nicht vorstellen, dass der Autor das so beabsichtigt).

Lächerlich

Modescout 29.11.2007 - 16:42
Wie der Name "Kufiya" schon sagt: Das Tuch ist nicht zwangsläufig eine Identifikation mit den Palästinensern. Im Orient wird es überall ohne jegliche symbolische Bedeutung getragen, in Israel ist es ein Modeaccesoire, Kurden tragen es häufig...

@symbol

Kein Kufiya-Träger 29.11.2007 - 16:58
In deinem Sekundär-Text steht: "Keine Frage: Das Palituch ist ein Kleidungsstück mit Geschichte. In den 30ern von Amin el-Husseini eingeführt, stand es für den Widerstand gegen die “kulturelle Moderne” des Westens."

Das stimmt nicht. Das Tuch, das SEIT JEHER eher von Dorfbewohnern bzw. Landbevölkerung, Halbnomaden und Nomaden getragen wurde, sollte nach Amin al-Husseinis Willen, nun auch von allen Stadtbewohnern als neues Zeichen des Widerstandes gegen Kolonialismus sowie gegen die jüdische Besiedlung getragen werden.
 http://de.wikipedia.org/wiki/Kufiya

dieser unsägliche Quatsch, der ständig in den antideutschen Flugblättern steht und implizieren soll, die Kufija wäre vom Antisemiten Amin al-Husseini erfunden worden, grenzt schon ein wenig an Verleumdung mit rassistisch-völkischem Unterton.
Da soll bestimmten Kulturen also das Tragen der Kufija zum Vorwurf gemacht werden, weswegen wir "coolen Kids" in Deutschland so etwas schon mal gar nicht zu tragen hätten.
Wieso nehmt ihr Antd`s euch das Recht heraus, Israel und jüdischer Menschen zu vereinnahmen?
Wie war das gleich mit bösen BOYCOT-Aufrufen (Boycot Kufija!) gegen andere Menschen und Kulturen und einem dahinter versteckten "strukturellen oder gar offenen Antisemitismus"?

@... 21:00

Kein Kufiya Träger 29.11.2007 - 22:29
"Was auch immer das Palituch historisch einmal gewesen sein mag, in unserer Gesellschaft stand es nun einmal für eine Parteinahme gegen Israel."

Gegen Israel stand in UNSERER GESELLSCHAFT das Palituch nie.
Palituchträger wurden in den 70er, 80er Jahren (vielleicht bis vor dem Mode-Tripp) IN UNSERER sich über Überstunden-Lohnarbeit definierenden GESELLSCHAFT eher als "Ökos" oder bequeme Linke angesehen.

Gegen Besatzung und Ungerechtigkeit zu sein, war in den 70er und 80er Jahren für Linke nicht gleichzusetzen mit dem Nazi- bzw. Dummdeutschen-Wunsch eines "ausgelöschten Israel"

In der heutigen Mode-PALITUCH-Ära schon mal gar nicht...

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 21 Kommentare an

. . . is aber praktisch im Winter — pallituchträger

aidasni — NAISDNFASIDN

Immer diese Mode — tsin tsun la

Reflexion? — Ikke

tschüss Marcus — biegel

Keine Freiräume für Rassisten — Roland Ionas Bialke

Dümmer geht immer, — quod erat demonstrandum!

Antideutscher Shit? — AntifascistRuhrpott

ach — mensch

und ach — jaja

Typisch Erwachsene — Auch Erwachsen

Typisches Beispiel — Fritz

... — ...

Palituch — Manwe